Wolfram Heinrich

Der Franze hat gsagt

09.02.2010 | 08:32

Die Currywurstfreßmaschine

Fernsehstudio, Dekoration einer morgendlichen Magazinsendung. Der Moderator biegt sich vor Lachen.

MODERATOR Abrupt ernst werdend Genug geblödelt. Das Wort hat die Wissenschaft. Wie immer berichtet unser Reporter Jobst Ruhland von der vordersten Front der Forschung.

Überblendung in ein bürgerliches Wohnzimmer. Auf der Couch sitzt Jens Wittkop, der hier zuhause ist, sowie der Reporter Jobst Ruhland. Auf dem Couchtisch vor Herrn Wittkop und dem Reporter steht eine zugedeckte Schüssel.

REPORTER Einen wunderschönen Guten Morgen wünscht Ihnen, liebe Zuschauer vor den Geräten, Ihr Reporter Jobst Ruhland. Deutet um sich. Dies ist kein bizarr ausgestattetes Forschungslabor, sondern das Wohn­zim­mer von Herrn Jens Witt­kop.

Jens Wittkop winkt grinsend in die Kamera.

REPORTER Herr Wittkop hat eine Curry­wurst­ma­schine erfunden.

WITTKOP Nickt stolz Jawoll. Denkpause Nö.

REPORTER Nö? Was heißt "nö"?

WITTKOP "Nö" ist Dialekt von hier und heißt auf deutsch soviel wie...

REPORTER Weiß ich selbst.

WITTKOP Nö! Heißt et nich. "Nö" heißt "nein".

REPORTER Ach! Ich meine: Wieso haben Sie keine Currywurstmaschine erfunden?

WITTKOP Weil die gibt's schon.

REPORTER Wirklich?

WITTKOP Gäb's sonst Currywurst?

REPORTER Also ich weiß nicht...

WITTKOP Ich schon. Muß einwandfrei laufen das Ding...

Der Reporter guckt Jens Wittkop irritiert an.

WITTKOP ...weil's so viele Currywürste gibt.

REPORTER Na ja.

WITTKOP Wollen Sie eine?

Jens Wittkop hebt den Deckel der vor ihm stehenden Schüssel kurz an, man sieht, daß sich darin ein ganzer Haufen heißer, mit Curry-Ketchup reichlich bedeckter Currywürste befindet. Daneben sind, ebenfalls mit Curry-Ketchup bedeckte, und deshalb wohl schon reichlich labbrige Pommes-Frittes zu sehen.

REPORTER Angewidert Nein! Was ich will, ist, daß Sie mir endlich sagen, was Sie erfunden haben.

WITTKOP Schnell, deshalb schwer verständlich Eine Curry­wurstfreßmaschine.

REPORTER Fast schreiend Eine was?

WITTKOP Langsam, wie für einen Idioten Eine Curry-Wurst-Freß-Maschine.

REPORTER Und was ist - bitteschön - eine... Indigniert ..."Cur­ry­wurst­freß­ma­schi­ne"?

WITTKOP Das ist eine Maschine, wo Currywurst fressen tut.

REPORTER Das dachte ich mir bereits.

WITTKOP Bewundernd Echt? Droht dem Reporter neckisch mit dem Zei­gefinger Manchmal glaube ich, Sie sind gar nicht so dumm, wie Sie tun.

Der Reporter ist angesichts dieses zweifelhaften Komplimentes vergrätzt, bewahrt aber professionelle Haltung.

REPORTER Ironisch Danke.

WITTKOP Es gibt ja schon Maschinen, die Gras direkt in Milch ver­wandeln, ohne Kuh. Is dann Pulver, gippse in Kaffee, rührste um und schmeckt dann fast wie Milchkaffee,

REPORTER Wenn man sehr starken Schnupfen hat.

WITTKOP Strahlt Ge - nau! Haben Sie's schon mal getrunken?

REPORTER Einmal. Seufzend Einmal zu oft.

WITTKOP Seh'n Se, dieses Problem vermeidet meine Cur­ry­wurst­freß­ma­schi­ne.

REPORTER Und wie?

WITTKOP Indem sie die Currywurst nicht in Milch, sondern in Scheiße verwandelt.

REPORTER Höhnisch lachend Und die schmeckt dann besser als Milchpulver?

WITTKOP Streng Ich weiß nicht, wie's bei Ihnen zugeht. Bei uns wird Scheiße nicht gegessen.

REPORTER Seufzend Dann zeigen Sie unseren Zuschauern mal Ihre famose Curry­wurst­maschine.

WITTKOP Currywurstfreßmaschine.

REPORTER Ja, doch.

Jens Wittkop schiebt mit einer Gabel eine Currywurst samt einer Por­tion Pommes Frites auf einen Teller, geht dann wenige Schritte hinüber zu der bewußten Maschine. Die Currywurstfreßmaschine ist ein etwa wasch­maschinengroßer Blechkasten.

WITTKOP Ich öffne jetzt diese Klappe...

Jens Wittkop öffnet eine Klappe an der Vorderfront.

WITTKOP ...und lasse die Portion Currywurst hineingleiten. Dann schalte ich die Maschine ein.

Er läßt den Tellerinhalt hineingleiten und schaltet die Maschine ein. Die Maschine surrt ein wenig, wenige Sekunden später gibt es ein signifikan­tes Geräusch und Jens Wittkop geht mit einem "Jetzt-paß-mal-auf-was-kommt"-Gesicht zur Rückfront.

WITTKOP Sooo. Fertig!

Jens Wittkop hält einen Nachttopf an eine Öffnung an der Rückfront, drückt auf einen Knopf und aus der kreisrunden Öffnung plumpst eine Kack­wurst in den Nachttopf. Er hält den Nachttopf dem Reporter hin.

WITTKOP Stolz Seh'n Sie!

Der Reporter weicht entsetzt zurück, hält sich die Nase zu.

REPORTER Energisch Tun Sie das so - fffforrrt weg!!!

Jens Wittkop stülpt eine Art Tortendeckel über den Nachttopf.

REPORTER Flach atmend, ironisch Sehr beeindruckend.

Jens Wittkop schaut stolz in die Kamera.

WITTKOP Krieg ich jetzt den Nobelpreis?

REPORTER Ironisch Möglich. Wenn Sie uns noch erklären können, wozu ihre Er­findung gut sein soll.

WITTKOP Es ist nämlich wegen der Wirtschaft und die Arbeitsplätze.

REPORTER Arbeitsplätze?

WITTKOP Jou. Weil früher konnte man nur was ausgeben, wenn man gear­beitet hatte. Heute kann man nur arbeiten, wenn man was aus­gibt. Richtig?

REPORTER Nun, es scheint mir etwas vereinfacht, aber im Prinzip...

WITTKOP Eben. Und für zum Arbeiten brauch ich Maschinen, zum Ausge­ben aber Leute.

REPORTER Äh...?

WITTKOP Und der Dings... wie heißt er nur? Der Lafontaine hat doch mal gesagt, daß Autos keine Autos kaufen.

REPORTER Wo er recht hat, hat er recht. Aber...

WITTKOP Aber meine Currywurstfreßmaschine frißt Currywürste. Mehr Cur­ry­wür­ste, als ich oder Sie oder wer je fressen kann. Das schafft Arbeitsplätze, das kur­belt die Konjunktur an.

REPORTER Klingt schön. Klingt jedoch auch... Sarkastisch ...ein wenig nach einem sinnlosen Karussell. All die schönen Currywürste herstellen, damit dann keiner eine Freude dran hat.

WITTKOP Oh, da haben viele ihre Freude dran. Wenn das Fernsehen darüber berichtet...

Jens Wittkop schaut den Reporter fragend an, der auf die Kamera deutet.

REPORTER Das tut es gerade.

WITTKOP ... will jeder sonne Maschine haben, um sie den Freunden und Nachbarn vorzuführen. Muß er also erstmal kaufen, freut sich Jens Wittkop. Dann braucht er Currywurst für zum Füttern vonnie Maschine. Muß er kaufen, freut sich der Metzger. Wittkop und Metzger müssen Steuern zahlen, freut sich der Finanzmini­ster. Nimmsse die Kackwuaß, gippse dann in'n Garten auffie Ge­müsebeete, kannsse dich gesund ernähren, freusse dich selber.

Der Reporter schaut nachdenklich ins Leere.

REPORTER Und Sie meinen wirklich, das kaufen die Leute?

WITTKOP Jou, mein ich. Is wie beim Handy. Braucht keiner, kauft aber jeder, damit alle sehen, daß jeder ein Handy hat. Ich hab jetzt auch eins. Wollen Sie es sehen?

REPORTER Entschieden Nein! Sagen Sie: Haben Sie eigentlich schon das nötige Geld beisammen, um Ihre Maschine großtechnisch produzieren zu kön­nen?

Jens Wittkop, der offensichtlich daran noch überhaupt nicht gedacht hat, schaut irritiert.

WITTKOP Nö.

REPORTER Nachdenklich, fiebrig Ich hätte da einiges Ersparte... Dürfte ich mal Ihr Telefon...

WITTKOP Stolz Mein Handy.

REPORTER ...Ihr Handy benutzen?

WITTKOP Strahlend Jou.

Jens Wittkop erhebt sich hastig vom Sofa und eilt diensteifrig davon, dem Reporter das Handy zu holen. In seiner Eile verhaspelt er sich am Couchtisch, er kommt ins Stolpern und fällt gegen die Currywurstfreßma­schine. Die eine Seite der Metallverkleidung der Maschine zerbricht. In der Maschine sitzt, ziemlich eingezwängt, ein dicker Mann, der - immer noch an der angeblich längst verdauten Currywurst kauend - verlegen den Reporter anlächelt. Neben sich hat er einige vorbereitete, sauber in Plastikfolie verschweißte Kackwürste liegen.

