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Nagle mich jetzt keiner auf eine genaue Stelle fest, aber irgendwo bei Ludwig Thoma habe ich mal gelesen, seinerzeit hätten sich die Bauernburschen, wenn sie zum Tanz gegangen seien, ihr Taschentuch unter der schweißnassen Achselhöhle durchgezogen und dies dann ins Brusttascherl gesteckt, um die Mädels kirre zu machen. Und von Napoleon sagt man, er habe seiner Josephine bei der Rückkehr von einem Feldzug einen Boten vorausgeschickt mit der Nachricht "Wasch dich nicht, ich komme."
Und heute? Ich habe vor einigen Jahren im italienischen Fernsehen einen Werbespot für ein Deospray gesehen. Der Spot ist - für eine Kosmetikwerbung - sehr ungewöhnlich aufgemacht: In einem offensichtlich menschenleeren (nächtlichen) Bürohochhaus wird eine junge Frau von zwei Männern gehetzt, Bluthunde an der Leine. In einem Treppenhaus, kurzfristig außer Sichtweite ihrer Verfolger, kann sie sich über das Treppengeländer schwingen. Sie klammert sich an einer Metallverstrebung fest, frei über einem gähnenden Abgrund, von oben unsichtbar. Die Frau hängt im hautengen schwarzen Dress da, erregt atmend. Arme, Gesicht und Achselhöhle sind mit einem dicken Schweißfilm überzogen. Du riechst buchstäblich die Schweißwolke dieser erregten Frau. Obwohl die Frau nicht eigentlich schön ist - jedenfalls nicht nach meinem Geschmack - strahlt sie in diesem einen Bild eine enorme erotische Wirkung aus.
Die Verfolger kommen mit ihren Hunden ums Eck gelaufen - und laufen über der unter ihnen hängenden Frau an ihr vorbei.
Eine Schrift erscheint, welche verspricht, daß man nach Benutzung des beworbenen Sprays keinerlei Geruch mehr ausströme - nessun odore.
Alles sauber, alles keimfrei, auch der Sex. Ach.
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Tja, die Erotik hat doch viele Spielarten.
Ich bin mir nicht sicher, ob die Vorlieben der Bauernburschen und Mägde überall im modernen Großstadtleben so angesagt sind. Meine Tätigkeit ist gestern mal wieder gemischt gewesen. 3h im Dreck und 5h Büro mit sofortigem Übergang. Ich wollte dann doch nicht auf das Deo verzichten als ich im Büro saß, so gerne ich mir das auch einreden möchte, dass mein Schweiß was hat. ;O) Es ist aber wohl vor allem kein schöner Geruch , den mein Schweiß hat und der muß nicht unbedingt in diese Nase meiner Chefin strömen. Der Blog ist wie immer sehr gut! Er regt zum Nachdenken an! |
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"Tja, die Erotik hat doch viele Spielarten.
Ich bin mir nicht sicher, ob die Vorlieben der Bauernburschen und Mägde überall im modernen Großstadtleben so angesagt sind." Wollen mal so sagen: Man hat uns den Ekel (oder Widerwillen) vor dem normalen Körpergeruch anerzogen. Wer Umgang hat mit den üblichen Menschen, muß sich drauf einrichten, ob er will oder nicht. So gesehen muß man wohl mit dem Deo leben. Andererseits sind es, glaube ich, zwei Paar Stiefel: - Stinkt wie ein Wiesel wegen mangelhafter Körperpflege - Riecht nach Schweiß, weil er halt geschwitzt hat. Ciao Wolfram |
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"Na, 'spontan' war ja nun nicht meine These."
Meine Anmerkung war auch kein Widerspruch, sondern lediglich eine Ergänzung. "Es geht übrigens nicht nur um 'Eigengeruch', sondern auch um die Gerüche, die mir als Folge von dem, was ich tue, anhaften können." Schon klar, daß ich nach dem Stallausmisten rieche, als hätte ich gerade einen Stall ausgemistet. Das ist aber nochmal was anderes. Mir ging es bei der Sache tatsächlich ganz eng um den Eigengeruch, der eigentlich und früher mal erotisierend gewirkt hat. Daß ein raffiniertes und also teures (oder Teuerheit vortäuschendes) Parfüm erotisierend wirkt, ist auch klar, da teuere Produkte Reichtum, Macht und Ansehen signalisieren. Teure Speisen schmecken besser, teure Dinge sehen schöner aus. Ciao Wolfram |
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Genau, so sehe ich das auch. Danke. :O)
por |
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Die Hygienepropaganda und der autoritäre Zwang zur Körperhygiene des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat einen großen Anteil an der Verbesserung von Gesundheit und Lebenserwartung gehabt, einhergehend natürlich mit den entsprechenden Infrastrukturentwicklungen. Das war noch die notwendige Herstellung von individuellen Verhaltensweisen und räumlicher Infrastruktur, die den aktuellen Erfordernissen einer industriell-urbanen Gesellschaft entsprach. Ab Mitte des 20. Jh.s dann geht es um was anderes: Gesellschaftlich adäquates Verhalten heißt jetzt Konsumieren, da reichen die funktionalen Argumente nicht mehr. Das Wachsen der mentalen Geruchsintoleranz ist die Folge.
