Daß obenstehender Beitrag mit einem Musikblog nichts zu schaffen hat, sieht man sofort. Er ist versehentlich auf meiner Seite gelandet, sein Verfasser heißt nicht Wolfgang M i c h a e l Jäger, s o n d e r n Wolfgang M i c h a l . Es steht ja auch unter "Hintergrund". Ich schätze diesen Autor, aber ich bin's nicht. Ich hoffe, daß der Beitrag bald von hier weggenommen wird.
Wie ich jetzt hörte, hatte ich den Satz, der auf der Bühne gesprochen wurde, falsch verstanden: nicht "A bad form of government...", sondern "The best form of government...". Eben korrigiert.
"Was Cage über Intervalle und musikalische Struktur sagt, übergehe ich." warum? ja, ich kanns mir vorstellen: intervalle und strukturen - das klingt staubtrocken und interessiert vermutlich keinen. ...
Liebe Theda, schon gut, - und auch lieber cuchulainn: Hier also noch, was Cage in dem Vortrag zur „Struktur“ sagt: „Daß Musik einfach zu machen ist, beruht auf der Bereitschaft, die Beschränkung durch die Struktur zu akzeptieren. Struktur ist einfach, weil sie erdacht werden kann, berechnet, gemessen. [...] Wie könnte ich besser sagen was Struktur ist, als einfach von dieser hier zu reden, von diesem Vortrag, der eingefügt ist in eine Zeitspanne von annähernd vierzig Minuten? Diese vierzig Minuten sind geteilt in fünf große Teile, und jede Einheit ist in gleicher Weise geteilt. Unterteilung anhand einer Quadratwurzel ist die einzig mögliche Unterteilung, die diese mikro-makrokosmische rhythmische Struktur zuläßt, die ich so akzeptierbar und akzeptierbereit finde. Wie Sie sehen, kann ich alles sagen. Es macht kaum einen Unterschied, was ich sage oder selbst wie ich es sage. In gerade diesem Augenblick durchschreiten wir den vierten Teil einer Einheit, welche die zweite Einheit im zweiten großen Teil dieses Vortrags ist. Es ist ein wenig wie die Fahrt durch Kansas. Dies ist nun das Ende dieser zweiten Einheit. Nun beginnt die dritte Einheit des zweiten Teils.“ Und so weiter. Ich hoffe, Sie sind nun hinreichend desillusioniert. Es folgen dann noch längere Ausführungen zum Klang, die zwar ergiebiger sind, von mir aber ebenfalls „übergangen“ wurden: weil ich über Cages Klang anderweitig geschrieben habe und weil mein Thema bei diesem Blogeintrag mit dem Titel „Der amerikanische Heidegger“ ein anderes war. Übrigens war ich in diesem Zusammenhang wirklich etwas erstaunt darüber, daß Sie meinen Satz „Das übergehe ich“ „merkwürdig apodiktisch“ haben finden können, lieber cuchulainn, denn an der Stelle, wo ich das schrieb, war doch längst klar, welches Thema ich in diesem Eintrag behandelte und daß es eben nicht Strukturfragen waren. Wenn es sich so verhielt, hatte ich das Recht und sogar die Pflicht, so einen Satz zu schreiben. Aber nichts für ungut.
@Michael Jäger, der Text hat mir gefallen und mich wieder einmal auf eine Frage/Feststellung zurückgeführt, von der mich interessieren würde, inwiefern diese sich aus dem Gedankengang des Artikels bz...
@ RAJmue Vielen Dank für Ihre interessanten und wichtigen Gedanken. "Es könnte immer so weiter gehen": Das denke ich besonders beim Konzert für Cembalo und Orchester d-moll. gespielt von Glenn Gould am Klavier, dessen maschinistische Bach-Interpretation ich meistens nicht mag, hier aber holt er phantastisch heraus, daß es b e s o n d e r s hier um E w i g k e i t s -Musik geht (es ist immer welche, aber hier wird es thematisch)- das immer gleiche Rondo-Signal, dazwischen die Variationen, die nur auf das Signal zurückverweisen, aber so was von unerschöpflich sind, daß sie Millionen Jahre so weitergehen könnten. Ja, Bach ist schon der Größte. Haben Sie den Witz gelesen, den Jan Brachmann gestern in der FAZ erzählte? Kommt ein Musiker in den Himmel und denkt, jetzt wird er endlich einmal erfahren, ob Gott lieber Bach oder lieber Mozart hört. Er ist eher erstaunt, als er sieht, wie Gott sich an den "Musikalischen Späßen" von Mozart erfreut. Als Gott die Frage ihm sich auf dem Gesicht abzeichnen sieht, sagt er: "Alter Freund, du fragst dich, warum ich nicht lieber Bach höre? Die Antwort ist - ich b i n Bach."
Ich hoffe Sie nehmen mir meine ständigen Einwände nicht übel, die wirklich von großer Wertschätzung und Sympathie getragen sind, doch verstehe ich die Hartnäckigkeit nicht, mit der Sie versuchen, Cage...
