„Verflucht“, bibbere ich zitternd „Verflucht, verflucht! Teuflischer Alkohol!“ Denn ohne den würde ich jetzt wohl kaum bis zu den Knien in fast gefrorenem, gerade einmal 18 Grad kaltem Wasser stehen! Jüngst saßen meiner bezaubernden Beinah-Verlobten und mir unsere Freunde Karen und Jens das Wohnzimmer voll, um mir meinen besten Gin wegzutrinken. Natürlich tat ich da kräftig mit, schließlich hatte ich die Flasche finanziert. Leider macht Alkohol nicht nur den Magen warm, die Zunge schwer und die Leber groß, er verführt auch dazu, sich hier und da ein wenig weit aus dem Fenster zu lehnen. Denn Karen hatte gerade erzählt, dass sie beim Aufräumen ihre alte Seepferdchen-Urkunde gefunden habe. Plötzlich schwärmten alle in der angeschwipsten Runde davon, wie supersüß doch das dazugehörige Seepferdchen-Abzeichen gewesen sei, dass man sich auf die Badehose nähen konnte. Nur ich konnte nicht munter mitlallen, weil ich aus mir heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen dieses so schöne Frühschwimmerzeugnis in jungen Jahren nie abgelegt hatte. Befeuert vom Gin und einem gar nicht so zufälligen Blick auf Karens wirklich prachtvoll geformte Waden (so rund, so knuffig, so stramm, so verführerisch; einfach zum anbeißen, ah! Wer Waden wertschätzt, kommt an Karens so ganz und gar nicht vorbei) versuchte ich mich pathetisch und fast erfolgreich aus meinem Sessel zu erheben. Ganz perfekt klappte das nicht (teuflischer Alkohol!), aber für eine kleine Ankündigung in halbwegs würdiger Sitzposition reichte es gerade noch: „Das will ich auch, das hol ich nach. Ich mache mein Seepferdchen!“
„Das traust Du dich doch sowieso nicht, in deinem Alter zwischen vier- und fünfjährigen rumzuplantschen“, krähte Karen auf, nahm schon wieder einen überaus tüchtigen Schluck von dem Gin und schlug ihre Beine so geschickt übereinander, dass ich gar nicht anders konnte, als auf ihre Waden zu gieren. Die sind aber auch so rund, so knuffig, so – nun gut, das hatten wir schon. Aber es sind wirklich Topdeluxe-Waden, ehrlich wahr. Ich hatte einmal an einem lauen Sommernachmittag in Berlin nach einigen Gläsern Wein die Gelegenheit, sie abtasten zu dürfen. Ein sehr schönes Erlebnis! Mehr möchte ich allerdings an dieser Stelle über die Begebenheit gar nicht berichten, weil zu der Zeit die bezaubernde Beinah-Verlobte und Jens in ihren Büros in Hamburg schwitzten und ich auch gar nicht ganz sicher bin, ob sie über diesen hübschen, natürlich ganz harmlosen, Zwischenfall überhaupt Bescheid wissen.
Jedenfalls wischte ich mit großer Geste Karens Einwand weg. „Beim Übergewicht unserer dickleibigen Katze, ich mache mein Seepferdchen. Kann kommen, was wolle!“ erklärte ich großspurig und beeilte mich dann, auch noch etwas vom restlichen Gin zu bekommen.
Nun ist der Gin getrunken, sind die Katzen reichlich gefüttert worden und ich stehe bis zu den Knien im Becken des Hamburger Kaifu-Bades und schaue etwas gedankenversunken ins Leere. Gern erwähne ich ein zweites Mal, wie wahnsinnig kalt doch das Wasser ist. Ich war mal im Urlaub in der Türkei, da war das Wasser im Pool 29 Grad warm, das gefiel mir gut, da fror ich nicht und All Inclusive war auch alles, sogar die Alkoholika. „Schöne warme Türkei, da müsste man jetzt sein, um dieses vermaledeite 'Seepferdchen' zu machen. Und nach der bestandenen Sportprüfung – naja, eben alles All Inclusive, vor allem die Alkoholika“, denke ich, während es neben mir räuspert. Neben mir ist der Beckenrand und da steht Herr Breschke. Herr Breschke hat einen sanftmütigen, geduldigen Blick, Herr Brescke ist Bademeister und betreut mich bei meinem Seepferdchen-Abenteuer und ich glaube, Herr Brescke hat das Gefühl, sich lange genug die Beine in den Bauch gestanden zu haben und sähe es ganz gern, wenn ich jetzt mal endlich wenigstens ganz ins Wasser eintauchen würde. „Junge“, denke ich, „Junge, nimm dich zusammen. Du hast bei den Bundesjugendspielen 1979 tolle 1447 Punkte geholt. Du bist ein Siegertyp, hopp, hopp“, und tauche ganz ins Wasser ein. „Gott ist das erbärmlich kalt, ich glaube, mich trifft der Schlag, ich breche das ganze