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Gestern abend lief im Fernseh eine weitere Folge von "Soko 5113". Mord auf dem Land. Ein Großbauer wird unter einer alten Eiche erschlagen aufgefunden. Die Dorfbewohner verhalten sich gegenüber der ermittelnden Polizei sehr reserviert, gelegentlich läuft eine ältere, distinguierte Dame durchs Bild und erzählt, sie sei aus Sylt und verbringe hier ihren Urlaub.
Der Ermordete erweist sich als der Herr des Dorfes, die meisten dort sind bei ihm hoch verschuldet, er hat einen Beratervertrag für eine Entsorgungsfirma, die dort illegal Giftmüll abkippt, geplant ist ein Riesenprojekt für ein Feriendorf auf dem Gelände der Gemeinde.
Was soll ich erzählen? Am Schluß jedenfalls stellt sich heraus, daß die alte Dame aus Sylt aus dem Dorf stammt, daß sie vor 40 Jahren von dem ermordeten Großbauern vergewaltigt und anschließend aus dem Ort weggegrault wurde, weil sie die Dörfler ständig an ihre eigene feige Haltung gegenüber dem Großbauern erinnert hat. Das ganze Dorf hat damals von der Vergewaltigung gewußt, aber keiner wollte etwas wissen. Die Dame hat sehr reich geheiratet, ist nun Witwe, sie erweist sich als Besitzerin sowohl der Entsorgungsfirma als auch der Holding, welche den Ferienpark errichten will.
Sie hat den Leuten aus dem Dorf mitgeteilt, sie bekämen das Projekt nur, wenn sie dafür den Großbauern erschlügen, es sei ihr egal, wer das mache.
Das ganze letzte Drittel des Films über, als sich die Lösung allmählich abzeichnete, habe ich drauf gewartet, daß einer der Kriminaler zum anderen sagt, daß ihm die Geschichte bekannt vorkäme. Nichts. Da krallt sich ein Drehbuchautor den Plot von Dürrenmatts "Besuch der Alten Dame", weiß Gott kein unbekanntes Stück, und glaubt, er käme damit durch.
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Danke. Habe mich schon gefragt, wer es merkt. Deutlicher ging das ja kaum, peinlich, das war mal eine recht gute Serie.
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@Alien59
Danke. Habe mich schon gefragt, wer es merkt. Deutlicher ging das ja kaum, peinlich, das war mal eine recht gute Serie. Ich hätte ja nix dagegen gehabt, wenn die diese Geschichte verwenden, aber wenn man sie schon nimmt, dann sollte man das auch mal kurz im Dialog erwähnen. Handelt eine Story von zwei Menschen aus verfeindeten Familien, die sich ineinander verlieben, dann fällt garantiert im Dialog der Hinweis auf "Romeo und Julia", selbst dann, wenn die Story ansonsten nur wenig mit Shakespeares Plot zu tun hat. Und hier waren die Bezüge ja mehr als nur punktuell. Ciao Wolfram |
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@sachichma
oh oh, was ihr Euch da so anseht :-)) Ja mei, ganz ohne 1 Bildung gehts halt doch nicht. Weil, wie man sieht, nimmt man mit einer Fernsehserie auch ein bisserl Dürrenmatt light mit. Ciao Wolfram |
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Nee, ich habe das anders verstanden. Schon die Besetzung mit der prominenten Nicole Heesters machte deutlich, dass man annahm, die Zuschauer kennen den Original-Autor.
War doch überdeutlich. |
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@Magda
Nee, ich habe das anders verstanden. Schon die Besetzung mit der prominenten Nicole Heesters machte deutlich, dass man annahm, die Zuschauer kennen den Original-Autor. Damit jetzt keine Mißverständnisse entstehen: Ich mache den Machern des Films nicht wirklich den Vorwurf des Plagiats, das ginge gar nicht, dafür ist der Plot von Dürrenmatts Stück viel zu bekannt. Was ich vermißt habe, das war eine kleine Verbeugung vor Dürrenmatt, irgendwo im Dialog. Meinetwegen runzelt einer der Kriminaler irgendwann die Stirn und murmelt, die Geschichte komme ihm bekannt vor. Man hätte es vielleicht sogar gestalten können, daß der plötzliche Geistesblitz des Kommissars direkt zur alten Dame führt. Ich denke bei all dem vor allem an jene Zuschauer, welche die Parallele ebenfalls erkannt haben, aber nicht draufkamen. Du kennst vielleicht die Situation, wenn du weißt, du kennst etwas, aber du kannst es nicht greifen. Da hätte ein kleiner Hinweis im Film hilfreich und entspannend sein können. Ciao Wolfram |
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Nicole Heesters? Habe ich tatsächlich völlig übersehen. Wen spielte sie? Die alte Dame?
