Wolfram Heinrich

Der Franze hat gsagt

28.08.2009 | 16:15

Heimat und Wegwerf-Maxime

Die Doppelwertigkeit (oder seine Wertlosigkeit, was dasselbe ist) des Begriffes "Heimat" bekommt der Deutsche gelegentlich zu spüren.

Wenn ein Politiker in Parlament und Nadelstreif eine Rede zur Wirtschaftspolitik hält, wird er über kurz oder lang fast zwangsläufig auch auf die Arbeitsmarktpolitik kommen. Und er wird - fast zwangsläufig - die Mobilität betonen, die in diesen Zeiten so wichtig sei. Nicht nur die berufliche Mobilität, sondern auch und nicht zuletzt die räumliche Mobilität. Wenn in Flensburg keine Schweißer mehr gebraucht werden, wohl aber in Berchtesgaden, dann könne es doch nicht zuviel verlangt sein, wenn der Herr Schweißer seine Sachen packe und samt Familie nach Berchtesgaden ziehe.

Hält derselbe Politiker in Bierzelt und Trachtenanzug dagegen eine kulturkritische Rede, wird er - fast zwangsläufig - die Bedeutung betonen, welche die Verbundenheit mit dieser Heimat für uns alle bedeutet. Beklagen wird er, daß in diesen Zeiten die eigene Heimat nicht mehr viel gilt, daß viel zu viele sich allzu bereitwillig entwurzeln ließen und jetzt wurzel- und damit ziellos in den Abgrund taumelten.

Das erste ist die Nadelstreif-Maxime, das zweite die Trachtenanzug-Rhetorik. Beides sind Wegwerf-Maximen, Maximen also von hohem moralischen Rang, die ich für eine bestimmte Argumentation in Anspruch nehme, um sie sofort anschließend wieder zu vergessen, weil sie mir bei anderer Gelegenheit schwer im Weg stehen.

 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 28.08.2009 um 16:50
Die Heimat ist momentan doch Deutschland und alle taumeln durch sie, bleiben somit immer in ihr ;)
Wolfram Heinrich schrieb am 28.08.2009 um 17:08
Die Größe der Heimat hängt von der Größe des Bierzelts ab. Im Oktoberfestzelt ist die Heimat größer als auf der Dult in Miesbach und im Bundestag sowieso.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.08.2009 um 17:17
Glückwunsch! - Du hast das Grundprinzip der politischen Kommunikation in der freiheitlich-westlichen Gesellschaft erkannt. Man könnte es auch die 'Wie kriege ich Anachronismen so ausgedrückt, dass die Leutchen brav anachronistisch handeln und auch noch denken, es wäre in ihrem Sinne'-Methode nennen.
Wolfram Heinrich schrieb am 28.08.2009 um 22:07
"Man könnte es auch die 'Wie kriege ich Anachronismen so ausgedrückt, dass die Leutchen brav anachronistisch handeln..."

Ist hier wirklich anachronistisch gemeint?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 29.08.2009 um 17:12
Das was gemeint zu sein scheint, wenn einer dieser Politiker das Wort 'Heimat' in den Mund nimmt, IST anachronistisch.
Wolfram Heinrich schrieb am 29.08.2009 um 17:24
"Das was gemeint zu sein scheint, wenn einer dieser Politiker das Wort 'Heimat' in den Mund nimmt, IST anachronistisch."

Das verstehe ich jetzt zwar in dieser Kürze nicht, aber wahrscheinlich ist es wurscht.
Magda schrieb am 28.08.2009 um 19:51
Ja, solche Sachen...versetzen einem einen AHA-Effekt. So isses.
poor on ruhr schrieb am 02.09.2009 um 14:36
So iss et, sachta auch der Ruhrpotti.
Wolfram Heinrich
Der Franze hat gsagt, wer nicht frägt, bleibt dumm. Wer frägt, sagt er, zwar auch, aber doch nicht so.
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