Daniel Windheuser

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04.07.2011 | 19:48

Dekonstruktion Barcelon'

Schon wieder eine Stadt im Titel, wie mir gerade auffällt. Vicky und Cristina aus Amerika fliegen nämlich nach Barcelona, und aus diesen drei Entitäten besteht auch der Titel von Woody Allens Film, den das ZDF heute Abend um 22:15 Uhr in seiner Reihe "Sommernachtsphantasien" zeigt. Sommernachtsphantasien! Hüstel. Na ja, immerhin wird beim ZDF "Phantasie" noch mit "ph" geschrieben, das ist einnehmend, auch wenn diese seltsame Schwurbelklammer, ebenso wie die Einordnung "Erotikkomödie", hier nicht wirklich passend scheint. Viemehr haben wir es mit einer gleichzeitigen Dekonstruktion von Klischees und raffinierten Verbeugung vor der Unberechenbarkeit der Liebe, der körperlichen Anziehung und all den Schattierungen dazwischen zu tun. Klischees nicht nur über die Liebe, sondern auch über die Kunst, über Amerikanerinnen und Amerikaner, und sogar über das Klischeedenken selbst.

Doch um etwas zu dekonstruieren, muss es zunächst abgebildet oder gar erschaffen werden. Hier ist es die anfangs klassisch erscheinende Konstellation von zwei jungen Dingern aus den USA, die für zwei Monate die Möglichkeit bekommen, im feurigen Barcelona (Laue Sommerabende! Gitarrenmusik!) in der Stadtvilla entfernter Freunde der Familie des einen jungen Dinges zu residieren. Das selbige junge Ding, Vicky nämlich, dargestellt von Rebecca Hall, schreibt gerade an ihrer Magisterarbeit über die "katalanische Identität", wie die süffisante Erzählstimme aus dem Off schildert, ist jedoch hauptsächlich damit beschäftigt, sich mental auf die bevorstehende Hochzeit mit ihrem langjährigen, bodenständigen Freund vorzubereiten. Haus in den Hamptons, Polohemden und Verabredungen zum Golfspielen und mit Innenarchitekten zeichnen sich bereits am Horizont und auch personifiziert im Gastgeberehepaar ab. Ob diese Aussichten nun positiv oder negativ zu bewerten sind, bleibt eine Frage des Blickwinkels, auch und besonders des von Vicky selbst, wie sich zeigen wird.

Cristina (Scarlett Johansson) hingegen betrachtet sich selbst als Freigeist, ist kunstbegeistert und immer auf der Suche nach dem Besonderen, gerade auch in der Liebe. Wie genau dies aussehen soll, weiß sie zwar nicht, sie weiß jedoch, was und wie es nicht sein soll. Da kommt der gar aufregende, weil eben zunächst auch sehr klischeehaft dargestellte einheimische Maler (Javier Bardem) nur recht, der den beiden auf einer Vernissage über den Weg läuft und über den das Gastgeberehepaar nicht viel sagen kann, außer, dass er gerade eine schlimme Scheidung hinter sich hat, bei dem die Beteiligten sich gegenseitig umbringen wollten. Genaues weiß man aber nicht, da man "nicht so viel mit diesen Bohemiens zu tun" hat. Die weiteren Ver- und Entwicklungen müssen nun gar nicht allzu genau beschrieben werden, auch, weil man ihnen sonst ein wenig den Zauber raubt. Nur soviel: Es kommt eben immer anders, und zwar dieses Mal wirklich ganz anders, als man denkt.

Immer mehr zeigt sich nämlich, nachdem zunächst diverse Konstellationen der Liebe und des Begehrens durch- und ausagiert wurden, dass alles ja doch immer ein wenig komplexer und unberechenbarer in seiner Dynamik ist, als es zunächst scheinen mag. Und so verwandelt sich etwas, von dem man zunächst meinte, dass man ja ohnehin schon wieder alles darüber weiß und kennt, zu einer Meditation über die Frage, was es denn nun auf sich hat, mit der Schönheit und der Liebe und dem Reiz. Ohne wirklich eindeutige Antworten geben zu wollen und zu können. Gleiches gilt auch für den Komplex des Kunst-Wollens und des Künstler-Seins. In der Performanz, also dem Ausagieren der Geschehnisse, bröckeln Stück für Stück die festen Annahmen des Betrachters, zunächst eben die über gewisse Klischees, und später dann jene über ganz fundamentale Sichtweisen auf die Dinge in der Welt und wie sie sind und sein sollen, was natürlich bei jedem anders gelagert ist.

