Wolfram Heinrich

Der Franze hat gsagt

03.09.2009 | 21:31

Einfühlung

Journalisten... also Reporter... also solche Journalisten, die nicht nur Agenturmeldungen redigieren oder kommentieren, machen gerne mal verdeckte Recherchen. Sie mieten sich zum Beispiel eine Billigwohnung und leben dann ein oder zwei Monate lang von Hartz IV oder - drastischer noch - sie verkleiden sich als Penner und verbringen dann ein oder zwei Monate als Obdachloser auf der Straße. Hautnah erleben sie die Entbehrungen, Gefahren und Demütigungen eines Pennerlebens auf eine sehr authentische Weise am eigenen Leibe und schreiben dann eine informative und sehr bewegende Reportage über das Erlebte. Sie wissen nun aus eigener Erfahrung, was es heißt, arm zu sein, was es heißt, am Rande der Gesellschaft zu leben.
Sie wissen es und sie wissen es nicht.
 
Sie teilen eine bestimmte Zeit lang alle jene konkrete Erfahrungen, die ein Penner macht, mit den Obdachlosen, mit denen sie zusammenleben. Sie frieren des Nachts, wenn sie, unzureichend geschützt, unter Brücken schlafen, sie müssen zusammen mit den anderen um Nahrung anstehen bei irgendwelchen Armenspeisungen, sie haben keine oder nur unzureichende Möglichkeiten für Körperpflege, sie werden wie die anderen von normalen Bürgern verächtlich angeschaut, beschimpft, verjagt, sie landen vielleicht auch mal in der Arrestzelle der Polizei.
Sie leben tatsächlich das bittere, so gar nicht romantische Leben eines Obdachlosen. Und sie tun es nicht.
 
Was sie von den anderen Obdachlosen unterscheidet, die genauso frieren wie sie, die genauso hungrig bei der Caritas anstehen, die genauso schief angesehen werden wie sie selber, das ist der Umstand, daß sie
· wissen, daß dieser Zustand ein Zustand auf Zeit ist und
· daß sie diesen Zustand jederzeit auch vorfristig wieder beenden können.
Ein extrem kalter Wintertag, an dem er zu erfrieren droht und er kehrt in seine Wohnung zurück, um sich aufzuwärmen. Was der Journalist mit den Obdachlosen teilen kann, das sind eine Menge authentischer Erfahrungen über deren Leben. Was er aber nicht simulieren kann (eben, weil es eine Simulation ist), das ist die Existenzangst, die mit einem solchen Leben verbunden ist, das Gefühl der Ausweglosigkeit.
 
Das erste Mal über so etwas nachgedacht habe ich noch als Kind, anläßlich der entsetzlichen Leiden Christi am Kreuz, die mich (natürlich) sehr beeindruckt haben. Dann aber dachte ich: Wenn Christus wirklich Gott selber ist, wenn er vom Himmel kommt und dies weiß; wenn er also nicht, wie wir, an Gott und das Jenseits glauben muß, sondern aus eigener Erfahrung weiß, daß es dieses Jenseits wirklich gibt... dann, ja dann leidet er wie ein Mensch und tut es doch nicht.
Dann kann er nämlich quasi aus sich raustreten und seine Situation von außen betrachten. Er leidet als Mensch und steht doch als Gott über dem Leid. So dachte ich damals.
 

Auf den Gedanken, daß mit der ganzen Geschichte mit Christus und Gott etwas nicht stimmen könnte, bin ich allerdings erst deutlich später gekommen.

