Torsten Wohlleben

Torsten Wohlleben

23.06.2011 | 12:53

Silvana Koch-Mehrin – Ein unerhörter Essay ohne Quellenverzeichnis

 

*Der Lebenslauf auf der Seite Europarl wurde inzwischen geändert. 

 

FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin wurde zum Mitglied des EU-Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie befördert. Diese Information wurde, das sei hier benannt, von einschlägigen deutschen Tageszeitungen verbreitet. Ein Blick auf die Internetseite Persönliche Daten - Koch-Mehrin des Europaparlaments lässt feststellen: Tatsächlich.

Nur wenige Zeilen weiter unten weist ein lütscher Koch-Mehrin-Lebenslauf* die prunkvolle Referenz Promotion über Historische Währungsunion (1998) auf, was den interessierten Europäer nun doch vage irritieren sollte, da er jüngst lesen durfte, dass der gemeinten Politikerin nach einem offiziellen Prüfungsverfahren der Universität Heidelberg der Doktortitel aberkannt wurde. Nun fehlt auf der Internetseite also das Dr vor der Silvana, aber die Promotion, ein Begriff, der ja gemeinhin die Verleihung des Doktorgrades bezeichnet, ist nicht verschwunden. Sollte eine Promotion darüber hinaus auch ohne Verleihung eines Titels oder trotz nachträglicher Aberkennung desselben möglich sein - schließlich wird die gängige Auszeichnung Superstar auch an Menschen vergeben, die ihr so sehr entsprechen wie ein Hundehaufen der Bezeichnung Crème brûlée -, dürfte der aufmerksame Europäer dennoch ins Grübeln geraten.

Promotion soll bekanntermaßen auch die Fähigkeit zu professioneller wissenschaftlicher Arbeit nachweisen. Wissenschaftliche Arbeit lässt sich salopp als Forschung bezeichnen, womit ich wieder zum anlassgebenden Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie gelange.

Diesem Ausschuss gehört nun also eine deutsche Politikerin an, die sich nach Aussage der Universität Heidelberg in ihrer Dissertation „fremdes geistiges Eigentum angeeignet und als das eigene ausgegeben hat“. Die Dissertation ist keine Wissensprüfung, sondern bereits eine wissenschaftliche Arbeit. Der Verfasser dieses Artikels - gestatten - gelangt damit zu der Farce, die zwar längst auf der Hand liegt, aber nicht energisch genug verdeutlicht werden kann: Koch-Mehrin, die sich den höchsten akademischen Grad mit einer in Teilen dahingemogelten Dissertation erwarb, soll die höchst wissenschaftliche Forschung in Europa betreuen. Der Ausschuss, dessen Mitglied sie sein wird, sieht sich übrigens nach eigener Darstellung unter anderem für die Auswertung wissenschaftlicher Erkenntnisse zuständig. Wenn dem geneigten Leser dieses Textes nicht spätestens jetzt die Übelkeit auf die Tastatur tropft, kann er froh sein, dass eine Reinigung nicht von nöten ist.

Die Führungsebene der FDP findet indes nichts an der Verfehlung der Kollegin, die Kritik hielt sich bisher schließlich enorm in Grenzen. Laut FDP-Generalsekretär Lindner habe Koch-Mehrin immerhin „Europas Attraktivität erhöht“.

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 23.06.2011 um 18:40
Dein Blog spricht mir aus der Seele. So was ist doch kaum zu glauben.

Das müsste doch eine Steilvorlage für das politische Kabarett sein.

Urban Priol, bitte übernehmen sie! ;)

Herzliche Grüße

por
poor on ruhr schrieb am 23.06.2011 um 18:48
Falls es interessiert , der bishiregie Diskussionstand in der FC als Ergänzung zu Deinem hervorragenden Blog ;):

www.freitag.de/community/blogs/poor-on-ruhr/der-kassierte-doktortitel-frau-silvana-koch--mehrin
poor on ruhr schrieb am 23.06.2011 um 18:54
In diesem Sinne habe ich es mir in Hoffnung Deines Wohlwollens , dem obenstehenden Link bei den Tags auch "koch-mehrin" und "plagiat" hinzuzufügen.
Torsten Wohlleben schrieb am 24.06.2011 um 11:01
Lieber poor on ruhr,

die Ausstrahlung der Fernsehsendung "Neues aus der Anstalt" unterliegt ja leider einem Zyklus, der viel Geduld erfordert.

Herzlichen Gruß
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.06.2011 um 18:58
Das ist so grenzenlos zynisch... mit fehlen einfach die Worte. Hätte ich in einem fiktionalen Buch so eine Geschichte gelesen, hätte ich gesagt, der Autor ist dumm, so etwas kann im 21.Jahrhundert nicht geben. Nun, es gibt sowas wirklich. Okay. Was können wir dagegen tun? Einfach uns weiter verarschen lassen? Ich will wissen, wie man sich dagegen widersetzt, d.h. mit zivilen Methoden, ohne Bomben zu werfen. Gibt es z.B. juristische Wege?
poor on ruhr schrieb am 23.06.2011 um 20:21
@Fahrenheit451

Ich stimme Dir zu.So ist es!
Heute merkt aber leider ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr , wenn es wie im obensthendne Blog so hervorragend beschrieben in Deutschland oder Europa
verarscht wird!

Schade!

Lösungsvorschläge habe ich leider keine!
Torsten Wohlleben schrieb am 24.06.2011 um 11:13
Lieber Fahrenheit451,

einen juristischen Weg gibt es wohl nicht. In den gegenständlichen EU-Ausschuss können Mitglieder unabhängig von ihrer akademischen Befähigung berufen werden. Wäre Koch-Mehrin ihren politischen Weg von vornherein ohne Titel gegangen und hätte sie dabei gezeigt, dass ihr Wissenschaft und Forschung am Herzen liegen, hätte sie theoretisch auch in den Ausschuss gelangen können. Nun ist sie aber als eine Person, die sich den wissenschaftlichen Gepflogenheiten nicht unbedingt verbunden fühlt in den Ausschuss befördert, und eben das gibt der Nachricht ja die besonders schiefe Note.

Herzlichen Gruß
Niniane schrieb am 26.06.2011 um 07:43
Ich staune doch immer wieder, wie weit sich die Europapolitiker von der Realität entfernen können. Letzte Woche wird noch groß rausgestellt, dass Frau Koch-Mehrin zerknirscht ihre ganzen Ämter im Europaparlament niedergelegt hat und jetzt - nach einer kurzzeitigen Amnesie - nimmt sie schon wieder eine neue Ausschusstätigkeit ausgerechnet im Forschungsausschuss auf. Wahrscheinlich hat sie gemerkt, dass ihr die Sitzungsgelder fehlen, um sich neue Schühchen und Handtäschchen kaufen zu können. Ihr sowieso nicht, aber anscheinend auch keinem in ihrer abgehobenen im Wolkenkuckucksheim der Steuersenkungen lebenden Partei fällt auf, dass diese Aktion einfach nur panne ist. Besonders peinlich finde ich ja auch die Aussage von Lindner: Frau Koch-Mehrin hat „Europas Attraktivität erhöht“. Das ist ja fast eine Beschimpfung: sie ist zwar strohdoof, kupfert ihre Doktorarbeit ab, kassiert für Nichtstun öffentliche Gelder, aber immerhin sieht sie ganz nett aus und blond ist sie auch.
Torsten Wohlleben
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