Michael Jägers Musikblog

14.09.2011 | 17:19

Wolfgang Rihm

 

 

Beginnen wir mit dem Höreindruck des Konzerts am 9. September, in dem nur Werke von Rihm auf dem Programm standen. Astralis ("Über die Linie" III) für Chor, Violine und 2 Pauken nach Novalis hat er 2001 komponiert, ich wüsste gern, ob vor oder nach Nine Eleven. Der dem Roman Heinrich von Ofterdingen entnommene Text beginnt mit den Worten: "Es bricht die neue Welt herein / [Und] verdunkelt den hellsten Sonnenschein / Man sieht nun aus bemoosten Trümmern / Eine wunderseltsame Zukunft schimmern".

Rihms Musik reflektiert keine heutigen Trümmer, sondern die "bemoosten" einer vergangenen Kirche. Langsam in breiten Klangflächen schreitet sie voran, die Atmosphäre ist sakral, allerdings von kleinen Veränderungen immer in Spannung gehalten, manchmal auch ausbrechend; die Violine macht Einwürfe, mal folgt sie dem Chor, mal widerspricht sie ihm. Das Stück ist mit ET LUX vergleichbar, 2009, von dem hier schon gesprochen wurde. Das Sakrale erscheint als erinnert, will den Hörer also keineswegs einnehmen. Wenn sein Gefühl angesprochen wird, dann nicht, damit es sich sakralisiere. Aber die Erinnerung sagt nicht: Das ist vorbei, sondern dass das Erinnerte in irgendeiner ungreifbaren Form noch anwesend sei. Nicht nur das Erinnerte, sondern die Musik selber, der Gestus, mit dem sie zurückschaut, ist ernst. Sie klingt tonal, wenngleich sie nicht um ein tonales Zentrum kreist. Man hat häufig den Eindruck, Rihm lasse lauter unaufgelöst dissonante Akkorde, wie sie in der tonalen Tradition gebräuchlich waren, aufeinander folgen.

Raumauge für gemischten Chor und 5 Schlagzeugspieler nach Aischylos / Handke (1986, 1993/94) vertont den Schlussmonolog aus der Prometheus-Tragödie (Der gefesselte Prometheus) des griechischen Dichters. "Wahrhaftig: Es schwankt nun die Erde": Hier hat die Musik alle Ruhe verloren, ist äußerst eruptiv. Zwei Jahre nach Nonos Prometeo geschrieben, der "Tragödie des Hörens", die textlich vor allem auf Aischylos zurückgreift, hat sie sich dessen Stille nicht zum Vorbild genommen.

Danach hört man drei Stücke, die Nonos Tod betrauern, die ersten beiden (und zwei weitere, die nicht gespielt wurden) noch 1990 komponiert, das dritte bis 1992. Es ist auffällig, dass nach dem Zweiten Weltkrieg eine Reihe namhafter Komponisten musikalische Nachrufe auf andere Komponisten oder Dichter geschrieben haben, so auch Strawinski und Boulez. Das gab es früher nicht, Bachs Trauermusik galt noch seiner Fürstin. Doch Rihm fasst die Sache anders an als Boulez. Seine Musik in memoriam Luigi Nono ist eine Reihe von fünf "Versuchen", die aufeinander aufbauen. Das heißt, Teile eines "Versuchs" werden in den nächsten überführt und dort anders fortgesponnen. Es ist eine offene Bewegung musikalischen Nachdenkens. Auf diese Idee konnte nur einer kommen, der auch im einzelnen Werk nicht anders verfährt: so nämlich, dass die Klangereignisse nicht von einer vorgegebenen Struktur abhängig sind und dass auch nicht ein Klangereignis das nächstfolgende determiniert, sondern umgekehrt so, dass das Folgende das Vorangehende frei kommentiert. Frei, aber nicht beliebig, verbindlich vielmehr, wie man sagen könnte. Denn eine Antwort - ein Kommentar - ist durch die vorausgegangene Frage gebunden, in deren Raum und Grenzen sie sich bewegt. Noch wenn sie die Grenzen überschreitet, muss sie das ausdrücklich tun. Auch das noch ist Verbindlichkeit.

Da Nono der musikalische Gegenstand ist, erinnert der Klangeindruck jetzt eher an serielle Musik, das Verblüffende ist aber, dass auch hier die Dur-Moll-Welt immer wieder berührt wird. Sie wird nicht etwa zitiert, ist aber atmosphärisch irgendwie da. Rihm komponiert atonal, kehrt zur Tonalität durchaus nicht zurück, wie das andere getan haben. Doch ist sein Verhältnis zu ihr auch kein polemisches. Tonalität und Atonalität haben, so scheint es, ihre "Horizonte verschmolzen". Deshalb kann diese Musik den Konzertbesucher, der an Werke der tonalen Tradition gewohnt ist, unmittelbar anrühren.

