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Die katholische Kirche tobt: Als erstes lateinamerikanisches Land erlässt Argentinien vor drei Wochen das Gesetz, welches die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare legalisiert. Zeitgleich eröffnete in Palermo Soho, einem angesagten Viertel in Buenos Aires, der erste schwule Buchladen Südamerikas. Bei einem Besuch in „Otras Letras“ spricht Inhaber Aldo Fernández über seine Bücher, den Einfluss der Kirche auf politische Entscheidungen und einen folgenlosen Telefonanruf.
Welche Idee steckt hinter der Eröffnung von „Otras Letras“?
Aldo: Mein Lebensgefährte und ich verkaufen bereits seit 2007 über das Internet Bücher in ganz Lateinamerika. Schon nach kurzer Zeit haben wir festgestellt, dass die Nachfrage sehr gut ist, es aber an einem Raum fehlt, wo man die Bücher sehen, sie anfassen kann. Deshalb haben wir das Geschäft eröffnet. Wir glauben, dass wir nicht einfach nur Bücher verkaufen, sondern auch Platz schaffen sollten, um sich am politischen Geschehen zu beteiligen, die Werte der Gesellschaft mit zu bestimmen. Schließlich sind wir eine Demokratie.
Eine andere Kommunikation ist möglich...
Aldo: Ja, das ist unser Slogan. Dieser Ausdruck soll die Gegenposition verdeutlichen, die wir zu den großen kommerziellen Buchhandlungen einnehmen. Dort gibt es keine Kommunikation außerhalb des Buchkaufes. Wir finden das neoliberale Paradigma der 90er Jahre, bei dem sich alles nur um die Ökonomie dreht, ist vorbei. Jetzt sehen wir, dass es nicht so ist!
Wer kommt in deinen Buchladen?
Aldo: Das hier ist kein verschlossener Ort. Wir richten uns an alle, die mit dem Thema „Diversität“ etwas anzufangen wissen. Es kommen viele Schwule, Lesben, Bisexuelle und transsexuelle Personen hier her. Aber auch Freunde von ihnen oder Studenten, die sich für das Thema interessieren. Wir haben auch Bücher, die Themen außerhalb der Sexualität behandeln. Aber alle Bücher hier haben etwas mit unserer Minderheit zu tun und sind sonst schwer zu finden.
Wie erklärst du dir das, wenn doch eine große Nachfrage nach diesen Büchern besteht?
Aldo: Die Homosexuellen, Transvestiten und Bisexuellen machen nur einen kleinen Teil der Gesellschaft aus. Da ist es in den Augen der Verlage Geld und Zeit nicht wert, sich mit solchen Büchern zu beschäftigen. So verstauben die Bücher unten in den Regalen und keiner findet sie. Es kommt nicht vor, dass einer an unserem Schaufenster vorbei geht und sich denkt „Ach wie toll, dieses Buch will ich kaufen“. Nach unseren Büchern wird aktiv gesucht.
Wie geht man in Buenos Aires mit dem Thema Homosexualität um?
Aldo: Gut! Buenos Aires ist sehr kosmopolitisch, eine der größten Städte der Welt. Sie ist schon immer charakterisiert worden als Stadt des künstlerischen Ursprungs, als sehr offen und kulturell. Das unterscheidet sie von allen anderen lateinamerikanischen Hauptstädten.
Wenn man sich in Buenos Aires umsieht, bekommt man den Eindruck, dass das Geschäft mit Homosexuellen regelrecht boomt...
Aldo: Ich finde es nicht so gut, dass Angebote für Schwule so oft nur aus wirtschaftlichen Gründen entstehen. Aber jeder soll das machen, was er für richtig hält. Mir gefällt es nur nicht zu sagen „Buenos Aires wird zu einem Mekka für Schwule“, weil es jetzt mehr Angebote für sie gibt. Ich glaube diese Entwicklung gilt nicht nur für Argentinien, sondern für die ganze Welt.
Führen diese speziellen Angebote nicht auch zu einer zunehmenden gesellschaftlichen Abgrenzung?
Aldo: Für die fehlende Integration sind nicht die „Schwulenlokalitäten“ verantwortlich, sondern Politiker und Gesetze. Diese entscheiden darüber, ob wir ausgegrenzt werden oder nicht. Und diejenigen, die sich politisch für eine Gleichberechtigung engagieren, meiden sowieso eher solche spezifischen Orte.
