weinsztein

Blog von weinsztein

01.12.2011 | 02:30

Ali, Neffe und Friseur


Ali kenne ich, seit er sechs war, da stand er an der Haustür und fragte Perihan, ob er allen sagen dürfe, dass sie seine Tante sei. Gerührt stimmt sie zu, schließlich bedeutet ihr Name Feenkönigin, was vielleicht Ali damals zu seinem mutigen Schritt ermuntert hatte. Ich wurde sein Onkel.

Das ist rund 18 Jahre her und keinesfalls vergessen. Heute ist Ali Herrenfriseur, mit zwei Kollegen betreibt er einen Salon in Akçaalan an der türkischen Ägäis.

Ich bin hier Stammkunde. „Guten Tag, Onkel, wie geht es dir?“ „Danke, Ali, sehr gut. Und dir?“ Im Dorf weiß man, dass seine Tante Deutschländerin ist, der Onkel ein Deutscher. Internationales Flair schafft Vorteile.  Schon als kindlicher Neffe entschied allein er, wer in Tantes und Onkels Garten spielen, die Pflaumen pflücken durfte, wenn oft über Monate niemand im Haus war.

Der Besuch beim türkischen Friseur ist recht speziell. Ali beschnibbelt das  Haupthaar eines anderen, dann bin ich dran, ein leichter Fall, meine Frisur wird maschinell von 4 Millimetern auf null gestutzt, es steht mir so gut. So geht’s los. Auch eine Rasur sei fällig, stellt Ali fest, wie immer. Nach zwei Durchgängen mit Pinsel, Schaum und Messer ist alles schön glatt. Er tätschelt  meine Wangen.

Es geht weiter, ich muss geflämmt werden. Ali umwindet die Spitze einer Art Häkelnadel mit Watte, taucht die in Alkohol, zündet sie an. Er hält das flammende Gerät in der rechten Hand, schlägt die geschickt gegen die linke Hand, zischend fährt das Feuer mir ins Ohr. Ich hasse das, höre, wie Härchen pritzelnd abgesengt werden. Es riecht wie bei einer Weihnachtsgans, aber der Vogel bin ich. Der flambierte Mann.

Auf den oberen Konturen meiner Ohren hat Ali ein wenig Haarflaum entdeckt, der wird mit einem besonders winzigen Elektrorasierer entfernt, nachgezogen mit dem Rasiermesser. Dem Coiffeur fällt ein, dass er die Nasenlöcher vergessen hat, dortige Härchen entfernt er mit einer spitzen Schere, die unangenehm tief rein reicht. Ich soll schnauben, damit er beiden Löchern mit dem Minirasierer den letzten Schliff geben kann. Wenn er meine Ohren flämmt und in meinen Nasenlöchern rumfuhrwerkt, frage ich mich, ob Ali ein Sadist ist.

Es hört nicht auf. Meine Nullmillimeterfrisur und meine Ohren bedürfen sorgfältiger Wäsche, zwei mal mit viel Shampoo. Jetzt soll ich mich zurücklehnen. Beidhändig klopft Ali recht viel Kölnisch Wasser (türkisch: Colonia) in meine Wangen bis es brennt, die Augen tränen. „Onkel ist empfindlich“, informiert Ali die interessierten Zuschauer, es sind mittlerweile fünf. Alle nicken, lächeln gütig, denken ganz sicher: „deutsches Weichei“. In der türkischen Anerkennungskultur spielt das Ei nämlich eine bedeutende Rolle, über einen sehr tapferen Mann sagt man auch: „Toller Typ, drei Kilo Hoden“. Ich werde das nicht vertiefen.

Das Ende versöhnt. Fast waagerecht liege ich im Friseurstuhl, beidhändig massiert Ali mit den bekremten Fingerspitzen von meinem Nasenrücken aufwärts, fährt fest knetend  über die Stirn zu den Schläfen, da tut es weh, aber egal, es entspannt wie die anschließende Nackenmassage. Das ist gut, Ali.

Ich sag es ungern so platt, aber nach dem Besuch beim türkischen Friseur fühle ich mich wie neu geboren, alle Torturen sind verziehen, ich sehe zehn Jahre jünger aus. Man wird süchtig von so was.

 
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Kommentare
Muhabbetci schrieb am 01.12.2011 um 06:03
Haha, so früh am Morgen kam das gut :)

Das Problem bei dieser Art der rasur ist das man wirklich davon süchtig wird :(

Irgendwie fühlt man sich immer wieder hingezogen obwohl man es eigentlich ja hasst.
Aber es hat ja auch was gutes, man fühlt sich danach Pudelwohl :))
weinsztein schrieb am 02.12.2011 um 02:57
Genau so ist es.
goedzak schrieb am 01.12.2011 um 08:23
In meiner Reichweite gibt es zum Glück auch einen türkischen Barbier, dessen Frisierdienstleistungen ich zwar nicht in Anspruch nehme, mich aber regelmäßig barbieren lassen. Andere Einzelheiten der von Dir geschilderten Tortur werden mir ebenfalls angeboten, und ich nehme sie manchmal auch an. Neulich wurde ich von einem neuen Lehrling behandelt, da dachte ich erst auch, ob es nicht zu leichtsinnig wäre, sich in die Reichweite seines Rasiermessers zu begeben. Es ging aber alles gut.

Sehr anschaulich und heiter beschrieben. Jetzt könntest Du als nächstes die Vorgänge in einem Hamman thematisieren. Da muss der Mann ja auch hart im Nehmen sein.
weinsztein schrieb am 02.12.2011 um 00:39
Hamam soll noch was warten, ich bin ganz fixiert auf zwei Implantate (am Dienstag) und einige neue Zähne demnächst. Der irre Dentist gibt sein bestes, macht es sehr gut. Seine Arbeit zu beschreiben wäre hier unerwünschte Werbung.
kmv schrieb am 01.12.2011 um 17:34
Gern gelesen!!!! Danke.
Magda schrieb am 01.12.2011 um 20:27
Ja, von mir auch - eine schöne, schön erzählte Geschichte.
weinsztein schrieb am 02.12.2011 um 00:40
@kmv
@Magda

Danke, Ihr macht mich verlegen.
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