An Mnemosyne für hohen Sopran und Ensemble nach Hölderlin (2006/09) möchte ich nur noch den gesungenen Text hervorheben. Rihm hat sich für die erste Fassung der Hymne entschieden, wohl weil sie so tastend beginnt und am Anfang nicht weiß, wie sie enden wird. Ganz wie seine Musik. Der Beginn ist ein Impuls, kaum schon des Sprechens mächtig: "Aber es haben / Zu singen / Blumen auch Wasser und fühlen, / Ob noch ist der Gott." Ich versuche zu übersetzen: Blumen, und auch Wasser, "haben zu" singen wie auch zu fühlen. Zu fragen noch nicht, denn Fragen ist Sprechen und Sprechen erst dem Menschen aufgegeben. Aber schon Blumen und Wasser "singen" wie der Mensch, der gar kein Überlegener ist, sondern auch nur, wie wir später hören, "an den Abgrund" reicht und warten muss, ob "der Gott" sich zeigt oder nicht: "Lang ist / Die Zeit, es ereignet sich aber / Das Wahre." Sprache und Denken Heideggers, der sich auf Hölderlin berufen hat, sind hier vorgebildet. Für Rihm war sicher auch Hölderlins Gottesbeschreibung wichtig, weil sie zu seinem Kompositionsverfahren passt: "Zweifellos / Ist aber der Höchste. Der kann täglich / Es ändern. Kaum bedarf er / Gesetz, wie nämlich es / Bei Menschen bleiben soll. [...] Nämlich es reichen / Die Sterblichen eh an den Abgrund."

                                                                                *

Nicht als "der Höchste", wohl aber als handlungsmächtiges Selbst, das immerzu ändern kann - statt einer Struktur, etwa der seriellen, sklavisch verpflichtet zu sein -, hat Rihm sich von Anfang an verstanden. Man darf das nicht platt sehen, als hätte er das pure Gegenteil eines Strukturalisten sein wollen. In Plattheiten solcher Art hielt sich manche anfängliche Rihm-Rezeption. Als in den 1970er Jahren die ersten Kompositionen des damals sehr jungen Mannes bekannt wurden, sprach man von "neuer Einfachheit", sah einen Angriff gegen den Rationalismus der seriellen Musik, sah überhaupt viel "Postmoderne", irrationale Affekte, "regressive" Tendenzen und so weiter und so fort. Das ist alles Unsinn. Rihm hat seinen geschichtlichen Ort und füllt ihn überzeugend aus. 1952 geboren, konnte es nicht mehr sein Anliegen sein, nach den Verbrechen und Katastrophen des Zweiten Weltkriegs eine neue, unkorrumpierbare musikalische Sprache zu erfinden. Dieses Ziel hatte die Vorgängergeneration der Boulez, Stockhausen und Nono verfolgt. Wahr ist immerhin, dass Rihm, wie andere seiner Altersklasse, gegen das in sich geschlossene System aufbegehrte, als welches die serielle Musik der Vorgänger sich dann darstellte.

Aber abgesehen davon, dass die Serialisten selber ihr System überschritten, kann man nun auch nicht sagen, Rihm habe ihnen den Rücken gekehrt. Man sieht es schon an seiner Freundschaft und musikalischen Verbundenheit mit Nono. Der Serialismus ist Rihms Musik hörbar vorausgesetzt. Dabei erinnert sie weniger an serielle Strukturen als an den Klangeindruck, den die Werke der Serialisten im Gedächtnis hinterlassen haben. Und zumal an die Klänge Nonos. Nono hatte es immer verstanden, auch als Serialist, und anders als Boulez, das Gefühl des Publikums unmittelbar anzusprechen. Aber auch von den Strukturen verabschiedet Rihm sich nicht, vielmehr rechtfertigt er den Affektcharakter seiner Musik gerade damit, dass der Serialismus die Gefühle ja gereinigt habe. Es wäre auch wirklich grotesk, Musik deshalb irrational zu nennen, weil sie Gefühle zeigt. Dann wären nur Maschinen Rationalisten.

Ich sprach von Rihms geschichtlichem Ort: Das ist das Jahrzehnt nach 1968, in Deutschland, mit dem schlimmen Höhepunkt von 1977, der "bleiernen Zeit", und es ist auch das Jahrzehnt, in dem Gustav Mahlers Musik wieder bekannt wurde und ihren großen Durchbruch hatte. Für diesen hatte Adornos Mahler-Buch viel getan. Und Adorno wusste, was er tat: dass er ein leuchtendes Beispiel "subjektiver" Durchbruchs-Musik gegen den Systemzwang der seriellen Musik setzte. Das wurde von Rihm aufgenommen. In Rihms Musik geht es immer um den Durchbruch. Wie Adorno von Mahlers Erster sagt, "dass die Musik mit körperlichem Ruck sich dehnt" - "Der Riss erfolgt von drüben, jenseits der eigenen Bewegung der Musik. In sie wird eingegriffen." (Mahler. Eine musikalische Physiognomik, in: Die musikalischen Monographien, Frankfurt/M. 1986, S. 149-319, hier S. 153) -, hätte er auch von Rihm sprechen können.

