Wolfram Heinrich

Der Franze hat gsagt

19.02.2010 | 11:23

Je Textverarbeitung desto Wissenschaft

Von Karl Marx stammt der berühmte Satz "Das Sein bestimmt das Bewußtsein". Gemeint ist damit, daß Ideen nicht einfach so entstehen, neue Ideen nicht einfach so aus alten Ideen entstehen. Ideen lassen sich vielmehr aus den materiellen Gegebenheiten ableiten, in denen Menschen leben. Menschen schnitzen sich jeweils die Ideologie, die zu ihren jeweiligen materiellen Lebensbedingungen paßt.

Das gilt für die großen Ideen und für die kleinen.

Wie sehr das menschliche Denken und Handeln von ganz elementaren Bedürfnissen und Zwängen gesteuert wird, dafür gibt die Geschichte der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU)ein eindrucksvolles Beispiel.

In den Siebzigern und bis in die Achtziger Jahre hinein war die Medizinisch-Psychologische Untersuchung zum Thema Alkohol ein Papiertiger. Eine Positivquote von 80 bis 90 Prozent ließ die MPU in den Köpfen der Menschen fast zu einer bloßen Formalität werden. Wenn der Alkoholmißbrauch bislang noch keine schwerwiegenden medizinischen Schäden hinterlassen hatte, wenn der Kandidat sich einigermaßen reuig und änderungsbereit gab, war der MPU-Gutachter optimistisch und schrieb ein positives Gutachten.

Diese Zeiten sind vorbei. Seit Mitte der Achtziger Jahre ist die Positivquote sehr schnell gesunken und liegt heute bei ca. 20 bis allenfalls 30 Prozent.

Womit ist diese dramatische Veränderung zu erklären? Haben Medizin, Biochemie oder klinische Psychologie auf dem Gebiet der Alkoholforschung im Laufe von zehn, fünfzehn Jahren so gewaltige Fortschritte gemacht, daß dadurch dieser enorme Wandel in den Beurteilungskriterien plausibel würde?

Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, was auch nicht weiter verwunderlich ist. Schließlich ist Alkohol in unserem Kulturkreis die verbreitetste Rauschdroge, Alkoholiker die besterforschten Betäubungsmittelkonsumenten. Man kennt die biochemischen, medizinischen und psychologischen Auswirkungen des Alkohols schon zu lange, als daß wirklich große Überraschungen noch zu erwarten wären.

Auch in den frühen achtziger Jahren schon wußte der Allgemeine und Klinische Psychologe sehr gut um die Effekte der Alkoholgewöhnung, um die Hartnäckigkeit von Gewohnheitsbildung und schließlich Sucht Bescheid. Nur der Verkehrspsychologe tat, als hätte er nie davon gehört und verbreitete in seinen Gutachten einen haarsträubenden Optimismus.

Die Erklärung für diese äußerst merkwürdige Gutgläubigkeit liegt in der Schreibmaschine.

In den Siebziger Jahren, als Computer noch Ungetüme von den Ausmaßen eines Schrankes waren und in der Preisklasse eines Mittelklassewagens lagen, war die elektronische Textverarbeitung für ein normales Büro absolut unerschwinglich. Eine IBM-Kugelkopfmaschine war noch Anfang der Achtziger Jahre das höchste an Schreibkomfort.

In der guten alten Zeit der MPU bestand ein Positivgutachten aus einem Formblatt, auf welchem der Gutachter lediglich einige Informationen anzukreuzen hatte, ergänzt durch ein, zwei frei formulierte Sätze. Mehr Platz war auf dem Formblatt für eine individuelle Beurteilung nicht. Auch mit einer Schreibmaschine war ein positives Gutachten innerhalb weniger Minuten fertig geschrieben.

Das Negativgutachten war im Gegensatz dazu eine wirklich individuell abgefaßte mehrseitige maschinegeschriebene Beurteilung. Zwar standen ganze Absätze dieser Beurteilung fertig formuliert in einem Aktenordner zur Auswahl vor, aber auch diese immer wiederkehrenden Floskeln und Standardformulierungen mußten von einer Schreibkraft jeweils neu abgetippt werden.

Eine Heidenarbeit, die insgesamt Stunden in Anspruch nahm.

Seit Mitte der Achtziger Jahre wurde die elektronische Textverarbeitung mittels PC in den Medizinisch-Psychologischen Untersuchungsstellen des TÜV eingeführt. Für die vorgeschriebenen Formeln, die Floskeln und die immer wiederkehrenden Argumentationslinien gab es nun Textblöcke, die aus dem Computer mit wenigen Kennbuchstaben abzurufen waren. Negativgutachten waren jetzt (fast) genauso schnell und ökonomisch zu schreiben wie Positivgutachten. Und die Beurteilungskriterien verschärften sich.