Warum?
Aldo: Sie wollen keine Klischees bedienen. Durch die Medienmacher wird dieses verzehrte Bild generiert. Es entsteht der Eindruck, dass wir Schwulen ohne Ende Geld hätten, große Autos fahren würden und uns nur in Schönheitssalons aufhalten. In Wahrheit gibt es viele, die sich nicht mit diesen Werten identifizieren. Nicht jeder Schwule geht in den Fitnessclub und besitzt eine Kreditkarte.
Wie bewertest du den politischen Wandel, der sich in der letzten Zeit in Argentinien abspielt?
Aldo: Ich habe das Gefühl, dass Argentinien im Moment einen sehr wichtigen Punkt in seiner Geschichte erfährt. Heute diskutiert man ganz selbstverständlich über Politik. Das war zwischen 1966 und 2003 nicht der Fall!
Vor drei Wochen wurde die gleichgeschlechtliche Ehe gesetzlich zulässig. Was denkst du darüber?
Aldo: Am Anfang der Diskussion war ich dagegen, weil es mir lediglich wie eine sehr bürgerliche, konservative Idee vorkam. Alle meine heterosexuellen Freunde lassen sich scheiden und alle meine homosexuellen Freunde wollen heiraten. Die, die das Gesetz benutzen dürfen, nutzen es nicht, die es nicht benutzen dürfen, wollen es! Irgendwie komisch, oder?
Und jetzt hast du deine Meinung geändert?
Aldo: Ja, wenn einige Schwule heiraten möchten, so muss man das anerkennen. Der Staat hat sich dann dafür einzusetzen, dass wirklich jeder von jedem Gesetz profitieren kann. Ich werde nicht heiraten, weil mich das nicht interessiert. Dass dieses Gesetz jetzt aber erlassen wurde, ist ein Meilenstein.
Warum?
Aldo: Die Kirche hat das erste Mal einen Kampf verloren! Die katholische Kirche, die immer mit einem Telefonanruf alles zu ihren Gunsten wenden konnte, hat in diesem kulturellen Krieg verloren. Sonst hat die Kirche einmal den Politiker angerufen und dieser hat seine Meinung sofort geändert – nach dem Willen der Kirche. Dieses Mal blieb der Anruf unbeantwortet. Ein großer Schlag in das Gesicht der Kirche und der Konservativen, der Rechten. Ein großer Schlag. Und sie ist getroffen, sehr stark sogar. Wir hoffen, dass Präsident Nestor Kirchner in 2011 wieder die Wahl gewinnt (lacht).
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Liebe Mareike Müller,
willkommen bei freitag.de. Und Danke für dieses interessante Interview. Viele Grüße, JK |
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Wenn sich da nicht was anbahnt, auch in Richtung "Gaumenfreuden": "Die Zunge schmecke sehr zart und gebe eine schöne Suppe. Als ich ihr sage, dass es auch in Deutschland so etwas wie Zungenwurst gebe, ist sie überrascht. Und dann beginnt Paula mir von Kuhmägen und den besonders schmackhaften Ravioli zu erzählen..."
Das Interview habe ich ebenfalls sehr gerne gelesen :) e2m |
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"Wir hoffen, dass Präsident Nestor Kirchner in 2011 wieder die Wahl gewinnt"
Das scheint mir ein Essential zu sein, denn -ähnlich wie hier beim AKW-Ausstieg - braucht es politische Kontinuität, damit der mutige Schritt nicht wieder rückgängig gemacht werden kann. |
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Tolles Interview. Auch von mir ein herzliches Willkommen. Und dann mach ich doch gleich mal Werbung für mich;)))
www.freitag.de/community/blogs/kallewirsch/historischer-sieg--argentinien-oeffnet-die-ehe-fuer-homosexuelle |
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Ich muss gleich auf Spätschicht, aber von mit auch ein ganz grosses Lob.
"Tolles Interview". Also müssen doch alle unbeantworteten Anrufe nicht schlecht sein! ;) |
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Sehr interessantes Interview, Danke! Auch diese Antwort auf die Möglichkeit der Homoehe. Man will immer das, was man nicht hat! Ich poste den Link gleichmal auf unserer Facebookgruppe Los Superdemokraticos. Morgen geht auf unserem Blog übrigens das Thema Körper/Geschlecht/Intimität zu Ende... Aber die Körper bleiben ;).
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Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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