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25.05.2011 | 14:31

Kleiner Lehrgang der Postmodernität.

 

Um Teil des "kleinen Kreises", der "kleinen Gruppe", des "kleinen Clans" der Verdurin zu sein, war eine Bedinung hinreichend, aber sie war notwendig... Mit diesen Worten eröffnet Marcel Proust bekanntlich seinen Roman "Un amour de Swann". Wie lautet die Bedingung? Ganz einfach: die anderen Salons "ennuyeux" zu finden, das heiß, langweilig und enervierend zugleich.

"Ennuyeux" sind auch - so der Soziologe Michel Maffesoli - die Modernen. Maffesoli ist Sorbonneprofesseur, Mitglied des Institut universitaire de France und der Ehrenegion und beehrt die Fondation Ricard, ein eminenter Wissenschaftler also. Und  - das macht ihn noch weniger "ennuyeux" - mit einer leicht esoterischen Ader. 2001 konnte sich eine gewisse Elizabeth Teissier bei ihm mit einer astrolsoziologischen Arbeit habilitieren. Wie auch immer - Maffesoli, der sich noch immer als Anarchist und Situationist sieht - gilt als gelehrter Repräsentant der Postmoderne (1).

Damit  Sie im Salon de la Postmodernité mitreden können, vielleicht möchten Sie  gar zum "kleinen Kreis" gehören, möchte ich Ihnen im Folgenden die "hinreichende, aber notwendige Bedingung", so wie Maffesoli sie darstellt, näher bringen. Als Pädagoge habe ich zwecks Vertiefung des Erlernten  einige Übungen eingebaut. Sie werden sehen: es ist gar nicht schwer, postmodern zu werden.

Vor allem, lassen Sie sich nicht vom Prestige der Referenzautoren einschüchtern (Parmenides, Heraklit, Thomas von Aquin, de Maistre, Nietzsche,Weber, Simmel, Heidegger, Schmitt, ja sogar Badiou). Der Autor bringt sie alle auf den einen Punkt und wiederholt ihn so oft, dass die Sache klar ist. Gleiches gilt für die Begrifflichkeit. Die Worte klappern zwar, reimen sich aber: die Nomina auf "-ität", die Adjektiva auf "-al". That's all.

Am besten lernt man ja mit einer Story. Maffesoli erzählt also von einer hässlichen, halsstarrigen Alten mit Namen Modernität. Trotz ihres Alters hat sie noch zahlreiche Liebhaber, Soziologen zumal, "ennuyeux" allemal. Im Salon Postmodernität pflegt man herzhaft über diese zu spotten. Die Alte ist mittlerweile zahnlos, ihre Saturität hat sie theoretisch und praktisch schon in den fünfziger Jahren erreicht. Sie lebt mehr schlecht als recht von ihrem Mythos, dem linearen Fortschritt. Doch hilft heute keine Schminke mehr. Ein neuer Zyklus hat begonnen. Kein Pro-, kein Re-, sondern ein Ingress entwickelt sich. Anders formuliert: die Postmodernität bedeutet weder Linearität noch Zirkularität, sondern Spiralität.

1. Übung: In die Modernität herrschte die soziale Zeit. Was gilt in der Postmodernität? ...................................... Richtige Antwort: In der Postmodernität herrscht der Raum der Sozialität.

2. Übung: Wenn Modernität Vertikalität bedeutet, dann bedeutet Postmodernität.......................................(Richtig! Bravo!)

Die Alte, so erzählt Maffesoli weiter, war früher knackig frisch. Heute  ist sie nur noch reaktionär. Die Revolution der Postmodernität ist hingegen ein Retour à un état originel. Also geht es spiral in die Prämoderne. Revolutionär ist die Forderung, das Gefasel vom rationalen Vertrag zu vergessen. Revolutionär ist der emotionale Pakt. Il faut revenir à une solidarité organique. Diese ist inkorporiert im Paganus, im Bauern, aber auch im Heiden. Die Referenzautoren haben es schließlich bewiesen, die Alte will es nur nicht sehen: das Okzidentale, die "semitische Hegemonie"  (Judaismus, Christianismus, Islamismus) ist gebrochen, die sekulären Religionen (Marxismus, Sozialismus) erst recht. Die Alte mit ihrer cartesianischen Egolâtrie ist am Ende.

3. Übung: Was bedeutet in der Postmodernität "radikal"? ...................................... Nicht schlecht geantwortet. "Radikal" heißt nicht, die Wurzeln zu kappen, sondern zu suchen. Wo? in der Erde, im Terroir, sagt der Weinkenner (also auch Carl Schmitt).

Dionysos wirft wieder seinen wohltuenden Schatten auf die postmoderne Megapolis. Es wird wieder tribal. Man teilt alles mit seinen Stammesbrüdern (vorbei die alte Fraternité, es lebe das Enfrèrement!): Musik, Sex, Religion, Sprache. Der postmoderne Archetyp ist der puer eternus, nicht der ernste Erwachsene der Modernität. Im Hier und Jetzt werden die "petites utopies" gelebt, von Tag zu Tag. Carpe diem postmodernam! "Rück-Wilderung" nennt Maffesoli dies, einen Retour au ventre.

4. Übung: Finden Sie einen postmodernen Begriff für "retour au ventre" (Rückkehr in den Bauch")........................................................... Lösung: Invagination.

5. Übung (für Fortgeschrittene): Es gilt das Realitätsprinzip. Nicht mehr das moderne "So sollte es sein", sondern das "So ist es nun mal" (C'est ainsi). Maffesoli macht daraus den Begriff Ainsité. Finden Sie einen entsprechenden deutschen Begriff. .........................................

Aber die Technik. Die ist modern, krächzt die Alte. Irrtum. Der Postmoderne ist cool. Postmodernität, das ist Synergie des Archaischen und der technischen Entwicklung,   befindet Maffesoli. Die mittelalterlichen Mysterienspiele finden heute in den elektronischen Kirchen statt. Facebook schafft tribale Bindung, ist die postmoderne Form des Potlach.

"Genug, ich sterbe!", ruft die alte Modernität. "ich sterbe, mein Sohn, mais de mort lente!"

 

 

(1) Michel Maffesoli, Le temps revient. Formes modernes de la postmodernité. Paris 2010 (Desclée de Brouwer)

 

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 25.05.2011 um 21:15
Wir schreiben das Jahr 2011. Da kann man doch schon mal den Satz wagen: Die Postmodernität ist auch nicht mehr so wesentlich jünger als die Modernität. Zumindest ist schon deutlich die Neigung älterer Leute zu erkennen, sich nur noch zu wiederholen.
wwalkie schrieb am 26.05.2011 um 08:13
Und doch wird weiter so getan, als sei sie archetypisch jung - mit politischen Implikationen. Den Erfolg des Front national analogisiert Maffoli 1998 mit dem der kommunistischen Partei zwischen den Kriegen. Er besetze das Affektive und Emotionelle, das Terrain, das Karitative der Proximität. 2002 erkennt er, dass in Frankreich "die neue Faulheit" ausbreche. In einem aktuellen Buch über Sarkozy beschreibt er diesen als "en phases mit den tiefen Aspirationen des Volkes", als - werbetechnisch schön formuliert "das emotionelle Gesicht der Dinge".
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