André Rebentisch

Teste-Mal-An

30.11.2009 | 22:40

Minarettung naht

Die Schweiz mag keine Minarette. Das schreibt sie jetzt sogar in einem Verfassungszusatz nieder, zur Verwunderung der Weltöffentlichkeit. Architekturvorschriften in einer Verfassung, wer hätte das erwartet. Ein Ergebnis direkter Demokratie des Volkes, deren Anhänger ich nie war.

Absurderweise wird ähnlich wie beim Kopftuchstreit das Minarett zum Symbol des Islam aufgeladen, weshalb auch die Ablehnung von Minaretten nur eine Xenophobie dokumentiert. Minarett heisst eigentlich Leuchtturm. Vom Proheten wurde der Legende nach die Ankunft des Messias von einem Lichtturm angekündet.

Die pragmatische Funktion eines Minarett war also einst Orientierungspunkt und Ausguck, die religiöse Verwendung des Zweckgebäudes war die Gläubigen an das Gebet zu ermahnen. Für solche Funktionen braucht heute niemand mehr Türme und Ausrufer wie im Weichbild einer mittelalterlichen Stadt, dazu gibt es SMS, Uhren und andere Nachrichtensysteme. Auch im Falle der Glockengeläutes der Kirchen handelt es sich lediglich um angestammte Traditionsbestände, Kirchen werden in der Regel  automatisiert geläutet, den Glocken zum Schaden. In meiner Stadt gibt es z.B. auch noch eine Mittagssirene.

Offenkundig haben die Schweizer nur etwas gegen Minarette. Zum Ausgleich schlage ich vor in der Schweiz einen großen Buddha zu errichten, vielleicht mit Blick auf das Monte Rosa-Massiv. Sollten die Schweizer dies per Verfassungsvotum ausdrücklich ablehnen, könnten wir den Buddha bei mir an der Nordsee als besondere Attraktion aufstellen, mitsamt seiner Funktion als Leuchtturm, auch als Leuchtturm des Tourismus. Es wäre der erste Großbuddha Europas, der den Weg zur Erleuchtung bringen könnte. Und Geld in die öffentlichen Kassen.

Vielleicht erinnere man sich an den Buddha aus Afghanistan, den die Taliban bei diesem Bergvölkchen wegsprengten? Ein Bildnis des Buddha Dipamkara, dazu Wikipedia:

Der Name Dīpaṃkara bedeutet „Anzünder der Leuchte “. Die Erlangung der Erleuchtung des Buddha Dīpaṃkara wird im „Butterlampen-Sutra“ (auch „Die Lampen-Geschichte des Königs mit der goldenen Hand“) beschrieben. ... Er ist auch unter dem Namen Dvipankara (etwa: Buddha der Inseln) bekannt. Bei buddhistischen Seeleuten wird er als der Beruhiger der Wellen verehrt. Die Fundstellen seiner Statuen sind ein guter Wegweiser entlang deren Seerouten.

Sieht beinahe so aus, als ob mein Buddhavorschlag nur hier an der Küste eine Chance hätte.

 
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Kommentare
outnumber schrieb am 30.11.2009 um 23:18
Danke für diesen Artikel.

"vom Proheten wurde der Legende nach die Ankunft des Messias von einem Lichtturm behauptet."

der Lichturm soll auch Adam und Eva, nachdem sie ihre Aufenthaltserlaubnis im Paradies verloren und einzeln auf die Erde geschickt wurden, wieder zueinander geführt haben.

Über die Funktion von Minaretten oder Kirchtürmen in einem urbanen Umfeld kann man diskutieren.
Hier geht es jedoch um Kastrationsängste.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 01.12.2009 um 00:06
Die Höhe vom Minarett ist kulturell von Bedeutung. In Bamiyan, bei den Harzari waren die Buddha-Statuen auch nicht gerade klein, aber selbst wen sie klein gewesen wären die Wahnbild-Fashisten hätten sie eleminiert.
André Rebentisch schrieb am 01.12.2009 um 01:18
Die Höhe von Buddhas ist dagegen ganz unwichtig. Buddha mit Blick auf Alpen, Buddha mit Blick auf Meer. Buddha bei die Fische.

Ich bin ja nun Protestant, aber ich denke, dass ein Buddha von sagen wir mal 30 Meter Höhe bei uns am Deich eine echte Attraktion und "Wirtschaftsfaktor" sein dürfte, und im übrigen vielleicht von Anhängern dieser Religion aus dem Ausland finanziert werden könnte.
Joachim Petrick schrieb am 01.12.2009 um 01:10
was den Christen/innen der Kirchturm, samt Glocke, zur Herbeirufung der Gemeinde, sind den Muslimen Minarette in alle Himmelsrichtungen.

Wissenschaftlich gesehen, beides ein gelungener Versuch, sich mit klerikal archtektonischen Mitteln dem Phänomen Schall effizienz anzunähern.

"Minna sei so nett, schreib ein Sonett, begebe Dich direkt über LOS aufs Minarett und unterbreite der Gemeinde rufend Deine Dichtkunst.
Papellapapp!!,
bist du öde, bist du blöde, du weißt doch, dass ich als Frau im Islam nicht auf das Minarett "bei Allah" darf, auch wenn ich wollte, wie du willst, dass ich sollte.
Mannomann!.

Wer war eher da:
"Der Kirchturm oder die Glocke?"

Von wann ist die Volksweise in enorm höflicher Frageform Norm:
"Sag mal, hast du einen an der Glocke?"

Ist wohl im Sinne gemeint:
"Hast du einen Riss in der Birne!?"
Kein Wunder, bis du aus der Schweiz, wo es nicht heißt
"Geiz ist geil heßt",
sondern
"Schweiz ist geil, Schweiz spart früher als andere für geistige Notzeiten."
tschüss
JP
André Rebentisch schrieb am 01.12.2009 um 01:30
Die meisten Kirchtürme sind viel älter als das Gedicht von Schiller. Und dabei geht es wie ich gerade gelesen habe bei solchen Türmen um "Kastrationsängste". Ich kann da gar nicht mitreden, ich habe keine Tiere.

Aus der Wolke, ohne Wahl, Zuckt der Strahl - Hört ihr's wimmern hoch im Turm? - Das ist Sturm! Rot, wie Blut, Ist der Himmel - Das ist nicht des Tages Glut! - Welch Getümmel - Straßen auf! - Dampf wallt auf! Flackernd steigt die Feuersäule - Durch der Straße lange Zeile - Wächst es fort mit Windeseile - Kochend, wie aus Ofens Rachen - Glühn die Lüfte, Balken krachen - Pfosten stürzen, Fenster klirren, - Kinder jammern, Mütter irren - Tiere wimmern - Unter Trümmern - Alles rennet, rettet, flüchtet - Taghell ist die Nacht gelichtet.

Eine Brand.Stiftung, nicht wahr? Wobei wir bei der profanen samstäglichen Mittagssirene in meiner Stadt wären.
André Rebentisch
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