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Vorhang auf: Geschichten, die das Leben schreibt
Es gibt Momente im Leben, die vergisst man nicht.
Ich stehe an eine Bushaltestelle in Hamburg Barmbek. Es ist später Nachmittag, klirrend kalt. Ein Mütterchen fragt mich, ob der gerade ankommende Bus zum Krankenhaus fahre.
Ich sagte, ich wisse es nicht. Sei nicht von hier.
"Woher kommen Sie denn?", fragt sie neugierig.
Es ist einer dieser Tage, an dem man keine Lust hat zu antworten und fremden Leuten Geschichten zu erzählen. Ich mache es trotzdem.
Ich gebe die Antwort, die ich immer gebe, wenn ich nicht viel erklären will.
"Berlin? Also ich war ja damals auch in Berlin und...". Es folgt ein Monolog der alten Dame.
Eigentlich höre ich gar nicht zu. Doch auf einmal stockt sie und schaut mich beschämt an.
"Sie...ähm...kommen aber nicht aus dem Osten?"
Ich bin wieder hellwach und frage mich, ob das Gespräch gerade in eine Richtung verläuft, die mir nicht gefällt.
"Doch!", sage ich bestimmt. Ich habe mich schließlich noch nie dafür geschämt.
"Das sieht man ihnen ja gar nicht an!", sagt sie beinahe vorwurfsvoll.
Ich merke wie es in mir beginnt zu schäumen. Ich bin kein Mensch, der schnell in Rage gerät, aber eine gewisse Aggressivität kann ich mir bei meiner Antwort nicht verkneifen.
"Wie sieht denn jemand aus, der aus dem Osten kommt?", frage ich also.
Einen klitzekleinen Moment scheint die Welt stillzustehen. Spannung liegt in der Luft.
"Na sie sehen ja gar nicht verhungert aus!", antwortet sie mir.
Ich bin sprachlos, nicht sicher, ob ich mich nicht vielleicht doch verhört habe. Ich schaue sie kampfeslustig an. Zwei Köpfe kleiner, kaum Zähne, schneeweiß. Ihr Bus fährt ein und ich bin dankbar, dass mir eine Antwort erspart blieb. Falls ich überhaupt eine gefunden hätte.
Später werde ich mir noch einige Stunden den Kopf darüber zerbrechen, warum ich mich so angegriffen gefühlt habe und in was für einem Land ich eigentlich lebe.
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Don't worry. Die Nachwirkungen jahrzehnterlanger Gehirnwäsche/Propaganda können im Stadium
fortschreitender Demenz zu solchen bizarren Äußerungen führen. |
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Ja, so habe ich mir das auch erklärt. Manchmal ist es eben auch gut, wenn Zeitzeugen aussterben.
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Es war das erste und letzte Mal, versprochen!
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so ein biestiges mütterchen, von wegen harmlos die alten, denken sie sich nichts, vielleicht kommt sie nicht oft dazu zu quatschen und ist aus der übung, oder der erste kommentar stimmt: eine mischung aus demenz, hirnwäsche und boshaftigkeit. wenns ihnen hilft, vielleicht fuhr der bus in die falsche richtung...
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Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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