Wolfgang Gehrcke

Blog von Wolfgang Gehrcke

08.07.2010 | 09:21

Der Traum von Rot-Rot-Grün

 

Eines hat die ganze Diskussion um die Bundespräsidentenwahl gezeigt: Es gibt bei vielen Menschen einen starken Wunsch nach der rot-rot-grünen Alternative; die Wahl des Bundespräsidenten sollte ein Schritt in diese Richtung sein. Ob dieser Wunsch realistisch war, soll vorerst dahin gestellt bleiben. Die Motive für einen solchen Wunsch sind ganz offensichtlich sehr unterschiedlich. Das reicht vom schnöden Willen, einfach nur wieder die Regierung zu stellen, bis zu dem tiefen Wunsch, endlich einen neuen politischen Weg einzuschlagen, der die soziale Spaltung der Gesellschaft überwindet, Gerechtigkeit schafft, die Kriege und Auslandseinsätze beendet, die großen Menschheitsprobleme endlich anpackt und wieder eine lebenswerte Zukunft in Sichtweite bringt.

Die Bandbreite der Motive zeigt uns aber, dass wir von der realen Möglichkeit, mit Rot-Rot-Grün substanziell etwas zu verändern, weit, weit entfernt sind. Die Option, einfach Rot-Grün mit Unterstützung aber ohne Beteiligung der LINKEN neu aufzulegen, die Neuauflage von Rot-Grün 1998 also, das wäre die Realisierung meines Alptraums. Das würde Sigmar Gabriel und Klaus-Walter Steinmeier, Claudia Roth und Renate Künast und ganz gut gefallen. Da würden sie vielleicht sogar das wütende Rumhacken in Kauf nehmen, das dann einsetzen würde. Insofern ist NRW ein willkommener Probelauf.

Um nach den Vorgaben von SPD und Grünen „koalitionsfähig“ zu werden, müsste die LINKE zuerst all die geforderten Abschwörrituale leisten, den alten Antikommunismus bedienen und „sich von ihrer Vergangenheit lösen“. Dazu wäre die Bundespräsidentenwahl gut geeignet gewesen. Das hätte aber nicht gereicht, sie müsste sich auch politisch anpassen, also kriegs- oder auslandseinsatzfähig werden, bereit den sog. Sparkurs mit zu tragen, die Haushaltskonsolidierung auf Kosten der Einkommensschwachen zu lösen, weiter Sozialstaatsabbau und Ordnungsstaatsaufbau zu betreiben u.v.m. Es ist nicht notwendig, hier vollständig aufzuzählen, wir wissen, was gemeint ist. Politische Anpassung also nur von der Linken, ganz einseitig, das war die Forderung in NRW und bei der Präsidentenwahl. Nie darf die Frage stehen, ob die SPD oder die Grünen sich etwa verändern müssten, also zum Afghanistankrieg eine andere Haltung einnehmen könnten (was ja nicht nur die LINKE sondern die Mehrheit der Menschen in Deutschland wollen), ob sie sich „von der Agenda 2010 lösen“ und eine grundlegend neue Sozial- und Arbeitsmarktpolitik einleiten wollten, die nicht der sog. Standortsicherung oder der Umverteilung von unten nach oben verpflichtet wäre.

Man wollte die LINKE zum Nulltarif – das wäre aber das Ende von Rot-Grün Rot noch ehe es überhaupt begonnen hat. Es wäre das Ende der LINKEN. Eine andere Politik, das war der Grund, warum die LINKE überhaupt entstand und warum seitdem tausende Menschen eingetreten sind. Das aufzugeben, hieße sich selbst aufgeben. Selbst ein unabhängiger, gut bezahlter Berater würde der LINKEN das nicht raten, warum tun es in den Medien viele, darunter auch einige ihrer Anhänger?

Gauck wählen, um der schwarz-gelben Regierung eins auszuwischen, ist sicher ein verständlicher, aber keinesfalls ein ausreichender Grund. Nein, es gab offensichtlich bei vielen Anhängern des Rot-Rot-Grünen Projekts (das erst in den Babyschuhen, wenn nicht gar erst in der 12. Schwangerschaftswoche steckt) viele Illusionen. Die erste war schon, dass in der Bundesversammlung eine Mehrheit für Gauck vorhanden gewesen wäre. Das zeigte der dritte Wahlgang, in dem Wulff die erforderliche absolute Mehrheit erhielt. Die zweite Illusion war, dass mit der Nicht-Wahl von Wulff die Regierung stürzen würde und Neuwahlen anstünden, in denen sich dann eine rot-rot-grüne Mehrheit realisieren würde.

Die dritte Illusion ist die schwerwiegendste: es gäbe schon genügend tragfähige Gemeinsamkeiten zwischen SPD und Grünen einerseits und der LINKEN andererseits. Aber mal ehrlich, hätten die sich nicht spätestens bei den Koalitionsverhandlungen in NRW zeigen müssen?

Das rotgrünrote Projekt muss als tragfähiges gemeinsames Projekt erst noch entwickelt werden. Daran sind in der LINKEN viele beteiligt und noch mehr daran interessiert. Die Zahl der Unterstützer eines rotgrünroten Projekts, das wage ich zu behaupten, ist in keiner Partei größer als bei der Linken. Weil wir wirklich soziale und demokratische Veränderung wollen in diesem Land und das braucht ein breites gesellschaftliches Bündnis, nicht nur eine andere Regierung. Es ist ein falsches und mediengemachtes Bild, nur eine kleine Gruppe von Reformlinken suche das Gespräch und die Zusammenarbeit mit der SPD und den Grünen. Diese Bemühungen gibt es überall. Und weil es diese Bemühungen gibt, weil es den starken Wunsch in der Gesellschaft nach RotGrünRot gibt und weil die Parteispitzen von SPD und Grünen das wissen, reagieren sie sehr gereizt und versuchen diesen Dialog zu verhindern. Der Antrag zu Gaza ist ein gutes Beispiel. Sowohl die SPD- als auch die Grünen-VertreterInnen wussten, dass mit der LINKEN ein gemeinsamer Antrag möglich war, das Signal dazu war klar. Aber lieber waren ihnen die CDU und die FDP im Boot. Wenn ein starkes Signal für eine andere Regierungsoption gewollt gewesen wäre, dann wäre es hier auf einer politischen Grundlage möglich gewesen. Geklappt hat es aber trotzdem, dank der LINKEN.

Und noch was: Eine rotgrünrote Option würde bedeuten, dass auch SPD und Grüne aus der Vergangenheit lernen müssten. Gerade auch aus der jüngsten. Um davon abzulenken, zetern sie rum, die LINKE müsse aus ihrer Vergangenheit lernen. Wer uns näher kennt, weiß, dass wir darauf großen Wert legen. Unsere Wurzeln sind nicht nur in der SED, sie sind genauso in SPD und KPD, in sozialen, ökologischen und feminstischen Bewegungen.

Wir haben nicht nur aus der Vergangenheit der SED gelernt, sondern auch aus der Vergangenheit der SPD und deren Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914, aus dem NATO-Doppelbeschluss, den die SPD mitgetragen hat, der Zustimmung der Grünen zu den Kriegen etc., aus der Kritik der Feministinnen an den patriarchalen Strukturen in allen Parteien der Arbeiterklasse und in den Gewerkschaften. Die Reihe ließe sich lange fortsetzen. Eine entscheidende Erkenntnis ist, dass Menschen, Gruppen, Parteien … Fehler machen. Immer wieder. Fehler zu machen, ist keine Schande. Sich nicht zu bemühen, daraus zu lernen, schon.

 

 
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Kommentare
Achtermann schrieb am 08.07.2010 um 12:31
Dass Grüne und SPD an die Linkspartei für diese nicht erfüllbare Forderungen stellen, ist Ausdruck der Machtpolitik. Keine Sekunde haben diese beiden formalen Oppositionsparteien vom Wähler aus gedacht, der wohl in einigen Bereichen anders regiert werden will als die schwarz-gelben Brüder und Schwestern im Geiste das tun. Bedauerlicherweise stehen fast alle Medien hinter dem Kartell der vier Altparteien und machen massiv Stimmung gegen die Linkspartei, auch Medien, die sich nach alter Tradition linksliberal nennen wie die Süddeutsche und die Frankfurter Rundschau.

Sollte die Linkspartei sich auf ein Projekt mit SPD und Grünen einlassen, wird die bisher einzige Oppositionspartei nicht mehr zu erkennen sein, befürchte ich.
Korowjew schrieb am 09.07.2010 um 09:33
"Sollte die Linkspartei sich auf ein Projekt mit SPD und Grünen einlassen, wird die bisher einzige Oppositionspartei nicht mehr zu erkennen sein, befürchte ich."

Genau so ist es. Im Moment wäre ein rot-rot-grünes Projekt sehr schlecht für die Linke, da sie sich dafür aufgeben müsste, was sie im Grunde ausmacht und von den beiden anderen Parteien unterscheidet. Viel zu teuer erkauft.

Zwischen SPD und CDU besteht praktisch kein Unterschied. Programmatisch vielleicht, aber beiden Parteien war ihr Programm bisher herzlich egal, wenn es um die Macht ging. Die SPD ist eine rote CDU, die CDU eine schwarze SPD, beide sind beliebig austauschbar.

Nahezu das gleiche lässt sich über FDP und Grüne sagen, nur ihr Fetisch unterscheidet sich. Steuersenkungen auf der einen, ökologische Themen auf der anderen Seite. Beide sind jedoch schnell bereit, auf ihre Positionen zu pfeifen, wenn es um die Macht geht. Die Wählerwanderungen in der letzten Zeit sprechen auch Bände. Die FDP stürzt ab, die Grünen feiern einen Umfragerekord nach dem anderen, die übrigen Parteien sind nahezu statisch. Wer ist wohl hier von wem wohin gewechselt? Und warum?

Gespräche zwischen den jungen Mitgliedern der drei Parteien sind seit längerem normal, und das ist gut so. Es wird seine Zeit dauern, bis sie oben angekommen sind, und wir werden wohl auch die eine oder andere "Nahles" sehen, die ihr politisches Credo auf dem Altar der Macht opfert.

Mit Steinmeier, Trittin, Gabriel, Roth und Künast darf es von Seiten der Linken keine Zusammenarbeit geben. Das wäre ihr Untergang.
Max Merziger schrieb am 08.07.2010 um 12:44
Zitat: Und noch was: Eine rotgrünrote Option würde bedeuten, dass auch SPD und Grüne aus der Vergangenheit lernen müssten. Gerade auch aus der jüngsten. Um davon abzulenken, zetern sie rum, die LINKE müsse aus ihrer Vergangenheit lernen. Wer uns näher kennt, weiß, dass wir darauf großen Wert legen. Unsere Wurzeln sind nicht nur in der SED, sie sind genauso in SPD und KPD, in sozialen, ökologischen und feminstischen Bewegungen.

So ist es! Sehr guter Artikel.
goch schrieb am 08.07.2010 um 17:23
Die Frage ist doch aber auch, wie lässt sich der Block der Schröderianer neutralisieren, bzw. für eine rot-rot-grüne Hegemonie gewinnen?
Wolfgang Gehrcke
Emanzipation
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22:48
merdeister hat gerade einen Kommentar geschrieben.
22:42
merdeister hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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KarinL. hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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gerhard monsees hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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