wienerblut

Alpenpanorma

22.02.2009 | 18:13

Apokalyptische Töne in Österreich

1980 hielt Jacques Derrida einen Vortrag mit dem Titel "Apokalypse. Von einem neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Philosophie". Darin argumentierte er gegen die damals proklamierten Enden der Menschheit. Das Ende der Geschichte war nur eines davon.
Apokalyptische Töne hört man neuerdings von und über Österreich. Im Zusammenhang mit der Finanzkrise drohe die nächste, finale Runde. Und sie werde von Österreich ausgehen, unkt etwa der Publizist Robert Misik. Der Grund: Die Alpenrepublik positionierte sich in der Vergangenheit geostrategisch als Brücke gen Osten, konkret bedeutete dies, dass halb Osteuropa aufgekauft worden war, mit Geld österreichischer Banken. Wenn diese Kredite nun verfaulen, da die osteuropäischen Länder in Richtung Staatsbankrotte rutschen, dann gehen die ökonomischen Lichter aus. Und wieder sei Österreich Schuld gewesen, an einem schmerzlichen Ende, diesmal des Finanzkapitalismus. Apokalypse? - Not now...
Philosophisch gesehen - und im Sinne Derridas - ist beim Begriff des Endes dessen Schußendlichkeit fraglich: "Derrida schlägt vor, den von Kant eingeschlagenen Weg der Entmystifizierung konsequent zu Ende zu gehen", was nach Waldemar Fromm bedeutet, "dem Ende seinen Schrecken durch die Pluralität der Perspektiven darauf zu rauben."
Wir erleben Krisenphänomene, Krisentrittbrettfahrer und publizistische Untermalungen. Die Fakten sind aber keineswegs so eindeutig. So wurde auf der einen Seite die italienische Unicredit, der die Bank Austria gehört, von der libyschen Zentralbank finanziell massiv unter die Arme gegriffen, die riskanten Geschäfte der Tochter Bank Austria könnten sich zu einem "monetären Stalingrad" auswachsen, heißt es.
In der Welt-Online liest man dagegen sogar schon Tipps, wie Kleinanleger von der Krise profitieren könnten, indem sie sogenannte "Knock-Out-Zertifikate" kaufen. "Sie besitzen eine K.O.-Schwelle, bei deren Überschreiten das Papier wertlos verfällt. Je näher der aktuelle Kurs bei dieser Schwelle liegt, desto höher ist die Renditechance, wenn sich der Kurs von der Schwelle wegbewegt."
Auf der anderen Seite sehen neoliberale Kommentatoren momentan Fehler der politischen Steuerung, da Regierungen in Panik nationale Alleingänge versuchten. Diese Fehler sind jedoch korrigierbar. Jedenfalls ist ein Ende keineswegs ausgemacht.
In überraschender Offenheit spricht im Übrigen der österreichische Raiffeisenbank-Chef Christian Konrad im Standard von den geostrategischen Zielsetzungen des Bankenengagements. "Wir wollen nicht, dass nach dem Fall des Eisernen Vorhangs dort die kommunistischen Systeme wieder kehren."
Und so stößt man, nach dem apokalyptischen Ton, wiederum auf ein philosophisches Motiv, die ewige Wiederkehr des Gleichen (Friedrich Nietzsche). Die Versuche, dieses abzuwenden, wird die Geschichte doch offenhalten. Wer weiß also heute schon sicher, was im September 2009 sein wird? 
  
 
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Kommentare
Joachim Losehand schrieb am 22.02.2009 um 18:56
Von wo anders als von Österreich resp. Wien sollte die Apokalypse denn sonst ihren Ausgang nehmen? Warten die Deutschen ("die Lage ist ernst, aber nicht hofflungslos") auf Friedrich Rotbart, harren die Österreicher ("die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst") der Apokalypse. 2008/09 war bzw. ist eine glänzende Ballsaison ...
wienerblut schrieb am 22.02.2009 um 19:14
Ja, ja, eine glänzende Ballsaison, dank eines niemals von der feinen Gesellschaft anerkannten Emporkömmlings namens Richard Lugner. Der Glanz Wiens kommt heutzutage von den Bauingenieuren...
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