Wolfram Heinrich

Der Franze hat gsagt

23.01.2011 | 14:44

Heroin und Alkohol

Alkohol zählt, gar keine Frage, zu den Rauschdrogen. Außerhalb von Fachzirkeln wird nicht gerne darüber gesprochen, aber: Alkohol zählt entschieden zu den harten Drogen. Sein Suchtpotential ist deutlich höher als jenes von Haschisch, höher auch als das von Kokain. Selbst vor Heroin braucht sich Alkohol nicht zu verstecken.

An dieser Stelle werden manche protestierend Einspruch erheben. Das, meinen sie, gehe nun doch zu weit, Alkohol und Heroin in einem Atemzug zu nennen.
Sehr viele Leute würden schließlich irgendwann in ihrem Leben Alkohol probieren, viele tränken ihn sogar mehr oder weniger regelmäßig in mehr oder weniger großen Mengen. Nur ein relativ kleiner Prozentsatz davon würde letztlich abhängig oder bekäme zumindest erhebliche Probleme mit dem Alkohol. Beim Heroin sei die Erfahrung gerade umgekehrt. Hier würden fast alle Konsumenten abhängig und das meist sogar sehr schnell.
So richtig diese Beobachtung ist, so fragwürdig ist es, daraus auf ein höheres Suchtpotential bei Heroin zu schließen. Die Rahmenbedingungen für Alkohol und Heroin sind zu unterschiedlich für einen direkten Vergleich:
*     Alkohol ist angenehm und unproblematisch zu konsumieren, man kann ihn trinken.
*     Alkohol ist in Getränken enthalten, die angenehm schmecken.
*     Alkohol ist leicht zu dosieren, die Stufenleiter vom ersten angenehmen Kitzel bis zum Vollrausch ist lang und reich gegliedert. Die Möglichkeit zum Aufhören vor dem Vollrausch besteht fast ständig.
*     Alkohol ist legal und keineswegs grundsätzlich verpönt. Niemand wird aus der Gemeinschaft ausgestoßen, weil er Alkohol trinkt - eher im Gegenteil.
*     Alkohol ist - in unserer Gesellschaft - allgegenwärtig. Nahezu jeder kommt irgendwann in seinem Leben mit Alkohol in Berührung, Leute mit den unterschiedlichsten Persönlichkeitsstrukturen.
Es war noch in den frühen achtziger Jahren, als ich bei einem Besuch in München einmal ein Plakat einer Münchner Brauerei sah. Ich glaube, es war die Paulaner Brauerei und es war eine Reklame für Paulaner Pils. Ein Säugling lag in seiner Wiege, proper, glücklich und zufrieden. Um die Wiege herum standen die Eltern und Großeltern, blickten verzückt und glücklich in die Wiege mit dem kleinen Wonneproppen. Alles schön, alles gediegen, alles wohlhabend. Eine Idylle. Auf dem Plakat standen die Worte: „Irgendwann wird auch er sein erstes Paulaner Pils trinken.
Eine knallharte Drohung. Das Plakat will uns sagen: „Du, kleiner Säugling, magst jetzt noch ahnungslos und zufrieden in deiner Wiege liegen und von Muttermilch träumen. Täusche dich nicht - wir kriegen auch dich, so wie wir bisher noch fast jeden gekriegt haben!“
Du kommst dem Bier nicht aus!

Ganz anders dagegen beim Heroin:
*     Heroin muß man sich in die Venen spritzen, um die optimale Wirkung zu erzielen. Eine unangenehme Sache. Es kostet Überwindung, sich selbst eine Nadel ins Fleisch zu bohren, wie jeder Zuckerkranke weiß, der das Setzen der täglichen Insulinspritze lernen mußte.
*     Heroin hat außer dem Rauschgenuß nichts zu bieten. Es lockt den Menschen, der auf andere - zum Beispiel kulinarische - Genüsse aus ist, nicht an.
*     Heroin den eigenen Wünschen entsprechend zu dosieren, ist schwierig, da es sich um winzige Men­gen handelt. Die Dosierung ist überdies hochriskant, da der Wirkstoffgehalt der illegalen Wa­re vom Konsumenten nicht zu kontrollieren ist.
*     Heroin ist illegal, Handel und Besitz sind mit strengen Strafen bedroht. Ein als Heroinkonsument enttarnter Mensch ist ganz schnell aus der normalen Gesellschaft ausgestoßen.
*     Heroin zu bekommen ist schwierig, es erfordert erhebliches Beschaffungs-Know-How.
Fast alle haben in unserem Kulturkreis mehr oder weniger intensive Erfahrungen mit Alkohol, stabile, instabile und hochgefährdete Menschen. Leidlich stabile Menschen kosten vom Alkohol, finden dran Gefallen und behalten die Kontrolle über sich und den Stoff. Instabilere Leute erliegen der Verlockung des Alkohols, sie sind irgendwann dem Alkohol verfallen.
Der erste Konsum von Heroin kann dagegen gar nicht so nebenbei und selbstverständlich geschehen, wie das beim Alkohol meist der Fall ist. Der erste Konsum von Heroin ist für den Neuling ein bedeutender Schritt, der ein erhebliches Ausmaß an Entschlossenheit verlangt (wobei es zunächst nicht sonderlich wichtig ist, ob ihm diese Entschlossenheit selbst bewußt ist). Heroin probiert von vorneherein nur der Typ Mensch, der berauscht sein will. Die Hindernisse vor dem Heroin sind so hoch, daß nur zur Sucht bereits entschlossene Menschen diese Hindernisse überspringen können und wollen. Die logische Folge - Folge der Situation, nicht des Stoffes Heroin - ist, daß fast jeder, der mit Heroin anfängt, schließlich an der Nadel hängt.

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.01.2011 um 15:06
Kann ich nur unterstreichen, was Du sagst. In dem Zusammenhang finde ich die Frage, was eine Rauscherfahrung ausmacht spannend. Einmal beim Alkohol als mehr oder weniger sozial und kulturell tolerierter Rausch und im Fall von Heroin als sozial geächteter Rausch.
Und trifft die Feststellung zu, dass die Kids immer früher und exzessiver erste Rauscherfahrungen sammeln, vom chronischen Kiffen bis zum Vollsuff?
Lee Berthine schrieb am 23.01.2011 um 15:09
Alkoholismus ist eine schwere Krankheit, nenne es Sucht oder wie auch immer, die zum Tod führen kann.

Ich stimme dir zu, die Hemmschwelle, Heroin zu nehmen, ist ziemlich hoch und setzt einen gesteigerten Drang zur Selbstzerstörung voraus, der beim Alkoholkonsum und seiner Beschaffung nicht vorhanden sein muss.

Im ersten Moment hatte ich etwas Sorge, dass du, als Autor dieses blogs, womöglich schon die Querelen in dieser community nicht mehr anders erträgst und über Möglichkeiten zur Betäubung nachdenkst.

Nach dem Lesen bin ich jedoch beruhigt, hoffentlich zu Recht, und wünsche weiter ein schönes WE!
Lee Berthine schrieb am 23.01.2011 um 16:01
Bedanke mich bei rahab für die konstruktive Kritik an meiner Ausdrucksweise und möchte bitte folgende Korrektur beantragen:

In Zeile 3 meines Kommentars von 15:09 sollte es besser heißen:

"Ich stimme dir zu, die Hemmschwelle, Heroin zu nehmen, ist ziemlich hoch - und sie überschreiten zu können, setzt eine unbewusste Neigung zu selbstzerstörerischem Verhalten voraus, welche im übrigen bei den empfindsamsten Seelen, kreativsten und klügsten Menschen vorhanden ist (und keine Abwertung impliziert, sondern eine wie auch immer entstandene oder bereits vorhandene Disposition voraussetzt) - der beim Alkoholkonsum und seiner Beschaffung nicht vorhanden sein muss."
ForenBoy schrieb am 23.01.2011 um 16:07
es geht auch einfacher:

erst Alkohol rein, Hemmschwelle unten, Heroin rein, und schlecht ist.
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 16:44
@Lee Berthine
Im ersten Moment hatte ich etwas Sorge, dass du, als Autor dieses blogs, womöglich schon die Querelen in dieser community nicht mehr anders erträgst und über Möglichkeiten zur Betäubung nachdenkst.

Ach nein, im Laufe der Jahrzehnte habe ich die Kunst des Nichtlesens erlernt. Das Meiste, was hier so abläuft, rauscht (!) sowieso an mir vorbei, nicht oder lediglich aus den Augenwinkeln wahrgenommen.

Dir auch einen schönen Restsonntag.

Ciao
Wolfram
Lee Berthine schrieb am 23.01.2011 um 16:55
@ ForenBoy

Autsch, das

"erst Alkohol rein, Hemmschwelle unten, Heroin rein, und schlecht ist"

klappt aber auch nur, wenn derjenige noch nicht zu besoffen ist, die Nadel ordentlich aufzuziehen und anzusetzen, oder?

waldmeister
Lee Berthine schrieb am 23.01.2011 um 16:59
aldi

Quelle dieses und anderer Cartoons auf der Seite Waldmeister Cartoons:
mitglied.multimania.de/waldmeister200/drogen.htm#a
ForenBoy schrieb am 23.01.2011 um 17:28
lach, klar, aber wenn er erst mal soweit ist, braucht er auch kein Heroin mehr......Geld gespart.
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 17:39
@Lee Berthine
ALDI-Logo

Du wirst lachen, ich habe das Bild mit dem Aldi-Logo lange angeschaut und kam nicht dahinter, warum du das hier eingestellt hast. Kein Bezug zum Text... Rätselhaft. Erst mit erheblicher Verzögerung hat sich mein Autokorrekturprogramm in Brain 2.0 abgeschaltet und ich habe den absichtlichen Schreibfehler entdeckt.

Ciao
Wolfram
Lee Berthine schrieb am 23.01.2011 um 17:56
@Wolfram Heinrich,

Haha, ja, unsere mit farbigen Logo-Reizen überfluteten Augen und Sehnerven sind manchmal überfordert - und wie du sagst, obendrein mit einer Autokorrekturfunktion versehen.
(an einem womöglich erhöhten Promillewert kanns ja nicht gelegen haben, gell)

Vor 20 Jahren, so lange ists schon her, hatte ich meinen Alkoholkonsum nicht gerade im Griff, ich wollte ein Minimum an Spaß erleben, was mir irgendwie mit Hilfe von süßlichen alkoholischen Getränken leichter gelang und fand die nackte Realität schwer zu ertragen ohne sie.
Aber es war auch die Clique, die Gruppe von Freunden und Freundinnen, die man ebenfalls biertrinkend traf und mit ihnen gemeinsam den steigenden Pegel gar nicht wahrnahm.
Es ist eine Art Gesellschaftspiel.
Und allein die Filme aus den sechziger siebziger Jahren, da gabs kaum eine Szene, in der die Heldin/der Held nicht eine Zigarette und ein Whisky-Glas in der Hand hatte, ganz beiläufig natürlich.

Heute habe ich selten mal ein Radler im Kühlschrank und in die Kneipe zu gehen, ist mir fast zu teuer und zu schade ums Geld. Und dann der dicke Kopf am nächsten Tag, die Übelkeit. Ach nee, lieber nicht...

Vor zwanzig Jahren hätte ich das eklig langweilig und spießig gefunden, was ich hier schreibe.

Zeit, mein Radler zu trinken und auf dem Sofa zu relaxen...
Schönen Abend allerseits!
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 18:49
@ForenBoy
lach, klar, aber wenn er erst mal soweit ist, braucht er auch kein Heroin mehr......Geld gespart.

Für einen leidlich Trinkgewohnten ist ein gepflegter Rausch in einer Disco auch kein sonderlich billiges Vergnügen.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 19:26
@Lee Berthine
Aber es war auch die Clique, die Gruppe von Freunden und Freundinnen, die man ebenfalls biertrinkend traf und mit ihnen gemeinsam den steigenden Pegel gar nicht wahrnahm.

Wollen mal so sagen: Wer gerne Alkohol und gerne viel Alkohol trinkt, der umgibt sich, ganz naturwüchsig, mit Leuten, die dies ebenso gern tun, der verkehrt gerne an Orten, an denen viel getrunken wird.
Ich darf mich mal selber zitieren (aus meinem Buch "Betrunken fahren? Aber logisch!":
"Die verkehrspychologischen Nachschulungskurse Modell LEER sind amtliche anerkannte Kurse mit Rechtsfolgen. Wer im MPU-Gutachten eine Empfehlung für einen solchen Kurs hat und ihn anschließend besucht, bekommt seinen Führerschein wieder.
Auf einer solchen Kurssitzung Modell LEER kamen wir auf die Rückfallwahrscheinlichkeit bei Alkohol am Steuer zu sprechen und ich gab die statistisch abgesicherte Information weiter, daß die Rückfallwahrscheinlichkeit bei einem, der schon mal mit Alkohol aufgefallen sei, höher wäre als bei einem bisher unbescholtenen Kraftfahrer. Einer der Teilnehmer, ein junger Mann von Mitte zwanzig, bemerkte dazu, man könne aus diesen Wahrscheinlichkeitsdaten gar nichts schließen, weil die anderen, die noch nicht erwischt worden seien, einfach Glück gehabt hätten. Als ich ironisch einwandte, es gäbe vielleicht doch Leute, die niemals betrunken Auto führen, stritt er das sehr energisch ab. Er meinte, er zumindest kenne keinen. Alle aus seinem Bekanntenkreis würden mehr oder wenig oft betrunken mit dem Auto fahren.
Es mischten sich nun andere Teilnehmer ein, berichteten von Leuten, die niemals betrunken führen, einfach deswegen, weil diese Leute keinen Alkohol tränken oder doch zumindest niemals betrunken wären. Erst daraufhin fiel auch dem jungen Mann ein Bekannter ein, der niemals Alkohol trinken würde.
Was ist hier passiert? Im Laufe seiner Karriere als Trinker und Trunkenheitsfahrer war diesem jungen Mann sowohl das regelmäßige Trinken erheblicher Mengen Alkohol als auch das anschließende Fahren unter Alkoholeinfluß so selbstverständlich geworden, daß er sich ein anderes Verhalten nicht einmal mehr theoretisch bei einem anderen Menschen vorstellen konnte.
Das ist nachvollziehbar. Der junge Mann hatte sich das Trinken großer Mengen Alkohol angewöhnt. Wo trinke ich am vorteilhaftesten große Mengen Alkohol? Sicher nicht in einem Speiselokal, wo die anderen Gäste sich nach mir umdrehen, wenn mir der Kellner das fünfte Bier in einer knappen Stunde bringt. Viel angenehmer ist es, viel Alkohol dort zu trinken, wo gemeinhin große Mengen Alkohol getrunken werden, in den einschlägigen Fachlokalen also, seien es bestimmte Discotheken, seien es Pils-Pubs oder Dorfwirtschaften. Wen aber treffe ich in solchen Lokalen? Vorzugsweise bis ausschließlich werde ich dort solchen Leuten begegnen, die ebenfalls gerne große Mengen Alkohol trinken.
Wir bleiben unter uns. So, wie ein Fußballer auffallend viele Fußballer in seiner Bekanntschaft hat, kennt ein Trinker besonders viele Trinker. Gleich und Gleich gesellt sich gern.
Und so kommt es, daß ihm im Laufe der Zeit das Merkwürdige, das Merk-Würdige seines Verhaltens gar nicht mehr auffällt, daß er Trinken und Betrunken-Fahren für etwas ganz normales und selbstverständliches und von allen Geübtes hält.
Das, was ihm passiert ist, nämlich der Führerscheinentzug, könnte im Prinzip jedem anderen Autofahrer auch passiert sein. Das redet er sich ein. Sein eingeschränkter Umgang mit Trinkern und Trunkenheitsfahrern legt ihm dies nahe. Daß es nach aller Erfahrung dennoch nicht jedem passiert, kann demzufolge seiner Erfahrung und seiner Logik nur daran liegen, daß einige halt Pech, die anderen dagegen etwas mehr Glück haben."

