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Die Lektüren die wir im Fach Deutsch behandelt haben gehören sicherlich zu den Sachen die ich nun, nach meinem Abitur, nicht an der Schulzeit vermissen werde. Vor allem die letzten zwei Jahre beraubten mich jeglichem Verständnis über deren Sinn und Zweck.
Der Abiturjahrgang 2011 in Baden-Württemberg befasste sich mit folgenden Werken als Vorbereitung für die Abiturklausur: “Der Besuch der alten Dame” von Friedrich Dürrenmatt, “Michael Kohlhaas” von Heinrich von Kleist und Franz Kafkas “Der Prozess / Der Proceß”.
Diese Lektüren behandeln alle die Gerechtigkeit, jede auf ihre Art.
Das Theaterstück “Der Besuch der alten Dame” handelt von dem verarmten Städtchen Güllen welchem von einer ehemaligen Bürgerin des Ortes ein unmoralisches Angebot gemach wird: eine Millionen Franken für den Tod eines der Bürger. Dieser Bürger, Alfred Ill, hatte der “alten Dame” unrecht angetan, in dem er verleugnet hat der Vater ihres Kindes zu sein, und verstieß sie somit von dem Ort. Nun ist sie reich und will sich die “Gerechtigkeit” kaufen. Obwohl die Bürger Güllens dieses Angebot zunächst empört ablehnen, so wenden sie sich doch langsam gegen Alfred Ill. Am Ende wird er von ihnen umgebracht ohne das die Güllener nachher Reue empfinden. So zeigt dieses Theaterstück wie manipulierbar die Bürger Güllens sind und wie leicht sich das Gerechtigkeitsgefühl von Menschen verändern lässt. Es wirft die Frage auf, wer sich nun im Laufe der Handlung schuldig gemacht hat.
“Michael Kohlhaas” handelt von einem gleichnamigen Rosshändler, dessen Erzählung auf einem historischen Fall beruht. Auch ihm wir Unrecht angetan, und zwar in der Form dass ihm zwei seiner schönsten Pferde als Pfand für einen nichtbezahlten (erfundenen) Passschein abgenommen werden und, als er sie Wochen später abholt, sie auch noch in einem schrecklichen Zustand sind. Zuerst versucht er über den legalen Weg der Anklage sein Recht einzufordern, aber nachdem dies zwei mal an Korruption scheitert und seine Frau in Zuge des Prozesses stirbt beginnt er seinen blutigen Rachefeldzug. Znächst kann keine Instanz, ob militärischer oder religiöser Art, ihn und seine schnell gefundene Gefolgschaft aufhalten. Am Ende bekommt er in seiner ursprünglichen Anklage Recht, wird aber wegen der vielen Straftaten die er seit dem begangen hat zum Tode verurteilt, Kohlhaas freut sich über seinen Erfolg und nimmt den Tod hin. Heinrich von Kleist zeigt uns so wie ein übertriebener Gerechtigkeitssinn und Selbstjustiz zu leicht in Fanatismus und Irrationalität umschweifen kann.
Die oben vorgestellten Lektüren fand ich zunächst an sich recht interessant, obwohl ich zugeben muss, das Kleists ellenlange Sätze mich aufregten und das Lesen für mich recht schwer machten, da meine Konzentration pro Halbsatz immer weiter nachließ. “Der Besuch der alten Dame” war teilweise sogar richtig lustig, und die Idee der Frage ob wirklich jeder Mensch seinen Preis habe war auch nicht so trivial. Jedoch rückte das dritte Buch die beiden vorherigen in ein anderes Licht und ich fand, dass der Eindruck von dem komplexen Begriffs der “Gerechtigkeit” dem Leser aller drei Lektüren hinterblieb problematisch war.
Franz Kafka schildert in seinem Roman “Der Prozess” die unlösbare Lage des Josef K.s. Dieser wird von einer ihm unbekannten juristischen Instanz für einer ihm unbekannten Tat angeklagt. Zunächst lebt er sein Leben weiter und hofft der Fall löse sich von selbst. Dann aber bemerkt er wie sich der Prozess langsam in sein normales Leben einschleicht und versucht aus dem Schlamassel hinauszukommen in dem er jeden um Rat bittet der sich mit den Machenschaften des Gerichts auskennt. Ohne den Aufbau des Gerichtes zu kennen, und ohne die Anklage zu wissen verfängt sich Josef K. immer mehr, bis er schließlich hingerichtet wird. So verdeutlicht Kafka wie ein Individuum in einer undurchsichtigen Welt von höheren Mächten wie ein Spielball herumgewirbelt wird ohne etwas gegen seine Lage unternehmen zu können.
Ich persönlich mochte den Prozess nicht, obwohl ich weiß, dass Kafka ein angesehen Autor ist und von vielen verehrt wird. Ich mochte seine graue, kalte, fiebertraumhafte Welt nicht. Ich mochte es nicht wie er darstellt, es gäbe ausweglose Situationen. Ich persönlich bin der Meinung, so etwas gibt es nicht. Natürlich beurteile ich dies sehr subjektiv, aber welch ein schreckliches Bild der Gerechtigkeit stellen diese Lektüren dar?
In “Der Besuch der alten Dame” wird Gerechtigkeit nicht erlangt ohne große Schuld auf sich, und auf andere zu legen. In “Kohlhaas” kann Gerechtigkeit nicht erlangt werden ohne auf brutalster Weise über jegliche Grenzen zu gehen. In “Der Prozess” ist Gerechtigkeit einfach gar nicht erreichbar. Wenn Gerechtigkeit nicht erlangt werden kann, dann doch nur aus dem Grund, da die menschliche Wahrnehmung und Informationsverarbeitung so unglaublich subjektiv ist. In diesen Rahmen ist, im Großen und Ganzen, Gerechtigkeit jedoch doch zu erreichen. Natürlich gibt es Unrechtsstaaten und Korruption, aber gegen diese muss man ankämpfen. Wie man an dem Arabischen Frühling erkennt ist dies durchaus machbar. Auch der Untergang der ehemaligen Ostblockstaaten ist über eine vorwiegend friedlich Revolution erfolgt. Jedoch ermutigen einem die drei Werke nicht wirklich dazu so zu handeln wie die Ägypter oder die Bürger der ehemaligen DDR. Kohlhaas schlägt vollkommen über’s Ruder, Josef K. wird hingerichtet und keiner von beiden hätte anders handeln können (Kohlhaas hätte gerade noch aufgeben können, hätte seine Vorstellung der Gerechtigkeit aber nicht durchgesetzt). So bleibt mir nach zwei Jahren Deutschunterricht die Frage: Warum genau diese Bücher unter der Überschrift der Gerechtigkeit? Wollen wir unserer Jugend wirklich solch ein Gerechtigkeitsbild übermitteln? Haben wir Deutschen, vor allem mit unserer Geschichte, nicht die Pflicht der Jugend klarzumachen, dass sie etwas bewirken können? Dass Sie bei Ungerechtigkeit handeln müssen?
Jedoch, ab dem Jahrgang 2014 werden diese drei Plichtlektüren abgelöst, und zwar von “Homo Faber” von Max Frisch, Georg Büchners “Dantons Tod” und “Agnes” von Peter Stamm.
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Bei "Kohlhaas" geht es zunächst um die Beziehung zwischen Recht und Gerechtigkeit - was eben nicht deckungsgleich ist. Daneben geht es um Bürgerrecht und Adels(vor)recht. Auch die Art und Weise der Praktizierung eigener Gerichtsbarkeit - oder besser Selbstjustiz - problematisiert H. v. Kleist. Übrigens ist in die wahre Geschichte ja auch Luther involviert; insofern geht es auch um die Wirkung der Reformation.
Gutmeinter Tipp: Erst mal 20 Jahre ins Land gehen lassen - dann wandelt sich der Blickwinkel auf Literatur. |
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Danke, dass du kommentiert hast :)
Ja, das zwischen Recht und Gerechtigkeit ein großer Unterschied ist, ist mir klar (Naturrcht vs. postitven Recht). Damit hatte ich auch gar kein Problem. Meine Aussage bezieht sich eher darauf, was diese Lektüre Menschen in meinem Alter vermittelt. Wie hätte Kohlhaas/wie sollte man in so einer Lage reagieren? Es lässt sich wohl kaum bestreiten das Kohlhaas als ein eher negativer Charakter porträtiert wird, mit seiner Dickköpfigkeit und Brutalität. Also wird somit dem Leser abgeraten auf Ungerechtigkeit zu reagieren, beziehungsweise: alles welches dem legalen Weg überschreitet wird abgelehnt. Wie soll man also gegen einen Unrechtsstaat vorgehen? Meiner Meinung nach, vermittelt uns Kleist die Antwort sei: am besten gar nicht. Wenn du eine andere Meinung hast, würde mich das sehr interessieren. :) Hast du übrigens auch den "Prozess" gelesen? Ich persönlich fand nähmlich die Kombination Prozess <-> Kohlhaas besonders schlecht gewählt. Ich verstehe deinen letzten Satz nicht so besonders... |
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@whitecloudsbluesky um 22.20 Uhr
Ich habe den "Kohlhaas" - obwohl nicht im Lehrplan stehend - auch als Jugendlicher gelesen. Vielleicht lag es an meiner DDR-Sozialisation, dass ich von diesem Buch begeistert war. Ich weiß nicht, ob du in Berlin wohnst - wenn ja, solltest du dir die Kleist-Ausstellung im Ephraim-Palais ansehen; dort gibt es eine gute Darstellung des Gegenwartsbezuges des "Kohlhaas". Den "Prozess" hab ich nicht gelesen; nur darüber gelesen. Was meinen letzten Satz betrifft: Ich beurteile heute (mit 55 Jahren) manche Literatur anders als vor 35 Jahren. Und vermute, dass es dir auch mal so gehen wird :-). |
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Die Frage ist die, ob die Schülerinnen und Schüler diese Pflichtlektüren überhaupt interessieren und in ihr Alltagsbewusstsein einbauen können. Ist doch altes Zeug, das der Lebenssituation der Schüler nicht sehr nahe steht. Liegt wohl daran, dass die altbürgerliche Bildung der gymnasialen Deutschlehrer immer wieder durchschlägt und wegen ihr die Nase doch etwas hoch tragen, statt sich der Gegenwartsliteratur anzunähern, die der Gedankenwelt der Schüler näher steht. Letztlich ist es wohl so, wie ich aus einigen Gesprächen mit Schülern erfahren habe, dass diese sich ans Internet machen und erst mal dort die Zusammenfassungen sich reinziehen und dann noch einige Interpretationsmöglichkeiten abkupfern. Soviel zu Kohlhaas und der alten Dame, die zu Besuch kommt.
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Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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