Alien outet sich als solcher. |
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@Alien59
Nicole Heesters? Habe ich tatsächlich völlig übersehen. Wen spielte sie? Die alte Dame? Ja. Für eine Hamburgerin, die lt. Drehbuch jedoch in einem Dorf in Oberbayern aufgewachsen ist, sprach sie ein erstaunlich akzentfreies Hochdeutsch. Was aber aufgewogen wurde durch den Umstand, daß auch die Dorfbewohner, mit Ausnahme des Bürgermeisters, ebenfalls ein sehr merkwürdiges Bayerisch sprachen. Ciao Wolfram |
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@Wolfram Heinrich
Ich war auf Schicht und habe das nicht gesehen. Die Beobachtung aus Bayern und die Diskussion darübner finde ich aber interessant. Verbeugungen fallen manchmal schwer. Herzliche Grüße rr |
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@ruhrrot
Ich war auf Schicht und habe das nicht gesehen. Dann schau es dir halt hier an: www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite/#/beitrag/video/962724/%22Unter-der-Eiche%22 Ciao Wolfram |
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Einen sehr viel schlimmeren Mord, als bei SOKO 5113 passieren kann, haben die Leute von ARD/DEGETO/ZIEGLER FILM mit dem Film
Der Besuch der alten Dame in der Regie von Nikolaus Leytner Deutschland/Österreich 2008 an Dürrenmats Stoff begangen: D.h. in diesem Fall, der Film stellt keine "Verfilmung" der Dürrenmattschen Vorlage und ihrer Intention dar, sondern ist eine zeitgeistige Adaption im Degeto-Stil, d.h. romantisierende Filmkost, die scheinbar realitätsbezogen, in jedem Fall emotionalisierend, niemals wirklich kritisch beim Zuschauer auf reine Unterhaltung auf einfachstem Niveau setzt. Dürrenmatts Vorlage wird von ihm selbst als tragische Komödie bezeichnet, und er macht ernst damit: Das Stück ist auf der einen Seite durchkomponiert nach dem Muster der antiken Tragödie, d.h. es gibt eine alle Grenzen sprengende Verfehlung (Hybris) vor dem - im Falle Dürrenmatts nicht göttlichen sondern sittlichen - Gesetz (das Ansinnen der Claire Zachanassian), die Katastrophe (den Mord an Alexander Ill), aber dann keine Katharsis (Keine Einsicht und Buße bei Claire Zachanassian), da es sich um eine Komödie handelt. Hier wird die Botschaft der Tragödie durch Groteske zur Kenntlichkeit entstellt. Dürrenmatt geht dichterisch soweit, dass er Aristoteteles und Sophokles im Text zitiert und sogar einen Chor der Dorfbewohner am Bahnof im Sinne der antiken Tragödie auftreten läßt. Dürrenmats Text ist im grotesken Sinne komisch, hat aber dabei keinen comic relief im Sinne der Komödie im modernen Sinne. Selbst die Liebe (zwischen Claire Zachanassian und Alexander Ill) bietet keine Hoffnung. Die Handlung spielt in einem realiter von Gott und der bürgerlichen Öffentlichkeit verlassenen Dorf in den (Schweizer) Bergen. Hiermit wird die tatsächliche Abgeschlossenheit, das die Zivilisation verlassen Haben codiert. Dem Zuschauer wird ein Zerrspiegel der Realität vorgehalten, die ihn an sein sittliches Selbst erinnern soll. Trotzdem: Dürrenmmat bleibt hier zutiefst pessimistisch. Was macht die Neuverfilmung daraus? Zunächst wird mit allen Zutaten aus melodramatisch-emotialem neuem Heimatfilm und packendem Wirtschafts-Krimi-Action-Thriller ein realistisches Szenario aufgemacht, das zwar des äußeren Hinguck-Effektes wegen tendenziell überzeichnet, aber nicht wirklich unrealistisch sein will. Aus der halbwüchsigen Tochter des Alexander Ill, die in kindlicher Unschuld nicht begreifen kann, was wirklich geschieht, die ihren Vater verlieren wird, wird eine smarte Fernsehjournalistin, die eigentlich, parallel zu Claire Zachanassian, dieselbe Rache an ihrem Vater nehmen wird, dies für die Verweigerung einer Liebe, die dr Vater ihr letzlich - so die neu dazuerfundene Handlung - nicht nehmen konnte; hier haben wir, mit Ach und Krach hineingewürgt, die degetounvermeidliche Liebesgeschichte. Die Rollen der ursprünglichen Dorfbesitzer werden alle aufgemotzt zu arrivierten bürgerlichen Existenzen. Selbst aus Alexander Ill, dem fett und alt gewordenen, geschäftlich nicht