Wolfram Heinrich

Der Franze hat gsagt

05.09.2009 | 02:06

Gefährliche Ausreden

"Du sollst nicht lügen", heißt es, aber...

Je nun, du sollst auch eine ganze Menge anderer Dinge nicht tun, tust sie aber trotzdem. Und wenn dir einer dahinter kommt und dich beschuldigt - was machst du? Du stellst dich blöd und behauptest, von nichts, aber auch von gar nichts etwas zu wissen und das hättest du nie und nimmer getan. Und wenn sie dir dann - so gemein sind manchmal die Leute - Beweise bringen, daß du es doch warst, mußt du dir ganz schnell eine Ausrede einfallen lassen.

"Erstens", sagte der Angeklagte, "habe ich das Fahrrad nicht gestohlen. Zweitens war es eh schon ziemlich kaputt und drittens werde ich es bestimmt zurückgeben."

Und patsch! sitzt du mit deiner Ausrede erst recht in der Tinte. Und es ist nicht immer so lustig wie in der bekannten Anekdote.

Amphetamin in Ullrichs Urin

Da gibt es zum Beispiel den Radrennfahrer Jan Ullrich, der 1998 die Tour de France gewonnen hat. Wie viele Leistungssportler - und so mancher normale Mensch auch - ist Jan Ullrich ein rechter Saufkopf. Das führte dazu, daß sie ihm Anfang 2002 den Führerschein genommen haben, mit immerhin 1,5 Promille.

Na ja, macht nichts, der Maier Sepp hatte ihn drei- oder viermal weg und immer mit über zwokommafünf Promille.

Ich sag ja, daß Leistungssportler Saufköpfe sind.

Wie im Leistungssport allgemein üblich, nehmen die Sportler von ihren Funktionären empfohlene Dopingmittel, damit sie gewinnen, während andere Funktionäre versuchen, das Doping nachzuweisen, damit jeder denkt, das Doping im Sport wäre eine Ausnahme.

Na ja, macht nichts, ohne Doping sind heute keine Pokale mehr zu gewinnen und ein paar Sportler erwischt's halt, damit jeder sieht, wie sauber der Sport eigentlich ist.

Im Juni 2002 war Jan Ullrich dran. Er mußte ins Röhrchen pinkeln und patsch! hat man Speed drin gefunden.

Speed ist ein Zaubermittel, das dir hilft, nicht nur die Tour de France zu gewinnen, sondern auch die Disco-Sause bis früh um neune durchzustehen.

Ein Sportler von Format hätte in dieser Situation gesagt:

* Leute, ohne das Zeug gewinnt keiner die Tour de France oder sonst ein Rennen. Ich hab's probiert, ihr habt mich erwischt, tut mir leid.
oder
* Leute, ein Leistungssportler steht heutzutage unter einem wahnsinnigen Streß. Den hältst du ohne chemische Tröster einfach nicht durch.

Jan Ullrich jedoch gab nach einigen Tagen folgende Erklärung dazu ab: Er sei in einer Münchner Disco gewesen, habe schon einiges getrunken gehabt. Ein ihm völlig unbekannter Mann habe ihm Tabletten angeboten, die er "un­be­wußt" gekauft und dann auch genommen habe. Das sei eine Dummheit gewesen. Er habe überhaupt keine Ahnung gehabt, welche Tabletten das gewesen seien.

Das mußt du dir mal vorstellen: Da kommt ein völlig unbekannter Mensch auf dich zu und bietet dir Tabletten an. Der Mann ist offensichtlich kein Apotheker, die Tabletten sind offensichtlich kein Aspirin. Auf Nachfrage verweigert der Mann dir jede Auskunft über die Art der Tabletten, nennt dir lediglich den Preis. Du zahlst den Preis, nimmst die Tabletten, ohne die leiseste Ahnung, was das für ein Zeug ist, das du dir einschiebst, ohne den leisesten Grund, dem Unbekannten, der dir die Tabletten gibt, auch nur ein Mindestmaß an Vertrauen zu schenken.

Nähme man Jan Ullrichs Ausrede ernst, so stünde er als ein Mensch da, der völlig neben der Kappe steht, zu aberwitzigen Handlungen fähig.

Hinrichtung - echt?

Hans Karl Filbinger kennen die Jüngeren schon nicht mehr - und das ist gut so. Als Hans Karl Filbinger noch Mini­ster­präsident von Baden-Württemberg war, wurde ihm vorgeworfen, er habe im Jahre 1945 als Anklagevertreter beim Militärgericht wegen Desertion die Todesstrafe gefordert.

Filbingers erste Reaktion war, alles abzuleugnen. Nein, das sei alles erlogen, nichts als eine schmutzige Kampagne gegen ihn. Daraufhin legte man, was zu erwarten war, Dokumente vor, welche den Sachverhalt eindeutig bewiesen. Filbinger hatte die Hinrichtung nicht nur gefordert und durchgesetzt, sondern ihr auch beigewohnt und den ordnungsgemäßen Ablauf protokolliert.