Und allein die Filme aus den sechziger siebziger Jahren, da gabs kaum eine Szene, in der die Heldin/der Held nicht eine Zigarette und ein Whisky-Glas in der Hand hatte, ganz beiläufig natürlich.

www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/der-kommissar-als-loser-bursche
www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/tatort-zeitreise

Vor zwanzig Jahren hätte ich das eklig langweilig und spießig gefunden, was ich hier schreibe.

Dumheid frist, Intellenz seuft.

Ciao
Wolfram
luggi schrieb am 23.01.2011 um 21:45
Dumheid frist Intellenz, seufz.

Ich komma auf den .
Rahab schrieb am 23.01.2011 um 15:18
eines morgens
wachte ich auf
und war zur selbst-zerstörung entschlossen

???
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.01.2011 um 15:32
@ rahab

Die Frage ist, ob man bei einer unbewussten Entschlossenheit zur Selbstzerstörung noch sinnvoll von einem Entschluss sprechen kann oder besser z.B. von einer Tendenz oder Einstellung.
Rahab schrieb am 23.01.2011 um 15:43
ich versuch halt auf meine weise zu ergründen, was ich mir unter einem "gesteigerten Drang zur Selbstzerstörung" vorstellen darf

was ich mir lieber nicht vorstelle: die abpanzerung gegen menschen, an welchen ein solcher "Drang" bemerkt bisa festgestellt wird
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.01.2011 um 16:05
Weil ein Heroinrausch und die Droge Heroin sozial geächtet und kriminalisiert ist, führt der Gebrauch der Droge zu einem gerüttelten Maß an Konflikt mit sozialen Normierungen. Und daher setzt der Heroinkonsum auch eine größere Indifferenz gegen soziale Normierungen und das Inkaufnehmen einer schwerer kontrollierbaren Rauscherfahrungen voraus. Insofern ist meiner Meinung eine Legalisierung/Entkriminalisierung wünschenswert.
Wenn man Rausch und Sucht auch als eine Sehnsucht versteht nach Etwas, was man nicht oder zuwenig bekommt oder auch als eine Flucht vor zu großem (Leistungs-) druck, würde das vielleicht bei der Ursachenforschung weiter führen.
Rahab schrieb am 23.01.2011 um 16:06
das würde es
Lee Berthine schrieb am 23.01.2011 um 16:19
@ Rahab

In Zeile 3 meines Kommentars von 15:09 sollte es besser heißen:

"Ich stimme dir zu, die Hemmschwelle, Heroin zu nehmen, ist ziemlich hoch - und sie überschreiten zu können, setzt eine unbewusste Neigung zu selbstzerstörerischem Verhalten voraus, welche im übrigen bei den empfindsamsten Seelen, kreativsten und klügsten Menschen vorhanden ist (und keine Abwertung impliziert, sondern eine wie auch immer entstandene oder bereits vorhandene Disposition voraussetzt) - der beim Alkoholkonsum und seiner Beschaffung nicht vorhanden sein muss."
Rahab schrieb am 23.01.2011 um 16:24
ich denk ja, es kommt einfach darauf an, wann und wie und womit die bei jedem menschen empfindsame seele beballert wird
Lee Berthine schrieb am 23.01.2011 um 16:30
@ Rahab

da sagst du was:

"die Seele beballern" ----

Ja, wer hätte das nicht schon am eigenen Leib erlebt, und erlebt es noch heute...

Und wer von uns beballert nicht gelegentlich - bewusst oder unbewusst - gestraft oder ungestraft - andere Seelen !?
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 16:45
@mabli
Wenn man Rausch und Sucht auch als eine Sehnsucht versteht nach Etwas, was man nicht oder zuwenig bekommt...

Das Wort "Sucht" kommt übrigens nicht, wie viele glauben, von "Suche", sondern von "siech".

Ciao
Wolfram
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.01.2011 um 16:52
@ wolfram

Spricht ja aber nicht gegen die Assoziation von Sucht und Sehnsucht, oder?
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 17:41
@mabli
Spricht ja aber nicht gegen die Assoziation von Sucht und Sehnsucht, oder?

Überhaupt nicht. Sehnsucht heißt ja auch "krank vor Sehnen". Aber auch sonst, Sprachspiele u. dergl. leben davon, daß man die Dinge nicht ganz so streng sieht.

Ciao
Wolfram
chrislow schrieb am 28.01.2011 um 08:41
mabli schrieb am 23.01.2011 um 16:05

"...würde das vielleicht bei der Ursachenforschung weiter führen.
... wenn man Rausch und Sucht auch als eine Sehnsucht versteht nach Etwas, was man nicht oder zuwenig bekommt oder auch als eine Flucht vor zu großem (Leistungs-) druck."

-> bittel an dieser Stelle in den Esotherik-Blog wechseln ... und nicht so sehr auf die plakativen Aussagen achten, sondern dem System dahinter. Dem kleinsten gemeinsamen Nenner ist dann eine ganz besondere Wahrheit zu entnehmen.
Neuerdings sind auch diverse Homöophatie-Artikel gar nicht weit von hier zu sichten.
Achtermann schrieb am 23.01.2011 um 16:08
Heroin wurde ursprünglich von der deutschen chemischen Industrie auf den Markt gebracht und war jahrelang frei zu kaufen. Der Rohstoff Opium wird hauptsächlich dort angebaut, wo jetzt die Deutschen Krieg führen: in Afghanistan. 123.000 Hektar Ackerfläche soll derzeit im besetzten Land zur Verfügung stehen. Rund 7.000 Tonnen sollen jährlich produziert und exportiert worden sein. Also doch lieber ein Bier nach deutschem Reinheitsgebot?
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 16:49
@Achtermann
Heroin wurde ursprünglich von der deutschen chemischen Industrie auf den Markt gebracht und war jahrelang frei zu kaufen.

Nahezu sämtliche heute verbotenen Rauschdrogen waren bis 1921 in Deutschland (und auch im restlichen Europa) frei zu kaufen. Cannabis etwa war in Schnupftabak (High durch Schmai) und Pfeifentabak (Knaster) enthalten, Coca Cola enthielt tatsächlich Kokain. Der Erste Weltkrieg produzierte eine Unzahl von Schwer- und Schwerstverletzten, der Schmerzen mit Opiaten betäubt wurden und die anschließend von dem Stoff nicht mehr loskamen. Das Problem der vielen Rauschdrogensüchtigen versuchte man dadurch zu lösen, daß man die Rauschdrogen verbot. Vergeblich, wie man längst weiß.

"Heroin" war ein Produkt der Firma BAYER, das unter anderem als Heilmittel gegen Opiumsucht verwendet wurde.

Ciao
Wolfram
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.01.2011 um 16:50
Wenn man lokale Produkte bevorzugt, wäre zurzeit ein Bier sicher schon ratsamer. Das H, was man so bekommt, trägt auch steuerlich wahrscheinlich auch weniger zum Gemeinwesen bei.
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 16:53
@Achtermann
Der Rohstoff Opium wird hauptsächlich dort angebaut, wo jetzt die Deutschen Krieg führen: in Afghanistan. 123.000 Hektar Ackerfläche soll derzeit im besetzten Land zur Verfügung stehen. Rund 7.000 Tonnen sollen jährlich produziert und exportiert worden sein.

Nun entsteht Rauschmittelsucht nicht dadurch, daß Rauschmittel auf dem Markt vorhanden sind, es entsteht, weil bestimmte Menschen Bedarf haben nach bestimmten Arten von Rausch.

Ciao
Wolfram
Achtermann schrieb am 23.01.2011 um 17:19
@ Wolfram

i> Nun entsteht Rauschmittelsucht nicht dadurch, daß Rauschmittel auf dem Markt vorhanden sind, es entsteht, weil bestimmte Menschen Bedarf haben nach bestimmten Arten von Rausch.

Du bist aber streng! Lassen wir Shakespeare sprechen:

Nicht Mohn und nicht Mandragora
Noch alle Schlummersäfte der Natur
Verhelfen je dir zu dem süßen Schlaf,
Der gestern noch dein Eigen war.
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 17:43
@mabli
Wenn man lokale Produkte bevorzugt, wäre zurzeit ein Bier sicher schon ratsamer.

Bier macht sexy. www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/bier-macht-sexy

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 18:43
@Achtermann
Du bist aber streng! Lassen wir Shakespeare sprechen:
"Nicht Mohn und nicht Mandragora
Noch alle Schlummersäfte der Natur
Verhelfen je dir zu dem süßen Schlaf,
Der gestern noch dein Eigen war."

Was Jago hier im "Othello" formuliert ist die wohlbekannte Tatsache, daß Ersatz für etwas anderes, in welcher Dosierung immer, niemals die angestrebte Befriedigung bringt. Die Dosissteigerung ist vorprogrammiert, denn natürlich säuft oder fixt niemand, weil er wirklich saufen oder fixen will. Er sucht (und findet) in der stofflichen oder nicht-stofflichen Droge einen leidlichen Ersatz für Ausgeglichenheit und Zufriedenheit. Aber halt nur einen leidlichen Ersatz.
Der ehemalige Kokser Konstantin Wecker hat mal, als er noch auf Stoff war, das Prinzip auf den Punkt gebracht:
"Genug ist nicht genug, genug kann nie genügen."

Ciao
Wolfram
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.01.2011 um 21:54
Sketch von Badesalz zum Thema:


>

Kasperle gegen Drogen von Clipfish

chrislow schrieb am 28.01.2011 um 08:45
"Der Rohstoff Opium wird hauptsächlich dort angebaut, wo jetzt die Deutschen Krieg führen: in Afghanistan."

-> Das ist vielleicht eine Wahrheit mit ganz besonderem gschmäckle....

Man muß sich ja schon mal fragen, warum scheinbar nicht um Öl bekriegt wird....
Ach ja, .... die Afghanen seien ja so arg andere (also böse) Menschen.
Rahab schrieb am 23.01.2011 um 16:11
und wie war das mit dem opiumkrieg?
GeroSteiner schrieb am 23.01.2011 um 16:29
Opi kriegt kein Opium, denn Opium haut Opi um!
Achtermann schrieb am 23.01.2011 um 16:40
@ Rahab

und wie war das mit dem opiumkrieg?

Kurz: Die Engländer glichen ihre negative Handelsbilanz mit China dadurch aus, dass sie Opium auf den dortigen Markt drückten und damit wirtschaftliche Macht über China errangen.
j-ap schrieb am 23.01.2011 um 18:02
Die längere Version geht so:

China hat mit dem Export von Porzellan, Seide und Räucherwerk einen ganz gewaltigen Reibach gemacht.

Da der chinesische Export nicht direkt nach Europa erfolgte, sondern exklusiv über die britische East India Company abgewickelt wurde (die nach den britisch-niederländischen Auseinandersetzungen des 18. Jahrhunderts das Monopol auf den Asienhandel hatte), führte das zu einem ebenso gewaltigen Abfluß von Gold und Silber (Bimetall-Standard) in Richtung China.

Zunächst hatte die East India Company versucht, das über den vermehrten Export von Opium und Tee nach Europa auszugleichen, allerdings warf der Teehandel bei weitem nicht genug ab und das Opium war in Europa so teuer, daß es sich nur die oberen Zehntausend (und ein paat gestrandete Gestalten, die ihr ganzes Vermögen dafür hinauswarfen — Beaudelaire und Joris-Karl Huysmans haben darüber geschrieben) leisten konnten. Also mußte ein anderer Weg her, wollte man nicht mittelfristig das gesamte Gold und Silber loswerden.

Deshalb hat die East India Company versucht, das Opium auf den chinesischen Markt zu pressen.

Nun wollte allerdings China das sauer verdiente Gold und Silber nicht einfach so wieder hergeben, weshalb es den Opiumhandel kurzerhand verbot, was sich die Ostindische Kompanie nicht bieten lassen konnte und das Empire zur militärischen Intervention pressierte, dem hinwiederum dieser Anlaß gerade recht kam, um die britische Einflußsphäre in China vor allem auf Kosten Rußlands (Pekinger Akkorde!) auszudehnen.

Das ist das Setting des Ersten Opiumkriegs.
GeroSteiner schrieb am 23.01.2011 um 16:51
Interessanter und lesenswerter Beitrag!

Zusatzinformation:
Heroin wird aus Opium hergestellt, indem man es mit Essigsäureanhydrid verestert, dabei entsteht das Heroin. Das Verfahren ist recht alt und wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts vom Bayer-Chemiker Felix Hoffmann patentiert. Drogenhunde sind auf den leichten Essiggeruch, der von dem auf diese Weise hergestellten Pulver ausgeht, trainiert.

Die Einnahme als Schmerzmittel und Hustenmittel erfolgte anfangs oral und wurde anfangs als nichtsüchtigmachender Morphin und Opiumersatz vermarktet. Oral verabreicht blieben starke Abhängigkeit und auch Rauschzustände aus.

Das Drama begann, nachdem entdeckt wurde, dass der Rauschzustand durch Rauchen (Crack wird aus Heroin und Backpulver hergestellt) oder intravenöse Applikation deutlich gesteigert werden konnte.

