Wolfram Heinrich

Der Franze hat gsagt

06.02.2010 | 22:46

Rohkost

Mitte der achtziger Jahre waren wir im Urlaub in einem Hotel in Italien. Es gab dort ein reichhaltiges Frühstücksbüfett, abends ein Salatbüfett - eine große Vielfalt an Gemüse, schön angerichtet - bei dem sich jeder aufladen konnte, was und wieviel er wollte, dazu Essig und Öl und Saucen nach Geschmack.

Nun muß ich vorausschicken, daß ich bis dahin nie ein großer Salat- und Gemüse-Esser war. Als Metzgersohn habe ich von jeher Fleisch und Knödel und sonstige deftige Speisen vorgezogen. Hier aber habe ich reichlich aufgeladen, und hätte manchmal auf das eigentliche Essen gern verzichtet, wenn ich dafür mehr vom Salat hätte essen können.

Und dann höre ich, wie am Nebentisch ein Mann in scharfem Ton zu seinem ca. 15jährigen Sohn sagt: "Die Rohkost wird aufgegessen!"

"Rohkost" - das Wort hat mich getroffen wie ein Schlag. Klar, wenn man das Zeug "Rohkost" nennt und den Leuten aufzwingt, dann mag es freilich keiner mehr essen. Das Gemüse war hier für mich ein Genußmittel allererster Sahne, das Wort "Rohkost" aber schmeckt derart nach Verzicht, Vernunft und Gesundheit, daß es - bei Heranwachsenden gleich gar - semantischen Ekel vor endgeilen Sachen erzeugen kann.

Kinder, die regelmäßig den Salat stehen lassen, bekommen irgendwann keinen mehr vorgesetzt. Dann fragen sie eines Tages selber nach, wieso sie keinen bekommen, die anderen aber schon. Aber das ist eine viel zu runde Pädagogik für eckige Köpfe.

 
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Kommentare
merdeister schrieb am 07.02.2010 um 09:48
Rohkost war noch nie was für junges Gemüse.
ed2murrow schrieb am 07.02.2010 um 16:17
Geehrter Wolfram Heinrich,
das alles ist nicht weiter verwunderlich. Aus bay. Sicht. In gutbürgerlichen Lokalen ist der gemischte Salat etwas aus geraspeltem Radi, Bohnen aus der Dose, Radi, Karotten, Radi. In Wasser. Gelegentlich rode Ruam.
Insalata mista hat da was mystisches. Man lernt es erst gegen Ende der Pubertät einzuschätzen.
Mit einem Blatt Radicchio Trevigiano wedelnd, e2m
Wolfram Heinrich schrieb am 07.02.2010 um 16:28
@ed2murrow
Insalata mista hat da was mystisches. Man lernt es erst gegen Ende der Pubertät einzuschätzen.

Das ist keine Problem des Geschmacks sondern der Erziehung. Wenn dir einer etwas zum Essen als gesund empfiehlt, dann weißt du, als Kind gleich gar, daß es scheiße schmeckt. Weil anderenfalls würde dir der andere das Zeug ja als wohlschmeckend empfehlen.

Ciao
Wolfram
luggi schrieb am 07.02.2010 um 18:58
Es gibt doch Schluckbeschleuniger:

"Da ist viel Kalzium drin."
"Petersilie hat viel Vitamin C." -> Vergisst man aber zu erwähnen, dass das arme Kind 476 Gramm essen muss, um 82 % des Tagesbedarfs zu decken.
ed2murrow schrieb am 07.02.2010 um 20:09
Gesundheit ist doch auch nur ein Mythos bei einem Körper, der auf Selbstzerstörung angelegt ist.
Wolfram Heinrich schrieb am 08.02.2010 um 15:44
@luggi
Es gibt doch Schluckbeschleuniger:
"Da ist viel Kalzium drin." - "Petersilie hat viel Vitamin C."


Diese Schluckbeschleuniger heißen, in die Sprache eines Kindes übersetzt: "Oh Scheiße, das Zeug schmeckt schlecht."
Oder würdest du bei was wirklich gutem, das du jemand aufschwatzen willst, auch nur in einer Fußnote erwähnen, daß da Kalzium drin ist?

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 08.02.2010 um 15:46
@ed2murrow
Gesundheit ist doch auch nur ein Mythos bei einem Körper, der auf Selbstzerstörung angelegt ist.

Schon, aber man will ja gesund sterben.

Ciao
Wolfram
luggi schrieb am 09.02.2010 um 00:08
@wolfram

Meine Zielrichtung war auch mehr die Werbung und der Unsinn vieler Ernährungsempfehlungen. Und Kalzium ist naturgemäß bei unserem harten Wasser im Übermaß in fast jedem Essen vorhanden.
Wolfram Heinrich schrieb am 09.02.2010 um 07:26
@luggi
Meine Zielrichtung war auch mehr die Werbung und der Unsinn vieler Ernährungsempfehlungen.

So was in der Art dachte ich mir schon. Das Bemerkenswerte ist ja, daß diese Empfehlungen bei Erwachsenen wirken, während du bei Kindern mit solchem Schmarrn nicht landen kannst.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich
Der Franze hat gsagt, der Xaver wenn das noch hätt erleben können, sagt er, der hätt sich totgelacht.
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