Guttenberg (CSU) ist weg vom Fenster. Es ist 10:53 und der Medienmogul BILD verkündet den Rücktritt des Verteidigungsministers woraufhin er dies um 11:15 offiziell in einer Pressekonferenz bestätigt. Derweil beginnen in den sozialen Netzwerken sofort Gründungen der Gruppen „Wir wollen Guttenberg zurück“ und „Guttenberg – er wird wiederkommen“. Schon seit zwei Wochen, also der Zeitraum in dem bekannt wurde, dass ein Großteil von Guttenbergs Doktorarbeit fehlerhaft und teilweise wortgenau abgeschrieben wurde, versammeln sich über 300.000 Facebook-Nutzer in der Gruppe „Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg“. Es wurde sogar eine Veranstaltung mit dem Titel „Karl-Theodor zu Guttenberg SOLL bleiben“ erstellt.
Freilich handelt es sich bei der ganzen Situation um nichts, was zwingend eine solch große Aufmerksamkeit verdient hätte, sieht man davon ab, dass wir in einem postdemokratischen Zeitalter leben, das den Glauben an der deutschen Demokratie sowieso zweifelhaft macht. Dennoch ist es erschütternd wie ein bisschen Haargel, Adelige Abstammung und gute Miene zum bösen Spiel zur Anerkennung des werten Herrn Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg führen konnte und auch weiterhin tut.
Man sehe sich die Amtshandlungen dieses Politikers genauer an. Der Luftangriff bei Kunduz am 4. September 2009, als 142 Menschen (darunter viele Zivilisten) von Bundeswehrsoldaten unter der Zuständigkeit Guttenbergs ermordet wurden. Zuerst wurde hier von „Rechtmäßigkeit“ gesprochen, wenige Tage später wurde die eigene Schuld (auch nur teilweise) eingesehen. Aber statt selbst zurückzutreten, wurden die Befehlsgebenden Offiziere entlassen.
2011 – der nächste Skandal: Guttenbergs Doktorarbeit wurde aberkannt. Allein der Blick auf die Homepage de.guttenplag.wikia.com dürfte einem die Augen öffnen, dass die Vorwürfe gegen Guttenberg nicht nur heise Luft, sondern Fakten sind. Bisher wurden 76,34% Plagiate in der Doktorarbeit gefunden. Und da will man noch mit „Bagatelle“ und „üblen Nachreden“ kontern? Irgendwo hört jeder Spaß auf. Vor allem dann, wenn sich das politikverdrossene Volk (vor allem die Jugend) bei solch einem Event plötzlich als höchst politisch erachtet und sich beginnt per Status-Kommentar und Gefällt-Mir-Klick zu „politisieren“. In meinen Ohren klingen Reinhard Meys Worte: „Sei wachsam, präg dir die Worte ein, sei wachsam, und fall' nicht auf sie rein…“
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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