 
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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 03.09.2009 um 23:35
Lieber Wolfram Heinrich,
was mir bei Deinen eingehenden Betrachtungen unterbelichtet bleibt, ist das, was zwischen dem investigativen "Darsteller" und dem wirklich Obdachlosen in der Zeit des kommunizierenden Miteinander interaktiv geschieht und in Erinnerung hinterlegt bleibt.
Das aller erste ist wahrscheinlich für einen Menschen im Leid, dass es ihn trotzdem selbstaufwertend erfreut, dass sein Alltag Ziel einer Reise mit Ankunft eines vorübergehenden Gegenübers ist
Manchmal ist es ja schon ein Anstoss zur Selbsthilfe, dass sich in der Unschärfe der Wahrnehmung des eigenen Leidens, die Schärfe des Leidens in der Wahrnhmung anderer zugesellt.
Bei der Frage um Glauben, Gott geht es ja in einem Gleichgewicht des Gedanken- Streckens, behaupte ich mal ungeschützt, gleichermaßen um Glaubenseintreibung wie Glaubensaustreibung!, oder?
Kam also Gott in gestalt seinen Sohnes auf Erden, um uns bestimmte Formen, Richtungen, Wahrnehmungen, Parktiken des Glaubens auszutreiben, wie u. a. die Art des Glaubens an die Blutrache bis ins siebte Glied?
Dafür hatte Gottessohn Jesus statt der überkommenden Idee vom strafenden
Gott reinzufällig die Idee vom versöhnenden Gott als Gott der Gnade parat.
Soweit mein gewagter Glaubens-Nichtglaubens Spagat.
tschüss
JP
Wolfram Heinrich schrieb am 04.09.2009 um 08:59
"Lieber Wolfram Heinrich, was mir bei Deinen eingehenden Betrachtungen unterbelichtet bleibt, ist das, was zwischen dem investigativen "Darsteller" und dem wirklich Obdachlosen in der Zeit des kommunizierenden Miteinander interaktiv geschieht und in Erinnerung hinterlegt bleibt."

Ich habe diesen Gesichtspunkt "unbelichtet" gelassen, weil er, glaub ich, gar nicht vorkommt. Der Reporter geht ja nicht zu der Gruppe Penner im Park, zeigt seinen Presseausweis vor und sagt: "Hallo Leute, ich bin Erwin Petersen vom 'stern'. Ich werde jetzt die nächsten Wochen bei euch verbringen und dann eine Reportage schreiben."
Wenn er authentische Reaktionen haben will, dann darf seine Identität niemandem, auch und gerade nicht seinen neuen Kumpels von der Straße nicht bekannt sein.

"Kam also Gott in gestalt seinen Sohnes auf Erden, um uns bestimmte Formen, Richtungen, Wahrnehmungen, Parktiken des Glaubens auszutreiben, wie u. a. die Art des Glaubens an die Blutrache bis ins siebte Glied?"

Das ist wohl eine etwas merkwürdige Vorstellung: Gott lehrt die Alten Israeliten die Blutrache, irgendwann kommt er zu der Einsicht, daß dies wohl doch nicht ganz das Gelbe vom Ei ist und schickt seinen Sohn, damit er den Leuten beibringt, daß das mit der Blutrache (und ähnlichen Scherzen) nur so ein kleiner Irrtum von ihm war.

Ciao
Wolfram
Rahab schrieb am 04.09.2009 um 09:17
versteh ich das jetzt richtig:
"Wenn er authentische Reaktionen haben will, dann darf seine Identität niemandem, auch und gerade nicht seinen neuen Kumpels von der Straße nicht bekannt sein." dahingehend, dass einfühlung nur inkognito möglich sein sollte?

ansonsten würde ich ja die theodizee nicht zum gradmesser von einfühlungsfähigkeit wie -reichweite machen wollen. obwohl mir die kindliche perspektive nachvollziehbar ist - wie aber auch die meiner damals noch kindlichen ältesten, die ihren tatten mit der frage quälte: und warum haben sie ihn nun ans kreuz geschlagen? was ja auch ein zugang in einfühlung ist,wallah.
Wolfram Heinrich schrieb am 04.09.2009 um 09:57
"versteh ich das jetzt richtig:
"Wenn er authentische Reaktionen haben will, dann darf seine Identität niemandem, auch und gerade nicht seinen neuen Kumpels von der Straße nicht bekannt sein." dahingehend, dass einfühlung nur inkognito möglich sein sollte?"

Das hast du falsch verstanden. Es geht hier zunächst noch gar nicht um die Einfühlung, es geht darum, daß der Reporter die zu beobachtende und zu beschreibende Situation nicht stören und verändern darf. Wenn zu einer Gruppe Pennern ein neuer kommt, dann ist das normaler Alltag, ein als verkleideter Journalist sich zu erkennen gebender Penner dagegen würde die Situation massiv beeinflussen.

"ansonsten würde ich ja die theodizee nicht zum gradmesser von einfühlungsfähigkeit..."