Ein Mann von Format hätte in dieser Situation gesagt:

* Ich hab's zuerst mit Leugnen versucht. Tut mir leid, war falsch.
* Richtig, Leute, ist vielmehr: Auch ich bin damals der Faszination der Nazis/dem allgemeinen Druck erlegen, habe mich zum willfährigen Werkzeug dieser Verbrecher machen lassen und bin dadurch schuldig geworden.
* Das ist inzwischen 29 Jahre her. Ich habe mich gewandelt, mir tut alles sehr leid. Ich möchte mich hiermit bei allen Angehörigen des erschossenen Matrosen entschuldigen.

Hans Karl Filbinger jedoch suchte sich mit der Bemerkung zu entlasten, er habe diese Hinrichtung völlig vergessen gehabt, habe nicht mehr dran gedacht.

Was uns Hans Karl Filbinger mit dieser Ausrede sagt, ist dies:

* Ich habe während des Krieges so viele Leute in den Tod geschickt, habe so viele Hinrichtungen gefordert, beschlossen, beobachtet und protokolliert, daß ich mich nun wirklich nicht mehr an diese eine erinnern konnte.
Oder:
* Ich, Hans Karl Filbinger, bin ein derart eiskalter, brutaler Hund, daß ich mich an eine Hinrichtung, die ich gefordert, durchgesetzt, beobachtet und protokolliert habe, nicht mehr erinnern kann.

Vergeltungsvergeltung

Anfang Oktober 2002 gab es einen arabischen Raketenangriff auf eine jüdische Siedlung im Gazastreifen, ganz bestimmt die Vergeltung für irgendwas. Zur Vergeltung - rasend originelle Idee - rücken postwendend israelische Truppen mit Panzern und Kampfflugzeugen in eine Stadt im Ga­za­strei­fen ein, um dort "einige Hamas-Aktivisten festzunehmen". Die Stadt gilt, wie üblich, als "Hochburg der Hamas".

Die israelischen Soldaten werden - wen wundert's? - beschossen und schießen "in Selbstverteidigung" zurück, wie später ein Militärsprecher betonen wird. Die klassische Notwehrsituation: Kidnapper dringen in ein Haus ein, um jemanden zu entführen. Sie werden beschossen und schießen in Selbstverteidigung zurück.

Das Militär feuert von Flugzeugen aus einige Raketen auf die Stadt ab. Eine dieser Raketen explodiert in einer Menschenmenge auf einem Platz. 10 bis 15 Menschen kommen ums Leben, darunter Unbewaffnete, darunter Jugendliche.

Der israelische Regierungssprecher vermerkt zu diesem Vorfall, Schuld an den Toten hätten die Palästinenser, da diese unbewaffnete Zivilisten als "menschliche Schutzschilde" mißbraucht hätten.

Der Regierungssprecher meint, er hätte damit seine Regierung entlastet und alle Schuld dem bösen Feind zugeschoben.

Was er uns aber sagt, ist dies:

* Die dummen Palästinenser haben sich mit ihren "menschlichen Schutzschilden" verrechnet. Menschliche Schutzschilde setzen einen Gegner voraus, der noch über ein Mindestmaß an Anstand, Moral, Tötungshemmung besitzt. Wenn sich jemand, den wir haben wollen, in einer Menge von einkaufenden Hausfrauen versteckt, dann erschießen wir ungerührt so viele Hausfrauen, bis wir sicher sind, daß auch der versteckte Feind darunter ist. Ist uns doch scheißegal.

Es ist gar nicht selten, daß entlastende Ausreden viel belastender sind als die simple Wahrheit.

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 05.09.2009 um 22:38
Ich bin auch ein Meister von Ausreden. :-)
Wolfram Heinrich schrieb am 06.09.2009 um 00:20
Hoffentlich sind die Ausreden besser als die hier aufgeführten.

Ciao
Wolfram
poor on ruhr schrieb am 05.09.2009 um 22:52
....aber nicht immer, in der Regel sage ich die Wahrheit und lüge nie :-)
poor on ruhr schrieb am 06.09.2009 um 12:13
Hmmh....ich bemühe mich darum, aber man lernt ja nie aus. :-)
Wolfram Heinrich schrieb am 06.09.2009 um 14:13
Oscar Wilde oder wer soll mal gesagt haben: "Die Wahrheit sagen kann jeder Idiot, aber zum Lügen braucht's Intelligenz." :o)
Tom Zille schrieb am 06.09.2009 um 17:49
Die entlarvende Wirkung von Ausreden wäre doch ein gutes Thema für ein Buch!
Wolfram Heinrich schrieb am 06.09.2009 um 20:13
"Die entlarvende Wirkung von Ausreden wäre doch ein gutes Thema für ein Buch!"
Gar keine schlechte Idee. Aber wer veröffentlicht schon ein Buch? Von einem Autor, den keiner kennt, weil er noch kein Buch veröffentlich hat?

Ciao
Wolfram
poor on ruhr schrieb am 06.09.2009 um 20:32
Das er noch kein Buch veröffentlicht hat, sagt nichts über die Qualität eines Autors aus. Sie sind wirklich sehr gut! Nur Mut!
Wolfram Heinrich schrieb am 06.09.2009 um 20:39
"Das er noch kein Buch veröffentlicht hat, sagt nichts über die Qualität eines Autors aus. Sie sind wirklich sehr gut! Nur Mut!"