Mahler ist auch darin Rihms Vorbild, dass seine Musik nicht weiter weiß, den Durchbruch zwar will, aber nicht kann und eben dies darstellt. Darin liegt auch die Aktualität, die Mahler um 1977 immer noch hatte, ja von Neuem hatte. Das war die Zeit der "Krise des Marxismus" infolge des Aufstiegs der "Neuen Sozialen Bewegungen", denen man nachgesagt hat, sie machten Politik in der ersten Person ("Das Private ist das Politische"), was eben auch auf Rihm zutrifft. Diese Bewegungen hatten Tätigkeitsfelder: Ökologie, Frieden, Gender; marxistische Gewissheiten zählten nicht mehr. Das war ihnen selbst gar nicht wichtig, aber den Marxisten war es wichtig, und so auch Nono, dem Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens. Auch der kam in diesen Jahren ins Grübeln. Sicher nicht, weil er stolz darauf war, von Fidel Castro empfangen worden zu sein, weil er sogar dessen Stimme, beim Vorlesen eines Briefs von Ché Guevara, in eine Komposition eingeflochten hatte. Aber die Ereignisse in Afghanistan (sowjetischer Einmarsch) und Polen (Solidarnosc) führten dazu, dass er sich politisch zurücknahm und eine neue Unsicherheit musikalisch bekannte. Ich habe darüber geschrieben. Dass Rihm sich gerade mit ihm befreundete und er mit Rihm, war alles andere als paradox: Beide, der Serielle und der Postserielle, vollzogen im Grunde dieselbe künstlerische Wende, hin zur offen bleibenden Frage. Nur dass Rihm es anders nie gekannt hatte. An Nonos politisches Engagement knüpfte er nicht an.

Es wäre nach allem ein Wunder, wenn sich ihre kompositorischen Verfahren nicht unterschieden: Wo Nono, der Serialist, ein Ende der Gewissheit durch Pausen markiert, die das Publikum nachdenklich machen sollen, denkt Rihms Musik selber nach, indem sie "eingreift", in sich selber von "Riss zu "Riss", und immer im Bewusstsein, den Durchbruch doch nicht zu schaffen. Man kann übrigens fragen, ob das über Jahrzehnte hinweg ein tragendes Konzept ist. Anders: Ob so ein Konzept nicht als Symptom eines epochalen künstlerischen Niedergangs zu werten wäre. Immer nur sagen, dass "es nicht kommt"? Doch was wir hier fordern, greift über Kunst weit hinaus. Der Künstler kommentiert die Gesellschaft ja nur. Selbst wenn er zur Veränderung aufruft, kann er sich das Veränderungsprogramm nicht selbst ausdenken. Wäre es freilich schon da, könnte eine Musik wie die von Rihm es sehr stark machen. Denn die kompositorischen Mittel hat er weiterentwickelt. Eine neue gesellschaftliche Freiheit, wenn sie denn käme, hätte in seiner freien und zugleich reflektierten Musik ihr Medium. Sie könnte sich, besser gesagt, in Auseinandersetzung gerade mit Rihm das eigene Medium schaffen.

Dass Rihms Musik von "Klangereignis" zu "Klangereignis" fortschreitet, wobei jedes die vorigen aufhebt, im dreifachen Wortsinn wie bei Hegel, wurde oben schon angedeutet. Eine gut lesbare Analyse am Beispiel der Komposition Chiffre I bietet Rudolf Frisius (Wandlungen des musikalischen Denkens über Form und Struktur im Spiegel der Musik von Wolfgang Rihm, in: Musik-Konzepte Neue Folge, Sonderband Wolfgang Rihm 2004, S. 75-92), der übrigens, ohne es zu sagen, auch deutlich macht, dass Rihms Folge von "Klangereignissen" ähnlich gebaut ist, wenn auch nicht klingt, wie die Folge von "Strukturklängen" in den Kompositionen Helmut Lachenmanns. Also, das ist musikalischer Fortschritt, und ich wüsste nicht, welchen es sonst noch in den letzten Jahrzehnten gegeben haben sollte. Avantgardemusik kann die Errungenschaft von Brahms in sich aufnehmen, noch nach der Radikalkur des Serialismus: entwickelnde Variation, musikalische Prosa, Komponieren als verlangsamte Improvisation. Diese Synthese von langue und parole, Struktur und Ereignis reicht zweifellos in die Zukunft, deren Umriss uns rätselhaft ist.

Rihm hat so wenig wie Nietzsche, auf den er oft zurückkommt, ein Problem damit, die erhoffbare Zukunft mit dem Wort "Gott" zu bezeichnen. Nur kommt dieser Gott eben nicht. Wege zur Zukunft müssten erst gebahnt werden, aber wie? Vor diesem Hintergrund kann er auch Musikstücke schreiben, die das Sakrale anklingen lassen. Er sagt zwar, dass er "wahrscheinlich religionsunfähig" sei. "Ich werde nie jemand sein, der sein Heil in eine religiösen Disposition, in einer religiös motivierten Transzendenz suchen wird." Aber: "Aus der Bibel kommt [...] der größte Ansturm an Zweifeln. Man fasst biblische Religiosität falsch auf, wenn man sie nur als affirmativ zum Gottesverständnis hin artikuliert. Das ist natürlich klar, dass zum Gottesbegriff dazu gehört, dass man mit ihm ringt. Das ist klar." (...ZU WISSEN. Ein Gespräch von Rudolf Frisius und Wolfgang Rihm, in: Dieter Rexroth [Hg.], DER KOMPONIST WOLFGANG RIHM, Frankfurt/M. 1985, S. 17-59, hier S. 28 f.)

 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 14.09.2011 um 18:51
Hallo Michael Jägers,
Das heißt, Teile eines "Versuchs" werden in den nächsten überführt und dort anders fortgesponnen. Es ist eine offene Bewegung musikalischen Nachdenkens.
...
...so, dass das Folgende das Vorangehende frei kommentiert.
spannend, Strukturklang, ja, vielleicht ist der Zeltplatz vor der Stadt ein guter Ort...
Streifzug schrieb am 14.09.2011 um 19:03
Michael Jäger natürlich, ohne s :)

Ich denke, der Zeltplatz vor der Stadt ist sogar ein idealer Ort. Immer schon gewesen. Wie die Brandung. Nicht im Wasser, nicht an Land, in der Brandung, da geschieht das Spannende, da entsteht das Neue.
Michael Jägers Musikblog schrieb am 14.09.2011 um 23:58
Zeltplatz vor der Stadt, die erst noch gebaut werden müßte?
Streifzug schrieb am 15.09.2011 um 00:32
Das trifft sich gut, bin gerade wieder da.

Mein Fehler, hab den Bezug nicht dargelegt:

Strukturklang, Lachenmann erhielt 72 den Bach-Preis - Hamburg. Der Senator sagte zu ihm: "Wenn ich lhre Musik gekannt hätte, hätte ich lhnen einen Zeltplatz vor der Stadt angeboten."

Nicht nett. Eine auch heute noch mögliche Reaktion auf die Art der Musik. Allerdings sehe ich das "Angebot" positiv. Mit Zeltplatz vor der Stadt verbinde ich eine ganz bestimmte Vorstellung. Die einen kommen raus aus ihrer Stadt, die anderen gehen rein ins Zelt, vom sternklaren Himmel sind sie nur durch eine luftige Zeltplane getrennt, alle verbindet die Musik - Strukturklang.
Michael Jägers Musikblog schrieb am 15.09.2011 um 00:55
Aha, das gefällt mir. Unter dem Pflaster ist der Strand, über dem Zeltdach der Himmel. Der Senator ist ehrlich, das geschieht wahrscheinlich nicht oft. Lachenmann will ja gar nicht auf gleichgültige Friedlichkeit stoßen.
Streifzug schrieb am 15.09.2011 um 11:41
Strukturklang, Formklang, Klangform. Interessante Gedankenformen.

Die gewünschte geistige Konzentration, das Durchdringen der Oberfläche des alltäglichen Scheins, das Eindringen in eine alternative Welt, all das kann ein Abenteuer sein. Abenteuer und Veränderung. Veränderung der Hörgewohnheiten. Eine Veränderung der Hörgewohnheiten im alten Umfeld? Nur der Hörgewohnheiten?

Dann kann man auch in Ägypten bleiben. Singsang, Meditation und Verinnerlichung modifizieren und alles wird gut. Warum dann gehen? Warum das gewohnte Umfeld verlassen.

- Die Konzentration des Geistes, zuhause, im Sessel, mit geschlossenen Augen, alleine.

- Die Konzentration des Geistes, in gewohntem Umfeld, im Konzertsaalsessel, mit geschlossenen Augen, alleine unter Vielen.

- ...

- Die Konzentration des Geistes, in neuem Umfeld, gehend, mit offenen Augen, Ich und Du.

Wo bleibt das gewünschte, geforderte Eindringen in die Welt? Wenn man sich nicht mit einem Mikrokosmos zufrieden gegen will, welcher im Laufe der Zeit vom Kapitalismus entweder eingehegt oder ausgegrenzt wird, dann sollte man sich etwas umfassender auf die Socken machen :)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.09.2011 um 03:22
Ach, was sich alles im Netz so wunderbar reizend besprechen lässt... ja, wir machen eine Revolution... ja, wir gehen dem Morgenrot entgegen... ja, wir machen uns umfassend auf die Socken... ja, wir werden Solidarität ausüben... ja, wir werden "Ich und Du"... ja, wir sind alle Prometheen, solange wir uns hinter ein paar Buchstaben verstecken können, aus denen unser Nick besteht. Okay Leute, träumt weiter über Eure Zeltplätze, die es nie geben wird. Gott, bin ich froh, dass ich nicht mehr lange in diesem Land bin...
Streifzug schrieb am 16.09.2011 um 09:32
Lara,

nun beiß dich doch nicht immer an Nicks fest, hinter denen man sich angeblich versteckt.

Mein Zelt, es ist eher eine Jurte, sehr groß, man kann drin leben, gibt es real, an einem sonnigen Hang, eigene Quelle, frische Luft, Morgenrot, wunderbarer Blick, handangelegte, terassenförmige Bepfanzung...

Jede Revolution beginnt in einem selbst.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.09.2011 um 09:52
Ach, ich beiße mich nicht (nur) an Nick und nicht nur bei Dir, und verstanden hast Du viel mehr als Du zeigst.

Bei der Zeltbeschreibung hast Du Automat für Bahnsteigkarte am Eingang vergessen.

Ja, jede Revolution beginnt in einem selbst... allerdings glaube ich, dass wir diesen Gedanken unterschiedlich auslegen. Auf jeden Fall ist meine Revolution nicht Deine Revolution... und umgekehrt.
Streifzug schrieb am 16.09.2011 um 11:20
...kein Automat für Bahnsteigkarte, nimm ein Eselchen, der bewegt sich in dem Gelände sicher.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.09.2011 um 11:55
Ein Eselchen? Eigentlich bin ich mir nicht sicher, ob ein Eselchen mit mir zusammen auf den Besen passen würde... aber wenn Du es als ein Teil des revolutionären Experiments betrachtest, dann werde ich natürlich sofort ganz schwach und kann nicht widerstehen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.09.2011 um 12:40
Wobei ich eigentlich zugeben muss - so ganz abstrahiert - dass die Idee mit den Zelten gar nicht schlecht war... das ist aber auch so, dass es mit den Zelten sich bei mir wahrscheinlich auf andere Gedanken und Erfahrungen bezieht. Über diese Gedanken und Erfahrungen werde ich heute ein Blog schreiben.

Das mit der Brandung war auch gut von Begriff... "Des Herzens Woge schäumte nicht so schön empor und würde Geist, wenn nicht der alte stumme Fels, das Schicksal, ihr entgegenstände" (Hölderlin)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.09.2011 um 12:41
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.09.2011 um 12:45
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.09.2011 um 12:46
Ehemaliger Nutzer schrieb am 18.09.2011 um 15:13
ChristianBerlin schrieb am 15.09.2011 um 12:19
Lieber Michael,

starker Text über starke Musik.

Ich ärgere mich fast, beschlossen zu haben, dass die Karten zu teuer sind. In den 80ern haben meine Frau und ich Wofgang Rihm noch zum 0-Tarif als Muwis in Berlin erlebt (u.a. die öffentliche Generalprobe seiner Ödipus-Uraufführung 88 mit den von wem auch immer bestellten Buh-Rufern) oder für 10 DM beim S-H Musikfestival in der Scheune.

Einmal an solche Preise gewöhnt (und wohl auch nicht mehr in der Lage, solche Besprechungen zu schreiben) begnüg ich mich momentan mit "religiös motivierter Transzendenz" als Billigvariante, wie so viele, die die Kohle tatsächlich nicht (über-)haben oder denen die Bildung fehlt, um an solchen Entwicklungen der musikalischen Gegenwartskultur der E-Musik mitvollziehend dranzubleiben.

Im selbstgewählten Elend eines inzwischen restlos Abgehängten war mir die Lektüre Deines Textes ein echter Trost. Nicht, weil ich den umsonst lesen konnte, sondern weil aus ihm hervorgeht, dass es andere gibt, die dieses Dranbleiben hinkriegen.

LG Christian
Streifzug schrieb am 15.09.2011 um 12:54
Lieber Christian, lieber Michael,

das obige meine ich (auch) mit einem Zeltplatz vor der Stadt. Musikfestival in der Scheune, erschwinglich - oder Konzert, unbezahlbar.

Es scheint, als wäre auch diese Musik schon eingehegt ins System.
Michael Jägers Musikblog schrieb am 15.09.2011 um 13:55
Lieber Christian, ich hab die Kohle ja auch nicht, aber ich bin "Pressevertreter" und so gehts dann und ich lasse Dich in dieser Form dran teilnehmen. Freut mich, wenn es ein bißchen gelungen ist. Lieber Streifzug, die Musik ist natürlich eingehegt - alles ist eingehegt -, aber so, denke ich, wie die Bombe im Papierkorb.
lisi stein schrieb am 15.09.2011 um 14:29
@Christian Berlin & Michael Jäger

Spontaner Besuch am 13.09. in der Philharmonie, es gab problemlos gute & günstige Karten an der Abendkasse.

Herr Jäger, schreiben sie zufällig auch über das Konzert vom 13., Rihm im Programm und vor allem würde mich interessieren was sie über Cameron Carpenters Orgelspiel & Interpretationen denken? Danke.
Streifzug schrieb am 15.09.2011 um 15:09
"alles ist eingehegt"

Nix da. Falls doch, dann



Michael Jäger, im Bauch des Ungeheuers Leviathan.

Nach einer üblicherweise zum Schawuot vorgetragenen Hymne namens Akdamut bzw. dem Talmud-Traktat Baba Bathra kommt es nach der Schlacht von Harmagedon am Ende der Zeiten zu einem Kampf zwischen den Ungeheuern Leviathan und Behemoth, bei dem dieser seinen Widersacher mit seinen Hörnern aufzuspießen sucht, während Leviathan nach dem Landungeheuer mit seinen Flossen schlägt.

Schließlich wird der Herr beide mit seinem mächtigen Schwert erschlagen und das Fleisch der beiden Ungeheuer gemeinsam mit dem des Vogels Ziz den Rechtschaffenen zur Speise geben. Aus ihrer Haut indes wird er ihnen Zelte und Baldachine machen.
Michael Jägers Musikblog schrieb am 15.09.2011 um 16:31
Na dann guten Appetit beim Lagerfeuer!

Liebe Lisi, nein, am 13. war ich leider nicht dabei.
Streifzug schrieb am 15.09.2011 um 16:58
...es gibt außerdem das Zelt-Musik-Festival in Freiburg. Die Veranstaltung ist auch schon komplett eingehegt :)

miauxx schrieb am 16.09.2011 um 14:41
@Michael Jäger

"Es ist eine offene Bewegung musikalischen Nachdenkens. (...) so nämlich, dass die Klangereignisse nicht von einer vorgegebenen Struktur abhängig sind und dass auch nicht ein Klangereignis das nächstfolgende determiniert, sondern umgekehrt so, dass das Folgende das Vorangehende frei kommentiert. Frei, aber nicht beliebig, verbindlich vielmehr, wie man sagen könnte. Denn eine Antwort - ein Kommentar - ist durch die vorausgegangene Frage gebunden, in deren Raum und Grenzen sie sich bewegt. Noch wenn sie die Grenzen überschreitet, muss sie das ausdrücklich tun. Auch das noch ist Verbindlichkeit."

Das ist eigentlich nicht nachvollziehbar. Keine Determination durch Struktur, aber das Nachfolgende stellt den Bezug zum ihm Vorangegangenen her und sei dabei nicht an eine Erwartung gebunden? Wenn ich mich recht erinnere, hat Rihm mal sinngemäß gesagt, dass die Musik der Spannungsmoment zwischen dem gerade Vergangenen und dem Kommenden sei. Damit hebt er also auf die Bindungskräfte zwischen Klangereignissen ab, die zusammen wiederum ein Ereignis, die Musik, herstellen. Allein solitäre Klangereignisse ergeben für "uns" keine Musik. Auch wenn Musik hier zunächst auf das Klangliche reduziert wird, stimmt das natürlich und ist eine schöne Beschreibung.

Pierre Schaeffer wiederum klagte einst, dass der Hörer tonaler Musik so konditioniert sei, dass er gar nicht mehr wirklich zuhöre, weil er immer schon verstanden habe. Schönberg forderte lange davor eine gewissermaßen neue Romantik; eine Entdecker- und Abenteuerlust, die das vermeintlich Unverständliche sucht.

Wenn man nun eine Struktur erkennen will, die nicht nur "gewohnte" Bindungskräfte längst aufgelöst hat, sondern das Nachfolgende als "freie" Kommentierung des Vorhergehenden versteht, ergibt sich zwangsläufig eine Kette von Unverständlichem und Referenzlosigkeit.
"Frei, aber nicht beliebig, verbindlich vielmehr"; "Von Riss zu Riss" - das würde selbst wiederum der oben zitierten Auffassung Rihms von musikalischer Struktur widersprechen. "Frei, aber nicht beliebig", aber trotzdem "verbindlich"??

Wie auch immer man die Musik Rihms und anderer hören mag: Das Hören von Struktur und kompositorischem Vermögen überhaupt, das Nachvollziehen eines vielleicht gemeinten Diskurses um Außermusikalisches und Innermusikalisches und umgekehrt, ist wohl nur über den intensiven Nachvollzug nahezu der gesamten abendländischen Musikgeschichte, wenigstens aber der des 20. Jh., möglich.
In der "Neuen Musik" zwischen "frei" und "nicht beliebig" zu unterscheiden, bleibt leider eine sehr exklusive Veranstaltung.
Da hilft es auch nicht, stets die Helden der Vergangenheit, wie etwa Mahler, herbei zu zitieren.

"Der Serialismus ist Rihms Musik hörbar vorausgesetzt." Schön immerhin, dass die sture Doktrin einer "unkorrumpierbaren musikalische Sprache", man denke nur an Adorno, mittlerweile überwunden ist.
Mit Behauptungen wie "hörbar" habe ich trotzdem noch meine Probleme. Vielleicht sollte mit der Überwindung des Dogmatismus, wie er lange seit der Nachkriegszeit herrschte, sich auch eines Diskurses entledigen, der allzu sehr im berühmten Elfenbeinturm stattfindet.
j-ap schrieb am 16.09.2011 um 16:00
"Pierre Schaeffer wiederum klagte einst, dass der Hörer tonaler Musik so konditioniert sei, dass er gar nicht mehr wirklich zuhöre, weil er immer schon verstanden habe."

Damit ist immerhin klar, daß Boulez seinerzeit nicht völlig unrecht hatte, als er Schaeffer einen "tollen Mechaniker" nannte: Der Inschenör, der Inschenör, tut sich mit Musike schwör.

Davon aber abgesehen hält Ihr Kommentar eine Einrede parat, die trifft: Daß nämlich Herr Jäger im Verfolg seiner Blogs bislang eines schuldig geblieben ist, nämlich die Sache, über die hier geredet wird, vom Kopf auf die Füße zu stellen und seinen Lesern mal zu erklären, in welchem Zusammenhang die Serielle Musik überhaupt steht. Das ist übrigens gar kein Vorwurf an Herrn Jäger, aber er läuft damit eben Gefahr, so mißverstanden zu werden wie von Ihnen gerade, miauxx, der Sie sogar die ältesten "kritischen" Gemeinplätze ("elitär", "exklusiv", "Elfenbeinturm") aufsagen müssen, um ein allerdings richtiges Moment am hier Gesagten noch notdürftig festzuhalten.

Dabei ist die Sache selbst sogar ziemlich einfach und präzise erklärlich (wobei ich mir völlig im Klaren darüber bin, daß ich im Folgenden einer ganzen Reihe hochmögender Musik"wissenschaftler" auf die Füße steige):

Man hat tatsächlich schon das Entscheidende an der Musik erfaßt -- und viel mehr hat noch nie irgendwo ein Harmonielehre-Adept zu lernen bekommen -- wenn man begreift, daß die für die Klassik (und d.h. mittelbar auch: für die heute gängige Populärmusik, die darüber nie hinausgekommen ist) charakteristische Gegenübersstellung von steigender und fallender Melodielinie Periodizität nach sich zieht und auf diese Weise musikalische Form konstituiert.

Ist das erst einmal klar, ergibt sich alles weitere von selbst (ich weiß: die Regeln der Harmoniebildung habe ich damit noch nicht berücksichtigt, gerade die sind aber mechanischer, also bezüglich Kunst"sinnigkeit" voraussetzungsloser als die vorgestellten Formen).

Das bedeutet, daß jeder Ton in einem Zusammenhang steht, der sich selbst jeweils auf eine Identität bezieht, sei es nun 1. der tonal strukturierte Tonhöhenraum, 2. das "Figürliche" und gehörmäßig Identifizierbare der Motive (i.e. Zusammenhang von Rhythmus und Intervall) oder 3. das Widersprüchliche des Themas (i.e. aufsteigende und absteigende Melodielinie).

Das ist exakt der Horizont, vor dem etwa die Zweite Wiener Schule und nach ihr der Serialismus zu denken ist.
Michael Jägers Musikblog schrieb am 16.09.2011 um 17:03
@ miauxx
Natürlich ist das Nachfolgende an die Erwartung gebunden. Das eben ist die "Bindung", und wenn eine Musik es sich angelegen sein läßt, immer auf die Erwartungen zu reagieren, die sie selbst erzeugt, was einschließt, daß sie eine Erwartung enttäuscht, aber so, daß eben dies wieder hörbar ist, dann ist sie "verbindlich". Aber eine Reaktion auf eine Erwartung ist keine Determiniertheit durch diese Erwartung. Meine Erklärung für das scheinbare Paradox "frei, aber nicht beliebig, vielmehr verbindlich" folgt dch gleich im nächsten Sätz: Es ist, als wenn sich eine Antwort auf eine Frage bezieht. Die Frage, z.B. wie spät es sei, schafft eine Erwartung, nämlich daß Sie etwas wie "halb Drei", "kurz vor Zwölf" oder so antworten, nicht aber z.B. "Ihr Schlips ist grün". Die Erwartung determiniert nicht, sondern läßt dem Antwortenden die Freiheit, eine von allen denkbaren Antworten zu geben, und alles Denkbare, das ist eine ganze Menge, aber es ist nicht alles Mögliche, also nicht beliebig. Wenn Sie antworten "28 Uhr", ist das auch nicht völlig beliebig, sondern eine Provokation, also dergleichen könnte in der Musik noch unter "frei, aber nicht beliebig" laufen (im Alltag der Uhrzeitfrage natürlich nicht). Wenn Sie fragen "Warum ist NN gegangen?" und geantwortet wird "Er ist gar nicht gegangen", entspricht das nicht Ihrer Erwartung, ist aber dennoch eine völlig "verbindliche" Reaktion auf Erwartung und musikalisch in Analogie oft anzutreffen, auch schon in tonaler Musik. Noch einmal: "Erwarten" und "Determinieren" sind zwei völlig verschiedene Dinge.
miauxx schrieb am 16.09.2011 um 22:47
@ M. Jäger

Wenn die Enttäuschung von Erwartung erkennbar Methode hat, also nicht wie ein Unfall daher kommt, dann läßt sich ein Kunstwerk als solches, als eine planvolle Konstruktion, erkennen und kann so für den Geneigten eine besonders interessante Tiefe erzeugen. Freilich auch immer noch Abscheu. Mitunter ist dem unmittelbaren Affekt aber auch zumindest etwas Analyse hinzuzusetzen, was durchaus den Genuß befördern kann.

Wenn Schaeffer, wie auch schon Schönberg vor ihm, beklagte, dass der Hörer tonaler Musik gar nicht mehr zuhöre, meint er zuerst und in freilich polemischer Weise, dass derselbe gar nicht wirklich zuhören wolle. Damit markiert er aber auch, immerhin noch in der zweiten Hälfte des 20. Jh., den Zustand, dass ein breiter Nachvollzug der "E-Musik" des 20. Jh. nie wirklich stattgefunden hat. Ausnahmen bestätigen auch hier freilich die Regel.

Die Frage ist also, welche Erwartung bei Rihm überhaupt enttäuscht werden kann. Um mal bei dem Vergleich mit der Uhrzeitfrage zu bleiben, kann ich etwa fragen: Hat er jetzt nicht doch eher etwas wie "Ihr Schlips ist grün" geantwortet? Vielmehr aber noch: Ist hier überhaupt eine Gegenbezüglichkeit vorhanden? Antworten, die einem "28 Uhr" auf die Frage nach der Uhrzeit entsprechen, hat es in der abendländischen Musikgeschichte fast "schon immer" gegeben. Zum Glück, möchte man sagen. Da wurde sich zwar auch mehr oder weniger drüber erregt. Aber worüber erregte man sich? Eben über die Überschreitung der möglichen Antwort, die aber als solche erkennbar war. So etwa i.F. der unvorbereiteten Dissonanzen bei Monteverdi oder vielleicht auch des Dominantseptakkordes als Eröffnungsklang (!) von Beethovens 1. Sinfonie.