Es ist also nicht gesagt, dass Heroin schneller abhängig macht als Alkohol, zumindest, wenn man es auf die gleiche Art zu sich nimmt wie Alkohol - nämlich oral.

Vodka intravenös appliziert entfaltet sicher auch ein ganz anderes Wirkspektrum als üblicherweise vorausgesetzt.

PS. Anfangs dachte ich, Wolfram hätte die Artikel vergessen und las die Überschrift ganz anders. "Die Heroin und der Alkohol." Ich hatte eine ganz andere Erwartungshaltung...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.01.2011 um 16:54
Meines Wissens wird Crack in der Regel aus Kokain hergestellt.
GeroSteiner schrieb am 23.01.2011 um 17:08
Danke, mabli. Stimmt!
Manchmal schreibe ich auch Blödsinn wenn der Tag lang ist.
Crack wird aus Kokainhydrochlorid und Backpulver (Natriumcarbonat) hergestellt.
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 17:42
@GeroSteiner
Die Einnahme als Schmerzmittel und Hustenmittel erfolgte anfangs oral und wurde anfangs als nichtsüchtigmachender Morphin und Opiumersatz vermarktet. Oral verabreicht blieben starke Abhängigkeit und auch Rauschzustände aus.

Das Drama begann, nachdem entdeckt wurde, dass der Rauschzustand durch Rauchen (Crack wird aus Heroin und Backpulver hergestellt) oder intravenöse Applikation deutlich gesteigert werden konnte.


Und damit sind wir wieder bei den Nebenwirkungen des Verbots. Durch Verbot wird die Droge erheblich teurer als sie sein müßte. Es steigt logischerweise der Anreiz, den so kostbar gewordenen Saft in seiner Wirkung zu potenzieren. Durch diese Art der Verabreichung steigt natürlich das Risiko von Falschdosierungen erheblich, auch dadurch natürlich, daß es für illegale Drogen keine Warenprüfung gibt.
So wird das BtmG, das eigentlich das Leiden des Süchtigen heilen soll, zur eigentlichen Plage des Süchtigen, gefährlicher als die Droge selbst.

Vodka intravenös appliziert entfaltet sicher auch ein ganz anderes Wirkspektrum als üblicherweise vorausgesetzt.

Sind eigentlich die skandinavischen (dort sind Spirituosen unglaublich teuer) Schnaps-Junkies schon auf den Trick mit der Spritze gekommen?
Ciao
Wolfram
khad schrieb am 23.01.2011 um 18:13
@WH

"So wird das BtmG, das eigentlich das Leiden des Süchtigen heilen soll"

War es jemals das Ziel des BtmG Süchtigen zu heilen?
Es ist doch eher ein Schutzgesetz für die chemische Industrie. Valium & Co lassen grüssen.
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 19:26
@khad
"So wird das BtmG, das eigentlich das Leiden des Süchtigen heilen soll"

War es jemals das Ziel des BtmG Süchtige zu heilen?


Nein, natürlich nicht. Aber es ist der Anspruch, mit dem das BtmG verteidigt wird.

Es ist doch eher ein Schutzgesetz für die chemische Industrie. Valium & Co lassen grüssen.

Ach, mit Heroin, Crack, Kokain etc. ließe sich auch der eine oder andere Euro verdienen.
Wenn heute einer sich daran machte, das BtmG zu streichen und irgendwann so weit wäre, daß er womöglich Erfolg damit hätte, würde ihn diese oder jene Mafia umlegen.

Ciao
Wolfram
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.01.2011 um 17:16
Drogen und Rausch

Eine Debatte darüber was Drogen (die Bedeutung ist meines wissens eigentlich „ein pflanzlicher Auszug“) sind und welchen Stellenwert sie in einer Gesellschaft haben finde ich hochinteressant.
In früheren Gesellschaften waren Drogen in magischen Ritualen kultisch eingebunden und wurden benutzt um eine Verbindung zur einer Geisterwelt oder den Göttern herzustellen. Schamanen in Südamerika benutzten „magic mushrooms“ oder in Sibirien Fliegenpilze um in Rauschzustände zu gelangen. Das im Rausch geschaute konnte euphorisch oder durch Angst gefärbt sein, es war immer auch in ein soziales Ritual eingebunden.
Heute werden Drogen häufig als Flucht aus der Realität oder zur Verdrängung von Problemen genutzt. Ein Rausch ist gesellschaftlich akzeptiert solange er sich im Rahmen der Gesetze bewegt und eben nicht zu gesellschaftlicher Ausgrenzung führt sondern als Bestandteil gesellschaftlicher Rituale anerkannt ist. Dass Alkohol an sich deshalb erlaubt ist, weil es harmloser sei als andere harte Drogen ist eine Mär, aber insofern wahr als natürlich die gesellschaftliche Akzeptanz des Alkoholrausches ihm einen Stachel zieht den der Rausch von Kokain, Cannabis, Heroin usw. noch hat – die Kriminalisierung der Nutzer.
Eine offene Diskussion über positive und negative Aspekte einzelner Rauschdrogen wäre schon lange angebracht.
Achtermann schrieb am 23.01.2011 um 17:24
Rauschfreie Gesellschaften hat es nie gegeben und wird es nie geben, da sie ohne Drogen nicht erträglich sind.
thinktankgirl schrieb am 23.01.2011 um 17:37
Der Mensch ist für den Rausch angelegt, ansonsten gebe es keine Rezeptoren, die auf Rauschmittel (jeglicher Art) reagieren. Das ist eine physiologische Realität.
ForenBoy schrieb am 23.01.2011 um 17:53
ich denke, es ist eher ein chemischer Prozess mit einer Reaktion auf einen künstlich hergestellten Stoff, der in der Natur so nicht vorkommt.
Deshalb flippen die Rezeptoren ja auch völlig aus......

Oder wie würdest du die Reaktion von Plutonium auf den Organismus erklären, wo das Einatmen eines millionstel Gramms genügt, um sicher Lungenkrebs auszulösen?

Ist der Mensch deshalb für Krebs ausgelegt, und welche Rezeptoren sind da involviert?
thinktankgirl schrieb am 23.01.2011 um 18:10
@Forenboy

Es gibt genügend natürlich vorkommende Stoffe, die Rauschzustände auslösen. (Peyotl, Fliegenpilze, Bilsenkraut, Coca, Opium etc.)

Es gibt einen Tierfilm, der irgendwo in Afrika gedreht wurde, wo alle möglichen Viecher in ein Tal wandern, wenn im dortigen Fallobst genügend Alkohol entstanden ist, um sich richtig einen anzusaufen ;-)

Ausserdem sollen sich Rentiere für psychotrope Flechten interessieren, um mal so richtig ablachen zu können.
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 18:44
@mabli
In früheren Gesellschaften waren Drogen in magischen Ritualen kultisch eingebunden und wurden benutzt um eine Verbindung zur einer Geisterwelt oder den Göttern herzustellen. Schamanen in Südamerika benutzten „magic mushrooms“ oder in Sibirien Fliegenpilze um in Rauschzustände zu gelangen. Das im Rausch geschaute konnte euphorisch oder durch Angst gefärbt sein, es war immer auch in ein soziales Ritual eingebunden.
Heute werden Drogen häufig als Flucht aus der Realität oder zur Verdrängung von Problemen genutzt.


Was, glaubst du, macht der Schamane anderes als sich und seine Leute zeitweilig aus der Realität fliehen zu lassen?

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 18:46
@Achtermann
Rauschfreie Gesellschaften hat es nie gegeben und wird es nie geben, da sie ohne Drogen nicht erträglich sind.

So ist das.

Ciao
Wolfram
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.01.2011 um 21:13
@ wolfram

Ich denke für den Schamanem war der Gebrauch der heiligen Planzen oder Pilze rituell streng geregelt, so dass ein Abusus, ein Drogenmißbrauch, nicht so sehr zu einer Gefahr wurde. Die Drogen waren in ihrer Bedeutung sehr stark kultisch religiös aufgeladen und waren keine im Alltag verwendeten Mittel. Bei coca Blättern sieht das dann schon wieder anders aus, die wurden genommen um längere Wanderungen in großer Höhe körperlich durchzustehen.
Welche weiteren Funktionen diese Rituale in den damaligen Gesellschaften hatten, da bin ich jetzt überfragt. Es gibt dazu aber Forschungen und Selbstversuche von dem Ethnomykologen Roger Heim speziell zu den psylocibinhaltigen Pilzen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 23.01.2011 um 21:20
@ forenboy

Die Drogen wirken ja nicht per se und nur zerstöreisch auf den Organismus. Wie thinktankgirl sagt, erkennt das Gehirn bestimmte inhalstsstoffe von Drogen, was überhaupt deren psychotrope oder psychoaktive Wirkung erst ermöglicht.
Eine mögliche Interpration der bewusstseinserweiternden Wirkung von Drogen ist, dass sie Wahrnehmungsfilter des Gehirns, welche die Realität für uns freundlicherweise filtern, außer Kraft setzen, so dass eine Reizüberflutung im Gehirn statt findet.
Wolfram Heinrich schrieb am 24.01.2011 um 07:19
@mabli
Ich denke für den Schamanen war der Gebrauch der heiligen Pflanzen oder Pilze rituell streng geregelt, so dass ein Abusus, ein Drogenmißbrauch, nicht so sehr zu einer Gefahr wurde. Die Drogen waren in ihrer Bedeutung sehr stark kultisch religiös aufgeladen und waren keine im Alltag verwendeten Mittel.

Da hast du natürlich recht. Das war viel stärker sozial geregelt. Es ist aber auch so, daß du mit magischen Pilzen im Alltag nicht viel anfangen kannst, der Trip ist so grotesk, daß ein normales Alltagsleben unter Pilzeinfluß nicht möglich wäre. Beim Alkohol ist das anders, unter Alkoholeinfluß kannst du (entsprechende Alkoholgewöhnung vorausgesetzt) arbeiten und dein normales Leben führen.
In früheren Zeiten muß man sehr viel mehr Alkohol getrunken haben als heute, wenn man sich manche Alltagsdokumente von damals anschaut (Zuteilungen von Wein, Bier etc. als geldwerter Lohn für geleistete Arbeit etwa).

Ciao
Wolfram
khad schrieb am 23.01.2011 um 17:23
"Heroin muß man sich in die Venen spritzen, um die optimale Wirkung zu erzielen."
Nein, es ist die preisgünstigste Methode um Wirkung zu erreichen.
"Heroin zu bekommen ist schwierig, es erfordert erhebliches Beschaffungs-Know-How."
Oft einfacher zu bekommen als Cannabis, da für den Dealer profitabler.

"Der erste Konsum von Heroin ist für den Neuling ein bedeutender Schritt, der ein erhebliches Ausmaß an Entschlossenheit verlangt (wobei es zunächst nicht sonderlich wichtig ist, ob ihm diese Entschlossenheit selbst bewußt ist)."
Da man vor dem ersten Heroin- Konsum schon in Drogenkreisen, hauptsächlich wegen Cannabis, verkehrt hat und dank der Drogenpolitik
Heroin auch da zu bekommen ist wo es Cannabis gibt und die Entschlossenheit ja schon besteht, Drogen zu konsumieren ist es eigentlich nur eine Ausweitung des Konsums.

"Die Hindernisse vor dem Heroin sind so hoch, daß nur zur Sucht bereits entschlossene Menschen diese Hindernisse überspringen können und wollen."
Niemand fängt mit Heroin an, weil er zur Sucht bereit ist.
Es ist wie beim Rauchen, jeder denkt am Anfang er hätte die Sache unter Kontrolle und könnte auch jederzeit aufhören. Meist wird damit in jungen Jahren angefangen wo niemand an die Konsequenzen denkt.

"Der erste Konsum von Heroin kann dagegen gar nicht so nebenbei geschehen."
Doch, genau das tut er. Jemand bringt ein Briefchen mit, legt es auf den Tisch und fragt ob noch einer was möchte. Zwischen Joint und Flasche Bier und guter Musik.
" Die logische Folge - Folge der Situation, nicht des Stoffes Heroin - ist, daß fast jeder, der mit Heroin anfängt, schließlich an der Nadel hängt."
Das ist leider wahr.
ebertus schrieb am 23.01.2011 um 17:30
@khad - mit anderen Worten...
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 18:47
@khad
"Heroin muß man sich in die Venen spritzen, um die optimale Wirkung zu erzielen."
Nein, es ist die preisgünstigste Methode um Wirkung zu erreichen.


Das ist genau dasselbe, was ich auch geschrieben hatte, nur von der anderen Seite her gesehen. Sind die Stoffe teuer, muß man optimale Wirkung aus ihnen rausholen, um sie noch bezahlen zu können.

"Heroin zu bekommen ist schwierig, es erfordert erhebliches Beschaffungs-Know-How."
Oft einfacher zu bekommen als Cannabis, da für den Dealer profitabler.


Auch für Cannabis brauchst du bereits Insiderwissen und Kontakte. Um an Schnaps zu kommen, brauche ich nur in den nächsten Laden zu gehen oder an der Trinkhalle Halt zu machen.

"Der erste Konsum von Heroin ist für den Neuling ein bedeutender Schritt, der ein erhebliches Ausmaß an Entschlossenheit verlangt (wobei es zunächst nicht sonderlich wichtig ist, ob ihm diese Entschlossenheit selbst bewußt ist)."
Da man vor dem ersten Heroin- Konsum schon in Drogenkreisen, hauptsächlich wegen Cannabis, verkehrt hat und dank der Drogenpolitik Heroin auch da zu bekommen ist wo es Cannabis gibt und die Entschlossenheit ja schon besteht, Drogen zu konsumieren ist es eigentlich nur eine Ausweitung des Konsums.


Kennst du jemanden, der es auf Anhieb und ohne sich was dabei zu scheißen, fertigbringt, sich eine Nadel in die Vene zu hauen? Mir graust es immer noch, wenn ich meinen Hund intramuskulär spritzen muß.

"Die Hindernisse vor dem Heroin sind so hoch, daß nur zur Sucht bereits entschlossene Menschen diese Hindernisse überspringen können und wollen."
Niemand fängt mit Heroin an, weil er zur Sucht bereit ist.


Weiter oben hatte ich von "unbewußt" gesprochen. Natürlich läuft es nicht so ab, daß einer zum Dealer geht und ihm sagt: "Höre, guter Mann, ich möchte gerne süchtig werden, heroinsüchtig zu sein scheint mir erstrebenswerter als eine Karriere als Alkoholiker. Gib du mir also, im Austausch gegen einige Scheine Bargeld etwas von deinem köstlichen Stoff. Gott segne dich dafür."