Manchmal erinnerst du mich doch sehr an den Witz mit dem Biologiestudenten, der sich auf die Würmer vorbereitet hat und nun über den Elefanten gefragt wird. "Der Elefant ist ein großes Säugetier, es hat einen Rüssel. Der Rüssel erinnert von der Form her an einen Wurm. Die Würmer teilen sich in folgende Gruppen ein..."

Über was immer ich schreibe (sei es nun Ödipus oder eine Pennerreportage), stets schaffst du den Schlenker hinüber zur Theologie und/oder jüdischen Tradition.
Rahab schrieb am 04.09.2009 um 10:04
das mit dem schlenker - liegt das an mir oder liegt das an deinen texten? ich schreibe schließlich auch über ganz anderes...
und, wenn du aufmerksam gelesen hättest, habe ich einfach nur die kindliche frage meiner tochter wiedergegeben. und sie als einen (weiteren) zugang zum eigenen einfühlungsvermögen bezeichnet.
was ich nicht dazuschrieb, deshalb sei es nachgeholt: der solcherart gequält tatte war und ist evangelischer pfarrer... nun schließe selbst (wie öfter mal so schön im talmud steht).
Rahab schrieb am 04.09.2009 um 10:06
ach ja, noch ne ergänzung: mein eigener einstieg in dieses ding mit der einfühlung war das wort "a-sozial". was natürlich auch nur aus dem ganz spezifischen historischen/biographischen hintergrund heraus zu verstehen ist...
Joachim Petrick schrieb am 04.09.2009 um 12:55
Hallo ihr beiden und alle anderen.
hier ist nicht die Frage"Sein oder nicht Sein, sondern gehe ich als "Wallraff" in die Situation anderer hinein"!, oder?
Manche nennen das "Strukturalismus" nach Levi Strauss, andere missinierenden Ethnolgismus zur eigenen Erbauung.

Wer für den Markt der Möglichkeiten im Glauben als Urzelle der freien Marktwirtschaft plädiert, freut sich auf die eine Option Rache, Strafe wie die der Versöhnung gleichermaßen.
12.00 Uhr Mittags High Noon Rache, wir müssen Strafe tunt!, abends beim Mahl für die, die noch da, Versöhnung ohne persönliche Verhöhnung vorheriger strafender Rachegedanken, oder so.
JP
Joachim Petrick schrieb am 04.09.2009 um 14:15
Hallo............
Du zitierst selbst meine Anrede an Dich
"Lieber Wolfram Heinrich....",
möchtest Du lieber als böser Wolfram Heinrich, denn Lieber Wolfram Heinrich angesprochen sein?, beides ist mir so Recht wie ich weiss nicht mehr.

Doch bedenke wohl:
"Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen überall hin",
den Satz kennst Du wahrscheinlich wohl, doch der Satz hat ein Pendant, das geht so:
"Gute Jungs kommen in den Himmel, böse Jungs ebenso, nämlich zu den 72 Jungfrauen"
Siehste wohl, da bist Du als "Junge" angeschmiert mit Mutterbutter lackiert
Gut dass Du den Aufmacher Deines Beitrags "Einfühlung" zurücknimmst, weil es Dir, siehe Dein folgender Satz, eher um verhinderte Einfühlung zu gehen scheint?
"Es geht hier zunächst noch gar nicht um die Einfühlung, es geht darum, daß der Reporter die zu beobachtende und zu beschreibende Situation nicht stören und verändern darf".
Da beschreibst Du im Kern, das, was Levi Strausse in seiner Theorie & ethnologischen Praxis des Strukturalismus, der in Frankreich bis in die Ausbildung von Archäologen Eingang gefunden hat, antreibt.

Auch die Einfühlung in das, was Dir als Kinderglaube erscheint liegt Dir n. m. E. fern:

„Kam also Gott in gestalt seinen Sohnes auf Erden, um uns bestimmte Formen, Richtungen, Wahrnehmungen, Parktiken des Glaubens auszutreiben, wie u. a. die Art des Glaubens an die Blutrache bis ins siebte Glied?"

Das ist wohl eine etwas merkwürdige Vorstellung: Gott lehrt die Alten Israeliten die Blutrache, irgendwann kommt er zu der Einsicht, daß dies wohl doch nicht ganz das Gelbe vom Ei ist und schickt seinen Sohn, damit er den Leuten beibringt, daß das mit der Blutrache (und ähnlichen Scherzen) nur so ein kleiner Irrtum von ihm war“.

