Wolfram Heinrich

Der Franze hat gsagt

11.01.2011 | 18:37

Mutmaßlich

Auf der Website der Tageschau (www.tagesschau.de/ausland/schiessereituscon110.html) lese ich den Anreißer über einem Bericht zum Massaker in Tucson:

"Nach dem Anschlag auf die Kongressabgeordnete Giffords im US-Bundesstaat Arizona hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den mutmaßlichen Täter erhoben. Der 22-Jährige, der nach Angaben der Behörden psychisch gestört ist, muss sich wegen Mordes und versuchten Mordes verantworten. Er wird heute erstmals dem Richter vorgeführt. Über sein Motiv wird weiter gerätselt. Er hat sechs Menschen erschossen und 14 verletzt."

Nun habe ich alles Verständnis der Welt dafür, daß es seit vielen, vielen Jahren in den deutschen Medien üblich (oder sogar obligatorisch) ist, noch nicht verurteilte Verdächtige als "mutmaßliche Täter" anzusprechen. Wenn kein Geständnis vorliegt (und selbst dann gibt es gelegentlich Überraschungen) ist es immer noch möglich, daß der mutmaßliche Täter sich als unschuldig erweist.
Hier aber ist der Täter auf frischer Tat festgenommen worden, er wurde noch am Tatort überwältigt. Es gibt keinerlei Spielraum für irgendwelche Zweifel an der Täterschaft, fraglich ist lediglich die juristische Einstufung.

Warum also die Formulierung vom "mutmaßlichen" Täter? Abgesehen davon ist der Journalist, der den Anreißer verfaßt hat, inkonsequent, denn am Ende des kurzen Textes ist kein Konjunktiv mehr, keine sonstige Distanzierung: "Er (der angeblich nur mutmaßliche Täter; W. H.) hat sechs Menschen erschossen und 14 verletzt." Punkt.


Im Radio habe ich vor vielen Jahren mal die bizarre Formulierung vom "mutmaßlichen Verdächtigen" gehört. Ich vermute mal, daß dieser semantische Eiertanz daher kommt, daß in den siebziger und achtziger Jahren ständig von mutmaßlichen Terroristen die Rede war. So häufig, daß "mutmaßlich" im Zusammenhang von Rechtsprechung die Bedeutung von "ganz besonders schlimm" bekam. Ein normaler Mensch weiß ja eh nicht, was "mutmaßlich" ist.
 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
goedzak schrieb am 11.01.2011 um 19:02
"Ein normaler Mensch weiß ja eh nicht, was 'mutmaßlich' ist." - Das ist ja so wahr!! Man weiß es nicht, man kann es nur mutmaßen! :)>
Streifzug schrieb am 11.01.2011 um 19:04
... villeicht ist es nur der Wink mit dem Zaunpfahl, dass es sich weniger um den eigenen Willen zut Tat, sondern eher um einen angenommenen Willen, die Tea-Party lässt grüßen, handelt.
GeroSteiner schrieb am 11.01.2011 um 22:42
Der Schreiber dieses mutmaßlich guten Blogs ist vorbehaltlich der Bestätigung durch einen dem Verfasser vermutlich persönlich bekannten Informanten bayrischer Staatsbürger. Dies verlautete aus gewöhnlich gut informierten Kreisen.
hardob schrieb am 11.01.2011 um 22:45
Nu, vielleicht war's a Traum, a Fake, a Ferng'steuerter. Mutmaßlicher aber habens' im Rundfunk eine Nettiquette und eine allgemeine Verlautbarungsverordnung bzw. Verlautbarungsdienstanweisung.
Tycho schrieb am 11.01.2011 um 22:53
das war annodunnemals die Stärke des Zweiten. Das Heute Journal hatte einen Chefredakteur und stand nicht unter der Fuchtel des Senderverbundes der ARD.
Wolfram Heinrich schrieb am 12.01.2011 um 03:50
@hardob
Mutmaßlicher aber habens' im Rundfunk eine Nettiquette und eine allgemeine Verlautbarungsverordnung bzw. Verlautbarungsdienstanweisung.

Das steht zu vermuten. Und diese Anweisung wird durchgezogen, ob sie nun im konkreten Fall Sinn macht oder nicht.

Ciao
Wolfram
hardob schrieb am 11.01.2011 um 22:55
Allerdings ist auch zu überlegen, ob die angeschossene Frau, die dem Mutmaßlichen die Waffe aus der Hand schlug und diejenigen, die ihn niederreungen, sich nicht eines Übergriffs schuldig gemacht haben auf den mutmaßlichen Schützen, dessen Tätigkeit gerichtsmäßig ja noch nicht festgestellt gewesen war. Ließe sich vielleicht ein Schmerzensgeld erklagen für den überwältigten Mutmaßlichen.

Mich ist die Wortwahl in den Nachrichten des BR auch aufgestoßen.
Wolfram Heinrich
Der Franze hat gsagt, der Xaver wenn das noch hätt erleben können, sagt er, der hätt sich totgelacht.
Ort:
Aldersbach
Mitglied seit:
2 Jahre 44 Wochen
Zuletzt aktiv:
02.06.2012
Status:
Publizist
Aktivität:
Beiträge: 437
Kommentare: 8728
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
06:24
davidjordan hat gerade einen Kommentar geschrieben.
06:21
heidenplejer hat gerade einen Kommentar geschrieben.
06:13
claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
05:18
claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
05:13
Alien59 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
David Foster Wallace Das hier ist Wasser Kiepenheuer & Witsch 2012

64 Seiten. Kartoniert.

4,99
 
David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Diese berühmt gewordene Rede gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre für alle Abschlussklassen – eine kleine Anleitung für das Leben, die man jedem mit auf den Weg geben möchte >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die grüne Guerilla

Ausgabe 22/2012
31.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG