Wolfram Heinrich

Der Franze hat gsagt

07.05.2010 | 11:26

Montecassino

Das Kloster Montecassino, zwischen Neapel und Rom gelegen, ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Nicht nur deswegen, weil es eines der ältesten Klöster auf europäischen Boden ist, 529 von Benedikt von Nursia gegründet.

Wenn du heute das Kloster besuchst, dann findest du eine im Kern mittelalterliche Anlage, die aber in späterer Zeit erweitert und drastisch verändert wurde, so daß heute Renaissance und Barock dominieren. Du gehst durch diese alte Anlage, du bist schon durch viele alte Anlagen gegangen, an dieser aber ist etwas ganz entschieden merkwürdig. So merkwürdig, daß du es zunächst gar nicht genau bestimmten kannst, du hast nur das merkwürdige Gefühl, daß etwas überhaupt nicht stimmt, obwohl alles ganz wunderbar aussieht.
Und irgendwann, wie immer dann, wenn du an was anderes denkst, kommst du drauf: Dieser alten Klosteranlage fehlt die Patina, sie sieht rundum und in jedem Detail nagelneu aus.

Und genau das stimmt. Das alte Kloster ist nagelneu.

1944 ist die gesamte Anlage durch einen alliierten Bombenangriff innerhalb von drei Stunden völlig vernichtet worden.


Das wodurch du wandelst, ist eine zeitgenössische Rekonstruktion nach alten Plänen und Fotos. Nicht in dem Zustand, wie das Kloster irgendwann im Mittelalter ausgesehen haben mag, sondern auf dem status quo ante vor der Zerstörung:
Auf dem Weg hinauf siehst du immer wieder Hinweisschilder auf verschiedene Soldatenfriedhöfe, einen amerikanischen, britischen, polnischen Soldatenfriedhof.
Der Tod, sagt man, mache alle gleich. Mag sein. Auf den Soldatenfriedhöfen von Monte Cassino jedenfalls hat man sich die Mühe gemacht, die toten Soldaten fein säuberlich nach Nationen auseinanderzusortieren. Noch nicht mal die damals verbündeten Soldaten hat man in einen gemeinsamen Friedhof gelegt.

 
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Kommentare
Magda schrieb am 07.05.2010 um 11:58
Sehr interessanter und besinnlicher Bericht. Danke dafür.
luggi schrieb am 07.05.2010 um 21:33
Am Montecassino wurden überdurchschittlich viele polnische Soldaten "verheizt". Die Geschichte um diese Schlacht ist sehr diffizil, deshalb verlinke ich mal auf die Wiki

Schlacht um Montecassino
Wolfram Heinrich schrieb am 07.05.2010 um 21:52
@luggi
Die Geschichte um diese Schlacht ist sehr diffizil,

Das ist sie, in der Tat, ein Grund, weshalb ich in dem kleinen Beitrag gar nicht erst drauf eingegangen bin. Für jeden Fakt brauchst du mindestens drei Differenzierungen und Erklärungen und am Schluß hast du eine "Kleine Geschichte des Zweiten Weltkriegs in sieben Bänden" geschrieben.

Ciao
Wolfram
Zachor! schrieb am 07.05.2010 um 21:58
ja das wär doch schön,
würd ich meinen... ;)
luggi schrieb am 07.05.2010 um 22:09
@Wolfram
Vor vielen Jahren habe ich zu Montecassino eine Fernsehdokumentation gesehen. Die war von den Informationen sehr prägend, deshalb habe ich mir das "kleine historische Umfeld" gemerkt.
Wolfram Heinrich schrieb am 07.05.2010 um 22:40
@luggi
Vor vielen Jahren habe ich zu Montecassino eine Fernsehdokumentation gesehen. Die war von den Informationen sehr prägend, deshalb habe ich mir das "kleine historische Umfeld" gemerkt.