Da sage ich nur „Löwe, gut gebrüllt, ist nur halb gekotzt“.
Kotz doch einfach den zweiten Teil noch aus, der Dir aus Deinem Gedärme im Gehirne witzig hitzig zwickt und zwackt.

Nebenbei gesagt, ist Gott die Rache wie die Versöhnung, das Gute wie das Böse so gleich in seinem Reich, wenn es Gott übrhaupt gibt.
Das ist es ja, als Mensch hast Du die Wahl, Dich in Deinem Glauben wie Unglauben zu ändern oder auch nicht.
Manche ziehen dabei als Rückhalt gegenüber anderen Menschen die Anrufung Gottes nach der Art von Krawall- Mäusen, die sich Tiger- Attrappen überziehen, zu Rat, wie wir heute allzu gerne Expertenverstand zitieren, um uns selber in unserem Wissens- und Forschungsdrang eingeständig unkenntlich zu machen.

Dein Auftakt “Einfühlung“ klingt grandios, der dann folgende Text erscheint mir als Abgesang des vorherigen Gesanges von der Einfühlung zu sein. Entweder gibt es Einfühlung, oder es gibt keine Einfühlung, egal in welcher Ver- Kleidung, mit oder ohne Visier Panier noch Klaviatur der Verstellung!, oder?
tschüss
JP
Wolfram Heinrich schrieb am 04.09.2009 um 18:48
"das mit dem schlenker - liegt das an mir oder liegt das an deinen texten? ich schreibe schließlich auch über ganz anderes..."

Ich weiß es nicht, mir ist es nur jetzt wieder mal aufgefallen.
Wolfram Heinrich schrieb am 04.09.2009 um 18:48
"Manche nennen das "Strukturalismus" nach Levi Strauss,"

Inwiefern wäre das Strukturalismus? Strukturalismus ist eine Richtung der Philosophie, eine Art der Welterklärung. Wo ist der Zusammenhang?
Wolfram Heinrich schrieb am 04.09.2009 um 18:49
"Du zitierst selbst meine Anrede an Dich
'Lieber Wolfram Heinrich....',
möchtest Du lieber als böser Wolfram Heinrich, denn Lieber Wolfram Heinrich angesprochen sein?, beides ist mir so Recht wie ich weiss nicht mehr."

Nun, ich habe halt die eine Zeile noch drangelassen. Nenn es Versehen... Natürlich tut das Zitieren der Anrede nichts zur Sache.

"Auch die Einfühlung in das, was Dir als Kinderglaube erscheint liegt Dir n. m. E. fern:

'Kam also Gott in gestalt seinen Sohnes auf Erden, um uns bestimmte Formen, Richtungen, Wahrnehmungen, Parktiken des Glaubens auszutreiben, wie u. a. die Art des Glaubens an die Blutrache bis ins siebte Glied?'

Das ist wohl eine etwas merkwürdige Vorstellung: Gott lehrt die Alten Israeliten die Blutrache, irgendwann kommt er zu der Einsicht, daß dies wohl doch nicht ganz das Gelbe vom Ei ist und schickt seinen Sohn, damit er den Leuten beibringt, daß das mit der Blutrache (und ähnlichen Scherzen) nur so ein kleiner Irrtum von ihm war“.

Da sage ich nur „Löwe, gut gebrüllt, ist nur halb gekotzt“.
Kotz doch einfach den zweiten Teil noch aus, der Dir aus Deinem Gedärme im Gehirne witzig hitzig zwickt und zwackt."

Wenn ich jetzt nur annähernd wüßte, was du damit meinst...
Rahab schrieb am 04.09.2009 um 20:36
sorry, ich muß noch mal... hab es nämlich grad erst gesehen. auch wenn es dir auf den keks geht, Wolfram, aber: g't lehrte die alten israeliten alles mögliche, aber die blutrache nicht. da muß dir dein priester mal wieder einen vom pferd erzählt haben.
das giltet auch für JP! und seine "Blutrache bis ins siebte Glied"!
Wolfram Heinrich schrieb am 04.09.2009 um 20:53
"sorry, ich muß noch mal... hab es nämlich grad erst gesehen. auch wenn es dir auf den keks geht, Wolfram, aber: g't lehrte die alten israeliten alles mögliche, aber die blutrache nicht. da muß dir dein priester mal wieder einen vom pferd erzählt haben."

