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Viele große Schauspieler haben ihre Weltkarriere gestartet, weil ein Regisseur auf sie aufmerksam wurde, als sie eine winzige Rolle hatten. Offensichtlich besitze auch ich hervorragende Chancen, ein Star zu werden. Denn ich habe eine Statistenrolle in der „Lindenstraße”.
Zusammen mit anderen Passanten muss ich beobachten, wie ein Verletzter aus dem Restaurant “Akropolis” abtransportiert wird. Kaum habe ich mich auf meine Position am linken Bildrand gestellt, stellt Regisseur Herwig Fischer auch schon das Megaphon an und raunzt zu mir herüber: “Der Mann in der schwarzen Lederjacke versperrt der Kamera links die Sicht.” Teufel auch, das bin ja ich! Schnell rüber auf die andere Seite. “Jetzt versperrt der Mann mit der schwarzen Lederjacke der Kamera rechts die Sicht.” Herrgott, diesem Mann kann man aber auch gar nichts Recht machen. Gut, rücke ich halt ganz nah an die anderen drei Statisten heran. Und schon geht auch die erste Aufnahme los. Neugierig beobachten wir vier, wie ein Mann auf einer Trage in einen Krankenwagen geschoben wird. Zu schade, dass kein Mikrofon in der Nähe ist, um unsere nahezu genialen Dialoge aufzuzeichnen:
“Das sieht nicht gut aus!”
“Das sieht gar nicht gut aus!”
“Das sieht aber überhaupt nicht gut aus!”
“O weh!”
“O weh, O weh!”
“O weh, O weh, O je!”
Tja, das sind Sätze, die wir uns ganz allein ausgedacht haben – einmalig!
Gleich nachdem die erste Einstellung vorbei ist, will ich wissen, wie ich war. „Mir hättest du ruhig ein wenig dramatischer agieren können”, ätzt „Lindenstraße“-Pressesprecher Oliver Lange, der übrigens in jüngster Zeit ein kleines Bäuchlein bekommen hat. „Ich finde auch, du könntest ruhig mehr mit den Händen machen”, schwadroniert der Mann, der übrigens vor einigen Jahren noch wesentlich volleres Haupthaar hatte, weiter. „Was für ein Quatschkopf”, denke ich mir und beschließe, ihn am Abend nachhaltig zu strafen, indem ich ihm an der Bar das ganze Bier wegtrinke.
Immerhin habe ich noch einige Gelegenheiten, ein paar schauspielerische Varianten auszuprobieren. Denn TV-Arbeit besteht zum größten Teil aus Wiederholungen. Da hatte ein Schauspieler einen Hänger, dort war ein Schatten im Bild, hier will der Regisseur noch eine andere Einstellung ausprobieren.
Das ist ja vernünftig und gut, aber man sollte auch bitte nicht das Wetter außer acht lassen. Denn am Drehtag herrschen garstige Minusgrade. Und wenn man relativ starr auf der Stelle steht, wird es einem erstaunlich schnell erstaunlich kalt. “Boah, habe ich eisige Füße”, jammere ich Marie-Luise Marjan, die gerade in meiner Nähe steht. “Noch schlimmer ist es, wenn wir im Februar in dünnen Klamotten Sommerszenen vorproduzieren und immer Eiswürfel in den Mund nehmen müssen, damit man unseren Atem nicht sieht”, bibbert sie zurück.
Zum Glück spielt meine Szene im Winter und so bleibt mir das Eiswürfelkauen zumindest erspart. Nachdem der Regisseur noch drei weitere Wiederholungen drehen ließ, kommt ihm die gute Idee für einen Kamera-Umbau. Das ist prima, das ist Klasse, denn nun gibt es für uns alle eine kurze Pause, die wir zum Aufwärmen im Café Bayer nutzen können. Für mich wurde es auch höchste Zeit, denn seit ein paar Minuten hatte ich kein Gefühl mehr in den Füßen.
Das Glück kommt manchmal aus den interessantesten Ecken, denn als „Lindenstraße“-Sprecher Oliver Lange mich damit langweilen will, indem er mir irgend etwas an seinem Handy zeigt, ruft Marie-Luise Marjan zu mir herüber: “Norbert, lass das doch mal mit dem Mann und komm zu mir. Ich habe furchtbar kalte Hände.” Befohlen, getan. Sofort eile ich zu ihr und lege ihre Hände in meine. Herrgott, die sind ja mindestens so eisig wie meine Füße – und zum Glück nicht halb so hässlich! Ach, was! Sogar sehr schön, so zart so zierlich, so weich, aber eben auch so furchtbar kalt. Die ganze Pause halte ich sie deshalb heldenhaft fest. Als es mit dem Dreh weitergeht bin ich davon jedenfalls so befeuert, dass ich die restlichen Aufnahmen noch gut durchstehe. Nahaufnahmen, Kamerafahrten, extra Tonaufnahmen. Die Gedanken an die schönen Hände wärmen zwar nicht die Füße aber immerhin das Herz.
Ich bin so gut drauf, dass ich nach Drehschluss Regisseur Herwig Fischer frage, wie ich war. “Sen-sa-tionell”, sagt er. Bestimmt die Wahrheit, denke ich, als er meine Visitenkarte mit meiner Handynummer mitnimmt und ganz schnell weggeht. Wetten, dass ich von ihm bald telefonisch ein Rollenangebot für die “Lindenstraße” bekomme? Ich werde es annehmen.
Aber nur, wenn mir vertraglich zugesichert wird, dass ich auch dann immer die Hände von Marie-Luise Marjan halten darf.
(Foto auf der Startseite: WDR; Anm. der Red.)
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Genauso hab ich mir das immer vorgestellt.
Danke schön! |
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Hach, was für ein spannendes Leben. Wir sehen die Serie ganz gern, haben sie aber in "Lindenstrafe" umgetauft.
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Unterhaltsamer Beitrag, Herr Bogdon.
Die Dame mit den kalten Fingern durfte ich mal kurz bei einer Audienz im fürstlichen Bückeburg bewundern, als der "Schaumi" geheiratet hat. :) Bei ihr schmelzen Spiegeleier in Händen, egal, wie kalt es ist. ;) |
Ausgabe 20/2012
16.05.2012
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