ab, ist doch eh nur eine Schnapsidee, Karen ist sowieso doof, die kann mich mal mit ihren Waden, ich will ins Bett mit mindestens zwei Wärmflaschen“, denke ich und ächze gleichzeitig ein „ich bin drin“, zu Herrn Breschke. „Na, ist doch prima“, antwortet Herr Brescke und seufzt ein bisschen, was irgendwie nach „Oh, Mann, oh mann, was mache ich hier“ klingt und lässt einen Gummiring ins brusthohe Wasser plumpsen, nach dem ich tauchen soll. „Kein Problem“, rufe ich und lege gleich los und habe auch sofort den Ring in der Hand, aber dann ist da doch ein Problem, denn ich habe vergessen, meine Brille abzusetzen, und die rutscht mir jetzt beim Tauchen vom Kopf und ist weg.“Das ist doch doof, da hätte Herr Breschke mich vorher aber ruhig mal ein bisschen warnen können, er ist doch der Erfahrenere von uns beiden, der hat das doch schon tausendmal gemacht“, denke ich, während ich ihn bitte, mir die Stelle zu zeigen, wo meine Brille liegt, denn ich sehe ja nichts. Das tut er auch und wieder seufzt er ein bisschen und diesmal hört es sich wie „vorgezogener Ruhestand“ an. Aber ich weiß gar nicht, was er will, schließlich tauche ich ja noch mal und absolviere diese Prüfung doppelt, das macht auch nicht jeder, das ist doch was.
Allerdings bin ich nach diesem zweiten Tauchgang ein wenig erschöpft und gern würde ich mir einen kleinen Zwischenstopp im Schwimmbadkiosk gönnen, um dort das verlockende Bratwurstangebot zu probieren. Aber Herr Breschke ist ein unerbittlicher Schleifer, ein Motivationsass, er weiß, wie er aus Athleten wie mir das letzte herausholt: „In 15 Minuten muss ich die Seniorenaquagymnastik leiten, bis dahin sollten wir fertig sein.“
Das lasse ich mir nicht zweimal sagen! Schon pflüge ich durch die Fluten, um die 25 Meter Schwimmprüfung zu absolvieren. Ich gebe alles und fühle mich so lange wie Michael Phelps, bis eine greise Rentnerin ganz schnell an mir vorbeizieht. „Die ist doch nur so flink, weil sie bestimmt viermal die Woche zur Seniorenaquagymnastik geht. Und außerdem ist ihre rote Plastikbadekappe total hässlich!“, lasse ich mich nicht aus dem Konzept bringen und bewältige die Strecke in hervorragenden 34 Sekunden. Phelps legte die 100 Meter Freistil in Peking in 47,51 Sekunden zurück, war also umgerechnet auf die 25 Meter nur etwa 22 Sekunden schneller als ich. Das ist doch kaum mehr als ein Wimpernschlag, und der geht bestimmt sogar fünfmal in der Woche zur Seniorenaquagymnastik! Ich bin schon ein Teufelskerl!
Jetzt hüpfe ich nur noch einmal vom Beckenrand und habe das Seepferdchenabenteuer bewältigt.
„Wie war ich denn“, frage ich Herrn Breschke, als ich sofort aus dem immer noch eiseskalten Wasser klettere. „Es gab schon Schlechtere“, sagt er und seufzt ein bisschen, was sich irgendwie nach „mit was für Deppen muss ich mich eigentlich hier manchmal herumschlagen“ anhört. Und dann muss er auch ganz schnell weg, „Urkunde und Abzeichen bekommen Sie am Ausgang“, ruft er noch. Die Rentner warten sicher schon auf seinen Einsatz und dulden keinen Aufschub, dafür habe ich Verständnis, da muss er hin, da kann er mit mir nicht mehr plauschen.
Meinen Triumpf feiere ich am Abend mit der Beinah-Verlobten, Karen und Jens. Das Seepferdchenabzeichen habe ich auf mein zweireihiges Jackett genäht. Sehr gediegen sehe ich damit aus, ein bisschen wie das Mitglied eines noblen Ruderclubs oder so. Zur Feier des Tages gibt es Sambuca, der schmeckt mir genau so gut wie Gin Aber Karen mag ihn nicht, hähä, da bleibt mehr für mich! Mit glitzernden Augen sieht sie mir zu, wie ich den Inhalt eines Schnapsglases in mich hinein leere. Aufreizend schlägt sie die Beine übereinander. „Das hast du toll gemacht, ich hätte nicht gedacht, dass du das durchziehst. Aber Base-Jumping traust Du dich bestimmt nicht“, gurrt sie.
„Und wie ich mich das traue! Beim Übergewicht unsere dickleibigen Katzen, das mache ich. Kann kommen, was will“, quillt es aus mir heraus, ehe ich überhaupt begreife, was ich da sage. Teuflischer Alkohol, teuflische Waden!
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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