Wolfram Heinrich

Der Franze hat gsagt

28.09.2009 | 18:34

Kitsch

In der süditalienischen Kleinstadt Agropoli gibt es einen Laden für Krimskrams & dergleichen, der auf dem Schild über der Tür unter anderem stolz das Wort "kitsch" stehen hat.

Es hat ja eine eigene Bewandtnis um dieses Wort. Jeder weiß, was es bedeutet (die Meinungen der Leute beim Einschätzen eines Dinges als "Kitsch" gehen ganz erstaunlich konform), keiner kann es aber so richtig definieren.

Und: Kitsch geht ans Innerste der menschlichen Seele. Wenn Rudi Schuricke die "Caprifischer" schmalzt, dann werden die Augen tränenfeucht. Und das sind nicht nur die sog. "einfachen Leute". Ich kenne hochgebildete Kulturschmocks von äußerst verfeinertem Geschmack, die kundig jeder Symphonie mit der Partitur auf den Knien lauschen und anschließend kenntnisreiche Kommentare dazu geben können; die Fassbinders "Händler der vier Jahreszeiten" gucken und dazu gutgelaunt das übliche "erschütternd" murmeln. Abgebrühte und mit allen Salben geriebene Burschen, die aber Rotz und Wasser heulen, wenn Heinz Rühmann im Film "Wenn der Vater mit dem Sohne" sein "La-le-lu, nur der Mann im Mond schaut zu, wenn die kleinen Babies schlafen, drum schlaf auch du!" nicht singt, sondern heisert.
Ist es der gnadenlose, kompromißlose Kitsch, der uns packt, wirklich und im Tiefinnersten packt, während die große, echte und wahre Kunst im Hirn stecken bleibt

Das ist jetzt mal ins Unreine gedacht, keine freche Behauptung, sondern eine echte Frage, in der Hoffnung auf Anmerkungen und Kritik.

 

 
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Kommentare
kay.kloetzer schrieb am 28.09.2009 um 18:59
Lieber Wolfram Heinrich,
ich würde die Trennungslinie zwischen "kompromisslosem Kitsch" und "wahrer Kunst" gar nicht so dick ziehen.
Und erinnere an das Stenkelfeld-Lied mit folgendem Refrain:

Verliebte Fischer ziehn mit den Booten die Berge hinauf,
grüss mir die Gemse, den Adler, den Rotbarsch...Bergmann Glück auf!
und wenn dann Glück und Vertrauen und Sehnsucht und alles vergehn,
klingt die Suzuki am Bahnhof doch alles in allem noch schön!

Und hier, machen wir uns nichts vor, verbindet sich doch Kitschgewohnheit aufs Vortrefflichste mit der wahren Kunst des Bekenntnisses.

Oder anders gesagt: Wenn Kitsch die auf Reflexe spekulierende Nachahmung von Kunst ist, dann ist Kunst ein Spekulation über die Reflexe auf Kitsch.
Oder so.
Herzlich
kk
Wolfram Heinrich schrieb am 28.09.2009 um 19:41
"Lieber Wolfram Heinrich,
ich würde die Trennungslinie zwischen "kompromisslosem Kitsch" und "wahrer Kunst" gar nicht so dick ziehen."

Sie ist vermutlich sehr viel dünner, als die meisten wahrhaben wollen, womöglich aus den von mir skizzierten Gründen.

"Oder anders gesagt: Wenn Kitsch die auf Reflexe spekulierende Nachahmung von Kunst ist, dann ist Kunst ein Spekulation über die Reflexe auf Kitsch.
Oder so."

Wahrscheinlich "oder so". Ich jedenfalls verstehe den Satz davor überhaupt nicht.

Ciao
Wolfram
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.09.2009 um 19:02
Ja, die Kitsch & Kunst Monarchie, wer kennt da nicht seine eigenen Fallstricke ... bis in den La-le-lu-Mond hinein. Aufklärung bietet m.E. am besten immer noch der große Kirchenkritiker, Polemiker und Universalgelehrte aus Haßfurt, der Deschner eben. Mit diesem Buch vor allem: Karlheinz Deschner, Kitsch, Konvention und Kunst. Eine literarische Streitschrift. List, München 1957
Magda schrieb am 28.09.2009 um 19:17
Also, ich zum Beispiel könnte nie im Leben bei La-le-lu heulen, weil ich den ganzen Rühmann für einen verlogenen Kerl halte, aber - ach - bei den Caprifischern, da schon und aus Überzeugung.

Das sind so die wirklichen Konflikte, um die man ringen muss.

@ Rainer Kühn - Deschner ,ist das der mit der "Kriminalgeschichte des Christentums"?
Wolfram Heinrich schrieb am 28.09.2009 um 19:41
"Ja, die Kitsch & Kunst Monarchie, wer kennt da nicht seine eigenen Fallstricke ... bis in den La-le-lu-Mond hinein."