sonderlich erfolgreichen Dorfkrämer wird ein prosperierender Autohändler (dargestellt vom attraktiven Michael Mendl) mit Aussichten Bürgermeister zu werden. Die Protagonisten und die anlaufende Handlung bedienen alle Erwartungen des bloße Unterhaltung suchenden Zuschauers unter tendenzieller Bestätigung der üblichen Vorturteile bezüglich der mächtigen Reichen, untätiger Polizei, machtgeiler Politiker, versagender Lehrer, sensationsaufbauschender Presse, etc, so daß man es sich gerade noch als realistisch vorstellen kann bei durchaus beachtlichen schauspielerischen Leistungen des Ensembles für sich genommen. Dann aber läuft der Film sich selbst in die Falle, weil er Dürrenmatt verrät: Wenn Claire Zachanassian, besser Christiane Hörbiger, sich am Ende des Films in hinreißend gut dargestellter Reue über ihren, jetzt toten, Geliebten beugt, dann hat sie zwar ihre eigene Interpretation, dass die eiskalte Rächerin Claire Zachanassian kurz vor Schluss noch ein Einsehen habe (die Journalistin Angela Meyer-Barg zitiert die Hörbiger dazu in einem zur Fernsehpremiere in HörZu – Nr. 41 – 02.10.2008, S. 11 erschienen Artikel mit dem Zusatz, dass dies der Hörbiger wichtig gewesen wäre mit deren Worten: „Meinem weiblichen Publikum muss ich die Figur menschlich erklärbar machen.”) verwirklicht, ist aber meilenweit vom Stück entfernt. Dürrenmat wollte keine Figuren "menschlich erklärbar" machen, schon gar nicht nur einem "weiblichen" Publikum, sondern, ganz in Nachfolge Brechts, bestehende menschliche Verhältnisse als menschenunwürdige kenntlich machen. Dieser Film erklärt garnichts, macht nicht kenntlich, er rührt allenfalls folgenlos mit Mitteln des Boulevards an das Gemüt des Zuschauers (sieht man von möglichen Tränen der Rührung, die jede Sicht verschleiern ab), führt zudem schließlich nur noch unglaubwürdige Figuren vor: Ein Polizeichef, der untätig einem öffentlichen Mord beiwohnt, Mittäter wird, ist im Rahmen dieses Films einen schlichte Unmöglichkeit, selbst wenn er dem vorhergehenden Hilfeersuchen des Alexander Ill, rechtlich formal richtig, nicht nachkommt, weil noch nichts geschehen sei, dass sein Eingreifen rechtfertigte. Eine Tochter, die ihren Vater angeblich retten will (man beachte die vorhergehende Szene mit ihrem abtrünnigen Kameramann) und im Augenblick des Mordes den Ort der Tat verläßt um die Anstifterin zur Hilfe zu holen (Zur Hilfe wozu? Mia Mohr, Tochter des Ill, die TV-Jounalistin könnte nur qua unergründlicher weiblicher Intuition in diesem Augenblick gewußt haben, dass Claire Zachanassian heraneilt, um die Tat zu verhindern, etwas, was sie selbst hätte tun können. Sie hatte die Kamera, die Tat zu dokumentieren und zu veröffentlichen. Dies den Tätern gegenüber anzukündigen, hätte im realistischen Szenario dieses Films die Tat verhindert). Auch der ungehinderte Abflug der Anstifterin ist keine filmische Darstellung der pessimistischen Grundhaltung Dürrenmatts. Das ist kein "offenes Ende", das es bei Dürrenmatt so auch nicht gibt, sondern hilfloser Versuch, "am Text der Vorlage zu bleiben", deren Geist man nie verstanden hat, oder glaubte, ihn als nicht mehr zeitgemäß vernachlässigen zu können zugunsten eines weniger als mediokren Stückes rührender Unterhaltung ohne jeden Sinn und Logik am Montagabend der ARD. Wem oder Was solch einen solche Verfilmung nutzen, als der Kulturbarbarei? |
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@Uwe Theel
Ach je, da mag ich gar nichts dazu schreiben. Außer vielleicht: Warum inszeniert einer ein Stück, dessen Text er nicht über den Weg traut? Ciao Wolfram Heinrich |
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Lieber Wolfram,
ich gehe noch einen Schritt weiter: Da traute einer nicht nur einem Text nicht über den Weg. Der Text hat ihn gar nicht wirklich interessiert, war nur ausgebeutete "Vorlage" für das, was sich heute der Mainstreamkleinbürger unter Rache bei dem oberen Zehntel so vorstellt .. und wenn dann noch Hörbiger und Mendel spielen ...?!!?? Gruß ut |
Ausgabe 11/10
18.03.2010
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