Und so wird ein jeder mehr oder weniger irgendwann dabei erwischt, dass ihn eine weitere Wendung des amourösen Reigens doch grundlegend überrascht und vielleicht auch einige der besagten Annahmen überdenken lässt. Dabei oszilliert der Film wunderbar leicht und angenehm um all diese Dinge, die nie wirklich und letztgültig fassbar sind. Man kommt von der Oberfläche, und wenn man sich mitnehmen lässt, führt einen Woody Allen - der in diesem Fall die Neurosenfrequenz angenehmerweise recht niedrig hält, oder sie zumindest sehr leicht wirken lässt, fast schwebend - hin bis zu den tiefsten Verästelungen. Interessant dabei ist auch, dass Cristinas Ruhelosigkeit, die sie zunächst ganz wurzel- und ziellos erscheinen, und später dann, wie eine Art Katalysator, plötzlich ein Gleichgewicht zwischen Maler und verrückter Ex-Frau (Penélope Cruz) erzeugen lässt - eine seltsame Balance, die ganz anders ist als das eigentlich von Cristina Gewünschte und Erträumte, aber trotzdem für das Ehepaar heilsam und für sie selbst talentfördernd - dass also eben diese Ruhelosigkeit am Ende die von ihr erzeugte Balance gleichsam wieder zerstört. Alles wohl eine Frage der Konstellationen. Was man daraus lernen kann? Ich weiß es nicht. Aber es ist ein sehr schöner Film. Gerade auch bei diesem Wetter da draußen.

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ZDF
Mo, 04.07.11 | 22:15 Uhr
Vicky Cristina Barcelona
Spielfilm USA/Spanien 2008

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Liebe Community, das „Fernsehen aus der Zukunft“ möchte künftig wöchentlich vorab einen Film schauen, der im regulären Fernsehprogramm läuft und diesen quasi empfehlend rezensieren. Wer daraufhin Lust bekommt, ihn auch zu sehen und vielleicht hier in den Kommentaren seine eigene Meinung beizusteuern, ist sehr herzlich dazu eingeladen!

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 04.07.2011 um 19:53
Ich habe mich schon gefragt, welcher Film als nächstes kommt. Letzte Woche lief ja "Gran Torino" von und mit Eastwood, da dachte ich schon das wird der Tipp.

Rebecca Hall wird allerdings im Text nicht erwähnt, die hat das aber durchaus verdient.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 04.07.2011 um 19:54
P.S. Das letzte mal, dass ich Bardem sah war als Psychopath und Killer in "No Country for old Men", ich freue mich dieses letzte Bild durch das des Lovers einzutauschen.
Daniel Windheuser schrieb am 04.07.2011 um 20:01
Mist! "Gran Torino", welchen ich hiermit wiederum vorbehaltlos empfehlen möchte, ist mir irgendwie entgangen, also dessen Fernsehausstrahlung. Da sage ich an dieser Stelle doch direkt mal, dass ich auch sehr gerne Empfehlungen (zum Empfehlen) entgegen nehme. ;-)

Und Rebecca Hall wird zwar im Text erwähnt, aber nicht besonders ausführlich und vor allem nicht lobend, was ich hiermit nachholen möchte, denn sie hat es durchaus verdient.

Und Bardem mit dem Bolzenschussgerät in der Wüste? Groß, ganz groß. Wohl wahr.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 04.07.2011 um 20:06
Nee, nee, ich muss sorry sagen, ich hab nach den Echtnamen in Klammern gesucht und den Namen überlesen.

Und ja, Bardem, wie er auf dem Boden liegt und mal eben einen umbringt, gruslig!
Sarah Rudolph schrieb am 04.07.2011 um 20:47
Oh, Bardem in No Country For Old Men ist ja mein absolutes Lieblingsfilmkiller. So großartig!

