Wolfram Heinrich

Der Franze hat gsagt

14.08.2009 | 22:23

Ein Jud bleibt immer ein Jud - 2. Teil

Dieser Artikel ist die Fortsetzung von: www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/ein-jud-bleibt-immer-ein-jud---1-teil

Kirchenaustritte II

Obwohl heute die Religion für die meisten Menschen nur noch eine dekorative Rolle spielt, ge­hörte noch vor 15 Jahren die überwiegende Mehrzahl aller Bürger der Bundesrepublik Deutsch­land einer der großen christlichen Konfessionen an. Konfessionslose waren in der Bun­des­republik eine unbedeutende Minderheit von ein paar Prozent. Seit der Wiedervereinigung ist ihr Anteil drastisch in die Höhe gestiegen, denn in den neuen Bundesländern ist Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit der Normalfall.

In der DDR brachte es keinen Vorteil, einer Kirche anzugehören, im Gegenteil. Wer aus der Kir­che austrat, konnte dies ohne Nachteile für Beruf oder gesellschaftliches Ansehen tun. Der Ver­dacht, daß die Kirchenaustritte auf Druck geschahen, liegt nahe, wird aber durch die Er­fah­rung widerlegt, daß nach der Wiedervereinigung von der Möglichkeit des Wiedereintritts so gut wie kein Gebrauch gemacht wurde.

Die Tendenz zu einem säkularen, d. h. von der Religion kaum noch beeinflußten Denken und Le­ben ist überall in der westlichen Welt zu beobachten. Die in ihr lebenden Juden sind von die­ser Entwicklung nicht ausgenommen.

Strenggläubige Juden sind heute selbst in Israel eine kleine Minderheit. Die große Mehrzahl der israelischen Juden hat eine liberale oder achselzuckend hinnehmende oder bewußt ab­leh­nen­de Haltung gegenüber der Religion. Für die über den Rest der Welt verteilten Juden gilt dies eben­falls.

 

Streng gläubig - was sonst?

Seit dem modernen Menschen der Glaube an einen Gott und an ein Jenseits abhanden ge­kom­men ist, stufen wir die Glaubensstärke von Menschen gerne in einer Tabelle ab, vom streng­gläu­bi­gen Fundamentalisten über den nach Glaubensreform rufenden Modernisten bis zum Kir­chen­steu­erheiden.

Die drei großen monotheistischen Religionen - Judentum, Christentum und Islam - sind aber kei­ne Baukastenreligionen, aus denen ich mir je nach Gusto eine Weisheit hier, einen Glau­bens­satz da herauspicke, um mir eine private, kommode Individualreligion zusammenzubauen. Es sind Offenbarungsreligionen, ihr Glaubensinhalt ist in Heiligen Büchern festgelegt, an diesen Glaubenssätzen läßt sich nicht deuteln. Wem die Bibel Gottes Wort ist, dem muß sie es ganz sein. Wem die Bi­bel nicht Gottes Wort ist, mag ein ehrenwerter Mensch sein, ein Christ ist er nicht.

*     Da in der Bibel homosexueller Geschlechtsverkehr verdammt wird, ganz eindeutig ver­dammt wird, muß sich der homosexuelle Christ, der seiner sündigen Lust nachgibt, im Stan­de der Sünde sehen. Das Recht, dieses Verbot unvernünftig und unmenschlich zu fin­den, hat er; aber er hat es nicht innerhalb einer der christlichen Religions­ge­mein­schaf­ten. Punkt.

*     Das Wort des Apostels Paulus, das Weib habe in der Gemeinde zu schweigen, steht und gilt noch immer. Zwanglos ist daraus abzuleiten, daß Frauen kein Priesteramt in der Kir­che ausüben dürfen. Ich finde jede Menge Argumente gegen dieses Verbot in der Vernunft. In der Bibel finde ich sie nicht.

An einer Offenbarungsreligion ist nichts zu reformieren. Sie steht. Sie steht entweder ganz da oder gar nicht. Wer einen in den Heiligen Büchern formulierten Glaubenssatz aus ihr heraus­bricht, bringt das ganze Gebäude des Glaubens zum Einsturz.

Ich bin demnach entweder ein strenggläubiger Fundamentalist oder ich stehe bereits außerhalb des Glaubens.

Ich weiß auch, daß diese Beschreibung von Religiosität nicht die empirische Wirklichkeit wiedergibt. Diese Wirklichkeit ist vielmehr ein rechtes Durcheinander. Jeder holt sich aus der Bibel, aus der Überlieferung, das heraus, was ihm in den Kram paßt und tut das andere achselzuckend ab. Die Kirchengeschichte ist der Beweis für die Geschmeidigkeit im Anpassen an die jeweiligen Bedürfnisse. Wenn die Religion irgendwann irgendwo zwickt und zwackt geht man halt zum Änderungstheologen und läßt sie sich umdeuten. Dafür sind diese Leute schließlich da. Fachkundig machen sie den Glauben auf eine geschmeidige Weise passend und behaupten die jeweiligen Neuerung dann als ehern seiend.

Eine liberale, den Neuerungen aufgeschlossene Religiosität ist nichts weiter als eine spi­ri­tu­el­le Lebensversicherung. Ein Zipfelchen vom Glauben behältst du in der Hand, nur für den Fall, daß es nach dem Tode doch ein Jenseits geben sollte. Dann zeigst du dein Zipfelchen vor, gibst es für ein ganzes Kleid aus und hoffst, dich damit in die Ewige Seligkeit zu mogeln.

Religiöse Menschen in des Wortes eigentlicher Bedeutung sind Menschen, die sich ein Leben oh­ne Religion nicht einmal vorstellen können.

Als wirklich religiöser Mensch bin ich religiös ist einem tief-existentiellen Sinn. Das Transzendente existiert für mich so, wie das Butterbrot existiert, von dem ich abbeiße. Wenn Gott zu Abraham kommt und ihm sagt, er möchte doch bitte so freundlich sein und seinen Sohn opfern, dann schultert Abraham das Opferbesteck und macht sich, - seufzend, aber doch - auf den Weg. Das ist Religion und nicht das Entwerfen und immer wieder neu Entwerfen von theologischen Konzepten.

 Zumindest in den westlich geprägten Ländern sind religiöse Menschen in des Wortes eigentlicher Bedeutung - egal von welcher Religion die Rede ist - zu einer verschwindenden Minderheit geworden.

 

Eine Welt ohne Antisemitismus - eine Welt ohne Juden

Juden haben in der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte ungemein nachhaltige Spuren hin­terlassen. Das fängt lange vor der Jungfrau Maria buchstäblich bei Adam und Eva an und setzt sich nach Jesus über Baruch Spinoza und Albert Einstein bis zu Hans Rosenthal und Woo­dy Allen fort. Ein Abendland ohne Juden ist vorstellbar, wäre dann aber kein Abendland mehr.