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"Das Wachsen der mentalen Geruchsintoleranz ist die Folge."
So ganz spontan gewachsen ist diese Intoleranz nicht, will mir scheinen. Das muß man, abseits von jeglicher Hygiene, die wieder was anderes ist, den Leuten schon auch einreden, daß Eigengeruch "bäh" ist. |
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schrieb am
25.09.2009 um 11:36
Na, 'spontan' war ja nun nicht meine These. Alle Techniken, die uns 'empfohlen' werden zur Erzeugung der Geruchsneutralität bzw. eines körperfremden Geruchs, sind Praktiken der Hygiene bzw. schließen an diese an. Das Baden, als Hygienepraktik erst im 19. Jh. benannt, wird im Mittelater als Körpertherapie mit primärem Genussmotiv betrieben. Im Barock ist Hygienepraxis (immer noch nicht so genannt) Mittel zur Erzeugung eines visuell-symbolischen Reinheitszustands, auch der Parfüm-Geruch (Moschus!) ist hier nicht etwa Retusche des Körpergeruchs, sondern symbolisches i-Tüpfelchen. Der Geruch gilt erst danach und dann vehement als Indiz für den Grad der Beherrschung von angesagter Hygienepraxis. In der heutigen Körperkultur ist das alles aufgehoben und überformt von der Warenästhetik. Genuss, (sozial-normative) Symbolik, physiologische Erfordernisse, alles noch da.
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schrieb am
25.09.2009 um 11:39
Es geht übrigens nicht nur um 'Eigengeruch', sondern auch um die Gerüche, die mir als Folge von dem, was ich tue, anhaften können.
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Habe auch gerade über diese anerzogene Überempfindlichkeit nachgedacht als ich in Milan Kunderas "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" etwas über Tiere las. Der Unterschied zum Menschen wäre, dass sie nie aus dem Paradies vertrieben wurden, so Kundera.
Paradies steht wohl für Natürlichkeit im ursprünglichsten Sinne. Schlimm eigentlich, dass heute alles klinisch rein ist, dass Frauen denken behaupten zu müssen ihre Ausscheidungen würden nach Rosen riechen, was bis zur totalen Leumdung des eigenen Körpergeruchs geht. Ins Paradies führt wohl kein Weg zurück. Raus ist raus. Und auch ich stehe sowas von draußen. Im Sommer kann ich die Öffis nicht benutzen, zuviel Fremdschweiß. Einen sehr charmanten, gutaussehenden jungen Arzt konnte ich nicht mehr daten, weil er einfach zu natürlich roch. Schade, aber so ist das Leben außerhalb des Paradieses. |
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"Habe auch gerade über diese anerzogene Überempfindlichkeit nachgedacht als ich in Milan Kunderas "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" etwas über Tiere las. Der Unterschied zum Menschen wäre, dass sie nie aus dem Paradies vertrieben wurden, so Kundera.
Paradies steht wohl für Natürlichkeit im ursprünglichsten Sinne." Wobei Hunde (und andere Tiere) sich schon auch parfümieren. Wenn ein Hund einen Kuhfladen oder einen toten Igel bemerkt, wird er sich mit großem Eifer und Behagen darin wälzen. Rücksichtslose Hundehalter baden dann ihre Lieblinge. "Im Sommer kann ich die Öffis nicht benutzen, zuviel Fremdschweiß. Einen sehr charmanten, gutaussehenden jungen Arzt konnte ich nicht mehr daten, weil er einfach zu natürlich roch." Äh, ganz im Ernst? |
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Ganz im Ernst, wobei "zu natürlich" sehr euphemistisch war. Er stank nach Schweiß.
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"Ganz im Ernst, wobei "zu natürlich" sehr euphemistisch war. Er stank nach Schweiß."