Mir hat mein Priester nix vom Pferd erzählt, ich habe schlicht die Formulierung von Joachim Petrick übernommen, weil ich darauf geantwortet habe. Blutrache oder nicht war in dem Zusammenhang völlig wurscht, es ging um den Wechsel ethischen Normen.

Was anderes: Ist es nicht möglich, wie jeder andere auch "Gott" und "Jesus" zu schreiben statt "g't" und "Jesche"? Ich mein, daß du Hebräisch kannst glaub ich dir auch so.

Ciao
Wolfram
Rahab schrieb am 04.09.2009 um 21:52
stimmt, das war als erster JP, welcher diesen popanz für schattenboxen aufgebaut hatte.
und das mit den namen halte ich, wie's mir gefällt.
Wolfram Heinrich schrieb am 04.09.2009 um 22:26
"und das mit den namen halte ich, wie's mir gefällt."

M'ch d's n'r, R'h'b.

Ciao
Wolfram
Rahab schrieb am 04.09.2009 um 13:20
hm. strukturalismus oder missionierenden ethnologismus?
... nun, ich habe nie unter pennern gelebt, um hinterher drüber zu schreiben. ich habe nur mit mandant_innen gearbeitet, welche überlebende von folter waren. das ist meine "übung in empathie", von der aus ich spreche/schreibe. und als ich solches arbeitete, auch sprach und schrieb.
darüber, ob sie die situation (der 'überlebenden', meine, der ABH, des BAFL, des BZFO, des VG usw.usf.) nun mehr mit strukturalismus oder mit missionierendem ethnologismus zu tun hatte, dachte ich damals wie heute eher weniger nach. über die grenzen, die notwendigen wie die hinderlichen, allerdings schon.
Joachim Petrick schrieb am 04.09.2009 um 14:25
Hallo Rahab,
ich glaube wie Du, dass der Mensch nur im kreatrlich kreativ kommunikativen Fluss bleibt, wenn er situativ Veränderungen, Wandel aufgechlossen bleibt.
Selbst der Strukturalismus kann das, weil es um Menschen, Tiere, Pflanzen, Elemente geht, nicht hindern und will er dies denn überhaupt?

Ging es Levi Strauss nicht ert eimal im Frankreich der "Klassen" kolossal kolonial aufgestellter Eliten um eine Theorie der ausgegrabenen Egalität/Gleichheit vor der Wirklichkeit,des gegenseitigen Respekts, der gegenseitigen Achtung, wie damals 1789 in den Anfängen der französischen Revolution?

Erläutere doch ma, was ist das ABH u. u. :
".....ob sie die situation (der 'überlebenden', meine, der ABH, des BAFL, des BZFO, des VG usw.usf.)........"
tschüss
JP
Rahab schrieb am 04.09.2009 um 14:38
ABH=ausländerbehörde
BAFL=bundesamt für die anerkennung ausländischer flüchtlinge (heute BAMF=bundesamt für migration usw.)
BZFO=behandlungszentrum für folteropfer
VG=verwaltungsgericht

strukturalismus habe ich bislang nie so verstanden, dass er situationen "fest-stellen" wollte. aber das lag womöglich auch daran, dass ich von recht klein auf in ambiguitäten und deren toleranzen und wo deren grenzen liegen (oder nicht oder liegen müssen oder nicht liegen sollten) eingeübt wurde. Marienfelde und notaufnahmelager Gießen waren dafür ideal - wenn auch vielleicht nicht immer ganz kindgerecht.