Schon. Nur sollte man über diese Fallstricke in einer ruhigen Stunde mal nachdenken. Ich rätsele noch, warum das so ist, warum Kitsch (gut gemachter Kitsch, das ist die Voraussetzung) tiefer hineingeht als die meiste große Kunst, die in aller Regel doch im Hirn steckenbleibt. Obwohl es bei mir in der Musik so ist, daß mich auch große Kunst bis in die Eingeweide erwischt. Wenn ich etwa die "Cäcilienmesse" von Haydn höre oder "Jauchzet Gott in allen Landen" von Bach dann habe ich sehr nah am Wasser gebaut.
Mit Religion hat das nichts zu tun, dazu bin ich schon zu lange Atheist. Aber wahrscheinlich liegt es daran, daß für mich Musik mit dem Verstand nicht zugänglich ist, und zwar überhaupt nicht. Ich höre keinerlei Strukturen in Musik, ich kann nicht mal sagen, ob eine Tonfolge nach oben oder nach unten geht. Nachträllern kann ich eine Melodie, aber sie analysieren... nein.

"Aufklärung bietet m.E. am besten immer noch der große Kirchenkritiker, Polemiker und Universalgelehrte aus Haßfurt, der Deschner eben. Mit diesem Buch vor allem: Karlheinz Deschner, Kitsch, Konvention und Kunst. Eine literarische Streitschrift. List, München 1957"

Pardon, aber das ist jetzt bloß wohlfeiles Name-Dropping, schnell mal aus dem Ärmel geperlt.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 28.09.2009 um 19:42
"Also, ich zum Beispiel könnte nie im Leben bei La-le-lu heulen, weil ich den ganzen Rühmann für einen verlogenen Kerl halte,"

Das ist doch eigentlich ziemlich wurscht. Ich muß den Rühmann ja nicht heiraten und was der privat für ein Mensch war, berührt mich nicht. Was zählt und was bleibt ist das, was er im Film gebracht hat.
Als damals der Walter Sedlmayr ermordet wurde, kam auf, daß dieser Prototyp des gemütlichen bayerischen Familienvaters und Biertrinkers in der homosexuellen Leder-Sado-Maso-Szene verkehrte (was seine Privatsache ist) und darüber hinaus ein ziemlich übler Bursche war.
Nun, der Film "Theodor Hierneis oder Wie man ehemaliger bayerischer Hofkoch wird" von Hans-Jürgen Syberberg wird dadurch um nichts schlechter.

"aber - ach - bei den Caprifischern, da schon und aus Überzeugung."

Und jetzt stell dir vor, daß ich seit 10 Jahren hier in Castellabate jeden Tag sehen kann, wie die rote Sonne bei Capri im Meer versinkt... Ach.

Ciao
Wolfram
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.09.2009 um 20:07
Magda: Ja, die Kriminalgeschichte dessen Institution, der nackt und ohne Tuch ans Kreuz geschlagen wurde.
Wolfram: Ein Hinweis auf Deschner ist nicht "wohlfeil", heute nicht mehr, weil ihn nur noch die Pensionäre und bald Toten kennen.
Aufklärung ist eine stetige Aufgabe, eine wiederholende, weil keiner die Revolution machen will.
Viele haben Deschner gelesen, früher, heute reden selbst die Leser nicht mehr über seine Bücher.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.09.2009 um 20:14
Und: Mit Hans-Jürgen Syberberg habe ich viel gelernt, aber auch aus Kitsch-Filmen und Arzt-Romanen vom Kiosk. - Kurz: Auch der Ideologie-Rezeption entnimmt der aufgeweckte Mensch die Wahrheit der Wirklichkeit.
Wolfram Heinrich schrieb am 28.09.2009 um 20:17
"Wolfram: Ein Hinweis auf Deschner ist nicht "wohlfeil", heute nicht mehr, weil ihn nur noch die Pensionäre und bald Toten kennen."

So hatte ich das auch nicht gemeint. Natürlich ist ein Hinweis auf Deschner keine schlechte Sache. Ich wollte darauf hinaus, daß du lediglich Deschners erwähntest ohne auch nur ein Fitzelchen seiner Argumentation auszubreiten.

Ciao
Wolfram
poor on ruhr schrieb am 28.09.2009 um 21:58
Kitsch muß in meinen Augen auch nicht immer schlecht sein. Bei Heinz Rühmann würde es mir allerdings wie Magda gehen. Wenn Kitsch nur rein verdummend ist, sollte ihm schon mit einer gewissen Skepsis begegnet werden, wenn er aber die tief verborgenen Sehnsüchte in den Herzen der Menschen bedient,- mein Gott, warum denn nicht? Natürlich ist mir klar , dass sich dies in der Regel nicht so sauber trennen lässt, aber wir sollten im Umgang mit Kitsch in unserem Alltag nicht all zu streng mit uns sein. Das Leben ist hart genug!
Peripatetik schrieb am 29.09.2009 um 09:41
Tja, ich weiß nicht, was Kitsch genau sein soll und erkenne ihn oft auch nicht auf Anhieb, dafür will ich mich mal an einer Definition versuchen:

Kitsch ist so ähnlich wie Kunst, will aber nichts zeigen, sondern nur eine Gefühlsreaktion hervorrufen.