Wie die Juden, so sind stets auch der Antijudaismus und später der Antisemitismus ständige, hochwirksame Faktoren in der eu­ropäischen Geschichte gewesen. Es ist ein interessantes Gedankenspiel, sich vorzustellen, was geschehen wäre, wenn es die Christenheit im Laufe der Jahrhunderte gelernt hätte, die un­ter ihnen lebenden Juden gelassen und selbstverständlich als Nachbarn anzusehen.

Ohne religiös begründete antijüdische Affekte - die sich später dann selbständig gemacht haben und ein Eigenleben entwickelten - hätte es in der Neuzeit keinen Anlaß gegeben, den hinfällig gewordenen Antijudaismus in einen rassisch begründeten Antisemitismus überzu­füh­ren. Niemand hätte also daran gedacht, ein jüdisches Volk, eine jüdische Rasse gar, un­ab­hän­gig von der mo­saischen Religion zu erfinden. Jüdische Identität hätte sich weiterhin ausschließlich durch die Zu­ge­hö­rig­keit zur mosaischen Religionsgemeinschaft definiert. Jeder Jude, der sich seiner Glau­bens­ge­mein­schaft entfremdet hätte und schließlich aus ihr ausgetreten wäre, hätte - vor sich selber und in den Augen der anderen - aufgehört, ein Jude zu sein.

Und ohne den ungeheuren Druck des Antisemitismus wären gleichgültig oder atheistisch gewordene Juden aus der mosaischen Glaubensgemeinschaft ausgetreten. Es hätten wahr­schein­lich mehr Juden ihre Religionsgemeinschaft verlassen, als tatsächlich Christen die ihrige, denn materielle Vorteile hätten sie nicht zum Verbleiben verlockt. Geblieben wäre die Minderheit der orthodoxen Juden.

Ohne den Antisemitismus gäbe es nur noch sehr wenig Juden auf der Welt.

Auch in Israel nicht. Vor allem nicht in Israel. Der Staat Israel ist das Produkt des europäischen Antisemitismus, der im Völkermord der Nazis seinen Höhepunkt erreichte.

 

Ohne Antisemitismus hätten es sich die Juden in Europa und Amerika bequem einrichten können. Niemand, von wenigen, viel zu wenigen religiösen Fundamentalisten abgesehen, hätte die nötige Power entwickelt, nach Palästina auszuwandern, um dort gegen enorme Widerstände den Staat Israel zu gründen. Nur der ständige, manchmal lästige, fast immer demütigende und oftmals auch lebensgefährliche Antisemitismus hat den nötigen Druck erzeugt, den Traum vom zionistischen Staat zu verwirklichen.

 

 

Nachbemerkung:

Manchmal passieren einem ganz merkwürdige Dinge. Du siehst etwas, du merkst, daß da was nicht stimmen kann und du wunderst dich, daß das anscheinend keinem auffällt. Also setzt du dich hin und schreibst einen Text, in dem du darlegst, was dir aufgefallen ist und warum es nicht stimmen kann.

Und dann ist der Text draußen und irgendwann später fällt dir ein Aufsatz in die Hand und dir wird klar, daß du nicht der erste bist, dem die Merkwürdigkeit aufgefallen ist.

Am 22. Juli 2002 war in der "Neuen Zürcher Zeitung" ein Aufsatz von Michael Brenner mit dem Titel "Antisemitismus und moderne jüdische Identität" erschienen.

Dort liest man unter anderem:

Ein grosser Teil der liberalen deutschen Juden organisierte sich, wachgerüttelt von den politischen Erfolgen der Antisemiten im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, im «Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens», während andere, die sich wie der erste bayrische Ministerpräsident, Kurt Eisner, längst von ihren Bindungen zur jüdischen Religion und Gemeinde losgesagt hatten, bekräftigten: "Solange das Judentum noch eine verfolgte Gemeinschaft ist, will ich mich nicht von ihr lossagen." Später sollten bereits getaufte Juden, wie Emil Ludwig oder Arnold Schönberg, auf unterschiedlichste Art und Weise wieder ihren Weg zurück zum Judentum finden - in beiden Fällen inspiriert durch Begegnungen mit dem Antisemitismus.

Der Antisemitismus als ein internationaler Verein zum Erhalt des Judentums also? Am bekanntesten vertrat diese These kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs Jean-Paul Sartre: "Weder ihre Vergangenheit noch ihre Religion, noch ihr Boden vereinen die Söhne Israels. Wenn sie ein gemeinsames Band haben, wenn sie alle den Namen Jude verdienen, so weil sie eine gemeinsame Situation als Juden haben, das heisst in einer Gesellschaft leben, die sie für Juden hält. Mit einem Wort, der Jude ist durch die modernen Nationen völlig assimilierbar, aber er wird als derjenige definiert, den die Nationen nicht assimilieren wollen. Auf ihm lastet von Anbeginn, dass er der Mörder Christi ist. (Vgl. hierzu meine obigen Anmerkungen zum logischen Wahnsinn dieser Beschuldigung.) Der Antisemit macht den Juden... Der Jude ist ein Mensch, den die anderen Menschen für einen Juden halten", behauptet Sartre...

(...)

Die These freilich, dass der Judenhass für das Überleben der Juden verantwortlich ist, reicht weiter zurück als der Begriff Antisemitismus und hat einen jüdischen Urheber, den Philosophen Baruch Spinoza: "Heutigentags haben daher die Juden gar nichts mehr, was sie sich vor allen Völkern zuschreiben können . . . Dass aber der Hass der Völker es ist, der sie in erster Linie erhält, das hat schon die Erfahrung gezeigt", teilte der holländische Denker sephardischer Herkunft den Lesern seines "Theologisch-politischen Traktats" mit.

Seitdem haben Juden immer wieder, verstärkt freilich in den letzten beiden Jahrhunderten, auf die Judenfeindschaft als zentralen Bestandteil einer diffuser werdenden jüdischen Identität verwiesen. Je weniger sie die jüdische Religion praktizierten, die hebräische oder jiddische Sprache beherrschten und in einer klar jüdisch definierten Umgebung wohnten, desto mehr liessen Juden sich ihr Judentum von aussen definieren. "Erst im 19. und 20. Jahrhundert, als die Emanzipation vollzogen war und die Assimilation sich ausbreitete, begann der Antisemitismus eine Rolle für die Konservierung des Volkes zu spielen, da erst jetzt die Juden überhaupt den Ehrgeiz entwickelten, zur nichtjüdischen Gesellschaft zugelassen zu werden", bemerkte Hannah Arendt...