Überhaupt ist er sehr wandlungsfähig, der Lover, der Killer, beides in einer wirklich schönen Intensität.
poor on ruhr schrieb am 04.07.2011 um 20:54
@leeelah

;)
Phineas Freek schrieb am 04.07.2011 um 23:46
Auch die Verantwortlichen der deutschen Synchronfassung hätten sich hier eine ENDGÜLTIGE Sonderbehandlung mit dem Bolzenschussgerät (mal wieder) redlich verdient!

Wäre der unerbittliche Vernichtungswille dieser Kannibalen wirklich nur so zu beenden?
Daniel Windheuser schrieb am 05.07.2011 um 07:24
Ich erachte das Prinzip Synchronisation per se für ziemlich bescheuert, da es dem Film eigentlich immer etwas nimmt. Besser wird er dadurch jedenfalls nie. Aber der Zug ist in Deutschland wohl irgendwie abgefahren.

In skandinavischen Ländern beispielsweise werden ausländische Produktionen grundsätzlich untertitelt, sowohl im Kino wie im Fernsehen. Unter anderem hat das auch den netten Effekt, dass dort im Durchschnitt ein viel besseres Englisch gesprochen wird als hier. Siehe zum Thema auch: against-dubbing.com/

Ob die in unserem Fall Verantwortlichen allerdings einen solchen Tod für ihre Untaten verdient haben, wage ich zu bezweifeln. Und vor allem die diesbezügliche Wortwahl halte ich für weitaus unglücklicher als die Synchro selbst.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 05.07.2011 um 09:09
Aaaalso, auf einen ersten und schnellen Blick habe ich 3 Filme entdeckt, die demnächst laufen und bemerkenswert sind:

1. den kenne ich selbst noch nicht:
"Die Herbstzeitlosen" - Komödie. Der Schweizer Kinohit erzählt von einem Aufstand alter Frauen im Emmental.
Die 80-jährige Schweizerin Martha (Stephanie Glaser, 1920-2011) ist ihr trauriges Witwendasein leid und erfüllt sich einen Traum: Sie eröffnet eine Boutique und verkauft selbst entworfene Spitzendessous. Bald steht das ganze Dorf Kopf...Jugendwahn? Scheinmoral? Mannsgetöse? Die wunderbar optimistische Komödie erteilt allem eine erfrischend klare Absage!

2. zwei nicht ganz taufrische Filme:
"8 Frauen" - die weiblichen Tops des französischen Filmes in einer musikalischen Krimi-Komödie;
"Gosford Park" - vom genialen Robert Altman, Krimi und sozialkritisch; mit dem da noch unbekannteren Clive Owen, der schon bekannten Helen Mirren (die mit dem Alter immer besser wird) und dem unterschätzten Ryan Phillippe.

Das mit der Synchro lässt sich auch lösen; "8 Frauen" habe ich damals in einem kleinen Spartenkino am Kudamm gesehen im Originalton mit deutschen Untertiteln; "Gosford Park" habe ich auf DVD in der Originalversion; und nicht alle Filme sind schlecht synchronisert.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 05.07.2011 um 09:25
P.S.

"Pans Labyrinth" läuft auch; den finde ich ja sehr polarisierend und angsttraumhaft, aber den kennt vermutlich schon jeder.
Phineas Freek schrieb am 05.07.2011 um 10:49
So ähnlich sehe ich das auch.
Nur gegen die visuelle Zerstörung von ehemaligen Kinofilmen, durch nachträgliche Veränderungen des Bildausschnitts, scheint kein Kraut gewachsen zu sein.
Ach so – ich vergaß hier für kurze Zeit doch glatt, dass ich mich wieder zurück auf dem Humor- und Ironiebefreiten Standort befinde und so gleichzeitig auch meine Wortwahl diesbezüglich wieder anzupassen.
Hallo Deutschland!
Phineas Freek schrieb am 05.07.2011 um 10:55
oben
@Daniel Windheuser
Ehemaliger Nutzer schrieb am 05.07.2011 um 11:05
wieder Volltreffer; konnte mich diesmal richtig auf die Dialoge einlassen; am besten war natürlich der Kommentator (nennt man das so) witzig, ironisch, analytisch...
Daniel Windheuser
I am the key to the lock in your house that keeps your toys in the basement. Oder so ähnlich.
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