Wolfram Heinrich

Der Franze hat gsagt

10.03.2011 | 09:47

Original und Kopie oder Geld macht schön

Herr Brondholz, Kunstliebhaber und Bildersammler, hat ein Schnäppchen gemacht und einen echten Van Gogh zu einem günstigen Preis erworben. [1] Vor dem Kauf hatte er einen Experten zu Rate gezogen, der das Werk nach ausgiebiger Untersuchung mit bloßem Auge und Lupe für echt erklärt hatte. Herr Brondholz hängt das Bild bei sich zuhause auf und läßt das Meisterwerk in seinen Mußestunden auf sich wirken.
Das heißt, nein, so was läßt die Versicherung nicht zu. Herr Brondholz läßt also eine Kopie machen, hängt diese in seinem Wohnzimmer auf und bewahrt das Original im Safe auf.
Ein Freund, der ihn besucht und dem er stolz den Van Gogh zeigt, berichtet ihm, er habe genau dieses Bild in einem Museum in Australien gesehen, dort schwöre man Stein und Bein, daß dies das Original sei. Schweren und bangen Herzens läßt Herr Brondholz also sein Bild im Labor überprüfen und tatsächlich, die Naturwissenschaft enthüllt, daß es sich bei seinem vermeintlichen Schnäppchen um eine verdammt gut gemachte Kopie, resp. Fälschung handelt.
Herr Brondholz ist enttäuscht. Daß der Geldanleger in ihm enttäuscht ist, ist leicht nachvollziehbar. Daß auch der Kunstfreund nun keine Freude mehr an dem Bild hat, ist dagegen äußerst bemerkenswert. Eigentlich sollte sich vom ästhetischen Standpunkt aus nichts geändert haben. Das Bild ist zwar kein Original, aber es ist auch vom Kenner mit bloßem Auge nicht vom Original zu unterscheiden, der künstlerische Eindruck, der von ihm ausgeht, ist exakt der gleiche, den auch das Original bietet.

Gehe ich recht in der Annahme, daß Kunstliebhaber, die das Original schätzen und die mit bloßem Auge nicht zu unterscheidende Kopie verärgert wegschieben, eigentlich keine Kunstliebhaber sind, sondern bloß Geldanleger?

[1]   Günstig heißt im Falle von Van Gogh, daß der Preis nicht gar zu unverschämt war.
 
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Kommentare
abghoul schrieb am 10.03.2011 um 10:02
Vielleicht ist es ja nicht das Bild selbst, sondern eher das Wissen darum das niemand sonst es betrachten kann, was dem Investor seine Freude verursacht hat.
Und dann steht das Original irgendwo im Museum und jeder Bert darf es sich ansehen...
Das Bild selbst könnte nebensächlich sein dabei, mehr sowas wie ein Überlegenheitsdokument.
Wolfram Heinrich schrieb am 10.03.2011 um 19:18
@abghoul
Vielleicht ist es ja nicht das Bild selbst, sondern eher das Wissen darum das niemand sonst es betrachten kann, was dem Investor seine Freude verursacht hat.

Ein interessanter Aspekt, der aber letztlich auch wieder auf Fetischismus hinausläuft.

Das Bild selbst könnte nebensächlich sein dabei, mehr sowas wie ein Überlegenheitsdokument.

So sehe ich das auch. Diese Überlegenheit, die hier dokumentiert werden soll, hat sehr heftig etwas mit Geld zu tun.

Ciao
Wolfram
Ullrich Läntzsch schrieb am 10.03.2011 um 15:24
Lieber Wolfram Heinrich,
An Ihrer Kritik am Kunstbetrieb gäbe es noch viel hinzuzufügen – ist mir aber nicht so wichtig. Gelassen aber bemerken Sie:

„Eigentlich sollte sich vom ästhetischen Standpunkt aus nichts geändert haben. Das Bild ist zwar kein Original, aber es ist auch vom Kenner mit bloßem Auge nicht vom Original zu unterscheiden, der künstlerische Eindruck, der von ihm ausgeht, ist exakt der gleiche, den auch das Original bietet.
Gehe ich recht in der Annahme, daß Kunstliebhaber, die das Original schätzen und die mit bloßem Auge nicht zu unterscheidende Kopie verärgert wegschieben, eigentlich keine Kunstliebhaber sind, sondern bloß Geldanleger?“