Jens Wittkop in einem verzweifelten Versuch, die Katastrophe zu igno­rieren:

WITTKOP Krieg ich jetzt den Nobelpreis?

REPORTER Nein!!!

* * *

Nachbemerkung:

Diesen Sketch habe ich seinerzeit auf gut Glück für die "Wochenshow" geschrieben, das heißt, ich wollte Brainpool den Sketch verkaufen und mich gleichzeitig als ständiger Freier Autor empfehlen. Wer die "Wochenshow" kennt, wird unschwer das Grundmuster von "Herbert Görgens" im Sketch erkennen.

Bei Brainpool waren sie damals nicht dran interessiert, so daß ich jetzt zwar die Namen geändert habe, sonst aber nicht viel.

 

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 10.02.2010 um 13:02
Interessant!

rr
Wolfram Heinrich schrieb am 10.02.2010 um 15:11
@ruhrrot
Interessant!

Hm. Wenn Alfred Biolek in seiner Kochsendung das Gericht eines Gastes kosten mußte und es ihm sichtlich nicht schmeckte, pflegte er - höflich wie er ist - zu sagen, es schmecke "interessant".

Ciao
Wolfram
poor on ruhr schrieb am 11.02.2010 um 12:48
So habe ich das aber nicht gemeint.

rr
Wolfram Heinrich schrieb am 11.02.2010 um 14:23
@ruhrrot
So habe ich das aber nicht gemeint.

Das dachte ich mir schon. :o)

Ciao
Wolfram
Katharina Körting schrieb am 11.02.2010 um 14:29
Meine Oma nötigte sich in solchen Fällen zu einem "...sehr apart".
Wolfram Heinrich schrieb am 11.02.2010 um 14:34
@katharina
Meine Oma nötigte sich in solchen Fällen zu einem "...sehr apart".

Auch nicht schlecht.

Ciao
Wolfram
Katharina Körting schrieb am 11.02.2010 um 14:45
ja, gerade grobe Unwahrheit/Feigheit/ Höflichkeit/Benimmlichkeit - das Aparteste bitte aussuchen - sollte Stil haben ;)
Wolfram Heinrich schrieb am 11.02.2010 um 14:54
@katharina
ja, gerade grobe Unwahrheit/Feigheit/ Höflichkeit/Benimmlichkeit - das Aparteste bitte aussuchen - sollte Stil haben ;)

Ach, ich weiß nicht, weder das "interessant" noch das "sehr apart" sind wirklich gelogen. Die Begriffe sind so nichtssagend, daß man eigentlich mißtrauisch werden könnte. Es ist so, wie wenn mich einer beschreibt und ihm nichts anderes einfällt als "nett".

Ciao
Wolfram
poor on ruhr schrieb am 12.02.2010 um 12:39
@wolfram Heinrich
Vielen Dank fürr Dein Verständnis. Als ich kommentiert hatte, war noch kein Kommentar DRaUF, ABER ICH WOLLTE DEINEN BLOG MIT AUFMERKSAMKEIRT VERSEHEN, WEIL ICH MEINE, DASS Dein Schreiben Anerkennung und Aufmersamkeit verdient.
Schade dass meine Bezeeichnug "Interessant" dabeben gelegen hat. Das nächste mal werde ich "Gut" schreiben.
Ich habe mir einen Aspekt rausgegriffen, was ich sehr positiv fand,nämlich dass Du den Sketch Brainpool angeboten hast.
Ich weiß das "Interessant" nicht sehr viel hergibt, aber das war gemeint. Ich hatte auch nicht viel Zeit und musste zum Ende meiner Internet-Sitzung kommen. Ich bin aber tratzdem authentisch und echt und nicht feige. Wer das glauben will, soll das glauben, aber ich weiß, was ich bin.

rr
Wolfram Heinrich schrieb am 12.02.2010 um 12:54
@ruhrrot
Das war jetzt aber schon hart an der Grenze zu einer Entschuldigung. Ich mein, ich könnte jetzt Vergeltung üben und mich bei dir dafür entschuldigen, daß ich dich mit meiner Antwort so verwirrt habe.

Bei manchen meiner Sätze mußt du dir einen Smiley dahinter denken. Richtige Smileys setze ich eigentlich nur dann, wenn ich ernsthaft Sorge habe, jemand könnte eine flapsige Anmerkung von mir in den falschen Hals bekommen.

Ach übrigens: Bei deinen letzten Blogs, die ich so gelesen habe, ist mir aufgefallen, daß du inzwischen erheblich lockerer und gewandter schreibst als vor einem halben Jahr. Ich wollte es neulich schon mal sagen, so sag ich es eben jetzt.

Ciao
Wolfram
poor on ruhr schrieb am 12.02.2010 um 12:56
@Heinrich Wolfram

Danke. Ich freue mich. ;O)

rr
Wolfram Heinrich
Der Franze hat gsagt, der Xaver wenn das noch hätt erleben können, sagt er, der hätt sich totgelacht.
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05:18
claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
05:13
Alien59 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
04:55
boldine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
04:50
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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