"Der erste Konsum von Heroin kann dagegen gar nicht so nebenbei geschehen."
Doch, genau das tut er. Jemand bringt ein Briefchen mit, legt es auf den Tisch und fragt ob noch einer was möchte. Zwischen Joint und Flasche Bier und guter Musik.


Bis das Briefchen in deiner Vene ist, ist noch ein Weg von mehreren Schritten, für den du Anleitung brauchst.

Ciao
Wolfram
khad schrieb am 23.01.2011 um 19:51
@WH

"Auch für Cannabis brauchst du bereits Insiderwissen und Kontakte"
Wozu sind wir denn zur Schule gegangen?
Das war die erste Anlaufstelle.

"Kennst du jemanden, der es auf Anhieb und ohne sich was dabei zu scheißen, fertigbringt, sich eine Nadel in die Vene zu hauen?"
Mehr als einen.

"Bis das Briefchen in deiner Vene ist, ist noch ein Weg von mehreren Schritten, für den du Anleitung brauchst."
Dafür stehen genug "Sachverständige" zur Verfügung.
Oft genug sind die ersten Male ja erst über den Weg der Nase gegangen.

Was ich geschrieben habe, habe ich selbst in 25 Jahren mitgemacht und bei vielen Anderen erlebt.

Das geht unvorstellbar und ungeplant ganz schnell.
j-ap schrieb am 23.01.2011 um 17:24
Der Arzt meines Vertrauens hat mir mal erklärt, daß er keinen seiner Kollegen unter zwei Flaschen Wodka in den OP lassen würde.
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 18:46
@j-ap
Der Arzt meines Vertrauens hat mir mal erklärt, daß er keinen seiner Kollegen unter zwei Flaschen Wodka in den OP lassen würde.

In einem Krankenhaus in der Oberpfalz haben vor 30 oder mehr Jahren einmal Ärzte und Krankenschwestern die Polizei gerufen, weil der hackedichte Chefarzt sich nicht davon abbringen lassen wollte, zu operieren. Gemessen wurden bei dem Herrn dann 2,56 Promille.
Und dann fällt mir noch der alte Medizinerwitz ein: "Alkoholiker ist, wer noch mehr säuft als ich."
Aber klar ist, jenseits des Witzelns: Erhöhte Belastungen bringen erhöhte Gefahr von Drogenmißbrauch mit sich. Alkoholgefährdete Berufe sind neben dem medizinischen Personal alle Schichtdienstler (Polizisten, JVA-Beamte, Lokführer, Piloten etc.) sowie Montagearbeiter (auch Politiker, die genau besehen einen Montage-Job de Luxe haben).

Ciao
Wolfram
j-ap schrieb am 23.01.2011 um 19:09
Ich stimme Ihnen völlig zu, Herr Heinrich. Wobei ich Ihrer Aufzählung noch eine Gruppe anfügen würde: die Juristen. Sofern die nämlich während Ihrer Studienzeit bei einer Burschenschaft oder anderen Verbindung waren, saufen die in der Regel auch wie die Löcher.

Man kann sich übrigens mal den Spaß machen und in einer Klinik die Kantine langzeitbeobachten. Wenn Sie da einige Tage lang regelmäßig sitzen, dann fällt Ihnen auf, woher das kommt, daß mancher Mediziner mit einer Halblitertasse an den Kaffeeautomaten geht und die Tasse beim Verlassen der Mensa wundersamerweise voll ist, wiewohl der Automat nur 100 ml Bohnensud ausgibt — die Differenz erklärt sich, wenn Sie den Schnaps addieren, der sich schon vorab in der Tasse befand.

Meine Witzelei enthält übrigens keinen Vorwurf. Wenn man sich nämlich mal vor Augen führt, unter welchen Umständen Ärzte in Kliniken ihren Dienst zu versehen haben, dann wird es wenn schon nicht verständlich, so doch immerhin nachvollziehbar, daß manche von ihnen zur Flasche greifen.

Viele Grüße
Josef Allensteyn-Puch
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 19:37
@j-ap
Ich stimme Ihnen völlig zu, Herr Heinrich. Wobei ich Ihrer Aufzählung noch eine Gruppe anfügen würde: die Juristen. Sofern die nämlich während Ihrer Studienzeit bei einer Burschenschaft oder anderen Verbindung waren, saufen die in der Regel auch wie die Löcher.

Das würde natürlich Urteile wie das hier erklären:
www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/aus-meinem-ausschnittarchiv-2---brillenpflicht

Meine Witzelei enthält übrigens keinen Vorwurf.

Meine auch nicht. Niemand säuft oder fixt oder kokst aus purer Lust am Leben.

Wenn man sich nämlich mal vor Augen führt, unter welchen Umständen Ärzte in Kliniken ihren Dienst zu versehen haben, dann wird es wenn schon nicht verständlich, so doch immerhin nachvollziehbar, daß manche von ihnen zur Flasche greifen.

So ist das.

Ciao
Wolfram
j-ap schrieb am 23.01.2011 um 20:11
»Meine auch nicht. Niemand säuft oder fixt oder kokst aus purer Lust am Leben.«

Die Frage, die nun auf der Hand liegt, Herr Heinrich: Für welches »Problem« ist denn zB der Alkoholabusus die Lösung?

Fragt man als davon nicht Betroffener und zudem als fachlicher Laie nämlich mal direkt beim Herrn X nach, wieso er eigentlich im Zweitagestakt mit zwei Paletten Tetrapack-Tavernello aus dem Supermarkt kommt, dann hört man in der Regel Sachen wie »Ich trinke Wein, weil er mir schmeckt« oder »Nach meinem Arbeitstag habe ich mir ein Glas Wein am Abend nun wirklich verdient!« oder »Ich habe kein Alkoholproblem, aber ich mag die schönen Seiten des Lebens«.

Das sind ja, beim Wort genommen, Einlassungen, die überhaupt nichts erklären.

Wieso trinkt jemand?
GeroSteiner schrieb am 23.01.2011 um 22:35
"Wieso trinkt jemand?"

Tja Josef, das ist recht einfach erklärt. Wenn man erstmal begriffen hat, dass die Realität eine Illusion ist, die durch Alkoholmangel hervorgerufen wird, dann ist die Konsequenz so naheliegend wie der nächste Kiosk.
Wolfram Heinrich schrieb am 24.01.2011 um 07:18
@j-ap
Die Frage, die nun auf der Hand liegt, Herr Heinrich: Für welches »Problem« ist denn zB der Alkoholabusus die Lösung?

Die Anführungszeichen bei "Lösung" denk ich mir mal dazu, ich glaube, so ist es auch gemeint.
Nun, Alkohol ist eine äußerst multipel wirkende Droge, abhängig von der Erwartungshaltung. Alkohol trant den Konsumenten zu, wenn er vergessen will, er putscht einen auf, wenn man schlapp, er macht müde und schlafbereit, er löst Ängste und Verklemmungen, macht also lockerer im Umgang mit anderen Menschen, er macht aggressiv und "mutiger", die angestaute Wut kommt also raus etc. pp.
Entgegen anderslautenden Gerüchten löst Alkohol die gegebenen Versprechungen - "Trink mich und es wird dir besser gehen" - tatsächlich ein. Genau das macht ihn ja so gefährlich, die negativen Auswirkungen kommen erst sehr viel später, so spät, daß dann ein souveräner Umgang mit der Droge (bzw. das Aufhören) nicht mehr möglich ist.

Fragt man als davon nicht Betroffener und zudem als fachlicher Laie nämlich mal direkt beim Herrn X nach, wieso er eigentlich im Zweitagestakt mit zwei Paletten Tetrapack-Tavernello aus dem Supermarkt kommt...

Es gibt also den Tavernello auch in Deutschland. Ich habe diesen Brikettwein, den Weißen, mal in Italien probiert, er ist wirklich faszinierend. Er schmeckt nach überhaupt nichts , gefärbtes Wasser mit Alkoholzusatz.

...dann hört man in der Regel Sachen wie »Ich trinke Wein, weil er mir schmeckt« oder »Nach meinem Arbeitstag habe ich mir ein Glas Wein am Abend nun wirklich verdient!« oder »Ich habe kein Alkoholproblem, aber ich mag die schönen Seiten des Lebens«.

Na klar, das hörst du ständig, wenn du mit Leuten sprichst, die viel Alkohol trinken. Bei der MPU habe ich die Leute gerne mit der Frage provoziert: "Was war für Sie das Schöne am Alkohol, das Faszinierende, das Tolle?" und erntete damit oft die Antwort: "Wie 'schön'? Da ist nichts Schönes dran, man trinkt halt einfach." Wenn sich einer erst mal selber eingesteht, daß er alkoholische Getränke schon längst nicht mehr wegen des Geschmacks sondern gezielt wegen der Drogenwirkung trinkt, dann ist er schon einen erheblichen Schritt weiter.

Ciao
Wolfram
ebertus schrieb am 23.01.2011 um 17:25
"Der erste Konsum von Heroin kann dagegen gar nicht so nebenbei und selbstverständlich geschehen, wie das beim Alkohol meist der Fall ist."

Grundsätzliche Zustimmung, lediglich der zitierte Satz bedarf aus meiner Sicht aus der Erinnerung von vor gut vierzig Jahren einer Differenzierung.

Das Zitat spricht (unterstellt) ein Mensch aus, der ein gewisses Lebensalter erreicht hat, dessen Intellekt die Gabe der Reflektierung beinhaltet, bei dem das reale, physische Umfeld nicht aus herumliegenden Heroinspritzen und deren Nutzern besteht, der keinen Drang verspürt, ein "obskures" Cliquenfeeling für das reale Leben zu halten, der schlußendlich auch nicht im Dreck lebt, sich gar geistig und körperlich prostituieren zu müssen.

Ergo: Als ein Freund und ich (beide schon Anfang zwanzig) uns damals immer mal etwas "zum rauchen" besorgten, kamen wir zwangsläufig mit einer Szene in Kontakt, die oft jünger war als wir und dennoch schon bereits jenseits, vielleicht nie so viel Besseres gekannt und erlebt hatte. Das sog. Anfixen ist da eher kein großer Schritt. Wir dagegen, wir kamen aus intakten Elternhäusern, hatten halbwegs höhere Bildung genossen, waren ohne wirkliche Existenzsorgen und das beinhaltete natürlich auch ein entsprechendes Umfeld. Wir suchten den kleinen Kick, den Spaß, waren dennoch nicht mehr so vollkommen naiv, konnten das Erlebte, das Gesehene schon werten und einordnen.

Übrigens: Das Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" kam erst knapp zehn Jahre später heraus, brachte das Thema auch dem distanzierten Bildungsbürger etwas näher und war ansonsten für Einheimische, für "uns" natürlich eine lokale Reminiszenz.
Wolfram Heinrich schrieb am 23.01.2011 um 18:49
@ebertus
Das Zitat spricht (unterstellt) ein Mensch aus, der ein gewisses Lebensalter erreicht hat, dessen Intellekt die Gabe der Reflektierung beinhaltet, bei dem das reale, physische Umfeld nicht aus herumliegenden Heroinspritzen und deren Nutzern besteht, der keinen Drang verspürt, ein "obskures" Cliquenfeeling für das reale Leben zu halten, der schlußendlich auch nicht im Dreck lebt, sich gar geistig und körperlich prostituieren zu müssen.
Ergo: Als ein Freund und ich (beide schon Anfang zwanzig) uns damals immer mal etwas "zum rauchen" besorgten, kamen wir zwangsläufig mit einer Szene in Kontakt, die oft jünger war als wir und dennoch schon bereits jenseits, vielleicht nie so viel Besseres gekannt und erlebt hatte. Das sog. Anfixen ist da eher kein großer Schritt. Wir dagegen, wir kamen aus intakten Elternhäusern, hatten halbwegs höhere Bildung genossen, waren ohne wirkliche Existenzsorgen und das beinhaltete natürlich auch ein entsprechendes Umfeld. Wir suchten den kleinen Kick, den Spaß, waren dennoch nicht mehr so vollkommen naiv, konnten das Erlebte, das Gesehene schon werten und einordnen.


Eben. Was dir und deinem Freund abging, das war das nötige Maß an Verzweiflung, der ihr auf Deibel komm raus (im Wortsinne) hättet entfliehen wollen.

Ciao
Wolfram
ebertus schrieb am 23.01.2011 um 19:17
Schon klar @Wolfram,

aber das war nicht der Aufhänger meiner Einlassung.

Es war vielmehr der Widerspruch, bezüglich einer höheren Schranke, sprich Überwindung bei Heroin; was @khad mit anderen Worten ebenfalls ausdrückte. Und wenn meine Erfahrung eben nicht die geschilderte wäre, so wäre dies hier auch lediglich eine bestenfalls verstehende, intellektuelle Turnübung.

Zu fragen sei, eher gesellschaftspolitisch, ob ein derartiger "Bodensatz" einfach Schicksal ist, oder eine perfide Funktion der Selektion darstellt, gar noch am bereits jenseitigem Ende der Gesellschaft.
thinktankgirl schrieb am 23.01.2011 um 20:02
Zu fragen sei, eher gesellschaftspolitisch, ob ein derartiger "Bodensatz" einfach Schicksal ist, oder eine perfide Funktion der Selektion darstellt, gar noch am bereits jenseitigem Ende der Gesellschaft.

Meine italienischen Freunde behaupten, daß ab Mitte der 70er Jahre bewußt Heroin von den üblichen Verdächtigen (Geheimdienste, Regierung) in Umlauf gebracht wurde, um den linken ausserparlamentischen Protest zu schwächen.
Wolfram Heinrich schrieb am 24.01.2011 um 07:15
@ebertus
Es war vielmehr der Widerspruch, bezüglich einer höheren Schranke, sprich Überwindung bei Heroin; was @khad mit anderen Worten ebenfalls ausdrückte. Und wenn meine Erfahrung eben nicht die geschilderte wäre, so wäre dies hier auch lediglich eine bestenfalls verstehende, intellektuelle Turnübung.

Die höhere Schranke besteht nicht nur in der Überwindung, sich das Zeug in die Venen zu jagen. Es ist schon auch das nötige soziale Know-how, um überhaupt an das Zeug zu kommen, das damit verbundene juristische Risiko. Du mußt bereits vor dem ersten Konsum in - ich sag mal: - heroinaffinen Kreisen verkehren, um dir das Zeug kaufen zu können. Deine Lust, diese Drogenerfahrung zu machen, muß groß genug sein, das juristische Risiko auf dich zu nehmen. An Alkohol dagegen kommt jeder ran, kein Risiko.