 
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Kommentare
Rahab schrieb am 15.08.2009 um 09:21
als zitat, an dem diskussion beginnen könnte, vermisse ich aus dem verlinkten artikel von Michael Brenner dieses:
"Wenn der Philosoph Franz Rosenzweig in den zwanziger Jahren einmal kritisch bemerkte, nur der Kampf für die Erfüllung der Emanzipation eine heutzutage noch die deutschen Juden, nahm er damit vorweg, was in den letzten Jahrzehnten unter amerikanischen Juden heftig diskutiert wird: In welchem Masse bestimmt die dauernde Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus - sei es vor der eigenen Haustüre, sei es in fernen Kontinenten - die eigene Identität? Die Bedrohung Israels, die Auswirkungen der Shoah und bis vor kurzem der Kampf um die Rechte der sowjetischen Juden gehören zur amerikanisch- jüdischen Identität. Insbesondere die in den letzten Jahren stark wachsende Konzentration auf die Verbrechen der Nazis - in Museen, Gedenkstätten, Filmen und Romanen - hat Kritiker wie Peter Novick auf den Plan gerufen, die eine Erinnerung an die Ermordeten für notwendig halten, es aber absurd finden, wenn Juden sich von ihren schlimmsten Gegnern auch noch vorschreiben lassen, wie ihre jüdische Identität auszusehen habe."
Wolfram Heinrich schrieb am 15.08.2009 um 11:52
"als zitat, an dem diskussion beginnen könnte, vermisse ich aus dem verlinkten artikel von Michael Brenner dieses:"

Ich habe den entsprechenden Artikel nur deshalb und nur so weit zitiert, als er auf meine Fragestellung und meine Antworten eingeht. Nicht als Beleg für meine Behauptungen, sondern schlicht als Hinweis drauf, daß ich nicht als erster auf solche Gedanken gekommen bin.

Viele Grüße
Wolfram Heinrich
Rahab schrieb am 15.08.2009 um 14:53
das klingt jetzt grad so, als solle die geneigte leserschaft einfach nur lesen, aha! sagen und für sich alleine weiterdenken, solange bis die/der nächste vielleicht nen artikel unter zitation von diesem oder jenem zusammen bastelt.
dabei bringt der Brenner uns mit dem weiteren hinweis auf Wieseltier und dessen these, dass Europa zu einem miteinander unterschiedlicher kulturen "keine Cance" habe, das also nicht hinkriegen werde, so richtig auf die höhe der fragen der zeit.
denn ehrlich - wenn es einfach nur darum gegangen sein sollte, eine hilfe für das feststellungsverfahren zu geben, wer nun antisemit sei und wer nicht ... sorry, aber das habe ich aus meinem lebenshorizont heraus allmählich "durch" und nagen ganz andere fragen an mir (z.b. zu mikra und halacha und Eckart Ottos biblischem recht und was das heute! mit jüdsicher/israelischer identität zu tun habe).
Rahab schrieb am 15.08.2009 um 15:11
bum bleistift könnte ich diesen deinen thread (bei zeit-online entwendet) "Die Juden betrieben seit jeher neben den Handelsgeschäften die Geldverleihung; modern ausgedrückt waren sie vorwiegend Banker." ohne weiteres zum bestandteil und damit ausdruck einer antisemitischen rede erklären. "seit jeher" - seit wannen? was soll/könnte das andeuten? "neben handelsgeschäften geldverleihung" kann leicht als "waren schon immer und nur händler und geldverleiher" verstanden und gegen dich verwendet werden.
ich kann es natürlich auch, wenn ich in der diskussion um antisemitismus "drin" bin, als eine verkürzte rede verstehen, die darauf verzichtet hat, das christliche zinsverbot einerseits und die berufsstruktur/en der juden in Europa seit der antike zu erwähnen.

deshalb nun meine abschließende frage: worum soll es nun eigentlich gehen?
Wolfram Heinrich schrieb am 15.08.2009 um 19:33
"das klingt jetzt grad so, als solle die geneigte leserschaft einfach nur lesen, aha! sagen und für sich alleine weiterdenken, solange bis die/der nächste vielleicht nen artikel unter zitation von diesem oder jenem zusammen bastelt."

Ja. Genau so war das gedacht. Verstehtst du, der zitierte Artikel hat mir nicht als Grundlage für meinen Artikel gedient. Als er fertig und auf meiner Website veröffentlicht war, habe ich ihn entdeckt. Und bevor mir irgendein anderer nachweist, daß das, was ich schrieb, schon andere Jahrzehnte vor mir geschrieben haben, bringe ich diesen Hinweis lieber selber. Mehr wollte und will ich mit diesem Artikel aus der NZZ nicht anfangen.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 15.08.2009 um 19:34
"bum bleistift könnte ich diesen deinen thread (bei zeit-online entwendet) "Die Juden betrieben seit jeher neben den Handelsgeschäften die Geldverleihung; modern ausgedrückt waren sie vorwiegend Banker." ohne weiteres zum bestandteil und damit ausdruck einer antisemitischen rede erklären."

Das könntest du natürlich. Ich würde dich dann natürlich frech drauf hinweisen, daß der Satz nicht von mir stammt, sondern von einem Vorposter. Er diente mir lediglich als Möglichkeit, ihn richtigzustellen. (Nicht sehr ausführlich, gewiß, aber ich kann jetzt auf die Schnelle nicht die ganze Geschichte der Juden darstellen.)

"ich kann es natürlich auch, wenn ich in der diskussion um antisemitismus "drin" bin, als eine verkürzte rede verstehen, die darauf verzichtet hat, das christliche zinsverbot einerseits und die berufsstruktur/en der juden in Europa seit der antike zu erwähnen."

Das habe mit dem Zinsverbot ich sogar irgendwo erwähnt. Und ich habe auch erwähnt, daß damals die mitteleuropäischen Juden nicht als Bankiers nach Polen oder Rußland gelockt wurden, sondern wegen ihrer handwerklichen Fähigkeiten.

"deshalb nun meine abschließende frage: worum soll es nun eigentlich gehen?"

Was weiß denn ich.