Ha, Mut! Ich biete meine Sachen jetzt seit über 30 Jahren an wie sauer Bier. Wenigstens kann ich, seit ich Internet-Anschluß habe, meine Sachen umsonst im Internet präsentieren. Das aber ist, wie ich höre, der sicherste Weg, das Interesse von Verlagen völlig auf Null zu bringen.

Ciao
Wolfram
poor on ruhr schrieb am 06.09.2009 um 20:50
Tut mir leid, wenn ich das mit dem Mut vielleicht etwas leichtfertig dahingeschrieben habe. Ich wollte Ihre Gefühle nicht verletzen. Es war gut gemeint.
Ich finde Sie wirklich gut.
Wolfram Heinrich schrieb am 06.09.2009 um 21:32
"Tut mir leid, wenn ich das mit dem Mut vielleicht etwas leichtfertig dahingeschrieben habe. Ich wollte Ihre Gefühle nicht verletzen. Es war gut gemeint."

Ich habe jetzt ein bisserl was über Sie gelesen in Ihrem Blog und das was Sie hier jetzt schreiben, haut genau in diese Kerbe. Wieso entschuldigen Sie sich? Sie haben meine Gefühle nicht verletzt, ich hatte mich lediglich selber etwas sarkastisch über meine vergeblichen Versuche geäußert. Wenn da ein Fehler war, dann lag er darin, daß ich diesen selbstironischen Sarkasmus nicht deutlich genug gemacht habe.
Ich mein, ich kann Sie und Ihren Kleinmut schon nachvollziehen. Mir geht es viel zu oft ganz ähnlich, immerhin habe ich es geschafft, mich wenigstens im Internet eher als Löwe darzustellen und weniger wie eine Katze. Nehmen Sie das Internet als Übungsfeld und hauen Sie auch mal zu, wenn Ihnen nach zuhauen ist. :o)
poor on ruhr schrieb am 06.09.2009 um 21:53
Vielen Dank! Ihre Worte bedeuten mir wirklich viel.
Sie sind ein sehr netter Mensch! Was immer Sie auch noch im Leben vorhaben, so drücke ich Ihnen von ganzem
Herzen die Daumen dafür , das mit dem notwendigen Quentchen Glück Ihre Träume in Erfüllung gehen mögen.

P.S. Ich bin wirklich sehr kleinmütig, aber ich kann da ganz schlecht aus meiner Haut raus.
Wolfram Heinrich schrieb am 06.09.2009 um 22:53
"P.S. Ich bin wirklich sehr kleinmütig, aber ich kann da ganz schlecht aus meiner Haut raus."

Deswegen sollten Sie das Internet als Trainingsplatz benutzen. Hier können Sie quasi mit Tarnkappe operieren, keiner sieht, wie zaghaft und ängstlich Sie auf die Tasten drücken, was einer sieht sind die energischen Worte, die schließlich dort stehen.
Ich hatte mal als Berufsanfänger ein Übergangswohnheim für Haftentlassene zu leiten, schwierige Kundschaft. Ein x-mal - auch wegen Körperverletzung - Vorbestrafter hat mal gemeint, er müßte mir dumm kommen. Ich sagte ihm, wenn er glaube, ich sei ein baatweicher Psychologe, mit dem er hier spielen könne, dann habe er sich verrechnet. Ich würde es ungern machen, aber wenn es sein müsse, könnte ich genauso fies sein wie er. Wir haben uns anschließend ziemlich gut verstanden.
Die Geschichte ist ja die: Wenn in einer Firma eine unangenehme Arbeit zu verrichten ist und es gibt dort in der Firma einen Mitarbeiter, der nicht "Nein" sagen kann - wer, glauben Sie - bekommt die unangenehme Arbeit aufgedrückt?
poor on ruhr schrieb am 07.09.2009 um 20:30
Nochmals vielen Dank. Ich werde darüber noch genauer nachdenken. In zusätzlichen Schichten, vor der sich andere gedrückt haben und die dann übernommen habe, habe ich mich in Ihren Worten unter meiner letzten Chefin wiedererkannt. Ich habe mich ängstlich weggeduckt und diese Angst wird natürlich genau gesehen, aber in dieser Community lassen die Äußerungen von ganz vielen großen Respekt in mir wachsen, auch wenn es sicherlich die Momente gibt in denen man sich auch mal ärgert.
Wolfram Heinrich schrieb am 07.09.2009 um 21:55
"...auch wenn es sicherlich die Momente gibt in denen man sich auch mal ärgert."

Jeder hat das Recht, gelegentlich Mist zu schreiben oder zu tun. Übrigens auch Sie. Nehmen Sie sich dies Recht.
poor on ruhr schrieb am 09.09.2009 um 18:31
Danke für die Bemerkung!
Wolfram Heinrich
Der Franze hat gsagt, der Xaver wenn das noch hätt erleben können, sagt er, der hätt sich totgelacht.
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05:18
claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
05:13
Alien59 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
04:55
boldine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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