Lieber ThomasW, dafür brauchen Sie sich wirklich nicht zu entschuldigen, daß Sie anderer Ansicht sind als ich oder meine Auffassung für ganz oder teilweise irrig halten. Vielleicht ist sie es wirklich, aber auch dann trägt sie etwas bei, man kann im Widerspruch dazu die eigene Auffassung schärfen, oder für andere ist es eine erste Strukturierung in einem unbekannten Feld, usw. Das sehen Sie sicher auch so. Wenn ich jetzt also "dagegenhalte", dann verstehen Sie es bitte nur als Diskussions- und Erkenntnislust. Ich würde also sagen, der Satz, Heidegger habe durch das Denken hindurch zu einer Art Erlösung gelangen wollen, ist zwar richtig, berührt aber den ebenfalls richtigen Punkt nicht, auf den ich hinauswollte. Denn mit Ihrer Formulierung könnte man auch über jemanden sprechen, der meint, die „Erlösung“ könne vom Denken herbeigedacht werden, oder herbeigeführt werden von einer vom Denken angeleiteten oder kontrollierten „Praxis“, und das glaubte Heidegger eben nicht. Sondern er wollte das Denken nur bis zu dem Punkt führen, wo es aufhören und auf das Eintreffen des Seins warten und bis dahin das Sein in seiner Verborgenheit hüten und bewahren sollte. D a r i n sehe ich die Parallele zu Cage. Und nicht nur Heidegger, auch Cage hat g e d a c h t , er hat sich nämlich die Versuchsanordnungen zur Focussierung der Zufälle durchaus ausdenken müssen und auch wollen, er hat selbst immer wieder gesagt, er stelle „Fragen“ usw., ich hatte darauf hingewiesen. Im übrigen beharre ich auf dem Unterschied von Privatsinn und Kunstsinn, das ist ja die Struktur unserer ganzen Debatte: Sie sagen, Cage habe nicht überzeugen wollen, ich antworte: nicht in seiner Musik, wohl aber als Privatmensch in seiner Kommunikation; Sie sagen jetzt, Cage war kein Sinn- und Ideensucher, ich antworte: nicht als Privatmensch mit seinen Absichten, wohl aber in seiner Kunst. Von seiner Kunst behaupte ich, daß sie Sinn sucht. Was er selbst dazu denkt und sagt, kann gar kein ausschlaggebendes Kriterium bei der Beurteilung dieser Frage sein. Sein Vortrag übrigens, das habe ich versäumt deutlich zu machen, gehört auch in die Kategorie der Kunstwerke, es hat nämlich eine Zeitstruktur, die der Struktur mancher Kompositionen ähneln soll usw. Da heißt es dann, wie von mir zitiert, „die Stille will, daß ich weiterrede“ usw. Das ist offenbar ein sinnvoller Satz, wo sich nur die Frage stellen kann, w e l c h e n Sinn er hat; daß er gar keinen habe, ist ausgeschlossen. Ein gebräuchliches Verfahren der Sinnermittlung in der Kunst ist dann der intertextuelle Vergleich (Beckett, Mahler). Ferner, da man weiß, eine wie große Rolle die Stille in seinen Kompositionen spielt, scheint der Satz doch unmittelbar über diese, etwa über 4‘33‘‘, etwas auszusagen. Diese ganze Ebene übergehen Sie. Schließlich noch, Sie wissen ja: Man kann nicht nicht kommunizieren (Watzlawick). Cages Kunst (ich rede jetzt von der Kunst, nicht vom Privatmenschen) kann nicht anders, als mit dem Publikum zu kommunizieren, sonst gäbe es sie gar nicht, über den Sinn der Kunst entscheidet dann aber die ganze Kommunikationsbeziehung, also auch der Empfänger. Und nun gibt es eben einige, die dieser Kunst Sinn zuschreiben, und allein deshalb h a t sie auch welchen. Z.B. Metzger, der meint, es ginge darum, das Subjekt von seinen Absichten zu befreien, Cage selbst, der durchaus allerlei zum Sinn seiner Kunst gesagt hat, z.B. daß sie das Modell einer freieren Gesellschft sei, als wir eine haben (das hatte ich zitiert), oder auch Adorno, der über „gewisse musikalische Gebilde wie das Klavierkonzert von Cage“ geschrieben hat, daß sie „als Gesetz unerbittliche Zufälligkeit sich auferlegen und dadurch etwas wie Sinn: den Ausdruck von Entsetzen empfangen“ (Ästhetische Theorie, Ffm. 1997, S. 231). Welchen Sinn i c h darin sehe, habe ich oben geschrieben. Daß es in Cages Kunst darum ginge, „etwas zu f i x i e r e n , Ideen zu f o r m u l i e r e n , Sinn zu m a n i f e s t i e r e n “, habe ich doch nirgends geschrieben noch auch nur angedeutet! Ich habe exakt das Gegenteil geschrieben.
"Was Cage über Intervalle und musikalische Struktur sagt, übergehe ich." warum? ja, ich kanns mir vorstellen: intervalle und strukturen - das klingt staubtrocken und interessiert vermutlich keinen. ...