Mit dieser (hoffentlich verständlichen) Definition komme ich auf den Gebieten der Bildenden Kunst, des Films und der Literatur ganz gut zurecht. Bei Musik hilft sie mir nicht weiter. Ich bin mir auch nicht sicher, ob bei Musik (ohne Text) eine Unterscheidung zwischen Kunst und Kitsch möglich ist, ja, ob sie überhaupt nötig ist.

Ansonsten ist mein Problem mit Kitsch, dass ich mich davon nicht ernstgenommen fühle. Mir kommen auch bei gewissen Sachen die Tränen, aber ich bin allein dabei - hinter dem Kitsch nehme ich niemanden wahr, mit dem ich sozusagen die Tränen teile. Kunst dagegen bietet mir eine Auseinandersetzung, ein Gegenüber, und das muss längst nicht nur übers Hirn gehen. Im Gegenteil, wenn etwas ganz unsinnlich nur das Hirn anspricht, ist es keine Kunst, sondern ein Argument.

Ich behaupte, Rühmanns La-le-lu mag auf der Oberfläche eine Menge Flüssigkeit produzieren, geht aber nicht in die Tiefe und hinterlässt dort keine Spuren.

Haydn macht das bei mir aber genauso wenig, da hilft auch kein runder Todestag.
Wolfram Heinrich schrieb am 30.09.2009 um 04:07
"Tja, ich weiß nicht, was Kitsch genau sein soll und erkenne ihn oft auch nicht auf Anhieb, dafür will ich mich mal an einer Definition versuchen:
Kitsch ist so ähnlich wie Kunst, will aber nichts zeigen, sondern nur eine Gefühlsreaktion hervorrufen."

"Nur" ist gut in diesem Zusammenhang. Ist das Gefühl nicht auch zentral bei Kunst? Du schreibst ja selbst: "Im Gegenteil, wenn etwas ganz unsinnlich nur das Hirn anspricht, ist es keine Kunst, sondern ein Argument."

Ciao
Wolfram
Peripatetik schrieb am 03.10.2009 um 14:42
Wofram, wir haben uns missverstanden. "Nur" meine ich ja nicht abwertend. Ich hätte wohl so formulieren sollen: "Das einzige Ziel von Kitsch ist es, eine Gefühlsreaktion hervorzurufen."

Für mich sind Gefühle in der Tat wichtig bei Kunst. Ich finde es sehr anstrengend mit Menschen, die ein Kunstwerk wunderbar analysieren können, bei deren Herzen aber nichts ankommt. Doch es gibt auch Leute, die alles zum Kitsch machen, indem sie nur Gefühle haben und die von der Kunst angebotenen Sichtweisen nicht zur Kenntnis nehmen.

Einige Künstler sehen das auch anders als Sie und ich. Beethoven soll wütend geworden sein, als Leute in einem seiner Konzerte anfingen zu weinen.

Gruß, Peripatetik
Wolfram Heinrich schrieb am 03.10.2009 um 15:40
"Wolfram, wir haben uns missverstanden. 'Nur' meine ich ja nicht abwertend. Ich hätte wohl so formulieren sollen: 'Das einzige Ziel von Kitsch ist es, eine Gefühlsreaktion hervorzurufen.' Für mich sind Gefühle in der Tat wichtig bei Kunst. Ich finde es sehr anstrengend mit Menschen, die ein Kunstwerk wunderbar analysieren können, bei deren Herzen aber nichts ankommt. Doch es gibt auch Leute, die alles zum Kitsch machen, indem sie nur Gefühle haben und die von der Kunst angebotenen Sichtweisen nicht zur Kenntnis nehmen."

Aha. Jetzt wird's spannend. Wenn das so ist, und es scheint mir einiges dafür zu sprechen, dann fände der Kitsch (oder die Kunst, oder gar beides, weil beides dann kaum zu trennen ist) in Kopf oder Herz des Betrachters, Lesers oder Zuhörers statt.
In dem Zusammenhang erwähne ich Dürers "Betende Hände", die in beiden Bereichen zuhause sind.

"Einige Künstler sehen das auch anders als Sie und ich. Beethoven soll wütend geworden sein, als Leute in einem seiner Konzerte anfingen zu weinen."

Ist das verbürgt? Es wundert mich ein wenig, denn zu Beethovens Lebezeiten hatte man deutlich näher am Wasser gebaut als heute. Heute muß man "cool" sein, wenn man was gelten will, damals war "sentimental" noch kein verächtlich klingendes Wort.
Ich kenne von Beethoven die Anekdote, daß er ein Liebespaar, das von seiner Musik angeregt, zu turteln begonnen hatte, wütend angeschrien haben soll. Allerdings, so heißt es in der Anekdote weiter, soll er sich anschließend für seine unangemessene Reaktion entschuldigt haben.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich
Der Franze hat gsagt, der Xaver wenn das noch hätt erleben können, sagt er, der hätt sich totgelacht.
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