Eine Negativquote, wie sie jetzt üblich ist, wäre mit der Technologie der Kugelkopfschreibmaschine nicht zu schaffen gewesen. 70/80 Prozent negative Gutachten oder Gutachten mit Kurszuweisung - die Arbeit einer Medizinisch-Psychologischen Untersuchungsstelle wäre zusammengebrochen.

Kein praktisch tätiger Verkehrspsychologe hätte sich in den frühen achtziger Jahren die heute gängigen Erkenntnisse über Alkoholmißbrauch und Rückfallgefahr leisten können, denn diese Erkenntnisse wären nicht in praktische Arbeit umzusetzen gewesen. Man konnte sich damals die heutigen Erkenntnisse nicht leisten - also leistete man sie sich ganz einfach nicht.

Von der Struktur her ist das derselbe Mechanismus, den wir beim Trinker finden, der sein Alkoholproblem vor sich selbst verharmlost. Würde ich mir mein Alkoholproblem schonungslos klarmachen, müßte ich etwas dagegen unternehmen. Für Gegenmaßnahmen bin ich momentan aber noch zu schwach, also gibt es kein Alkoholproblem bei mir.


 
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Kommentare
Carl Gibson schrieb am 19.02.2010 um 14:28
@Wolfram: "Von Karl Marx stammt der berühmte Satz "Das Sein bestimmt das Bewußtsein".

Ist das so?

Karl Marx war wie die ihm geistig nahe stehenden Friedrich Engels und Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt "Lenin", ein Eklektiker.
Die Aussage, in der auch ein Stück "Milieu-Theorie" steckt, ist nicht ganz neu. Im Grunde ist diese Erkenntnis sogar sehr alt und führt - als Beschreibung der "psychosomatischen" Zusammenhänge und Wechselverhältnisse bis zu Aristoteles, Theophrast und Hippokrates zurück:
mens sana in corpore sano!

Eine gesunde Seele erhält auch den Leib gesund, während eine kranke Pysche bald einen kaputten Körper nach sich zieht.

Das "Bewußtsein" bestimmt also das Sein,
allerdings nur so lange wie der Mensch "frei" ist und "gesund" in seiner "Eigentlichkeit" existieren kann.

Läuft der Mensch - wie wir heute fast alle - am Gängelband des Staates - im Laufrad wie ein Hamster oder eine Ratte im Experiment,
dann determiniert das übermächtig gewordene "Milieu" das Bewusstsein - und das tatsächliche Sein dahinter.

Dann wird der Mensch zum Pawlowschen Hund, dem man einen Knochen hinwirft und bei dem der Speichel rinnt ( "Geiz ist geil! Gier, Macht)
oder zum Tanzbär,
der lostanzt, wenn man droht, da er mit glühenden Eisen dressiert worden war.

Der im Rausch versunkene Alkoholiker,
der von Religion (Opium für das Volk!auch K. Marx!)betäubte Bürger,
der blind Idelogisierte, der Fanatiker,
der Kranke,
der uneigentlich Existierende -

sie alle durchschauen ihr "Sein" nicht (mehr),

weil ihr "Bewusstsein" ausgemerzt wurde.

So entsteht Unfreiheit durch Denkverzicht und Untätigkeit und somit ein Zustand, der schon die "glücklichen Skaven" der Pharaonen und der Maya kennzeichnete.
Carl Gibson
Wolfram Heinrich schrieb am 19.02.2010 um 16:08
@Carl Gibson
Die Aussage, in der auch ein Stück "Milieu-Theorie" steckt, ist nicht ganz neu. Im Grunde ist diese Erkenntnis sogar sehr alt und führt - als Beschreibung der "psychosomatischen" Zusammenhänge und Wechselverhältnisse bis zu Aristoteles, Theophrast und Hippokrates zurück:
mens sana in corpore sano!


Mir scheint, du verwechselst Karl Marx mit Turnvater Jahn. So richtig wundern tut mich das aber inzwischen nicht mehr.

Ciao
Wolfram
goedzak schrieb am 19.02.2010 um 16:17
@Wolfram Heinrich

:))
poor on ruhr schrieb am 19.02.2010 um 17:31
Ungewohnte und mir unbekannte Betrachtungsweise, aber nachvollziebar!
Ich glaube es und denke, dass es so ist!