"Was Cage über Intervalle und musikalische Struktur sagt, übergehe ich." warum? ja, ich kanns mir vorstellen: intervalle und strukturen - das klingt staubtrocken und interessiert vermutlich keinen. ...
Also, liebe Theda, der Grund ist ganz einfach, daß das nichts hergibt, was Cage über Struktur erzählt. Ich dachte, das wäre schon in einem früheren Eintrag klar geworden, als ich schrieb, wie Cage "Reihen" bildet: Indem er den Plan faßt, z.B. die ersten fünf Takte sollten im 3/4 Takt stehen, die zweiten im 5/4 usw., und es dann mit Noten ausfüllt. Aber das war nur ein Satz und konnte sich kaum einprägen, ich geb's zu. Vor anderthalb Jahren, als über Boulez schrieb, habe ich mich mit den Strukturfragen außerordentlich ausführlich befaßt, denen der Zwölfton- und seriellen Musik. In ein paar Tagen ist mein "Inhaltsverzeichnis" fertig, von wo aus man dann auch die Einheit über Boulez Eintrag für Eintrag direkt anklicken kann. Was Cage angeht, es lohnt sich einfach nicht, über den Teil seines Vortrags, der von Strukturfragen handelt, einen eigenen Eintrag zu machen. Aber da Sie darauf bestehen, werde ich es Ihnen hier im Kommentarstrang erzählen. Allerdings auch erst am Dienstag, vorher ist keine Zeit, die Erholungszeit eingerechnet, die ich auch zwischendurch mal brauche.
Dass Cage' amerikanische Sozialisierung eine wichtige Rolle spielt, darin stimme ich Ihnen vollkommen zu. Es ist auch jenem amerikanischen Pragmatismus zuzuschreiben, dass er sich sosehr an Beethovens...
Die Geschichte mit der "jungen Frau" hatte ich einfach im Programmheft gelesen. Sie steht dort ziemlich so, wie ich sie aus dem Gedächtnis reproduziert habe, und es mag deshalb damit auch sein Bewenden haben. Sie endet jedenfalls mit dem Satz der "jungen Frau": "Ich war verblüfft, daß er [...] meinem Affront eine vernünftige Begründung entgegensetzte." Sie schreibt auch: "In den gut zwanzig Jahren, in denen ich mit John Cage zusammengearbeitet habe, erlebte ich, daß er gewissenhaft und geduldig die Fragen vieler Menschen beantwortete." Es handelt sich um Joan La Barbara, eine Sängerin, Komponistin und Produzentin von Multimedia-Projekten, die zum Zeitpunkt der erzählten Geschichte (1972) 25 Jahre alt war. Sie bestritt übrigens den Eröffnungsabend der MaerzMusik am vorigen Samstag, über den ich noch berichten will: mit der Uraufführung einer eigenen Komposistion und mit einer Neuproduktion der Song Books von Cage.
Dass Cage' amerikanische Sozialisierung eine wichtige Rolle spielt, darin stimme ich Ihnen vollkommen zu. Es ist auch jenem amerikanischen Pragmatismus zuzuschreiben, dass er sich sosehr an Beethovens...
Das ist witzig, unsere Kommentare haben sich exakt überkreuzt und wir zitieren nun beide, aus verschiedenen Gründen, Schönbergs "berüchtigten Auspruch"! Ich glaube ja gar nicht, daß es Cage um einen Wettbewerb von Ideen geht, das ist nur der Eindruck, den man haben kann, wenn man manche seiner Äußerungen wörtlich nimmt; ich habe schreiben wollen, auf dieser Ebene erscheint er als Amerikaner, aber man begreift ihn so noch nicht. Man könnte noch weiter gehen und sich fragen, ob man manche anderen Amerikaner, die uns mit wirtschaftstheoretischen Äußerungen asozial erscheinen, überhaupt begreift, aber das ist ein anderes Thema. Auch Ihrem Einspruch gegen die Formulierung, Cage habe "überzeugen" wollen, stimme ich durchaus zu. Ich hatte mit ihr auch nur seine Art, als Mensch mit anderen Menschen zu kommunizieren, im Auge. Ein Beispiel werde ich wohl im nächsten Eintrag noch schildern: Eine junge Frau verläßt wütend eine Diskussionsrunde mit Cage, die in einer Konzertpause stattfindet, ruft noch so etwas wie "Sie produzieren Chaos, das ist das Letzte, was die Welt braucht", Cage aber läuft ihr nach, dieser ihm unbekannten jungen Frau, findet sie erstaunlicherweise im Publikumsgewimmel, macht ein Gesicht wie ein Kind, das sich freut, und antwortet ihr: Aber meinen Sie nicht, daß sich die Welt für Sie weniger chaotisch anhört, nachdem Sie mein Konzert angehört haben? (Oder so ähnlich, ich suche die Stelle noch raus). Er hatte wieder eine wichtige Anhängerin gewonnen! S e i n e K u n s t will in der Tat nicht "überzeugen", so wenig wie man von Heidegger sagen könnte, er habe mit seiner Spätphilosophie "überzeugen" wollen - in diese Richtung wird mein nächster Eintrag gehen, der allerdings wohl erst morgen fertig sein wird.
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte
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