Und zwar: Wer der Mensch auf den Fotos ist.
Das soziale Netzwerk Facebook hat jüngst eine Funktion integriert, mit der sich Gesichtererkennung betreiben lässt. Das ist pauschal wichtig, wenn man seine unzähligen Freunde dort erkennen will oder selbst erkannt werden will. Es ist wichtig, damit der gemeine Nutzer sich von bestimmten Personen mit wenigen Klicks alle verfügbaren Fotos anzeigen lassen kann, tendenziell.
Dass im Zuge einer atemlosen Bildschirmbegeisterung Sinn und Sensibilität für das Eigene, also das Private, und das Internet, das eher Öffentliche als solches verloren gehen, gefällt mir, klickt der Stalker. Mir auch, klickt der Voyeur. Mir auch, klickt der Zuckerberg. Fazit: 3 Leuten gefällt das.
Auch diese neue Funktion gehört zum Auswurf eines unaufhörlichen Innovationsrausches der internetbetreibenden Unternehmen. Bei neuen Funktionen jedoch, die gemeinhin als benutzerfreundlich oder gar „nützlich“ propagiert werden, hat den größten Nutzen nicht selten der nach Daten schmachtende Anbieter, hier Facebook . Zudem übersieht der Nutzer neben den Frontal- und Kollateralschäden für den Datenschutz eisern, dass eine neue Anwendung auch eine Aufforderung an den Nutzer ist, weiter mitzuspielen, den Lernprozess in Sachen Multimedia und neue Medien niemals zu beenden, nicht loszulassen, damit man sich nimmermehr zurücklehnen möge, wie etwa bei einem endlichen Lernprozess wie der Bedienung eines Autos.
Aber warum tut der Facebook-Nutzer sich das an? Was will er überhaupt da, der Nutzer? Aufschlussreich zur Ergründung dieser Frage ist die Erkenntnis, welche Motivation die Majorität erwachsener Facebook-Twitter-Nutzer hat, es ist nämlich weitgehend dieselbe wie die der Minderjährigen, was selbstredend in der Natur des Systems Facebook liegt. Zum einen will der Nutzer bekannterweise Freunde haben, viele Freunde. Viele, viele. Er will aber auch, dass alle wissen, dass er viele Freunde hat. Er will, dass Kimberly weiß, dass er mit Laura ganz dicke ist, weil ihn das in Steves Welt möglicherweise aufwertet. Und er will alte Freunde wiederfinden. Alte Freunde, für die in seinem Leben eigentlich kein Platz mehr ist, denn er ist sehr beschäftigt. Unter anderem mit der Suche nach alten Freunden im Internet.
Vorrangig will der Facebook-Twitter-Nutzer aber Aufmerksamkeit. Es ist ein sehr amerikanisches Modell, nachdem alles was man tut, erst Sinn macht, wenn die Leute wissen, dass man es tut. In US-Filmen gibt es keine intimen Happy-End-Küsse. Das Paar ist stets von Leuten umringt, die den Liebenden Beifall zollen.
Der Facebook-Twitter-Nutzer will Beifall. Beifall für seine Gästebucheinträge, Beifall für die eingetragene Lieblingsband und sein Bekenntnis „Ich lese/höre zur Zeit...“, für den Online-Status und den Hinweis „Ich bin die nächsten Tage nicht zu erreichen, weil ich in New York bin“, Beifall natürlich für die vielen Freunde, die neuen Fotos, und mitunter auch für den ins Klo gesetzten Haufen.
So manch ein Facebook-Twitter-Nutzer wird einem Facebook-Twitter-Nörgler möglicherweise sagen, er solle es halt nicht nutzen, wenn er es doof finde, und nicht hier rumnörgeln. Und recht hat er. Halbiert. Nörgler sollten es nicht nutzen. Aber den Mund halten müssen sie deswegen nicht. Man darf selbstverständlich auch das kritisieren, was man nicht benutzt, sonst würde Kritik an sich ad absurdum geführt.
Facebook und Twitter sind Instrumente, mit deren Hilfe zum einen mitteilungsbedürftige öffentlichkeitsliebende Menschen vollumfänglich auf ihre Kosten kommen. Das hält natürlich nicht automatisch jene von der Nutzung ab, die schlicht das Gefühl haben, etwas zu verpassen, also nicht dazu zu gehören, wenn sie nicht bereit sind, ebenfalls etwas von sich preiszugeben.
Abgesehen aber von der Möglichkeit, sich vollumfänglich zu öffnen oder zum alleinigen Zwecke des Kontakts zu kontaktieren, sind soziale Netzwerke nach Auffassung umsichtiger Beobachter auch wirksame Instrumente für vielseitigen Diskurs und mitunter politische Mobilisierung, also Demokratiepflege.
Doch der Verfasser dieses Textes - gestatten - geht davon aus, dass sogenannte soziale Netzwerke in Zukunft in erster Linie eines sein werden: Ein Ort für die ganz große Werbung. Damit meine ich nicht die konventionellen blinkenden Banner und Verlinkungstäuschungen, die Spammails und die zeitweise Verselbständigung von Browsern oder ganzen Betriebssystem.
Ich meine die Ausnutzung dessen, was fachkundige Autoren heute als Chance begreifen, eben die Möglichkeit zur Mobilisierung von Menschen. Es wird in Zukunft primär die Mobilisierung von Konsumenten sein. Das soziale Netzwerk wird genutzt werden, um Konsumenten zu kategorisieren, Trends zu propagieren und folglich Konsum zu fördern.
Wer dem entgehen will, wer sich zudem nach etwas mehr innerer Ruhe und Rückprivatisierung des Seins sehnt, wer außerdem mehr Zeit braucht, um seine Vorhaben zu verwirklichen (sofern das Ziel nicht ausgerechnet darin besteht, Leuten per Internet eine neue CD oder eine Modebrause zu verkaufen), oder wer einfach lieber echten Kaffee mit echten Freunden trinken geht, dem sei angeraten, sich allmälig aus Facebook zurückzuziehen. Oder wie wir Twitterfreunde sagen: Mal grad schieten gehen, Kopf frei kriegen.
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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