Vielleicht ist es falsch angekommen, aber ich wollte dich mit meiner Erwiderung nicht kritisieren. Es ist im Gegenteil gut, daß du wenigstens die Wikipedia-Informationen dazu lieferst. Wenn du mal Gelegenheit dazu hast, solltest du dir das Kloster mal live anschauen, es ist wirklich beeindruckend. Und die fehlende Patina ist tatsächlich gespenstisch.

Und wenn du schon in der Gegend bist, empfehle ich dir, 200 bis 300 km weiter südlich zu fahren, in den Cilento. Dort findest du den Monte Gelbison oder Monte Sacro. Auf dem Gipfel, über 1700 m hoch, liegt ebenfalls ein Kloster, ziemlich groß, wenn auch bei weitem nicht so riesig wie Monte Cassino. Auch hier hatte ich ein ganz merkwürdiges Erlebnis. Wir waren dort am späten Nachmittag gewesen, kurz vor dem Einbruch der Nacht. Von den Mönchen oder von sonstigen Bewohnern des Klosters war nichts zu sehen, nichts zu hören, noch sonst irgendeine Spur ihrer Anwesenheit auszumachen. Das ganze Gelände war derart peinlich sauber geputzt, kein herumliegendes Papier, kein Laub, kein Staub (diese Art von Sauberkeit findest du häufig in Apulien, in Kampanien aber so gut wie nie). Es hat auf uns gewirkt wie eine Kulisse aus einem Computerspiel, absolut unwirklich. Und das umgeben von einer sehr wilden, fast ursprünglich wirkenden Naturlandschaft.
www.cilentoweb.com/upload/paese6_monte_gelbison.jpg

Den Cilento, eine in Deutschland fast unbekannte Gegend Italiens, empfehle ich ohnehin und das in jeglicher Hinsicht.

Ciao
Wolfram
luggi schrieb am 07.05.2010 um 23:00
@Wolfram
du kannst mich kritisieren wie es dir beliebt, da bin ich hart im nehmen, teile aber auch manchmal aus ;)

nee, mein Kommentar war normal sachlich gemeint. Ich interessiere mich für Geschichte. Ich denke mal eher, dass viele Sachverhalte der jüngeren Geschichte nach Wegfall ideologischer Scheuklappen in eine "richtige" Betrachtungsweise gestellt werden können. Dazu gehören eben Montecassino, Vergewaltigungen durch Besatzer, Kriegsverbrechen im Untergang des "Dritten Reichs", das Untertauchen von Nazis, die "Zusammenarbeit" der Katholischen Kirche mit den Nazis bei gleichzeitiger Ausrottung von Katholiken etc.
Italien in seiner sozialen Bewegung von Mussolini ist ja Vorbild für Hitler gewesen, wie man Massen mobilisieren kann. Faschismus leitet sich von Fasces ab.
Wolfram Heinrich schrieb am 07.05.2010 um 23:16
@luggi
du kannst mich kritisieren wie es dir beliebt, da bin ich hart im nehmen, teile aber auch manchmal aus ;)

Ja, Himmeherrgottsakramentkreizkruzifixhallelujanomoi, ich hab dich gar nicht kritisiert. Ich bin ein extrem sanftmütiger Mensch und wer das be2felt, der kriegt es mit mir zu tun, dem hau ich so was von dermaßen in die...

Italien in seiner sozialen Bewegung von Mussolini ist ja Vorbild für Hitler gewesen, wie man Massen mobilisieren kann. Faschismus leitet sich von Fasces ab.

Genau. Und von fasces leitet sich auch faszinieren ab. In Italien habe ich mehrmals das Graffito gelesen: "Fascio, ti sfascio", ein unübersetzbares Wortspiel. "Fascio" ist der Faschist, der Fascho (sagt man, glaub ich, auch in Deutschland) und "sfasciare" heißt soviel wie "in die Einzelteile zerlegen".

Ciao
Wolfram
poor on ruhr schrieb am 10.05.2010 um 17:40
Klasse ! Toller Blog! Vielen Dank!

Tschüß

rr
Wolfram Heinrich
Der Franze hat gsagt, der Xaver wenn das noch hätt erleben können, sagt er, der hätt sich totgelacht.
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