Herzliche Grüße

rr
Wolfram Heinrich schrieb am 20.02.2010 um 14:23
@ruhrrot
Ungewohnte und mir unbekannte Betrachtungsweise, aber nachvollziehbar!

Du solltest dir angewöhnen, dich zu fragen, warum jemand so denkt, wie er denkt. In den meisten Fällen findest zu ziemlich rasch eine materielle Ursache für diese Denkweise. In den meisten restlichen Fällen dauert es etwas länger, bis du diese Ursache gefunden hast.
Schon die simple Beobachtung, daß Arbeiter so gut wie immer glauben, ihre Löhne seien niedrig und sollten erhöht werden, Unternehmer dagegen niemals der Meinung sind, die von ihnen gezahlten Löhne seien schandbar niedrig und man müßte sie kräftig erhöhen, sonst müsse man sich ja schämen läßt diese Frage aufkommen.

Ciao
Wolfram
poor on ruhr schrieb am 20.02.2010 um 17:01
@Wolfram Heinrich
So wird es sein! Ich denke manchmal , dass das zu einfach wäre, aber das ist meistens wirklich Quatsch, aber man darf ja auch mal Quatsch denken. Du hast recht!

rr
Wolfram Heinrich schrieb am 20.02.2010 um 17:15
@ruhrrot
So wird es sein! Ich denke manchmal , dass das zu einfach wäre, aber das ist meistens wirklich Quatsch, aber man darf ja auch mal Quatsch denken. Du hast recht!

Ich glaube, die Welt ist sehr einfach, das heißt es sind einfache Gesetze, nach denen die Welt und auch menschliches Verhalten funktioniert. Kompliziert sind lediglich unsere Beschreibungen dieser Gesetze und sie sind es (unvermeidlicherweise) umso mehr, je weniger wir über den zu beschreibenden Gegenstand wissen.

Karl Marx war nicht der erste, dem aufgefallen ist, daß nicht das Handeln nach dem Denken kommt, sondern daß das Denken nachträglich nach vernünftigen Gründen für unser Handeln sucht.
Ein Beispiel ist Lichtenberg:
Man kann so gut für als wider einen Satz verblendet sein; Gründe sind öfters und meistenteils nur Ausführungen von Ansprüchen, um etwas, das man in jedem Fall doch getan haben würde, einen Anstrich von Rechtmäßigkeit und Vernunft zu geben. Es scheint, die Natur habe eine so nötige Sache, als ihr die Überzeugung beim Menschen war, nicht gern auf Vernunftschlüsse allein ankommen lassen wollen, in dem diese leicht betrüglich sein können. Der Trieb kommt uns dem Himmel sei es gedankt, schon über den Hals, wenn wir oft mit dem Beweis der Nützlichkeit und Nötigkeit noch nicht halb fertig sind.
G. Ch. LICHTENBERG "Sudelbücher"

Und Heinrich Heine hat 1854 Marxens These von der Priorität des Seins über das Bewußtsein sehr poetisch beschrieben:
Ich selber, sagte ein Bankier zu mir, bin manchmal Republikaner. Stecke ich die Hand in die rechte Hosentasche, worin mein Geld ist, so macht die Berührung mit dem kalten Metall mich zittern, ich fürchte für mein Eigentum und fühle mich monarchisch. Stecke ich dagegen die Hand in die linke Hosentasche, die leer ist, dann schwindet die Furcht, ich pfeife die Marseillaise und stimme für die Republik.

Ciao
Wolfram
P. S.: Die meisten Dinge sind verflucht einfach. Sie werden erst durch schlaue Leute zum Problem. (Costabile Matarazzo)
poor on ruhr schrieb am 20.02.2010 um 21:42
@Wolfram Heinrich

Mit Vergnügen habe ich den langen Kommentartext gelesen.
Über Heines poetische Beschreibung der These von der Priotität des Seins über das Bewußtsein habe ich lächeln müssen, weil ich besonders den letzten Satz so lustig gefunden habe.
Vielen Dank für diese Bereicherung meines Horizonts.
Ich will das aber nicht auf so eine lachhafte Ebene schieben, weil ich lese, dass Du es ernst meinst und gute Gründe dafür hast!
Wie ich geschrieben habe, sehe ich auch Einiges , was für Diene Annanhmen spricht.
Selbst bei meinem eigenen Handeln kann ich viel Triebgesteuertes entdecken, obwohl ich ein erwachsener Mann bin.
Der Gedanke was zu essen und die nachfolgende Handlung stehen immer in einem unmittelbaren Zusammenhang und da gäbe es auch noch viele andere Beispiele.

Tschüß

rr
Wolfram Heinrich
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