Zu fragen sei, eher gesellschaftspolitisch, ob ein derartiger "Bodensatz" einfach Schicksal ist, oder eine perfide Funktion der Selektion darstellt, gar noch am bereits jenseitigem Ende der Gesellschaft.

Wollen mal so sagen: Junkies machen keinen Aufstand.

Ciao
Wolfram
rolf netzmann schrieb am 23.01.2011 um 17:26
Am nächsten Morgen bin ich ganz allein

du lachst mich an, hast einen herben charme
und sagen andre auch, du machst nur dumm
ich sehe dich, mir wird ums herz ganz warm
will dich geniessen, frage nicht, warum

ich halte dich zärtlich in meiner hand
meine nase erreicht dein klarer duft
die folgen vom genuss sind mir bekannt
ich hör, wie deine stimme leise ruft

du nebelst meine sinne langsam ein
der wattebausch umhüllt mich sanft und leise
meine sorgen werden mit dir ganz klein
du sorgst für mich auf deine eigne weise

verfall`heut`abend wieder deiner macht
und werde still die nacht mit dir verbringen
ich höre, wie der teufel leise lacht
und will mit ihm schmutzige lieder singen

am nächsten morgen bin ich ganz allein
in meinem kopf, da tanzen tausend affen
dein name war bier, whiskey oder wein
die hinterhältigkeit von dir werd ich nie raffen
thinktankgirl schrieb am 23.01.2011 um 17:40
Ich denke Heroin spielt heute keine grosse Rolle mehr in Westeuropa, vielleicht eher in der Ex-Sowietunion.
Wenn es stimmt, was man so liest, dann ist Kokain inzwischen die neue Gesellschaftsdroge.
Lee Berthine schrieb am 23.01.2011 um 18:07
kokain
Rahab schrieb am 23.01.2011 um 19:17
Michael Nicolai schrieb am 27.01.2011 um 10:33
Guter Beitrag, und viel wahres wurde auch in den Kommentaren gesagt...angefangen von der Funktion des BtmG als Schutzinstrument für die Pharma-Mafia und die Alkohol-Lobby bis zum gezielten Verbreiten von Heroin zur Schwächung vermeintlich gefährlicher sozialer Gruppen...es ist mehr als ein Gerücht, das das Letztere seit den 60ern in den USA gezielt vom CIA verbreitet wurde, um ein aufkommendes Selbstbewusstsein innerhalb der schwarzen Community zu torpedieren. Wer sich dafür interressiert, brauch nur mal diverse Tags wie "CIA", "Police","Drugs" usw. bei Youtube oder Google Video zu probieren...Vietnam lässt grüßen, ohne Mitwisser-und Täterschaft hochrangiger Militärs wäre ein derartig organisierter Heroin-Schmuggel aus den asiatischen Anbaugebieten gar nicht möglich gewesen und auch die Verbreitung des Stoffes in Deutschland seit dieser Zeit hatte sehr viel mit der amerikanischen Militärpräsenz hier zu tun..das dies mittlerweile eher eine Sache der Türkenmafia ist, ist ein anderes Thema, auf jeden Fall geht es hier auch um Korruption auf höchster Beamten-Ebene. Mir kann keiner erzählen, das ein derartig massives Milliarden-Geschäft ohne Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen möglich wäre.
Was den Alkohol angeht, so bin ich seit längerem der Ansicht, das dieses Problem sehr viel tiefer geht, als es irgendjemandem lieb sein kann. Durch die jahrhundertelange Tradierung des Ge-und Missbrauchs dieser harten Droge hat sich ein systematischer Verblödungs-Faktor in jede Diskussion eingeschlichen, der sich auch in der Unfähigkeit äußert, mit Widersprüchen umzugehen, von der Gewalt-Latenz überall ganz abgesehen. Meiner Ansicht nach sind das schlicht Alkoholiker-Symptome, die aber dermaßen weit verbreitet sind und sozusagen zum gesellschaftlichen Konsens gehören, das die Wurzeln in tradierter Sucht gar nicht mehr erkennbar sind. Ganz klar ist der Alkohol ein soziales Schmiermittel, das auf der auch geäußerten Wahrheit beruht, das es ein Leben ohne Rausch nicht gibt, gar nicht geben kann. Das hat schlicht biochemische Ursachen, auch unser internes Belohnungssystem arbeitet mit chemischen Substanzen, wir würden morgens gar nicht aufstehen ohne. Die komplette Drogen-Diskussion ist eine einzige Heuchelei und ansonsten eher politisch-ökonomisch motiviert, garantiert nicht medizinisch.
2-Klassen-Gesellschaft wäre auch noch ein guter Ansatz, darüber zu reden. Heroin, Kokain, Amphetamine sind nämlich durchaus völlig akzeptiert und ganz normal im Gebrauch, sobald das Vermögen die Millionen-bzw.Milliarden-Grenze überschreitet. Man erinnere sich an dummerweise aufgetauchte Quittungen britischer Apotheken über regelmäßige Lieferungen der erwähnten Substanzen an den britischen Königshof....Die Leute sterben nicht am Heroin, sie sterben am Dreck der sozialen Verelendung und dem wörtlichen Dreck von Verunreinigungen durch Streckung etc.
Gesetze gelten für den Plebs, nicht für die Oberschicht, das ist die nackte und brutale Wahrheit und die komplette öffentliche Diskussion zu diesem Thema beruht auf dieser durch Dauer-Berieselung und Gehirnwäsche der in den Händen ebenjener Oberschicht liegenden Massen-Medien unterdrückten und bemäntelten Tatsache.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 27.01.2011 um 11:12
@ Michale Nicolai

Schön, dass Sie das Thema nochmal aufgreifen. Ich denke auch, dass die öffentliche Diskussion über Drogen sehr von Scheinheiligkeit und doppelbödiger Moral geprägt ist.
Was ihre Äußerung über die gezielte Verbreitung von Heroin durch die USA angeht, weiß ich nicht so recht was ich davon halten soll.
Ich erinnere mich an den Film "Traffic" von Steven Sodrbergh. de.wikipedia.org/wiki/Traffic_–_Macht_des_Kartells Michale Douglas spielt dort einen hochrangigen Politiker, der öffentlich einen war on drugs führt und die Einfuhr von Drogen zu stoppen, indem er die Grenze zu Mexiko dichtmacht, während seine Tochter sich zu Hause mit Koks und Crack zudröhnt.
Die Verflechtung von Drogenkartellen in Südamerika, die sich untereinander bekriegen, mit der Politik und Korruption wird dort thematisiert. Ich erinnere mich nicht mehr en detail inwieweit in dem Film auch in der US Politik selbst Korruption und Kooperation mit den Drogenkartellen statt findet. Ich glaube aber eher weniger.
Dass die Droge Crack in den Elendsvierteln in den USA zu verheerenden Zuständen geführt hat, steht sicher außer Frage.
Wenn man behauptet, dass sei von der US Politik gezielt herbeigeführt worden, macht man es sich meiner Meinung nach zu einfach. Da spielen noch weitere mächtige Interessen der Drogenkartelle eine Rolle.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 27.01.2011 um 11:12
de.wikipedia.org/wiki/Traffic_–_Macht_des_Kartells
Michael Nicolai schrieb am 27.01.2011 um 12:29
..die Variante ist ja noch harmlos und eher der Sorte private Probleme zuzuorden. Vereinfachung triffts glaube ich nicht ganz... Einfache Frage: Wer oder was ist denn ein Drogenkartell? Wie setzt es sich zusammen, wie funktioniert es? Was ist Macht konkret und in welchen Händen liegt diese?
z.B:

www.youtube.com/watch?v=OzSWRD5qoiI

ein ehemaliger Polizist sagt aus...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 27.01.2011 um 12:38
Mein Vermutung in der Hinsicht ist, dass die CIA in Sachen Drogenhandel ihre Finger mit im Spiel haben kann, während gleichzeitig von Institutionen wie Der DEA ein war on drugs geführt wird. Das muss nicht einem Masterplan folgen, sondern kann durchaus auch auf einen Mangel an Koordination von Zielen und deren Verfolgung zurückzuführen sein.
Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich denke, dass der war on drugs selbst ein Unternehmen ist, das in hohen Grade verlogen ist und in der Innenpolitik zu für andere Zwecke funktionaliert werden kann.
Dass die Tochter des Chefs der DEA selbst aus purer Langeweile zur Drogenkonsumentin wird spricht insofern Bände als es die Verlogenheit und das Klischeedenken in der Drogenfrag demaskiert. ebenso wie die Tatsache, dass der Chef der DEA abends drei Scotch braucht um ruhig einschlafen zu können.
Was ein Drogenkartell ist und wie es funktioniert, da bin ich ehrlich gesagt überfragt.
Michael Nicolai schrieb am 27.01.2011 um 13:24
Passt scho..;) Ich will ja nur sagen, der Begriff des Drogenkartells an sich ist schon irreführend und suggeriert eine Antipoden-Stellung, die es ja so in Wirklichkeit vielleicht gar nicht gibt, darauf will ich hinaus.
Wenn absolute Macht absolut korrumpiert, ist es durchaus vorstellbar, das die Chefs abends eben zusammensitzen und sich überlegen, wie man noch mehr Geld macht- und zwar DEA und Chef des Koks-Hauses zusammen.
Organisationsprobleme kann ich mir bei dem Volumen ehrlichgesagt kaum vorstellen, interne Machtkämpfe vielleicht eher.
Wolfram Heinrich schrieb am 27.01.2011 um 16:59
@Michael Nicolai
Guter Beitrag, und viel wahres wurde auch in den Kommentaren gesagt...angefangen von der Funktion des BtmG als Schutzinstrument für die Pharma-Mafia und die Alkohol-Lobby

Das mit der Pharma-Mafia will mir immer noch nicht recht einleuchten. Legale Rauschdrogen würden ja auch von den Pharmafirmen hergestellt. Bei der Alkohol-Lobby wäre das etwas anders, obwohl ich mal vermute, daß auch hier der Effekt nicht allzu dramatisch wäre.

Die Leute sterben nicht am Heroin, sie sterben am Dreck der sozialen Verelendung und dem wörtlichen Dreck von Verunreinigungen durch Streckung etc.

Gefährlicher als die Verunreinigungen erscheinen mir die Nicht-Verunreinigungen. Ein Junkie, der an einen ehrlichen Dealer gerät, der ihm einen Stoff verkauft, der tatsächlich so rein ist wie er vorgibt, zu sein, stirbt ganz schnell an einer Überdosis, wenn er sich die gewohnte Dosis - jetzt ohne Streckmittel - gibt.

Einer hat das mal knackig so formuliert: Das Betäubungsmittelgesetz ist das Problem, dessen Lösung zu sein es vorgibt.

Ciao
Wolfram
Michael Nicolai schrieb am 27.01.2011 um 17:48
@ Heinrich...
Pharmaindustrie: eben nicht. Angefangen von Marijuana über Heroin oder Kokain- da brauchts keine komplexen chemischen Vorgänge mit noch komplexeren Apparaturen, auf kompliziertere Dinge wie Methyl-Amphetamine will ich jetzt gar nicht eingehen, aber auch das kann-und wird- privat gekocht. Die Tabletten der Apotheken sind da ein anderes Thema, das geht so leicht nicht, und hier ist die Pharma-Industrie eben unentbehrlich. Ganz abgesehen von der ganzen Philosophie des überbordenden Tabletten-Wahns. Das treibt ja mittlerweile die wildesten Blüten, wenn wir mal über den großen Teich schauen, wo mittlerweile Hunde medikamentös gegen Depressionen behandelt werden.
Mit der Reinheit der Droge hast du natürlich Recht, nur baut das eben schon auf der Erfahrung des ganzen Umfeldes und der Unreinheit auf, da beißt sich die Katze in den Schwanz sozusagen. Ich will hier wirklich dem Konsum harter Drogen das Wort reden, aber Menschen sind mit Heroin schon steinalt geworden, es ist nicht das Ding an sich.
Zum BtmG: Exaktemente, so sieht das aus. Hier gehts um Politik bzw. Ideologie, und ehrlicher Umgang mit den Dingen sieht anders aus.
Wolfram Heinrich schrieb am 28.01.2011 um 03:25
@Michael Nicolai
Pharmaindustrie: eben nicht. Angefangen von Marijuana über Heroin oder Kokain- da brauchts keine komplexen chemischen Vorgänge mit noch komplexeren Apparaturen, auf kompliziertere Dinge wie Methyl-Amphetamine will ich jetzt gar nicht eingehen, aber auch das kann-und wird- privat gekocht.

Das mag ja sein, daß man Heroin und andere Leckereien in guter Qualität auch im heimischen Kleinlabor herstellen kann. Nur wird eine Freigabe von Drogen ganz bestimmt nicht so aussehen, daß du dann Heroin im Supermarkt oder im Drogerie(!)markt bekommst. Du wirst auch keinen Stand auf dem Wochenmarkt haben und "Hausgemachtes Heroin" anpreisen können.
Das kann allenfalls so laufen, daß du dich auch dann vom illegalen Dealer anfixen lassen mußt. Nur, wenn du dann auf Heroin drauf bist, würde eine entsprechende Bescheinigung vom Gesundheitsamt ausreichen, dir regelmäßig vom Arzt ein Rezept ausstellen zu lassen, mit dem du dir dann in der Apotheke den Stoff holen kannst. Und der wäre dann von Bayer oder Ratiopharm oder wem auch immer.

Mit der Reinheit der Droge hast du natürlich Recht, nur baut das eben schon auf der Erfahrung des ganzen Umfeldes und der Unreinheit auf, da beißt sich die Katze in den Schwanz sozusagen.

So ist das. Dadurch daß der Stoff illegal ist und aus dubiosen Quellen kommt, weiß einer nie genau, was er sich da eigentlich in die Venen jagt.

Ciao
Wolfram
Michael Nicolai schrieb am 28.01.2011 um 11:02
@Wofram..Ach ja, so weit sind wir ja noch nicht, als das wir schon über Einzelheiten reden könnten..
Momentan siehts ja eher so aus, als ob so eine Art reaktionärer Reqonqista stattfindet, in der sowieso alles, was irgendwie an Liberalität( im wörtlichen Sinne)erinnert, in einen Topf geworfen und verdammt wird; was über unser Thema ja weit hinausgeht.
Wolfram Heinrich schrieb am 28.01.2011 um 11:56
@Michael Nicolai
Ach ja, so weit sind wir ja noch nicht, als das wir schon über Einzelheiten reden könnten..