Ciao
Wolfram
Rahab schrieb am 15.08.2009 um 09:25
und hier die fortsetzung unter der überschrift:
Hitler ist tot
Vor kurzem hat der bekannte amerikanisch- jüdische Publizist Leon Wieseltier für einen provokanten Beitrag in der «New Republic» den Titel «Hitler is Dead» gewählt. Darin wirft er einer Reihe prominenter jüdischer Kritiker in den USA, die von einem bevorstehenden Holocaust, einer neuen Kristallnacht oder der «Endlösung, Phase 2» sprechen, eine pessimistische Weltschau vor, die jeder Realität entbehre. Indem man Arafat mit Hitler identifiziere und diesen wiederum als Inkarnation der traditionellen Judenfeinde vom biblischen Haman bis hin zum Kosakenführer Chmielnicki wahrnehme, erfreue sich die «tränenreiche Version» jüdischer Geschichte ungebrochener Beliebtheit. - Vielleicht ist es leichter, aus der amerikanischen Diaspora diese vehemente Kritik zu üben. In Europa, dem Wieseltier keine Chance für ein Miteinander unterschiedlicher Kulturen einräumt, sind wir mit anderen Realitäten konfrontiert. Auch hier tut es aber gelegentlich gut, jüdische Geschichte und Gegenwart nicht nur durch die Linse des Antisemitismus wahrzunehmen. Es kann zuallerletzt im jüdischen Interesse liegen, dass man sich selbst nur als passive Opfer, als ewige Verlierer der Geschichte, als ultimative Parias wahrnimmt.
Rahab schrieb am 15.08.2009 um 22:58
Bevor du zeit-online verläßt, solltest du der redaktion folgenden link
www.zeit.de/2003/47/01_____Leiter_1
präsentieren, in welchem sich der folgende satz mitsamt zitat/phrase findet:
„Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex hatte einst gewitzelt: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“
In welchem zusammenhang dieser satz, die ‚phrase’ gesagt wurde/entstand, habe ich bislang noch nicht herausgefunden, auch nicht, ob es sich um ein direktes zitat handelt oder um die sinngemäßte wiedergabe einer aussage. In deutscher literatur ist meines wissens Broder der erste, welcher dieses zitat einführt, dummerweise ohne weitere quellenangabe. Die aussage selbst ist eindeutig und über jeden verdacht erhaben.
Dass bei zeit-online jemand auf die idee kommt, eine nicht sinn-entstellende sondern eher noch gezielter sinn-verdeutlichende abwandlung zu ‚tilten’, finde ich ausgesprochen befremdlich.
Wolfram Heinrich schrieb am 15.08.2009 um 23:51
"Bevor du zeit-online verläßt, solltest du der redaktion folgenden link
www.zeit.de/2003/47/01_____Leiter_1
präsentieren, in welchem sich der folgende satz mitsamt zitat/phrase findet:
„Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex hatte einst gewitzelt: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“"

Ah, sehr freundlich. Ich wußte, daß ich diesen Satz nicht selber erfunden habe, aber ich hatte keine Ahnung mehr, woher ich den habe. Kann sein, daß ich ihn beim Broder gelesen habe (obwohl ich schon seit langem nichts mehr von dem lese).

"Die aussage selbst ist eindeutig und über jeden verdacht erhaben. Dass bei zeit-online jemand auf die idee kommt, eine nicht sinn-entstellende sondern eher noch gezielter sinn-verdeutlichende abwandlung zu ‚tilten’, finde ich ausgesprochen befremdlich."

Ja, mei. Von der Online-Redaktion habe ich inzwischen ein Persönliche Nachricht bekommen, in der unter anderem stand: "Bitte beachten Sie in diesem Zusammenhang, dass Sarkasmus oder Ironie in schriftlicher Form nur schwer erkennbar sind; eine klare Sprache ist deshalb gerade bei einem solch sensiblen Thema begrüßenswert."
Nun bin ich aber einer, der gerne doppelbödig formuliert oder nenne es meinetwegen auch hinterfotzig. Der nächste Streichkonflikt wäre also vorprogrammiert.
Wenn mich nicht andere Diskussionsteilnehmer auf die Streichungen aufmerksam gemacht hätten, hätte ich die nicht gemerkt. Da ging dann bei mir der Rolladen runter.

Apropos - wie ist es eigentlich hier mit Streichungen? Ich seh grad in der Netiquette, daß sie möglich sind, aber wie wild ist das dann tatsächlich?

Ciao
Wolfram
Rahab schrieb am 16.08.2009 um 00:15
wie ich schon schrieb: weise die redaktion bestimmt (nicht unbedingt freundlich)darauf hin, dass auch ihr Josef Joffe ....
Das 'richtige' zitat steht in Broders "Der ewige Antisemit". und eigentlich ist es mittlerweile so bekannt, dass auch die form, in der du es gebraucht hast, sehr gut auf ihr ursprungszitat zurückzuführen ist. zumindest sein sollte.

egal, wie du es weiter mit zeit-online halten illst - du solltest ihnen diesen schnitzer nicht durchgehen lassen. schick deine geharnischte beschwerde an johannes.kuhn mit kopie an atila.altun, dann sollte eigentlich eine entschuldigung kommen und eine wiederherstellung erfolgen.
wenn nicht, dann ... unter absingen schmutziger lieder...

welcher schöps hat dir denn diese privatnachricht geschickt?

der freitag "tiltet" ab und zu auch. genaueres weiß ich auch nicht. vermute jedoch, dass hier eine etwas andere 'innere/innerliche zensur' am wirken ist.
Wolfram Heinrich schrieb am 16.08.2009 um 00:28
"welcher schöps hat dir denn diese privatnachricht geschickt?"

Das war der - hüstel - Johannes Kuhn.

Ciao
Wolfram
Rahab schrieb am 16.08.2009 um 00:51
dann rumms ihm eins zurück!
Joachim Petrick schrieb am 16.08.2009 um 03:10
`Lieber Wolfram,
hangen nicht Reichsdeutsche nach dem Zweiten Weltkrieg zu Bundesdeutschen/DDR. Bürgern/innen gewendet gleichermaßen unwillig wie willig dem Holocaust „Niemals wieder Ausschwitz! Niemals wieder Krieg!“ als Gründungsmythos Identität stiftend an, wie die Juden u. a. zu Israelis gewendet diesem Gründungsmythos „Holocaust“ gleichermaßen anhängen und bis Heute, wie wir Deutschen, keinen neuen suchen, es sei denn bruchlos den Übergang zum Gründungsmythos der EU, der Israel wie Palästina in den nächsten 15 Jahren beitreten werden?
interessant ist dabei, viele von denen, die den Holocaust leugnen, vor allem getrieben isind, den Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschlands wie Israels als irrelevant bekämpfend zu verwerfen