Der Ärger des Herrn B. ist mir so was von egal. Doch Sie weisen auf den Kunstliebhaber und reduzieren dessen Standpunkt der Ästhetik auf die reine Äußerlichkeit. Dabei übersehen Sie die eigentlich entscheidende Frage, die nach Authentizität. Dies mag Sie persönlich nicht berühren. Ihr gutes Recht. Allerdings wäre die Kunst wirklich am Ende, würde sie die Frage nach Wahrhaftigkeit des Kunstwerks aufgeben. Die Wahrhaftigkeit geht in der Kunst über das Werk hinaus und schließt den Künstler mit ein. Was wäre beispielsweise von einem Andy Goldsworthy de.wikipedia.org/wiki/Andy_Goldsworthy zu halten, würde er sich an Farben, Klebstoffen etc. aus dem Baumarkt bedienen. Wer – Rivers and Tides – den Film über ihn sah wird dies nicht glauben können. Einmal theoretisch angenommen, er würde als Betrüger entlarvt, was ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dann wäre sein Kunst keinen Pfifferling mehr wert. Denn sein Konzept ist über unser Bewußtsein in unserem Bewußtsein mit seinem Werk verbunden. Als Betrüger an seinem Konzept würde er eben auch sein Werk beschädigen.

Zurück zu Van Gogh. Das Wissen um Einmaligkeit, das Wissen, dies Bild wurde von ihm persönlich geschaffen, ein Wissen, das sich mit jeder Wissenserweiterung über Details seiner Biographie in ihrer Intensität verstärkt. Eben dieses Wissen ist es, welches das Bewußtsein eines wahren Kunstliebhabers von dem eines [Kunst-]Spekulanten unterscheidet. Letzterer ist es ja, der den Betrug ja erst ermöglicht! – und der auch immer wieder in der Rolle des Betrügers auftaucht. Gerät er selbst in die Situation, ggf. als Betrogener dazustehen, sollte er begriffen haben, das dies eben auch zu seinem Spiel dazugehört. Nur wen kümmert es, wenn er dann, statt betroffen zu schweigen auch noch jammert?
p.s. Habe niemals Mitleid mit einem der sich einen echten Van Gogh leisten kann – selbst wenn‘s ein Schnäppchen gewesen sein soll.
Wolfram Heinrich schrieb am 10.03.2011 um 21:02
@Ullrich Läntzsch
Der Ärger des Herrn B. ist mir so was von egal.

Mir auch. Ganz entschieden: Mir auch.

Doch Sie weisen auf den Kunstliebhaber und reduzieren dessen Standpunkt der Ästhetik auf die reine Äußerlichkeit.

Nein. Ich unterscheide vielmehr zwischen dem Kunstliebhaber und dem Geldanleger. Für den Kunstliebhaber ist der ästhetische Eindruck wichtig, der von einem Kunstwerk ausgeht, das mag ein Original sein oder eine Kopie, die von einem Original mit bloßem Auge nicht zu unterscheiden ist. Für den Geldanleger ist es dagegen von entscheidender Bedeutung, ob es sich um ein Original oder eine Kopie handelt, denn nur das Original hat den Marktwert, den er später gegebenenfalls wieder einlösen kann.

Dabei übersehen Sie die eigentlich entscheidende Frage, die nach Authentizität. Dies mag Sie persönlich nicht berühren. Ihr gutes Recht.

Die Authentizität berührt mich schon, so ist es nicht. Für die Wissenschaft etwa ist die Authentizität entscheidend. Wenn ein Wissenschaftler Aussagen über die Maltechnik und die verwendeten Materialien von, sagen wir mal: Rembrandt machen will, dann braucht er dazu ein Original. Nur anhand dieses Originals kann er die Proben entnehmen, die er für seine Analysen braucht. Für den Kunstfreund würde eine Kopie, die (auch von einem Experten) mit bloßem Auge nicht vom Original unterscheidbar ist, voll ausreichen, damit er seinen ästhetischen Genuß aus dem Kunstwerk zieht.

Allerdings wäre die Kunst wirklich am Ende, würde sie die Frage nach Wahrhaftigkeit des Kunstwerks aufgeben. Die Wahrhaftigkeit geht in der Kunst über das Werk hinaus und schließt den Künstler mit ein.

Ist in einer Kopie eines Van-Gogh-Bildes tatsächlich der Künstler außen vor? Und grundsätzlicher: Ist nicht ein Kunstwerk, einmal abgeschlossen und der Öffentlichkeit präsentiert, ein Ereignis, ein Fakt für sich? Ein Fakt, der unabhängig vom Künstler weiterlebt?
Ich lese einen Roman, der Roman gefällt mir, er berührt mich, ich bin begeistert. Ich preise den Autor und sage mir, den möchtest du gerne kennenlernen. Etwas später lese ich in der Zeitung, der betreffende Autor sei verhaftet worden, er habe gestanden, mehrere Menschen heimtückisch und grausam ermordet zu haben.
Nun, mein Wunsch, den Autor kennenzulernen, wird durch diese Nachricht vermutlich gedämpft, der Roman aber, das Kunstwerk, das dieser Autor hinterlassen hat, wird dadurch doch nicht um ein Fitzelchen geringer.