Das ist richtig. Ich wollte nur die Gelegenheit nutzen, um klarzustellen, daß ich nicht für freien Verkauf von Heroin an jedermann bin. Es gibt ja immer Simpel (damit meine ich ausdrücklich nicht dich), die mit dergleichen Argumenten kommen, wenn man das BtmG in Frage stellt.

Momentan siehts ja eher so aus, als ob so eine Art reaktionärer Reqonqista stattfindet, in der sowieso alles, was irgendwie an Liberalität( im wörtlichen Sinne)erinnert, in einen Topf geworfen und verdammt wird; was über unser Thema ja weit hinausgeht.

So sieht's aus, in der Tat. Man muß ja schon froh sein über jede Neu... äh, Alterung, die nicht kommt.

Ciao
Wolfram
Columbus schrieb am 27.01.2011 um 13:08
Lieber Herr Heinrich, et alia,

Ja, der Alkohol ist mit weitem Abstand die wichtigste und schädlichste, andererseits die sozial am besten eingebundene Rauschdroge. Sie stiftet Beziehungen, heilt, tröstet, schafft für viele erst überhaupt Gemeinschaftsfähigkeit („macht Menschen weich“), und dann tötet sie bei weitem mehr „User“, als jede andere Droge, außer vielleicht dem Nikotin in Zigaretten, das indirekt einer Vielzahl schädlicher Substanzen den Weg ebnet, obwohl der gesundheitsschädliche Effekt des Suchtstoffes selbst, eher gering ist. Dazu will ich gar nicht mehr sagen, Herr Heinrich kennt sich aus und schrieb anregend, andere kennen auch was.

Was unter Umständen noch hilfreich sein könnte, weil da ein paar Missverständnisse entstanden sind:

1. Rezeptoren: Angewöhnt haben wir uns die Betrachtungsweise, dass eine nachwiesene Bindung eines Stoffes an der Körperzelle, im Falle der Suchtmittel, hauptsächlich an den Nervenzellen, aber nicht ausschließlich, mit anschließender, beobachtbarer Wirkung, einen natürlichen Mechanismus, eine körpereigene, irgendwie in der Evolution sinnvolle Funktion nur mit nutzt und sie quasi aufdeckt, sichtbar macht.

Klassisches Beispiel sind die Opiatrezeptoren, die von endogenen, körpereigenen Stoffen angesteuert werden und dort Parameter wie z. B. Schmerzempfindung, Arousal (Vorspannung der Aufmerksamkeit für schnelle Reaktionen auf Umweltänderungen), Schlaf, usw. beeinflussen.

Große Zweifel bestehen hinsichtlich der Rezeptoren für Beruhigungsmittel. Die so genannte Stoffklasse der Benzodiazepine (Tranquilizer) bindet an eine Gruppe von Rezeptoren, für die es so recht keine natürliche Bedeutung gibt. Er liegt aber innerhalb einer Struktur, dem GABA-Rezeptorkomplex, der natürlich Gammaaminoisobuttersäure als Transmitter aufnimmt und den Chlorideinstrom in die Zelle regelt. In diesem Komplex liegt auch die Bindungstelle für Alkohol.

Warum wird man von GABA nicht süchtig? Ganz einfach, GABA zerfiele nach der Bindung an den Rezeptor zu schnell. Das ist ja die eigentliche Hauptfunktion des Neurotransmitters, nämlich keinen Dauerreiz und keine Dauerblockade in der Rezeptortasche zu verursachen. Es gibt hereditären (selten, das ist z.B. das Stiff man- Syndrome ) und nutritiven (Vitaminmangel, Quecksilber-Bleivergiftung, Coffeinexzesse), sowie chronisch-situationbedingten GABA-Mangel (Schlafmangel, böser Stress, Dauerlärmschaden, böser Chef, böse Familie, ausweglose Dauerzustände im Hamsterrad, chronische Schemrzen, etc.). Die Symptome sind dann Verstärkungen der Anlässe: Also noch mehr Panik, Stress, Schlaflsoigkeit, Zittern, Körperunsicherheit, Erschreckbarkeit, Ablenkbarkeit, noch mehr Schmerz, Herzrasen.

Wer so jemandem Alkohol, Tranquilizer oder GABA, -das ist schon mit mehr Aufwand verbunden-, gibt, der lindert zunächst und schnell diese Symptome. - Das ist z.B. eine gute biologische Erklärung, warum und wie eine Situation entsteht, in der sich eine Alkohol oder Tranquilizer-Sucht entwickeln kann.

Wir sind geneigt, weil in einer Krise, wie auch immer deren Ursache und Dauer aussehen mag, Alkohol und Tranquilizer (Benzodiazepine, bekanntes Standard-Präp., Valium) positiv wirken. Die Nebeneffekte, nämlich Gewöhnung, Dosissteigerung, Entzugssymptome bei Weglassen, Einnahme ohne Anlass, Craving (Das Suchen nach der Droge), Änderung der Aktivitätmuster, Stimmungs- und Verhaltensänderungen auf Dauer, entstehen später. Zunächst positive Nebeneffekte, z.B. Abstand und Distanzierung von der Aktualität des Geschehens, innere Distanzierung, Lockerung der Emotionalität, Risikoverhalten erhöht bei vorheriger Hemmung, usw., werden anfänglich als heilsam erlebt. Sie kippen später in habituelle und chronische Psychosyndrome: Depressivität, Agressivität, Verstimmtheit, Kontrollverlust, nicht nur für die Suchtmitteleinnahme, sondern auch für die Affekte und Antriebe.

Eine Generalthese wäre dann, dass sehr viele Suchtstoffe einen Menschen auf Dauer zum Automaten degradieren. Der Stoff übernimmt das Kommando, der Mensch folgt.

2. Ein wesentlicher Aspekt des unterschiedlichen Suchtmittelgebrauchs, neben der Frage legal- illegal, ist die jeweilige soziale und Milieu-Situation, das suchtgeneigte Umfeld, Co-Abhängigkeit in den Primärbeziehungen.

3. Es ist z.B. ein Trugschluss, zu glauben, ein Teil der Heroinabhängigen könnte nicht in einer ganz normalen, funktionalen Welt leben und arbeiten. Allerdings sind diese Abhängigen selten, sie brauchen reinen Stoff und saubere Bedingungen, manche kommen lange mit Substituten (Methadon) klar. - Ich habe solche exklusiven Heroinuser kennen gelernt. Natürlich ist das eine Angelegenheit, die sich nur Reiche folgenlos und länger leisten können. Die Leute sind häufig eine Qual für ihre Mitmenschen, aber sie funktionieren.

4. Ganz wesentlich ist. In vielen Fällen maskiert und kaschiert eine Sucht andere psychische Störungen und Leiden. Multimorbidität- Komorbidität der Psyche.

5. Bisher hier zu wenig angesprochen: Multivalenter Suchtmittelgebrauch (Polytoxikomanie), die modernste und bösartigste Form, weil die angsprochenen Hirnstrukturen so unterschiedlich sind und mehrere Drogen auf je unterschiedliche Emotionalität und Stimmung am Tag einwirken und ein polyvalenter User gleichzeitig in mehreren Szenen und Szenarios unterwegs ist.

Ich hoffe, ich konnte noch ein paar Anregungen geben.

LG und Mahlzeit

Christoph Leusch
Wolfram Heinrich schrieb am 27.01.2011 um 17:02
@Columbus
Lieber Herr Heinrich, et alia,

Nicht "alii"?

Wer so jemandem Alkohol, Tranquilizer oder GABA, -das ist schon mit mehr Aufwand verbunden-, gibt, der lindert zunächst und schnell diese Symptome. - Das ist z.B. eine gute biologische Erklärung, warum und wie eine Situation entsteht, in der sich eine Alkohol oder Tranquilizer-Sucht entwickeln kann.

Vorsicht! Eine körperliche Abhängigkeit von bestimmten Stoffen und eine Sucht sind zwei durchaus verschiedene Dinge. Die Sucht sitzt im Kopf, sprich: in der Psyche, die körperliche Abhängigkeit dagegen ist physiologisch. Ein körperlich abhängiger Alkoholiker ist nach drei Wochen stationärer Entgiftung körperlich wieder so weit hergestellt, daß er ohne Alkohol beschwerdefrei leben kann. Von seiner Sucht geheilt ist er deswegen noch lange nicht.

5. Bisher hier zu wenig angesprochen: Multivalenter Suchtmittelgebrauch (Polytoxikomanie), die modernste und bösartigste Form, weil die angsprochenen Hirnstrukturen so unterschiedlich sind und mehrere Drogen auf je unterschiedliche Emotionalität und Stimmung am Tag einwirken und ein polyvalenter User gleichzeitig in mehreren Szenen und Szenarios unterwegs ist.

Ich frage mich, ob dieser Gebrauch verschiedener Drogen nicht auch eine Folge des Betäubungsmittelgesetzes ist. Wenn etwa in einer Stadt ein Zwischenhändler hops genommen worden ist, dann ist der Markt für eine bestimmte Droge erst mal schwer beeinflußt, das Zeug ist entweder kurzfristig wahnsinnig teuer oder es ist gar nicht mehr zu bekommen. Was macht der Abhängige? Er nimmt eine andere Droge, die gerade verfügbar ist und sei es der normale Alkohol.
In den frühen achtziger Jahren kannte ich mal einen Alkoholiker, den haben sie im Bezirkskrankenhaus auf Medikamentenabhängigkeit umgeschult. Der hatte einen Arzt, der ihm regelmäßig und großzügig ein starkes Schlafmittel verschrieb, das dieser G. dann (in Überdosis) als Beruhigungsmittel benutzte. Schlaferzwingende Wirkung hatte das Mittel bei ihm schon lange nicht mehr. G. bekam das Mittel, ohne sich jeweils beim Arzt selber vorzustellen. Die Sprechstundenhilfe hat das Rezeptformular ausgefüllt, ins Sprechzimmer getragen und dann unterschrieben an G. ausgehändigt.
Ach so, ja: Automatenspielsüchtig war der auch.
Ich habe zu G. schon lange keinen Kontakt mehr, zuletzt war er clean und hatte gerade ein vorzügliches Buch zur lokalen Kulturgeschichte geschrieben. Ich hoffe, er ist noch clean.

Ciao
Wolfram
Columbus schrieb am 27.01.2011 um 18:54
Entschied mich fürs Neutrum, weil es natürlich auch eine männliche und weibliche Form gibt. Mist, ;-)) hätte wohl einfach, wie gewöhnlich abkürzen sollen. Vielleicht helfen Sie mir mit dem korrekten Latein weiter?

Das mit dem GABA war nicht als alleinige Erklärung der Suchtentwicklung gemeint, sondern eher als Erklärung, warum überhaupt eine Stoffaffinität besteht, die die Sucht befriedigt, und selbstverständlich, es steht in den anderen Punkten angedeutet, spielen psychologische Faktoren bei der Genese und in der hoffentlich erfolgreichen Therapie eine wesentliche Rolle.

Die These von den drei Wochen und dann sei physiologisch alles wieder im Ausgangszustand, teile ich allerdings nicht.

Das zeigen Beobachtungen an Patienten, die nach der Entgiftung, die heute häufig schneller als abgeschlossen betrachtet wird, in die Entwöhnungsbehandlung gehen. Da kommt es ganz regelmäßig und noch lange, bei Alkoholikern, wie auch bei anderen Süchtigen zu gut beobachtbaren Körpersymptomen, vorwiegend vegetativer Art. Die Erklärungsmodelle sind vielfältig. - Noch nach Monaten und Jahren treten solche Köperphänomene auf. - Das deckt sich auch mit den Beobachtungen der AA-Mitglieder.

Die Entgiftung warm, erfolgt ja bei vielen Süchten über ein Substitut in der Kette und auch die Alkoholentgiftung ist heute variabler als noch vor zwanzig-dreißig Jahren, wo man in manchen Kliniken die Leute leiden ließ. Dabei ist das, bezogen auf die hohe Rückfälligkeit und den Zwang zur Niederschwelligkeit bei allen Suchtmitteln ziemlich dumm, die Leute in einen kalten Entzug zu schicken.
Das erhöht die Hemmschwelle, es mit der Entgiftung immer wieder zu probieren.

Ärzte sind zwar nicht einzigartig für Unsinn bekannt, aber, aus rigider Anschauung sind früher Leute im Entzug gestorben. Glücklicherweise ist das heute ein Kunstfehler oder aber ein Delir, welches zu spät zur Behandlung kam, bzw. bei dem schwere Begleiterkrankungen eine Rolle spielen.

Heilung einer Sucht? Möglich, wie alles im Leben, aber auch wirklich sehr häufig? Ich schwöre auf die AA-Philosophie, die sagt, du kannst nie sicher sein, drum kümmere dich um deine Sicherheiten.

LG
Christoph Leusch
j-ap schrieb am 27.01.2011 um 20:11
Also klassisches Latein ist's jedenfalls nicht, Herr Leusch, aber direkt falsch im strengen Sinn ist's genausowenig, weil durchaus phasenweise usus, unbekannte Personenmehrheiten als Neutrum anzureden.

Wobei aber die Gelegenheiten, zu denen man das pflog, nicht die schmeichelhaftesten waren:

Zunächst mal waren mit »alia«, wenn es um Personen ging, die Gegenstände des Hausbesitzes eines pater familias gemeint. Heißt: Haus und Grund, Wohnungseinrichtung, Tiere, unverheiratete Töchter, unmündige Kinder, Sklaven usw. Zur Zeit der Proskriptionen stand deshalb beispielsweise auf der Liste: Caius Aemilianus Succula [:-)] et alia, was bedeutete: Den darf jeder totschlagen und sein Vermögen wird eingezogen.

In der Spätantike hat sich dann die Verdinglichung nicht nur literarisch als Beleidigung erhalten. Elagabal zB hat fast jeden Römer der damaligen Welt einzeln bis ins Mark beleidigt, indem er nie Roma, das große und stolze und freie Rom, regierte, sondern kaiserliche Erlasse immer an senatus et alia ergehen ließ, was bedeutete: ich befehle diesem komischen Senat da und seinem läppischen Anhang dies und jenes. Unter anderem deshalb hat man ihn dann ja auch einfach umgelegt.

Gehört nicht direkt zum Thema, aber Sie hatten gefragt!

Grüße
J. A.-P.
Wolfram Heinrich schrieb am 28.01.2011 um 03:27
@Columbus
Entschied mich fürs Neutrum, weil es natürlich auch eine männliche und weibliche Form gibt.

In solchen Fällen benutzt man sowohl im Lateinischen als auch im Italienischen, Deutschen etc. gemeinhin die männliche Form.

Vielleicht helfen Sie mir mit dem korrekten Latein weiter?

Mein Latein ist höchstwahrscheinlich noch schlechter. Aber j-ap hat uns ja inzwischen aus der Klemme geholfen.

Die These von den drei Wochen und dann sei physiologisch alles wieder im Ausgangszustand, teile ich allerdings nicht.

"...alles wieder im Ausgangszustand" ist mit Sicherheit falsch. Ich hatte auch nur davon gesprochen, daß man nach diesen drei Wochen wieder ohne Entzugserscheinungen alkoholfrei leben kann. Im Ausgangszustand ist der Körper nach langem Alkoholmißbrauch nie wieder, ansonsten wäre es nicht zu erklären, daß erneuter Konsum in aller Regel ganz schnell wieder zu erneutem Mißbrauch führt. Auch die erhöhte Alkoholgewöhnung ist bei Leuten mit massiver Alkoholvorgeschichte auch nach langer Abstinenz ziemlich schnell wieder auf dem hohen Niveau.

Heilung einer Sucht? Möglich, wie alles im Leben, aber auch wirklich sehr häufig?

Nein, sondern sehr selten. Sucht wird in aller Regel nicht geheilt sondern zum Stillstand gebracht, nicht umsonst spricht man nicht von ehemaligen Alkoholikern sondern von trockenen Alkoholikern. Eine geheilte Sucht ließe späteren mäßigen Konsum zu, was zwar vorkommt, aber doch selten ist.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 28.01.2011 um 03:30
@j-ap
In der Spätantike hat sich dann die Verdinglichung nicht nur literarisch als Beleidigung erhalten.

Man dankt für die ausführliche Erläuterung.

Ciao
Wolfram
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.01.2011 um 16:29
Der Film zum Thema: www.whatthebleep.com/
chrislow schrieb am 28.01.2011 um 09:01
Drogen-/Rauschsucht kann dazu führen, dass der Patient/Klient in seinem Leben sich auf das Wesendliche beschränkt. Solange aber "genug noch nicht genug" ist, solange ist die Therapie nicht erfolgreich durchlaufen. Erst, wenn sich ein gescheites Übermaß an "Missbrauch" hat beim Patienten etabliert und zur entgültigen Fixierung auf das im Suchterfüllungszwang reduzierte Ursache-Wirkungsprinzip den kleinsten Kreislauf hat entstehen lassen, ... kann es Zeit sein, einen neuen Suchtkreislauf zu erstellen. Sublimierung im weitesten Sinne.

Naja, da aber die Menschen nicht ganz so gleich sind, als dass es immer so gehandhabt werden könnte, ist es auch nur eine Version von Suchtbewälltigung. Von Überwindung mal ganz geschwiegen - scheint mir das nämlich nicht möglich.

Es gibt ja nun schon reichlich Programme zur Suchtbehandlung. Etwa Synanon ist mir gerade das bekannteste - wo es aber ganz besonders strikt zugeht - soweit ich weis. Das kann aber auch täuschen ... das es irgendwie besonders sei.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 28.01.2011 um 16:20
Synanon = Scientology
chrislow schrieb am 31.01.2011 um 19:39
Ach so...?

Wer häts gedacht....
Mariam schrieb am 29.01.2011 um 02:32
Vom Suchtpotential kann man Heroin besser mit Nikotin vergleichen - aber das ist ja ein anderes heißes Eisen. Immerhin wirken Zigaretten nicht so berauschend wie Alkohol, Heroin und Co.
Ich finde auch, in der Diskussion kommt die Polytoxikomanie zu kurz, die ist heute ja Standard. Jedenfalls unter Usern illegaler Drogen. Alkohol wird wirklich unterschätzt in seiner Gefährlichkeit und es ist paradox die eine Droge zu verbieten und mit der anderen Steuern einzunehmen. Hätte der Süchtig sauberes Heroin, würde er weniger körperlichen und psychischen Schaden erleiden als der langjährige Alkoholiker. Dessen Nerven- Leber- Gehirnschäden sind wirklich furchtbar. Ich hab genug Patienten gepflegt. Es ist mir ein Rätsel, wieso nicht gegen Alk genauso angegangen wird wie gegen das Rauchen-aber in Bayern kann ja ein Bierzelt ohne Rauch funktionieren, ohne Bier wohl kaum und ein Politiker kann wiederum nicht ohne Bierzelttauglichkeit - was nicht gerade für die Intelligenz der Wählerschaft spricht.
Ich verstehe schon die Idee, dass man alle Drogen freigeben könnte, damit der illegale Markt zusammenbricht. Aber das geht wegen aller möglichen Gefährdungen nun doch nicht. Andererseits stimmt es, dass eine rauschmittelfreie Gesellschaft noch nie sehr lange existiert hat. Aber soll man deswegen aufgeben, die anzustreben? Eine Welt in der wir uns nicht einnebeln lassen - was ist der Rausch anderes als Menschen ruhig zu stellen? Der klare Kopf nimmt nicht soviel hin.
Wolfram Heinrich schrieb am 31.01.2011 um 08:54
@Mariam
Vom Suchtpotential kann man Heroin besser mit Nikotin vergleichen - aber das ist ja ein anderes heißes Eisen. Immerhin wirken Zigaretten nicht so berauschend wie Alkohol, Heroin und Co.

Zigaretten wirken zum einen gar nicht berauschend und es gibt andererseits viele Menschen, die ohne fremde, fachliche Hilfe von den Zigaretten losgekommen sind.

Alkohol wird wirklich unterschätzt in seiner Gefährlichkeit und es ist paradox die eine Droge zu verbieten und mit der anderen Steuern einzunehmen.

Andererseits ist es so, daß der Alkohol in sämtlichen abendländischen Gesellschaften so tief verwurzelt, daß du ihn durch Verbote nicht mehr wegbekommst, der Versuch wäre zum Scheitern verurteilt, die Folgen nicht neutral, sondern äußerst fatal. In den USA hat man ja mal versucht, Alkohol zu verbieten, ziemlich genau zur selben Zeit, da man auch die anderen Rauschdrogen verboten hatte. Der Effekt der Prohibition war verheerend, sie hat die vorhandenen Gangs zu riesigen, mächtigen Organisationen aufgepäppelt und die Zahl der Alkoholiker war nach der Prohibition größer als vorher.
Letzteres ist nicht so paradox, wie es auf den ersten Blick scheint. Wird Alkohol plötzlich verboten, so werden die harmlosen Alkoholkonsumenten die erhöhten Schwarzmarktpreise nicht zahlen, sie werden vor allem das Risiko der Strafverfolgung nicht auf sich nehmen, dazu ist ihnen Alkohol nicht so wichtig. Diejenigen, für die Alkohol eine große Rolle spielt, die nicht darauf verzichten wollen oder können werden sich dagegen mit den Alkoholschmugglergangs einlassen. Sie werden zum einen die Herren Gangster, die ihnen den begehrten Stoff liefern, als Geschäftspartner schätzen lernen, sie werden auch, und das vor allem, ihren Konsumschwerpunkt von Wein und Bier auf Schnaps umstellen, da in Schnaps der Alkohol in konzentrierter Form vorhanden und also leichter zu schmuggeln ist, und Schnaps führt eher zu Überdosierungen. Sie werden auch die Versorgungsprobleme des Schwarzmarkts kennenlernen. Manchmal wird ein Bootlegger hops genommen und dann ist auf einmal die Versorgung mit Alkohol in einer bestimmten Stadt unterbrochen. Die Gier nach dem Stoff steigt und wenn er wieder erhältlich ist, wird er verstärkt konsumiert, eine eventuell noch vorhandene Selbstkontrolle gerät aus dem Gleichgewicht.

Ich verstehe schon die Idee, dass man alle Drogen freigeben könnte, damit der illegale Markt zusammenbricht. Aber das geht wegen aller möglichen Gefährdungen nun doch nicht.

Warum eigentlich nicht? Die Gefährdungen sind ja jetzt bereits da, sie entstehen auch nicht erst durch eine eventuelle Freigabe dieser Mittel. Und die Gefährdungen sind unter den Bedingungen der Illegalität bedeutend größer als bei legaler Erhältlichkeit der Stoffe. Wie ich an anderer Stelle hier im Thread schon schrieb wird eine Freigabe von Drogen ganz bestimmt nicht so aussehen, daß du dann Heroin im Supermarkt oder im Drogerie(!)markt bekommst. Eine Freigabe könnte allenfalls so laufen, daß du dich auch dann vom illegalen Dealer anfixen lassen mußt. Nur, wenn du dann auf Heroin drauf bist, würde eine entsprechende Bescheinigung vom Gesundheitsamt ausreichen, dir regelmäßig vom Arzt ein Rezept ausstellen zu lassen, mit dem du dir dann in der Apotheke den Stoff holen kannst. Der Dealer wäre dann beschissen, er fixt dich mit einem für ihn wenig lukrativen Sonderangebot an und wenn du dann an der Nadel hängst, wechselt du zur wesentlich preisgünstigeren Konkurrenz.

Andererseits stimmt es, dass eine rauschmittelfreie Gesellschaft noch nie sehr lange existiert hat. Aber soll man deswegen aufgeben, die anzustreben?

Eine (weitgehend) rauschmittelfreie Gesellschaft müßte eine Gesellschaft sein, in der sehr harmonische, ausgewogene soziale Verhältnisse herrschen. Keiner müßte mehr wegen Armut und Perspektivlosigkeit verzweifeln, wenn du psychische oder physische gesundheitliche Probleme hast, wird dir solidarisch optimal geholfen - du bräuchtest dann die chemischen Trösterchen nicht mehr. Und das müßte dann nicht nur in einer Gesellschaft so sein, in Germanistan etwa, sondern weltweit, ansonsten wären die Ungleichgewichte nur anders gelagert.

Eine Welt in der wir uns nicht einnebeln lassen - was ist der Rausch anderes als Menschen ruhig zu stellen? Der klare Kopf nimmt nicht soviel hin.

Ein kurzer Schlenker noch, ohne den jetzt weiter auszuführen: Es gibt auch nicht-stoffgebundene Rauschmittel. Die Religionen sind eine von ihnen, das bekannte Wort vom "Opium für das Volk" ist mehr als eine Metapher.

Ciao
Wolfram
Knüppel schrieb am 31.01.2011 um 09:43
@Wolfram Heinrich

"(...) Es gibt auch nicht-stoffgebundene Rauschmittel. Die Religionen sind eine von ihnen, das bekannte Wort vom "Opium für das Volk" ist mehr als eine Metapher ..."

Diese Aussage, die ich teile, VON DIR zu lesen überrascht mich (angenehm). Ich erinnere mich an andere Blogs (über Religion), in denen ich Dich anders in Erinnerung habe ...

Ich stimme Dir übrigens bei den "nicht stoffgebundenen " Rauschmitteln ebenfalls zu und möchte die Aufzählung ergänzen um Sex, Musik aber durchaus auch Verliebtsein und Liebe (siehe dazu mein Blog 'Gay Kiss' = Glückshormone).

Als ich einem Bekannten erzählte, dass meine "Drogen" Musik und Sex sind, hat er gelacht und gesagt, dass es sehr "preiswerte" Rauschmittel sind :-)

Geraucht habe ich übrigens auch, allerdings nur bis zum Alter von etwa 20 Jahren (weil "alle" geraucht haben, mit denen ich in verräucherten linken Kneipen über Politik diskutierte), dann habe ich von Gauloise auf Pfeife umgestellt und (weil mir die Prozedur immer lästiger wurde ... erkalten lassen, reinigen, stopfen etc.) "von heute auf morgen" mit dem Rauchen aufgehört.

Mein Freund raucht seit seinem 17. Lebensjahr, hat schon mehrfach aufgehört und ist leider immer wieder rückfällig geworden (der Wille aufzuhören ist wohl nicht wirklich vorhanden ...).

Ich habe in jungen Jahren auch einige "illegale" Stoffe (z.B LSD) ausprobiert, bin zum Glück aber nicht daran hängengeblieben.
Wolfram Heinrich schrieb am 31.01.2011 um 13:54
@SexPower
"(...) Es gibt auch nicht-stoffgebundene Rauschmittel. Die Religionen sind eine von ihnen, das bekannte Wort vom "Opium für das Volk" ist mehr als eine Metapher ..."

Diese Aussage, die ich teile, VON DIR zu lesen überrascht mich (angenehm). Ich erinnere mich an andere Blogs (über Religion), in denen ich Dich anders in Erinnerung habe ...


Deine Überraschung überrascht nun wiederum mich. Im Blog "Jeder zehnte sehnt sich nach einem Führer" hatte ich zum Beispiel geschrieben: "Das heißt, ich kann einerseits gegen den Islam sein, weil ich ihn, wie alle Religionen, für ein gefährliches, nichtstoffliches Betäubungsmittel halte und ich kann gleichzeitig (und dies ohne logischen Widerspruch!) für den Islam sein, weil ich die Errungenschaften dieses Kulturraums schätze und respektiere."

Ich stimme Dir übrigens bei den "nicht stoffgebundenen " Rauschmitteln ebenfalls zu und möchte die Aufzählung ergänzen um Sex, Musik aber durchaus auch Verliebtsein und Liebe (siehe dazu mein Blog 'Gay Kiss' = Glückshormone).

Was den Sex als Suchtmittel betrifft, so hat mal einer - zur Abgrenzung zum "normalen" Sex - folgende Abgrenzung vorgeschlagen: Wenn Spannungen, die keine sexuellen sind, durch Sex abgebaut werden, dann ist Sex ein Suchtmittel."

Ciao
Wolfram
RandolfT schrieb am 30.01.2011 um 18:42
Guten Abend, ich habe mit Interesse diesen Beitrag zum Thema Alkohol und Heroin gelesen und muss dazu entgegen, dass ich ein selbst von der Abhängigkeit betroffener bin.
Ich bin Polytoxykomane, das heißt, Mehrfachabhängiger. Ich war abhängig von Alkohol, Tabletten und Drogen, gespritzt habe ich allerdings nicht.

Ursache für die Suchterkrankung ist meiner Meinung nach, und dieser Meinung sind auch immer mehr Wissenschafter, eine genetische Disposition.

Es stimmt natürlich, das Alkohol, Drogen und Tabletten unterschiedliche Suchtpotentiale haben, aber ich für meine Person bin der festen Überzeugung, dass niemand süchtig wird, der nicht über eine entsprechende Veranlagung verfügt.

Meines Wissens nach gab es sogar vor etlichen Jahren beim Max-Planck-Institut den Versuch, mit sich freiwillig zur Verfügung gestellten Probanden, ob Sucht, hier Alkoholsucht durch ständigen dauerhaften Konsum herbeigeführt werden kann. Die Probanden mussten dafür über einen längeren Zeitraum Alkohol zu sich nehmen, ob die Dosen gesteigert wurden, weiß ich jetzt nicht, aber sicher ist, das nach dem Test alle froh waren, das der Test vorbei war, von den Alkoholtypischen Begleitsymtomen mal abgesehen, keiner wollte weiter trinken.
Zum Suchtpotential von Alkohol und Heroin und dem Entzug von beiden kann ich von Gesprächen mit Heroinabhängigen berichten, die nach eingetretener und überstandener Heroinsucht gedacht haben, sie könnten,weil ja Heroinabhängig, problemlos Alkohol konsumieren. Sie sind dann in eine Alkoholsucht abgeglitten und berichteten mir, das der Entzug härter sei als der vom Heroin.
Viele Drogenabhängige fangen auch nicht gleich mit der Spritze an, also injezieren sich die Droge direkt in die Blutbahn, sondern viele rauchen zunächst das Heroin, werden dann abhängig und um schneller und vor allem intensiver zum "Kick" zu kommen, fangen sdie irgendwann an zu spritzen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der, dass das Heroin häufig "gestreckt" wird, das heißt, um mehr Gewinn zu machen, werden andere Dinge dem Heroin hinzugefügt, teilweise mit dramatischen Folgen, weil sie ein höheres Suchtpotential haben oder durch die Zusätze körperliche Vergiftungen, Venenentzündungen etc. die Folge sind.
Reines Heroin ist so gut wie nie verfügbar. Durch das "Strecken" kommt es auch zu den Todesfällen, da sich die Heroinabhängigen auf "gestrecktes" Heroin eingestellt haben und wenn der "Stoff" reiner ist, kommt es schnell zu Überdosierungen, körperliche Verfallserscheinungen spielen dabei auch eine Rolle.
Was ich aber noch sagen will, ist zum Einen, dass meine persönliche Meinung die ist, das trinkende, alkoholtrinkende Gesellschaften kälter und härter sind, Alkohol verroht, zumindest für die Länder, in denen "weiche" Drogen konsumiert werden, wie Haschisch und Marihuana, gilt das nicht, sie sind friedfertiger.
Weniger Alkohol in der Gesellschaft, unabhängig von den Suchtproblemen, würden zu einer friedfertigeren Gesellschaft führen und auch dazu, dass wir uns stärker unseren Problemen widmen würden, Alkohol macht es möglich, dass vieles hingenommen wird. Meine subjektive Meinung.
PS: Lebe seit dem 28.05.1982 absolut drogenfrei, seit August letzten Jahres rauch ich nicht mal mehr. Es geht also auch ohne, nicht einfach, aber es geht. Therapie war nötig, sogar mehrere, aber sie waren vom Erfolg gekrönt und die Kosten haben sich rentiert hoffe ich. Bin Diplom-Sozialpädagoge und tätig seit über 12 Jahren im öffentlichen Dienst.
Columbus schrieb am 30.01.2011 um 23:48
Das hier, am Ende des Threads, ist vielleicht der wichtigste Beitrag zum Thema, Herr RandolfT., weil er ein praktisches Beispiel, dazu noch an der eigenen Person, aufzeigt. - Glückwunsch zu Ihrem Austieg aus der Polytoxikomanie.

Es geht also. Mehrfache Anläufe sind keine Schande, sondern die Sache, Rettung der eigenen Person, eventuell gleichzeitig damit auch anderer, verbundener Personen, ist es allemal wert.

Was Sie zum Heroin sagen, ist genau so. Die "Stoffqualität" schwankt, die Überdosis droht. Nach Jahren und bei Polytoxikomanen, spielen aber noch andere Faktoren eine wesentliche Rolle. Nämlich einsetzende chronische Schäden, Grunderkrankungen und auch Schwankungen in der Reagibilität der Nervenzellen auf den mehr oder weniger regelmäßigen Konsum.

Erblichkeit: Tatsächlich gibt es mittlerweile Subpopulationen, es sind aber keineswegs die große Mehrheit der Süchtigen, bei denen bei bestimmten Suchtformen genetische Marker gehäuft auftreten. Aber, das größte Gegenargument eines massiven genetischen Einflusses sind fast alle Fälle der Polytoxikomanen, die nämlich Suchtmittel ganz unterschiedlicher Wirkorte und zelluärer Folgereaktionen nutzen.

Das dort überall genetische Faktoren eine Hauptrolle spielen und dann gleichzeitig das Muster Polytoxikomanie ausspielen, ist eher unwahrscheinlich. Dazu kommt, dass bei vielen abhängig Erkrankten andere psychische Störungen ebenfalls einen großen Einfluss ausüben. Weiterhin existiert immer noch eine große Gruppe, die durch so genannte Lebenskrisen, aus vorher völlig unauffälliger Lebensweise, eine Sucht entwickeln.

Genetische Disposition (in Form eines weak-points) spielt eine Rolle, aber meist keineswegs die Hauptrolle.

Weich-hart:
Tatsächlich erleben sich Drogengesellschaften mit Hasch und Maria Juana als "friedertiger". Das stimmt vielleicht, mit Bezug auf Aggressivität, sofern nicht durch die Drogen eine andere psychische Störung erst aktiviert wurde oder schon ein organisches Psychosyndrom eingetreten ist.

Aber, wie fast immer ist das, was zunächst "friedfertig" wirkt, durch die unbeschreibliche Lethargie und Antriebslosigkeit, die chronische LMA-Haltung, die allgmeine Wurstigkeit gegenüber dem Schicksal anderer, auch eine extreme Form der Fühllosigkeit und Härte. - Nicht umsonst stehen Opiate bei Soldaten hoch im Kurs, nicht umsonst beklagen die Suchttherapeuten die viel ausgeprägtere Selbstbezüglichkeit, die Egozentrik der Haschisch- und Marihuanakonsumenten.

Alkoholiker ertrinken häufig in Selbstmitleid und Depressivität. Bei Opiatkonsumenten fällt auf, dass oftmals überhaupt keine emotionale Regung mehr ins eigene Bewusstsein tritt. Der Grad der Selbstreflexion, ebenso die Fähigkeit zur Bindung ist wesentlich geringer, was Psychotherapien sehr erschwert.

Allerdings ist Ihre Klassifikation kalte, harte Alkoholiker vs. warmherzig, weiche Haschkonsumenten, eine häufig geäußerte Vermutung unter Opiat-Abhängigen in ihrer Subkultur. Die empfinden ihre Gesellschaft und den Umgang miteinander als "weich", selbst wenn er, von außen betrachtet, knallhart ist.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Wolfram Heinrich schrieb am 31.01.2011 um 13:29
@RandolfT
Ursache für die Suchterkrankung ist meiner Meinung nach, und dieser Meinung sind auch immer mehr Wissenschafter, eine genetische Disposition.

Das Konzept der "süchtigen Persönlichkeit" ist ein interessantes Denkmodell, wenn man auch zugeben muß, daß es bislang noch nicht empirisch bestätigt wurde, womöglich gar nicht wirklich bestätigt werden kann. Dieser Theorie zufolge nimmt der spätere Süchtige bereits den ersten Kontakt mit einem Suchtmittel anders wahr als jemand, der später nicht süchtig wird.
Als MPU-Gutachter sind mir zu viele Menschen begegnet, die trotz schweren Alkoholmißbrauchs nie in eine echte Abhängigkeit geraten sind, um das Konzept der "süchtigen (eigentlich ja: suchtgeneigten) Persönlichkeit" von vorneherein zu verwerfen. Ich halte sie für ein brauchbares Denkmodell.

Meines Wissens nach gab es sogar vor etlichen Jahren beim Max-Planck-Institut den Versuch, mit sich freiwillig zur Verfügung gestellten Probanden, ob Sucht, hier Alkoholsucht durch ständigen dauerhaften Konsum herbeigeführt werden kann. Die Probanden mussten dafür über einen längeren Zeitraum Alkohol zu sich nehmen, ob die Dosen gesteigert wurden, weiß ich jetzt nicht, aber sicher ist, das nach dem Test alle froh waren, das der Test vorbei war, von den Alkoholtypischen Begleitsymtomen mal abgesehen, keiner wollte weiter trinken.

So wie du das Experiment schilderst wundert es mich doch sehr, daß dieses Projekt wegen seiner ethischen Implikationen nicht heftig unter Beschuß geraten ist. Sich irgendwelche Leute zu holen und dann mal zu schauen, ob man sie nicht vielleicht in eine Abhängigkeit bringen kann - das ist schon kraß.

Zum Suchtpotential von Alkohol und Heroin und dem Entzug von beiden kann ich von Gesprächen mit Heroinabhängigen berichten, die nach eingetretener und überstandener Heroinsucht gedacht haben, sie könnten, weil ja Heroinabhängig, problemlos Alkohol konsumieren.

Die meisten, die von einer Droge abhängig sind, entwickeln auch noch andere Süchte, und seien es nicht-stoffgebundene Süchte. Ein Bekannter, alkohol- und tablettensüchtig, war eine zeitlang auch spielsüchtig.
Einmal hat mir seine Freundin geklagt, der G. sei verschwunden und ob ich ihn nicht suchen wolle, er sei bestimmt in einer Spielhallen. Dort war er dann auch, mit glasigen Augen, verklärtem Blick voll auf das Gerät konzentriert, ich brauchte eine Weile, ihn auf meine Anwesenheit aufmerksam zu machen.

Was ich aber noch sagen will, ist zum Einen, dass meine persönliche Meinung die ist, das trinkende, alkoholtrinkende Gesellschaften kälter und härter sind, Alkohol verroht, zumindest für die Länder, in denen "weiche" Drogen konsumiert werden, wie Haschisch und Marihuana, gilt das nicht, sie sind friedfertiger.

Ich kannte einen, der unter Alkohol brandgefährlich war, Streit suchte und fand und dann ganz schnell mit brachialer Gewalt vorging. Hatte er gekifft, so stand er kichernd rum und es war fast unmöglich, ihn zu provozieren.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 31.01.2011 um 13:53
@Columbus
Erblichkeit: Tatsächlich gibt es mittlerweile Subpopulationen, es sind aber keineswegs die große Mehrheit der Süchtigen, bei denen bei bestimmten Suchtformen genetische Marker gehäuft auftreten. Aber, das größte Gegenargument eines massiven genetischen Einflusses sind fast alle Fälle der Polytoxikomanen, die nämlich Suchtmittel ganz unterschiedlicher Wirkorte und zelluärer Folgereaktionen nutzen.

Das ist nicht wirklich ein Gegenargument. Die eigentliche Sucht ist im Kopf, das heißt in der Psyche und nicht im Körper. Die Wahl des Stoffes (oder der Verhaltensweise) hängt dann von den äußeren Umständen ab.

Ciao
Wolfram
chrislow schrieb am 01.02.2011 um 21:12
Ich spreche auch auf die Geschichte an von:

RandolfT schrieb am 30.01.2011 um 18:42
chrislow schrieb am 31.01.2011 um 20:03
"Ursache für die Suchterkrankung ist meiner Meinung nach, und dieser Meinung sind auch immer mehr Wissenschafter, eine genetische Disposition."

-> Wer das glaubt, der soll damit eben seelig bleiben.

genetische Disposition ... ?
wenn es derart gesehen werden will, dann nur in eher unwesendlichen Unterschieden innerhalb einer Population.

erblich Bedingt....?

wohl überhaupt nicht. Oder ebenso unwesendlich, wie die genetische Disposition. Denn wie viel Suchtprtential in einem Menschen ist .... möge mir einer erklären, wie er das am Gen ablesen will....

Wo doch noch immer alle Umgebungsbedingungen viel einflußreichere Faktoren sind.
Möglicherweise ist es im Gen abzulesen, weil die Umgebungsbedingungen innerhalb eines kurzen Lebensabschnittes schon in den Aktivitäten der Gene sichtbar werden. Denn es gäbe keine Evolution, wenn nicht auch das möglich wäre....

Gengläubigkeit ist nicht auszuhalten....
Wolfram Heinrich schrieb am 01.02.2011 um 08:11
@chrislow
"Ursache für die Suchterkrankung ist meiner Meinung nach, und dieser Meinung sind auch immer mehr Wissenschafter, eine genetische Disposition."
-> Wer das glaubt, der soll damit eben seelig bleiben.


Ich möchte die Gelegenheit nutzen und präzisieren, daß ich beim Konzept der "süchtigen Persönlichkeit" nur am Rande an genetische Dispositionen gedacht habe. Gemeint ist vielmehr die allgemeine Persönlichkeitsstruktur, deren Verhaltensgrundmuster nach dem Kleinkindalter bereits relativ festgeklopft sind.

Ciao
Wolfram
chrislow schrieb am 31.01.2011 um 20:20
Wolfram Heinrich schrieb am 31.01.2011 um 13:29

"Ich kannte einen, der unter Alkohol brandgefährlich war, Streit suchte und fand und dann ganz schnell mit brachialer Gewalt vorging. Hatte er gekifft, so stand er kichernd rum und es war fast unmöglich, ihn zu provozieren."

-> Dieser Zustand hält nur solange an, bis der Wirkstoffspiegel aus dem Körper raus ist. Das ist auch der augenblick, bei dem es dann zur Suchtfrage wird. Ausserdem verändert sich die Tolleranzgrenze - was direkt auf erhöhte Agression hinausläuft.

Allerdings ... immer im Kontrast zum Alltagsleben... was irgend gelingen sollte... sonst stehts eben auf der kippe... bei jedem.

Da ist es auch egal, welche Gene im Menschen sind....
Wolfram Heinrich schrieb am 01.02.2011 um 08:12
@chrislow
"Ich kannte einen, der unter Alkohol brandgefährlich war, Streit suchte und fand und dann ganz schnell mit brachialer Gewalt vorging. Hatte er gekifft, so stand er kichernd rum und es war fast unmöglich, ihn zu provozieren."

-> Dieser Zustand hält nur solange an, bis der Wirkstoffspiegel aus dem Körper raus ist.


Nüchtern war das ein ganz lieber Mensch.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich
Der Franze hat gsagt, der Xaver wenn das noch hätt erleben können, sagt er, der hätt sich totgelacht.
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