JP
Rahab schrieb am 16.08.2009 um 07:24
das sollten wir wohl besser mal etwas auseinanderziehen. am besten damit anfangen zu klären, was mit "gründungsmythos" gemeint ist. und was mit "identität stiftend". sonst könnte am ende der eindruck entstehen, die generation der gründungsväter Israels sei einem falschen mythos aufgesessen. oder gar: sie seien antisemiten gewesen. und da wäre es dann ja völlig schief geworden.
Rahab schrieb am 16.08.2009 um 13:07
ich komme auf meine frage zurück, worüber du eigentlich diskutieren möchtest.
erst mal aber: wenn ich es richtig sehe, beginnt die neuzeit nicht nur mit der entdeckung Amerikas als Indien - sondern auch mit dem fall von al-Andalus und der requonquista. vielleicht zusammenzufassen als: entdecken nach außen und festlegen dessen, was und vor allem wem! zur und von der welt gehört und sortieren, und das sehr nachhaltig, im inneren.
und am vorläufigen ende steht - ich schlage einen großen bogen - das spannungsverhältnis von philosemitismus als reaktion auf die shoa und antizionismus als reaktion auf die entdeckung, dass zionismus (als ein beispiel für etliche andere) so befreiend nun doch nicht ist sondern dem ordnungsdenken des europäischen kolonialismus sehr verhaftet, milde gesagt. und das bis heute.
ich erkläre damit den krieg in Gaza nicht zu einem neuen holocaust (weit davon entfernt), aber ich teile, auch aus eigenem er- und leben in Jerusalem, das anarbeiten gegen die siedlungspolitik, die sicherheitspolitik, die militarisierung des alltagslebens, kurzum gegen all das, was Yehoshua Leibowitz in "Gespräche über Gott und die Welt" zu zionismus und der staat Israel als "historische Katastrophe" bezeichnet hat. (läßt sich irgendwie ergoogeln - ich finde es auf die schnelle allerdings nicht, dafür aber jede menge anderer interessanter seiten, welche allesamt darauf bezug nehmen). und ich 'leide' mit denen mit, welche darunter leiden, dass es immer noch keine israelische verfassung gibt, sondern 'nur' eine unabhängigkeitserklärung, einige abschnitte und ansonsten sehr viele umgearbeitete ordonances und eine 'landnehmende' bodengesetzgebung.
Rahab schrieb am 16.08.2009 um 13:18
ich will damit sagen:
darüber, was Möllemann (und Friedmann) da veranstaltet haben, können wir uns sehr schnell einig werden. aber was diskutieren wir danach? vielleicht dieses: www.genfer-initiative.de/pdf/veroeffentlichung/B-DKR.pdf ?
und das, was in der brd (aber nicht nur hier) zunehmend auftritt und als islamophobie vielleicht im ersten schrecken nur notdürftig bezeichnet ist?
auch deshalb meine frage danach, weshalb du den teil unter der überschrift 'hitler ist tot' nicht auch noch angehängt hattest. denn das, was da aus Wieseltiers mund so kurz kolpotiert wird, verweist ja auch auf das problem, mit dem wir es hier in dem 'alten Euroa' (nannten freunde in Jerusalem schon anfang der 80-ger so) zu tun haben.
Wolfram Heinrich schrieb am 17.08.2009 um 04:21
"auch deshalb meine frage danach, weshalb du den teil unter der überschrift 'hitler ist tot' nicht auch noch angehängt hattest."

Einfach deshalb, weil mir der genannte Artikel in dem Zusammenhang nur insofern interessant war, als ich hier einige Gedankengänge von mir nachträglich als bereits von anderen formuliert und diskutiert vorgefunden habe. Ich wollte nicht, daß irgendwann einer kommt und sagt: "Ällabäätsch, das hat der Sartre schon vor 50 Jahren geschrieben."

Ciao
Wolfram
Rahab schrieb am 17.08.2009 um 08:12
Wolfram - nun zier dich doch nicht so!
ja, Sartre hat - Adorno auch, Arendt sowieso. und etliche andere auch. darunter, gerade auch wegen des expliziten bezugs auf nachkriegs-deutschland nicht zu übergehen (meine bescheidene meinung): Moshe Postone mit u.a. "Deutschland, die Linke und der Holocaust"

also müssen wir wohl bei der frage anfangen, ob es - und wenn ja, welchen - es einen unterschied gibt zwischen christlichem anti-judaismus (in Europa oder weltweit?) und politischem antisemitismus (in Europa oder weltweit?)
und das heutzutage, in dem das "existenzrecht des staates Israel" zu einer art schibboleth geworden zu sein scheint.

ansonsten: ich freue mich immer, wenn ich feststelle, dass ich - auf wundersamen wegen? - zum denken eines gedankens gekommen bin, den andere auch schon gedacht hatten. und dann frag ich mich weiter, was da alles so dran ist. bis hin dazu, ob es meinen gedanken richtiger macht...
Wolfram Heinrich schrieb am 17.08.2009 um 23:08
"also müssen wir wohl bei der frage anfangen, ob es - und wenn ja, welchen - es einen unterschied gibt zwischen christlichem anti-judaismus (in Europa oder weltweit?) und politischem antisemitismus (in Europa oder weltweit?)"

Unterschiede gibt es wohl, aber Anti-Judaismus und Antisemitismus sind doch eng miteinander verzahnt.

"und das heutzutage, in dem das "existenzrecht des staates Israel" zu einer art schibboleth geworden zu sein scheint."

Um es klar zu sagen: Israel hatte dort in Palästina eigentlich nichts zu suchen. Daß man es doch getan hat, ist allerdings ebenfalls nachvollziehbar, ich hätte in vergleichbarer Situation wahrscheinlich ähnlich gehandelt wie ein Zionist.
Nun aber existiert Israel. Es ist müßig, sich drüber zu streiten, ob es legitim existiert. Es existiert. Punkt. Den Staat Israel wieder von der Landkarte zu tilgen, wäre nur durch einen Völkermord ungeheuren Ausmaßes möglich.
Israel andererseits kann sich die arabischen Nachbarn nicht einfach wegwünschen, es muß sich mit ihnen arrangieren - oder der Völkermord passiert irgendwann doch. Das offizielle Israel tut so, als könnte man auf ewige Zeiten in einer belagerten Festung leben.
Rahab schrieb am 17.08.2009 um 23:45
ha! mal was klar gesagt. immerhin.

und zu anti-judaismus (christlich - oder welcher sonst?) und zu antisemitismus (der europäische politische - andere wären genauer zu benennen: die frage ist ja wohl, wie genau die verzahnung/en zustandekommen. oder ob es nicht klüger wäre, die unterschiede deutlicher zu benennen. statt einfach alles ineinander verschwimmen zu lassen.
Wolfram Heinrich schrieb am 18.08.2009 um 18:21
"ha! mal was klar gesagt. immerhin."

Es wird nicht wieder vorkommen, pardon.