So hatte ich das auch verstanden. Aber gut, da ist natürlich ein Unterschied, ob einer nach altem Schweiß stinkt, weil er sich selten wäscht oder ob er den aktuellen Schweiß an sich hat, der womöglich die sexuelle Erregung wiedergibt. Andererseits scheint Napoleons Wunsch nach einer mehrtägig nicht mehr gewaschenen Josephine schon drauf hinzudeuten, daß man da früher ganz anders drauf war in Bezug auf die Wahrnehmung von Gerüchen. Was Parfüms betrifft, so gilt anscheinend die Regel: Wenn man das Parfüm bewußt riecht, dann ist es überdosiert. Ciao Wolfram |
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Dein Beitrag bringt mich glatt auf die Idee 'mal eine Fahrt in der Metro von Paris zu beschreiben. Leider funktionieren die Cyberduftproben noch nicht so gut im Internet. Das Werbung uns allen versucht zu zeigen das alle Opas Millionäre sind, das Baby blau pinkeln und Geiz geil sei, daran haben wir uns doch alle schon gewöhnt. Ich glaube die Wahrnehmung von menschlichen Ausströmungen wird je nach Alter genauso verschieden wahrgenommen wie all die käuflichen Düfte.
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"Dein Beitrag bringt mich glatt auf die Idee 'mal eine Fahrt in der Metro von Paris zu beschreiben. Leider funktionieren die Cyberduftproben noch nicht so gut im Internet."
Ich vermute mal, die Leute in der U-Bahn riechen nicht einfach nur nach Schweiß (wobei Schweiß auch nicht gleich Schweiß ist), sondern nach mangelnder Hygiene, dazu kommen Ausdünstungen bei nasser Kleidung, Knoblauch etc. |
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schrieb am
26.06.2010 um 20:42
>>Fahrt in der Metro von Paris zu beschreiben.<<
In München, wenn die Ubahn gerammlt voll ist, liegen auch Düftlein in der Luft. Aber es ist nur für begrenzte Zeit mit meiner Knoblauchaffinität habe ich selber schon dazu beigetragen (oder früher möglicheweise nach langen Arbeitstagen im Hochsommer) Autoabgase finde ich schlimmer Zum Geruchsempfinden allgemein: Veileicht waren Jäger die ersten, die sich mit Rosen- oder Veilchenblüten einrieben, um ihren Geruch zu tarnen? Denn das Wild flüchtet vor des Menschen Witterung, nicht aber vor dem Körpergeruch von Blumen... --- Es gibt Menschen, die ich riechen mag und solche, die ich nicht riechen mag. Wenn ich drüber nachdenke, dann komme ich darauf, warum mich Männer mit Rasierwasserduft immer so misstrauisch gestimmt haben: Der hat doch was zu verbergen? --- >>Wenn man das Parfüm bewußt riecht, dann ist es überdosiert.<< Die Kunst der Parfümierung besteht nicht in der Verdeckung, sondern in der Unterstreichung des natürlichen Duftes... |
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@claudia
Veileicht waren Jäger die ersten, die sich mit Rosen- oder Veilchenblüten einrieben, um ihren Geruch zu tarnen? Denn das Wild flüchtet vor des Menschen Witterung, nicht aber vor dem Körpergeruch von Blumen... Ich glaube nicht, daß die Jäger die ersten waren, die sich parfümierten und ich glaube auch nicht, daß sie sich mit Blumen parfümierten. Wer einen Hund hat, dem wird aufgefallen sein, daß Hunde sich liebend gern in Scheiße wälzen, Kuh-Scheiße etwa. Der Grund ist schlicht der, daß ein Raubtier, das sich an ein Beutetier anschleicht, keinen Wert drauf legt, wie ein Raubtier zu riechen. Als Kuh parfümiert hat ein Hund (oder ein menschlicher Jäger) viel mehr Erfolgsaussichten. Ciao Wolfram |
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schrieb am
27.06.2010 um 00:18
>>...daß Hunde sich liebend gern in Scheiße wälzen, Kuh-Scheiße etwa.<<
Das hat meine ("belgische Schäferhündin") auch gemacht. Rüden fanden dann zwar keine Kuh vor, aber eine Dame, die auch was zu bieten hatte. (Wobei sie nicht unkritisch auswählte, wie ich respektvoll anmerken muss) Dass menschliche Steinzeitjäger sich in Kuhkacke wälzten, halte ich mangels Kuhkacke für nicht sehr wahrscheinlich. Dass sie aber trotzdem Jagdstrategien entwickelt haben, aber schon. Schon deswegen, weil ich wahrscheinlich von ihnen abstamme... |
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@claudia
Dass menschliche Steinzeitjäger sich in Kuhkacke wälzten, halte ich mangels Kuhkacke für nicht sehr wahrscheinlich. Ja gut, Kuh kacke ist vielleicht ein bißchen früh für die Zeit vor der Domestizierung von Rindern. Aber irgendwelche andere Pflanzenfresserscheiße halt, gegebenenfalls auch Aas. Ciao Wolfram |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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