in meiner berufstätigkeit hätte ich strukturalismus als "fest-stellenden" ebensowenig brauchen können wie "missionierende ethnologie". dazu ging's immer wieder viel zu sehr um "ecce homo"!
Joachim Petrick schrieb am 04.09.2009 um 16:24
Hallo Rahab,
vielen dank für deine Erläuterung:
ABH=ausländerbehörde
BAFL=bundesamt für die anerkennung ausländischer flüchtlinge (heute BAMF=bundesamt für migration usw.)
BZFO=behandlungszentrum für folteropfer
VG=verwaltungsgericht

wenn das kein scheinheilig eiliger Strukturalismus ist, was dann?
ecce homo..............wohin?
tschüss
JP
Rahab schrieb am 04.09.2009 um 17:38
"ecce homo" bezieht sich auf die geschichte von Jesche vor Pontius Pilatus. In Jerusalem, auf der via dolorosa, existiert immer noch der ecce-homo-bogen. Sari Nusseibeh, der autor von "Es war einmal ein Land. ein Leben in Palästina" (ein sehr lesenswertes buch übrigens)betrieb dort in der nähe mal, wenn ich es richtig erinnere, zusammen mit seiner gattin eine art café. ob das noch existiert? oder bereits der judaisierung der altstadt zum opfer gefallen ist?

aber, worauf ich hinaus wollte, ist dieses: ich konnte ja schlecht mit meinen mandant_innen folter nachstellen (bin allerdings ab und zu bei ABH, BAFL und VG leuten begegnet, die das zur glaubhaftmachung von folter wohl gern gehabt hätten). also mußte ich das mit der einfühlung anders hinkriegen. durch zuhören und hingucken, auch und gerade dann, wenn mit (gutem/r - das ist bedingung) dolmetscher_in zusammenarbeitend. durch aufmerksames lesen. um so an den punkt zu kommen, wo ich sagen konnte, auch anderen: das ist der mensch (oder das von ihr/ihm, was für das asylverfahren von belang ist). dabei helfen /halfen mir auch erinnerungen daran, wie sich für mich das eine oder andere anfühlte. bei anderen dürfte das so ähnlich sein.

aus dieser erfahrung heraus finde ich, dass Wolfram mit seinem artikel etwas zu kurz greift. und dass er mit seiner theodizee-geschichte etwas zu schnell bei der hand war.

aber andererseits: wenn er all das, was mich dazu bewegt, bereits geschrieben hätte, dann hätte ich ja garnichts mehr zu kommentieren gehabt.
poor on ruhr schrieb am 04.09.2009 um 16:30
Das mit der Einfühlung hat ganz starke Grenzen. Mich regt so ein Journalismus auf, wo einer mal 2 Monate als Penner lebt und dann meint darüber alles zu wissen. Die Existenzangst und das Ausgeliefertsein, das Gefühl der Ausweglosigkeit wird individuell als so niederschmetternd empfunden, dass man es kaum beschreiben kann.
Lebenslang Hartz IV aus irgend einem Grund, wer kann sich da schon reindenken und wer kann so leben, wenn er das nicht muss?
Oft kann so eine Art von Journalismus ziemlich gut gemeint sein, ist aber doch total daneben. Echtes Erleben, Einfühlung und Simulation sollte in erster Linie vom Herzen kommen.
Titta schrieb am 04.09.2009 um 16:42
Bei der Geschichte mußte ich an einen Freund denken, der auch eine Weile auf der Straße gelebt hat. Er hat das ziemlich lange verheimlichen können, bis irgendwann seine Zähne anfingen auszufallen wg. der schlechten Ernährung. Skorbut mitten in Deutschland. Von so was und den ganzen anderen Langzeitfolgen, wie soll ein Reporter davon wissen.
Bei so was fänd ich dann Regelungen schön, die Politikern, die Hartz4 und dergleichen beschließen wollen, vor der Abstimmung selbst mal für eine Weile so leben müssen.
LG
poor on ruhr schrieb am 04.09.2009 um 16:51
Absolut Titta. An etwas Ähnliches hatte ich auch gerade dedacht, auch wenn ich es nicht in den Blog
reingeschrieben habe. Dieser komische Berliner Finanzsenator, der meinte dass man mit Hartz IV so prima klar kommen könnte. Die Sprüche die die machen und die Lebenspraxis sind da zwei verschiedene Dinge. Das befürchte ich auch nach den Wahlen, dass sie dann sagen, dass man mit 100 € im Monat sich auch ganz gut ernähren kann. Da können diese Einfühlerjournalisten ganz schnell Instrumente des Sozialterrors werden, wenn sie versuchen das mal 4 Wochen vorzumachen und solche Idioten gibt es auch! Aber lebe mal ein Leben lang so!
Wolfram Heinrich
Der Franze hat gsagt, der Xaver wenn das noch hätt erleben können, sagt er, der hätt sich totgelacht.
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