"und zu anti-judaismus (christlich - oder welcher sonst?) und zu antisemitismus (der europäische politische - andere wären genauer zu benennen: die frage ist ja wohl, wie genau die verzahnung/en zustandekommen. oder ob es nicht klüger wäre, die unterschiede deutlicher zu benennen. statt einfach alles ineinander verschwimmen zu lassen."

Du scheinst mir auf dem Gebiet der Judaistik beschlagen zu sein, möglicherweise bist du sogar Profi. Ich hingegen... Ich wollte eigentlich nur eine relativ eng begrenzte Sache, die mir aufgefallen ist, zur Diskussion stellen. Den Ehrgeiz, eine Doktorarbeit über Antisemitismus zu schreiben, habe ich momentan nicht.

Ciao
Wolfram
Rahab schrieb am 18.08.2009 um 20:18
empfehle für die zukunft, ab und zu mal nachzugucken, wie sich die mitforisten vorstellen.

ja - ist so.
aber kein grund, den schwanz einzuziehen.
Wolfram Heinrich schrieb am 18.08.2009 um 21:29
"empfehle für die zukunft, ab und zu mal nachzugucken, wie sich die mitforisten vorstellen.

ja - ist so.
aber kein grund, den schwanz einzuziehen."

Das bezieht sich jetzt auf wen und was? Dieses Blogsystem ist tatsächlich ziemlich unübersichtlich, man sollte immer wenigstens ein Stück von dem Text mitzitieren, auf den man sich bezieht.
Rahab schrieb am 18.08.2009 um 21:54
ja - ist so
bezieht sich darauf, dass ich 'von haus aus juristin' eben auch noch 'aushäusig' mit Israel/Palästina, zionismusgschichte und eben auch antisemitismus befasst war (seit den 70-gern) und bin. mit wechselnden schwerpunkten.
aber das ist kein grund, die diskussion erst dann wieder aufzunehmen, wenn du die diss fertig hättest.

allerdings muß ich langsam packen. denn ab morgen bin ich erst mal weg.
Rahab schrieb am 18.08.2009 um 08:02
nachdem ich bei zeit-online deinen satz (sinngemäß) las, außer der religion habe der sephardische jude mit dem ashkenazischen nichts gemein - frage ich mich und dich wieder, ob du eigentlich weißt, worüber die diskutieren möchtest.
denn dieser satz ist in einigen hinsichten falsch und in einigen hinsichten richtig. und seine bedeutung reicht beispielsweise von früherem/heutigem "inner-israelischen" rassismen bis hin zu der frage, wer das denn nun eigentlich sagt und in welcher absicht. sie hatte im deutschen kaiserreich eine andere bedeutung als zeitgleich in den usa oder zeitgleich im osmanischen reich.
die feststellung, einer sei sepharde und einer sei ashkenaze konnte eine hierarchie feststellen/unterlegen/einführen/fortschreiben - oder sie konnte einfach nur sagen, dass der eine nach diesem und der andere nach jenem ritus ... oder jiddisch oder ladino ... oder talmud-tora eine bedeutung mehr so oder mehr so ... oder mit frauen eher so oder eher so... aber manchmal war und ist es dann doch wieder ganz anders.

alles in allem: so, wie du deinen artikel (beide teile zusammengelesen) aufgebaut hast, konstruierst du so etwas wie den "ewigen juden".
die einen, um's mal grob und unvollständig zu unterscheiden, tun dies, um antisemitismus seit anbeginn der zeit abwehren zu können. die anderen, um immer ein objekt für (ihren) antisemitismus zu haben. noch andere, die sich selbst als nicht-jüdisch bezeichnen, tun dies, um anderen deren antisemitismus vorwerfen zu können.

also? was ist nun eigentlich das thema? und wo liegt der akzent? oder ist das alles eigentlich eins?
Abraham08 schrieb am 18.09.2009 um 16:24
@ Wolfgang Heinrich
Ich habe den Eindruck, dass Sie über ein Thema schreiben, von dem Sie kaum Ahnung haben.

1. Es ist - zumindest für das Judentum - ein ausgemachter Unsinn, dass mann nur "streng gläubig" religiös sein kann. Auf den Glauben kommt es im Judentum ohnehin weniger an. Wenn wir in wenigen Tagen wieder am Jom Kipur wiederholt das Widdui, das "Sündenbekenntnis", sprechen, werden wir viele Verfehlungen (wir waren treulos, boshaft usw.) bekennen. Den Mangel an Glauben setzen aber auch orthodoxe Rabbiner nicht auf die Liste.
Wichtig für Juden ist das Handeln entsprechend den Mizwot (der Gebote). Diese sind zwar mit der Tora offenbart, dass heißt sie kommen "vom Himmel", befinden sich aber nun "auf der Erde". Ihre Umsetzung unterliegt also dem Urteil der Menschen. Das haben auch schon die Rabinnen mit der Mischna und den anderen Teilen des Talmuds getan (Rabbinen sind die "Lehrer", die das rabbinische Judentum nach der Zerstörung des 2. Tempels geformt haben).
Ohnehin ist der bilblische Text ohne Interpretation nicht verständlich. So liest die jüdische Tradition die biblische Geschichte, auf die Sie verweisen, als "Bindung Isaaks" (nicht, wie bei den Christen, als Opferung Isaaks), weil dies als eine endgültige Absage Gottes an ein Menschenopfer verstanden wird. In einem Midrasch (interprätierenden Erzählung aus dem Talmud) seufzt Abraham nicht widerstandslos, sondern stellt sich zunächst dumm und diskutiert mit Gott. Die jüdischen Interpreten sind sich auch nicht einig, ob Abrahams letztlicher "Gehorsam" uns als Vorbild dienen soll.

Ich empfinde es jedenfalls als Chuzpe, wenn Sie sich von außen anmassen, die "Autentizität" der nicht orthodoxen Richtungen des Judentums zu bestreiten. Eine "Kuschelreligion" sind sie jedenfalls nicht.

2. Wenn das Judentum nur durch äußeren Druck zusammengehalten wäre, warum ist es dann in den "toleranten" Zeiten (auch die hat es in den Jahrhunderten gegeben) nicht gänzlich verschwunden? Das starke Bewußtsein einer Gruppenzugehörigkeit durch (Rahab hat auf den Begriff "Am Jisrael" , Volk Israel schon verwiesen) hat das Judentum auch in der "Zerstreuung" geprägt. Dies verschwand nicht mit der bürgerlichen Gleichstellung im 19. Jahrhundert: Bürger zu werden und Jude zu bleiben, das war das Ziel des Anfang des 19. Jahrhundet in Deutschland entstandenen liberalen (religiösen) Judentums, das hierzulande bis zur Shoa die einflussreichste Richtung des Judentums blieb. Im Übrigen heißt auch das wichtigste Werk Leo Baecks "Dieses Volk", auch wenn er den Begriff nicht im "nationalen" Sinn verwendet.