Was wäre beispielsweise von einem Andy Goldsworthy de.wikipedia.org/wiki/Andy_Goldsworthy zu halten, würde er sich an Farben, Klebstoffen etc. aus dem Baumarkt bedienen. Wer – Rivers and Tides – den Film über ihn sah wird dies nicht glauben können. Einmal theoretisch angenommen, er würde als Betrüger entlarvt, was ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dann wäre sein Kunst keinen Pfifferling mehr wert.

Jetzt wird es wirklich interessant. Vorab: Ich kannte Goldsworthy vorher nicht, ich habe nur den Wikipedia-Artikel gelesen, danke für den Link.
Goldsworthys Kunstwerke existieren nicht mehr im Original, wenn ich das richtig verstanden habe. Was erhalten ist, sind einzig die Fotos und Filme, die er davon gemacht hat, der ästhetische Eindruck seiner Kunst ist einzig und allein in diesen fotomechanischen Dokumenten enthalten. Diese Dokumente aber würden sich nicht im mindesten verändern, wenn sich irgendwann herausstellte, daß Goldsworthy geschummelt hat (okay, auch mir wäre es nicht nachvollziehbar, warum er hätte schummeln müssen).

Zurück zu Van Gogh.

Van Gogh ist in meinem Beitrag nur einfach ein Name, irgendeinen Namen mußte ich ja einsetzen.

Das Wissen um Einmaligkeit, das Wissen, dies Bild wurde von ihm persönlich geschaffen, ein Wissen, das sich mit jeder Wissenserweiterung über Details seiner Biographie in ihrer Intensität verstärkt. Eben dieses Wissen ist es, welches das Bewußtsein eines wahren Kunstliebhabers von dem eines [Kunst-]Spekulanten unterscheidet.

Wenn ich eine Kopie (1) des "Nachtcafés" vor mir habe, dann ist dieses Kunstwerk nicht von Van Gogh persönlich geschaffen worden? Was ist denn seine Leistung als Künstler? Daß er ganz bestimmte Farbpigmente auf eine ganz bestimmte Leinwand aufgetragen hat? Oder ist die Leistung des Künstlers nicht vielmehr die Struktur, die Komposition, die Anordnung, in die er diese Pigmente gebracht hat? Diese Struktur aber ist in der (guten) Kopie erhalten.
Wenn ich die "Buddenbrooks" als literarisches Kunstwerk genießen will, brauche ich dann die Originalhandschrift von Thomas Mann? Brauche ich dann ein Exemplar der Originalausgabe von 1901? Mir scheint, es reicht ein Fischer-Taschenbuch.
Ich glaube, wir kommen der Original-Huberei auf die Spur, wenn wir uns technisch modernere Formen der Kunst anschauen.
Ein Künstler fertigt einen Holzschnitt, eine Lithographie. Er macht Abzüge von dieser Lithographie (oder läßt diese Abzüge machen) und gibt dann dem Käufer die Garantie, daß lediglich 100 Abzüge davon gefertigt wurden. Der Kunstliebhaber, der einen dieser 100 Abzüge erwirbt, ist empört, wenn er erfährt, daß der Künstler doch wesentlich mehr Abzüge gefertigt und verkauft hat. Vom merkantilen Standpunkt aus ist diese Empörung nachvollziehbar, er hat schließlich 500 EUR für sein Exemplar hingeblättert und muß nun damit leben, daß er das Blatt nur noch für 100 EUR verkaufen könnte, weil vielmehr Originalabzüge auf dem Markt sind als gedacht.
Vom ästhetischen Standpunkt aus ist die Sache grotesk. Dieser eine Abzug wird um nichts, um überhaupt nichts, weniger schön dadurch, daß es anscheinend 499 andere Originalabzüge gibt, statt deren nur 99, wie gedacht.
Noch wahnwitziger wird die Sache bei der Photographie, wenn man erfährt, daß das Originalnegativ eines vieltausendfach verbreiteten Photos für eine enorme Summe verkauft worden ist. Das ist Reliquienkult und keine Ästhetik.

Ciao
Wolfram

(1) Mit Kopie meine ich hier immer eine Kopie, die vom Original ohne technische Hilfsmittel nicht zu unterscheiden ist, keine Kunstpostkarte, auch kein Poster o. dergl.
Wolfram Heinrich
Der Franze hat gsagt, der Xaver wenn das noch hätt erleben können, sagt er, der hätt sich totgelacht.
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