"Dummerweise" und offenbar schlagartig hörte diese Referenzierbarkeit mit einem Großteil der Musik des 20. Jh. auf; namentlich mit dem, was Zweite Wiener Schule genannt wurde. Vom Serialismus und ff. ganz zu schweigen.
(Damit will ich jetzt um Gottes Willen keine Rede wider die Neue Musik entfalten. Wo wären wir, wenn Kunst stets Affirmation bedeuten würde?!)
Genau deshalb werden vermeintliche Tatsachen wie "hörbar" aber nicht wahr.

Das Reden über Musik ist ohnehin schon schwierig genug. Die gesamten theoretischen Gedankengebäude und Regeln, die Formen- und Harmonielehre des 19. Jh., wie sie noch bis heute die musikalische Grundausbildung bestimmen, erklären aber auch die Musik, aus der sie exzerpiert wurden, nur bis zu einem bestimmten Punkt. Damit wird zwar eine Menge hörbar, eben das, was enkulturiert und Gewöhnung, kurz, die musikalische "Muttermilch" ist; letztlich bleibt sie
aber nur eine Krücke. Auch sie offenbaren nicht das Wahre der Musik.
Zwölftonmusik ist schon nicht mehr wirklich zu hören. Ich glaube keinem, der mir sagt, er höre die Struktur einer dodekaphonischen Komposition. Aber ein jeweiliges Stück kann mir trotzdem gefallen!

Insofern meine ich, dass sich Verbindlichkeit in der Musik Rihms (nach m.E. nicht das beste Bspl.; gehört er viell. doch noch zu den "Verständlichsten") nur schwer zu vermitteln vermag. Wo schon bei Schönbergs dodekaphonischen Kompositionen die Referenzialität im Hören aufhörte, war sie im Serialismus eben so wenig vorhanden.
Das Reden über Neue Musik im Tone des Redens über die Musik des 16. bis 19. Jh. bleibt so also besonders eine des "Elfenbeinturmes".

Ich erinnere mich an eine Podiumsdiskussion auf den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik im Jahr 2008 (u.a. mir Isabel Mundry u. Marco Stroppa lt. meiner Erinnerung), wo nicht nur die Bezugfähigkeit der Kompositionen Neuer Musik, ihrer Formen und Ausdrucksweisen, zur Gesellschaft, sondern auch die Art des Redens darüber zur Disposition standen. Das fand ich damals recht erfrischend - auch wenn nicht so viel dabei herausgekommen ist.
Wie gesagt: Mir ist nicht an Polemik gegen "die" aktuelle "E-Musik" (eigtl. auch ein scheußlicher Begriff) gelegen. Nur mit Erklärungsmustern, die auf "Verbindlichkeit" und "Hörbarkeit" abheben, habe ich so meine Probleme.

So, jetzt reichts aber für einen Kommentar.
Danke aber auf jeden Fall für Ihren Musikblog, Herr Jäger. Möge er uns hier erhalten bleiben! :-)
miauxx schrieb am 16.09.2011 um 23:00
@j-ap

"Damit ist immerhin klar, daß Boulez seinerzeit nicht völlig unrecht hatte, als er Schaeffer einen "tollen Mechaniker" nannte: Der Inschenör, der Inschenör, tut sich mit Musike schwör."

Hat das Boulez mal gesagt? Da staune ich schon! Naja, für mich ist Boulez, wenn man bei seiner Ausdrucksweise bleiben will, nicht minder "Mechaniker" oder, wie Sie es sagen, "Inschenör".
Aber in der Aussage an sich müßte Boulez doch Schaeffer eigentlich zustimmen!? Da verstehe ich Ihr "damit ist immerhin klar" nicht.
Ansonsten ging es mir weniger um einen Zusammenhang zwischen Rihm und Serialismus bzw. wie Serialismus aufzufassen sei (btw: "Das ist exakt der Horizont, vor dem etwa die Zweite Wiener Schule und nach ihr der Serialismus zu denken ist." - ja, vor welchem Horizont sonst?), sondern mehr um den Diskurs über das Reden über die sogenannte Neue Musik. Dazu aber nochmal Erklärendes in der Antwort an M. Jäger.
Michael Jägers Musikblog schrieb am 17.09.2011 um 01:36
Lieber miauxx, Ihre Zweifel an meiner "Rechtfertigung" von Rihm kann ich natürlich nachvollziehen, und es ist ja auch nur ein Versuch von mir, gedacht und geschrieben in Echtzeit. Es gibt indes, scheint mir, einen "objektiven" Weg, hier weiterzukommen: Man könnte darüber diskutieren, ob man die von mir oben genannte Analyse von Frisius, "Wandlungen des musikalischen Denkens...", überzeugend findet oder nicht.
Viele Grüße, M.J.
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