Sicherlich spielen in der jüdischen Identität "negative" Identifikationen (Antsemitismus, Shoa) mit eine Rolle. Für viele Juden sind positive Identifikationen mindestens genauso wichtig, weshalb auch das "jüdische Lernen" eine ausgesprochene Konjunktur hat.
Wolfram Heinrich schrieb am 18.09.2009 um 23:26
"@ Wolfgang Heinrich"

Wolfram.

"1. Es ist - zumindest für das Judentum - ein ausgemachter Unsinn, dass mann nur "streng gläubig" religiös sein kann."

Das gilt nicht nur für das Judentum, sondern für jede Religion. Auch das Christentum beruft sich einerseits auf die Ehernen Heiligen Schriften und ist in den meisten Ausformungen des Christentums in Lehre und Praxis durchaus geschmeidig, pfeift im Zweifelsfall auf Gottes Wort.
Ich darf mich zitieren: "Ich bin demnach entweder ein strenggläubiger Fundamentalist oder ich stehe bereits außerhalb des Glaubens. Ich weiß auch, daß diese Beschreibung von Religiosität nicht die empirische Wirklichkeit wiedergibt. Diese Wirklichkeit ist vielmehr ein rechtes Durcheinander. Jeder holt sich aus der Bibel, aus der Überlieferung, das heraus, was ihm in den Kram paßt und tut das andere achselzuckend ab. Die Kirchengeschichte ist der Beweis für die Geschmeidigkeit im Anpassen an die jeweiligen Bedürfnisse. Wenn die Religion irgendwann irgendwo zwickt und zwackt geht man halt zum Änderungstheologen und läßt sie sich umdeuten. Dafür sind diese Leute schließlich da. Fachkundig machen sie den Glauben auf eine geschmeidige Weise passend und behaupten die jeweiligen Neuerung dann als ehern seiend."
Jede Zeit und jede Gemeinschaft schnitzt sich ihren Glauben und ihren Gott so, daß es schon paßt. Eine Religion, die dies mißachtet, fliegt aus der Evolution heraus oder landet in einer spirituellen Ökonische, da sich die Bedürfnisse der Kundschaft wandeln.

"Die jüdischen Interpreten sind sich auch nicht einig, ob Abrahams letztlicher 'Gehorsam' uns als Vorbild dienen soll."

Würden Sie Abraham als Babysitter engagieren wollen?

"2. Wenn das Judentum nur durch äußeren Druck zusammengehalten wäre, warum ist es dann in den 'toleranten' Zeiten (auch die hat es in den Jahrhunderten gegeben) nicht gänzlich verschwunden?"

Wenn Sie sich meinen Text nochmal anschauen, werden Sie finden, daß ich nicht behauptet habe, ohne Antisemitismus wäre das Judentum bereits verschwunden. Wie auch? Wer in der Religion Trost und Stärkung findet, wird auch ohne äußeren Druck bei dieser Religion bleiben. Verschwunden - als Juden verschwunden - wären jene, die mit ihrer Religion nichts mehr anzufangen wissen.
Und diese toleranten Zeiten waren stets - noch dazu regional begrenzte - Episoden in einer Geschichte der verächtlichen Diskriminierung und Verfolgung. In Deutschland lebt man heute als Jude seit zwei Generationen ziemlich sicher. Wäre ich Jude oder hätte ich jüdische Freunde, meine Angst wäre deshalb noch längst nicht verschwunden. All diese Vorbehalte und Vorurteile sind nach dem 8. Mai 1945 nicht plötzlich verschwunden. Noch nicht mal die Tatsache, daß es - Gott sei's geklagt - nur noch so wenige Juden in Deutschland gibt, hat den Antisemitismus verschwinden lassen.

"Sicherlich spielen in der jüdischen Identität 'negative' Identifikationen (Antsemitismus, Shoa) mit eine Rolle. Für viele Juden sind positive Identifikationen mindestens genauso wichtig, weshalb auch das 'jüdische Lernen' eine ausgesprochene Konjunktur hat."

Das will ich gerne glauben. Ich bin katholisch geprägt, bin seit vielen, vielen Jahren schon aus der Kirche ausgetreten und bin Atheist. Als ehemaliger Katholik bin ich frei, mich von der Katholischen Kirche loszusagen und gegebenenfalls auch heftig gegen sie zu argumentieren. Hätte ich statt dessen einen jüdischen Hintergrund gehabt, so wäre ich nicht so frei. Ich bliebe (für mich und in der Einschätzung anderer) ein Jude, solange es auf der Welt noch einen einzigen Antisemiten gibt. Von einer bedrängten Gemeinschaft sagt man sich nicht los, wenn man noch einen Funken Selbstachtung hat. Ich wäre dann halt - in Gottes Namen - ein "atheistischer Jude", der gelegentlich etwas über diesen im Grunde sinnleeren Begriff spöttelt.

Ich hoffe, ich konnte so einigermaßen rüberbringen, was ich meine.
Abraham08 schrieb am 20.09.2009 um 13:50
@ Wolfram Heinrich

Sorry für den Wolfgang.

Ich muss nochmals widersprechen. Sie schreiben: "Ich bin demnach entweder ein strenggläubiger Fundamentalist oder ich stehe bereits außerhalb des Glaubens. ... Wem die Bibel Gottes Wort ist, dem muß sie es ganz sein. Wem die Bi­bel nicht Gottes Wort ist, mag ein ehrenwerter Mensch sein, ein Christ ist er nicht."

Ich zweifle stark, dass das für Christen gilt, für Juden gilt es nicht. Selbst diejenigen innerhalb des Judentums, die von der wörtlichen Verkündung der Tora am Sinai ausgehen, diskutieren die unterschiedlichsten Interpretationen, was "das Wort Gottes" den bedeutet. Die Tradition sagt, dass Gott mit den Menschen nur in der Sprache ihrer Zeit sprechen kann. Bekanntlich sind die fünf Bücher Mose in Hebräisch geschrieben, aber in einem Hebräisch, dass schon die Rabbinen des Talmuds wohl anders verstanden haben, als die Menschen der Patriarchenzeit, der Zeit der Könige oder der Zeit der Propheten. Hinzu kommt, dass die biblische Sprache sehr dicht ist und bei weitem nicht eindeutig. Das übersieht man, wenn man die Texte nur mit dem Filter der Übersetzungen liest, die bereits eine Interpretation sind.

So zeigt auch Ihre Frage, ob ich Abraham als Babysiter nehmen würde, dass sie ein tradiertes Bild der Geschichte der "Opferung" Isaaks im Kopf haben, die dem Bibeltext nicht entspricht. Dort gibt es keinen Hinweis darauf, dass Isaak zu dem Zeitpunkt der Bindung im Knabenalter war. Die jüdische Tradition geht eher davon aus, dass er ein junger Mann war. Im Übrigen ist Abraham kein ideales Vorbild, sondern - wie alle Personen in der Bibel - ein Mensch mit Schwächen und Stärken. Die Vertreibung hagars und Ismaels in die Wüste ist wohl keine vorbildhafte Tat, um nur ein Beispiel zu nennen.

Mein zweiter Widerspruch: Es ist ziemlich uninteressant, wie Sie sich verhalten würden, wenn Sie Jude wären, weil Sie es nicht sind. Entscheidend ist, wie Juden ihre eigene Identität sehen. Und diese lässt sich meistens nicht auf einen einfachen Nenner bringen. Das Judentum ist mehr als "nur" eine Religion und auf die Frage, warum "atheistische" (oder nicht orhodoxe) Juden an ihrer Zugehörigkeit zum Judentum festhalten, gibt es in der Moderne sehr unterschiedliche Antworten. Die jiddischsprachigen Bundisten innerhalb der russischen Sozialdemokratie setzten sich für die Anerkennung der "jüdischen Nationalität" ein, die Zionisten wollten eine nationale Heimstätte (mit Hebräisch als gemeinsamer Sprache). Andere suchten (und suchen) individuelle Antworten.

Wenn Sie vom "ewigen Antisemiten" den "ewigen Juden" ableiten, welche gesellschaftliche Konsequenz sollte dies haben?
Wolfram Heinrich schrieb am 21.09.2009 um 02:17
"Sorry für den Wolfgang."

Paßt schon. :o)

"Ich zweifle stark, dass das für Christen gilt, für Juden gilt es nicht. Selbst diejenigen innerhalb des Judentums, die von der wörtlichen Verkündung der Tora am Sinai ausgehen, diskutieren die unterschiedlichsten Interpretationen, was "das Wort Gottes" den bedeutet. Die Tradition sagt, dass Gott mit den Menschen nur in der Sprache ihrer Zeit sprechen kann. Bekanntlich sind die fünf Bücher Mose in Hebräisch geschrieben, aber in einem Hebräisch, dass schon die Rabbinen des Talmuds wohl anders verstanden haben, als die Menschen der Patriarchenzeit, der Zeit der Könige oder der Zeit der Propheten."

Das ist mir schon klar. Ich habe vor etlichen Jahren mal ein Buch "Die Bibelkorrektur" gelesen, in dem der Autor den hebräischen Originaltext vor allem der ersten beiden Bücher Mose linguistisch auseinandernimmt. Auch er operiert mit der These, daß viele Wörter im Text schon relativ bald eine andere Bedeutung hatten, bzw. damals schon nicht mehr wirklich bekannt waren und erst interpretierend rekonstruiert werden mußten. Zu diesen Fehlern bzw. Interpretationsspielräumen kämen dann noch die Fehler durch die Übersetzung in andere Sprachen hinzu. Die Schöpfungsgeschichte etwa läse sich nach diesem Autor (ich komm jetzt nicht drauf) ganz anders, als sie normalerweise (nach-)erzählt wird.
Aber darum geht es mir hier nur am Rande, mich interessiert der Widerspruch zwischen dem auftrumpfenden Anspruch einer Offenbarungsreligion (wir haben Gottes Wort, Gottes Wort leitet uns an, was ist in der Welt und was wir als Menschen in dieser Welt tun sollten) und dem weiten Feld der Interpretation, das der Text offenläßt.

"So zeigt auch Ihre Frage, ob ich Abraham als Babysiter nehmen würde, dass sie ein tradiertes Bild der Geschichte der "Opferung" Isaaks im Kopf haben, die dem Bibeltext nicht entspricht. Dort gibt es keinen Hinweis darauf, dass Isaak zu dem Zeitpunkt der Bindung im Knabenalter war. Die jüdische Tradition geht eher davon aus, dass er ein junger Mann war."

Das ist jetzt ein Mißverständnis. Mit dem Babysitter meinte ich Folgendes: Mein Nachbar erzählt mir, neulich habe Gott zu ihm gesprochen und ihm befohlen, seinen Sohn zu schlachten (wie alt immer der wäre). Er habe alle Vorbereitungen getroffen, erst in letzter Minute habe ihm Gott gesagt, es sei alles nur ein Scherz gewesen. Ich wäre ziemlich befremdet, gelinde gesagt. Ich würde diesen Nachbarn keine Sekunde lang mit einem Kleinkind oder mit wem immer alleine lassen.

"Im Übrigen ist Abraham kein ideales Vorbild, sondern - wie alle Personen in der Bibel - ein Mensch mit Schwächen und Stärken. Die Vertreibung hagars und Ismaels in die Wüste ist wohl keine vorbildhafte Tat, um nur ein Beispiel zu nennen."

Das waren knallharte Burschen, die Jungs.

"Entscheidend ist, wie Juden ihre eigene Identität sehen. Und diese lässt sich meistens nicht auf einen einfachen Nenner bringen. Das Judentum ist mehr als "nur" eine Religion und auf die Frage, warum "atheistische" (oder nicht orhodoxe) Juden an ihrer Zugehörigkeit zum Judentum festhalten, gibt es in der Moderne sehr unterschiedliche Antworten."

Na ja, daß die nicht orthodoxen Juden an ihrem Judentum festhalten, leuchtet mir schon ein, es gibt auch bei den Katholiken erzorthodoxe und sehr liberale Leute. Ich mag die liberalen Katholiken lieber, verstehen kann ich allerdings die orthodoxen besser.

"Die jiddischsprachigen Bundisten innerhalb der russischen Sozialdemokratie setzten sich für die Anerkennung der "jüdischen Nationalität" ein"

Das wären dann aber auch nur jiddischsprachigen Ashkenasim gewesen, als Nationalität betrachtet hätten sie mit Juden in anderen Ländern sehr wenig gemeinsam gehabt (außer der Religion, natürlich).

"Wenn Sie vom "ewigen Antisemiten" den "ewigen Juden" ableiten, welche gesellschaftliche Konsequenz sollte dies haben?"

Daß man die Juden endlich mal in Ruhe läßt. So viel verlangt ist das im Grunde gar nicht.

Viele Grüße
Wolfram Heinrich
Wolfram Heinrich
Der Franze hat gsagt, der Xaver wenn das noch hätt erleben können, sagt er, der hätt sich totgelacht.
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