Wolfram Heinrich

Der Franze hat gsagt

24.01.2011 | 17:42

Empörung

Die Lebenserfahrung, diese Wissenschaft nach Hausmacher-Art, lehrt die von ihr Befallenen, daß es nicht die gänzlich neuen, für alle völlig überraschenden Nachrichten und Erkenntnisse sind, die aufgeregten Wirbel verursachen, einen richtig schönen Skandal nach sich ziehen.

Verblüffende Neuigkeiten machen uns allenfalls staunen, wirkliche und nachhaltige Empörung hingegen lösen fast ausschließlich jene Tatsachen aus, die jedermann längst bekannt sind, die lediglich von Irgendjemandem irgendwann einmal ausgesprochen werden.

So wie im Kabarett, in der Komödie die Leute am lautesten und nachhaltigsten über jene Witze und Pointen lachen, die sie bereits kennen, bzw. deren Kommen von weitem her absehbar war.
Man denke auch an den Fall eines inzwischen verstorbenen bayerischen Spitzenpolitikers, dessen private und politische Dubiositäten jedermann längst bekannt waren, deren posthume "Enthüllung" dann merkwürdigerweise enormen Wirbel verursachte und dem Enthüller fast eine Anklage wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener einbrachte.

Im Drama "König Ödipus" von Sophokles weiß die Königin Iokaste bereits relativ früh, deutlich früher jedenfalls als Ödipus, wie der Hase läuft, daß also Ödipus niemand anderer als ihr eigener Sohn ist. Sie drängt ihn, mit den Nachforschungen aufzuhören, bleibt aber weiter im Spiel. Erst als Ödipus weitermacht, beharrlich weiter nachbohrt und schließlich die Wahrheit ans Licht bringt, hängt sie sich auf. Nicht die Tatsache, daß sie mit dem eigenen Sohn und Töter seines Vaters, ihres Ex-Gatten, geschlafen und Kinder gezeugt hat, treibt sie um, sondern lediglich die Tatsache, daß die Leute davon erfahren könnten.

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Tom Bombadil schrieb am 24.01.2011 um 19:10
Bub: "Mama, Mama, in der Schule sagen Sie, ich hätt' einen Ödipus-Komplex!"

Mutter: "Ach was, Junge, Hauptsache ist doch, dass Du Deine Mama recht lieb hast."

-------------------------------
Kein Projekt nirgends
Tom
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.02.2011 um 08:45
"Im Drama "König Ödipus" von Sophokles weiß die Königin Iokaste bereits relativ früh, deutlich früher jedenfalls als Ödipus, wie der Hase läuft, daß also Ödipus niemand anderer als ihr eigener Sohn ist. Sie drängt ihn, mit den Nachforschungen aufzuhören, bleibt aber weiter im Spiel. Erst als Ödipus weitermacht, beharrlich weiter nachbohrt und schließlich die Wahrheit ans Licht bringt, hängt sie sich auf. Nicht die Tatsache, daß sie mit dem eigenen Sohn und Töter seines Vaters, ihres Ex-Gatten, geschlafen und Kinder gezeugt hat, treibt sie um, sondern lediglich die Tatsache, daß die Leute davon erfahren könnten."

*********************************

Etwas zu ahnen und etwas zu wissen ist nicht das Gleiche. Man kann etwas ahnen, es aber nicht wissen wollen, weil dieses Wissen zu schrecklich wäre. Solange man nicht endgültig weiß, kann man glauben, man hätte sich was eingebildet, irgendein Schreckgespenst… und man kann es verdrängen. Im Fall von Ödipus und Iokaste ging es nicht nur darum, dass die Leute etwas erfahren und vielleicht mit dem Finger zeigen werden oder so… es ging darum, dass sie alles verlieren, was sie haben… und weswegen?.. wegen einer Sünde, die sie gar nicht bewusst begangen haben? Wusste Ödipus, dass er im Kampf seinen Vater erschlägt? Wusste er nicht! Wusste Iokaste, dass sie den Mörder ihres Mannes und ihren eigenen Sohn heiratet? Wusste sie nicht! Was ist also die Schuld von Ödipus und Iokaste dabei? Warum sollten sie dafür so hart bestraft werden? Man sagt, dass Theben unter der Herrschaft von Ödipus und Iokaste sehr glücklich war, weil sie weise und fair regiert haben. Dann sind sie also gar keine schlechten Menschen? Und wieso müssen sie solche unmenschliche Leiden auf sich aufnehmen? Wieso müssen sie sich dem Pöbel als Opfer ausliefern? Es ging ja übrigens nicht nur um sie beide, sondern auch um ihre vier Kinder, die genau so ungerecht in tiefes Unglück gestürzt wurden, obwohl sie keine Schuld an der Situation haben… wird man da als Mutter nicht ein bisschen vorsichtig? Ich vertrete zwar die Meinung, dass es in jeder Situation besser ist, die Wahrheit zu wissen und dass es gar keine Rettungslügen gibt… Lüge ist immer Lüge… die Unfähigkeit, mit der Welt offen und aufrichtig in Kontakt zu kommen. Aber ich kann trotzdem nachvollziehen, wie tief Iokaste gelitten hat und warum sie sich instinktiv von der Wahrheit abwenden wollte. Ich glaube nicht, dass sie deswegen zu verurteilen wäre. Zumal jeder Mensch ab und zu lügt. Es gibt keine Menschen, die IMMER fähig wären, offen und aufrichtig mit der Welt und mit sich selbst zu kontaktieren.
Wolfram Heinrich schrieb am 07.02.2011 um 01:44
@Krem-Browning
Etwas zu ahnen und etwas zu wissen ist nicht das Gleiche. Man kann etwas ahnen, es aber nicht wissen wollen, weil dieses Wissen zu schrecklich wäre. Solange man nicht endgültig weiß, kann man glauben, man hätte sich was eingebildet, irgendein Schreckgespenst…und man kann es verdrängen.

Grundsätzlich ist das schon richtig. Im Falle der Iokaste habe ich meine Zweifel, was ihre Restzweifel betrifft. Als sie den betreffenden Satz sagt, Ödipus also von seinen Nachforschungen abbringen will, ist dieser bereits sehr weit in seinen Ermittlungen fortgeschritten. Sie kennt die Vorgänge von damals - anders als Ödipus, dem sie neu sind - aus direktester Quelle, sie war Miturheberin der Kindsaussetzung. Sie kennt also bereits den letzten Puzzlestein, der Ödipus in diesem Moment noch fehlt. Sie weiß genau, was Sache ist und sie möchte es bei ihrem Privatwissen belassen.

Im Fall von Ödipus und Iokaste ging es nicht nur darum, dass die Leute etwas erfahren und vielleicht mit dem Finger zeigen werden oder so… es ging darum, dass sie alles verlieren, was sie haben… und weswegen?.. wegen einer Sünde, die sie gar nicht bewusst begangen haben? Wusste Ödipus, dass er im Kampf seinen Vater erschlägt? Wusste er nicht! Wusste Iokaste, dass sie den Mörder ihres Mannes und ihren eigenen Sohn heiratet? Wusste sie nicht! Was ist also die Schuld von Ödipus und Iokaste dabei?

Ich möchte klarstellen, daß Ödipus nicht seinen Vater (das war Polybos) erschlagen hat, sondern seinen biologischen Erzeuger. Und er hat nicht mit seiner Mutter (das war Merope) Kinder gezeugt, sondern mit seiner biologischen Erzeugerin. Ödipus hat im Gebirge seinen Mörder erschlagen (daß der Mord nicht gelang, dafür konnte der Mörder nichts) und er hat ihn nicht ermordet, sondern im Kampf (mehrere gegen einen) erschlagen. Im heutigen Rechtsverständnis wäre das schlimmstenfalls Notwehrexzeß.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich
Der Franze hat gsagt, der Xaver wenn das noch hätt erleben können, sagt er, der hätt sich totgelacht.
Ort:
Aldersbach
Mitglied seit:
2 Jahre 44 Wochen
Zuletzt aktiv:
02.06.2012
Status:
Publizist
Aktivität:
Beiträge: 437
Kommentare: 8728
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
05:18
claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
05:13
Alien59 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
04:55
boldine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
04:50
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
04:34
claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG