wwalkie

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29.08.2009 | 14:52

Bildung spricht anders

Seitdem ich ab und zu an dieser Stelle Beiträge schreibe, versuche ich dem Thema Bildungspolitik und Neoliberalismus auszuweichen. Zu sehr stecke ich mit "Herz und Hand und (da war doch noch was! ach ja!) Hirn" in dem Schlamassel, den die Reformzickzackdialektik des formalen und des realen Bildungsministeriums und seine Abteilungen angerichtet hat und noch anrichten wird. Ich reagiere mittlerweile allergisch und mit Bluthochdruck auf die Orwellsche Sprache der Brainökonomen und ihrer Medienzuarbeiter. Die Entscheider scheinen uns mal wieder für dümmer zu halten, als sie selber sind.

Nun hat der Freitag in seiner letzten Ausgabe einen Firstpageartikel "eines der besten Kenner des Bildungssystems" abgedruckt. Christian Füller ist Bildungsredakteur der einst libertären TAZ und "bekannt aus Funk und Fernsehen" - wie man früher sagte. Besagter Artikel - neoliberal höchstmarkiert - hat die entsprechenden Reaktionen von Freitaglesern ausgelöst, denen es genauso geht wie mir: wenn man seit Jahrzehnten mit den ewiggleichen "Argumenten" und der immergleichen Lexis gepiesackt wird, fährt man schnell aus seiner sonst so polierten Haut.

Es ist dieser Füllersche Diskurs, der den Bildungsarbeitern seit über einem Jahrzehnt stündlich in die Ohren gehauen wird. Die nervige Mediamarktreklame ist eine Wohltat dagegen. Wer ist Mitglied im Chor "Die Schulreformer"? Die Schulminister (ach, wie lieblich die Stimme der très blonde et high heeled und dauerlächelnden Schulministerin von NRW klingt!), die Wirtschaftsverbände, die IHKs, zahlreiche Betriebswirtschaftler, das Ifo-Institut, versteht sich, die Medien, jetzt auch der Freitag, die Qualitätsinspektoren, die Schulleiter, die vielen Zaunkönige in den Schulen, Gewerkschaften, selbst die,  Eltern, auch Lehrer, Referendare sowieso, die müssen nämlich mitsingen. Und wer dirigiert wohl? Ich bin aber auch ein Verschwörungstheoretiker! Es ist immer derselbe Rhythmus, irgendwie ganz lauter Techno, der jede Gegenstimme, jedes Flehen um Ruhe übertönt. Totalitäre Musik halt.

Dabei geht es um nichts weniger als die Definitionsmacht. Was bitte schön ist BILDUNG? "Employability" sagen die Neoliberalen mit Unterstützung der OECD (Pisa!). Die Kinder "fit für die Zukunft" machen - sagen sie alle, auch Füller im besagten Text. "Fit" heißt "angepasst". Sie produzieren nolens volens eine Welt der Halb- und Unbildung (Liessmann), bestehend aus kleinen individualisierten Cleverchen, die in den Tag hinein lebend und arbeitend, sich bei Bedarf schnell einige Informationsbitchen "Wissen" einverleiben können, um sie nach Gebrauch wieder zu löschen. "Fitte" Arbeitskräfte und unkritische Konsumenten also.

Dass man auf diese Zumutung auch mit  zarten  Argumenten ad personam - wie im Fall Füller - reagiert, ist zumindest verständlich. Auch dass der "Demaskierte" sich touché fühlt und in deutscher Tradition nach der Obrigkeit (dem Administrrratorrr) ruft, war zu erwarten. Und die eilt ja dann auch flugs herbei. Es gehe doch nur um den  Diskussionsstil. Nein, meine Herren, es geht um die Macht! Um die Macht eines Diskurses der hohlen Phrasen, der totalitär daher kommt. Und der bildungskatastrophale Auswirkungen hat.

Jacques Prévert, den dank Bildungspolitik bald niemand mehr kennen wird, schrieb vor über siebzig Jahren (etwas frei übersetzt): 

Gegen Ende eines  extrem wichtigen Diskurses/stolpert der staatstragende Mann/in die Höhlung einer schönen Phrase...

Und so passiert es dem bedauernswerten Herrn Füller. Um nicht in die Phrasenhöhlung zu fallen, greift er nach der nächsten ... Phrase.

Schulen fit für morgen machen. Aha, was heißt das? Äh. Schlüsselfragen beantworten. Und welche? Wie sieht modernes Lernen aus? Ja, wie denn? So wie bei den Schulpreisträgern. Hab ich in meinem neuen Buch geschrieben. Zum Beispiel wie bei Enja Riegel. Ach, wirklich. Das ist aber sehr esoterisch und sehr kapitalistisch zugleich. Bitte? Wir leben schließlich in Zeiten des Kinderschwunds und der Überalterung. Was hat das mit Bildung zu tun? Bitte? Es haben sich schließlich exzellente Schulen entwickelt. Das sagten Sie schon. Eine wohlhabende Stiftung vergibt Prämien. Die haben wir auch schon. Sie Verschwörungstheoretiker! Ich meine nicht die Bertelsmäuse.Warum haben Sie übrigens Angst davor? Und was macht die Stiftung noch? Sie finanziert Führungsakademien für die Rektoren. Meinen Sie das so, wie Sie  es sagen? Die Rektoren sind nämlich die pädagogischen Köpfe. Alles in Zusammenarbeit mit Wirtschaft und Gouvernance-Schools. Sagt Bertelsmann auch. Ich meine das aber nicht ganz so. Ah ja. Und dann weg mit dem Frontalunterricht à  la Feuerzangenbowle. Sondern? Freiarbeit, Lernbüros, Werkstätten und .... Ja und? Ich sag Ihnen jetzt was ganz Neues: große Projekte. Aber das gibt es doch schon alles! Sie beschreiben doch den Istzustand! Wir müssen Schulen fit für morgen machen, modernes Lernen, Kinderschwund, Projekte, Führung, exzell...

Ich höre plötzlich ein Kinderstimmchen. Der Herr ist ja nackt! Und dann verschwand auch Herr Füller in der Höhlung seiner Phrasen. 

Der Sprachnebel lichtet sich. Die Landschaft, die plötzlich in hellem Licht erscheint, ist trostlos. Menschen tauchen auf, sie bewegen sich mechanisch. Alle lächeln, aber in ihren Augen ist unendliche Traurigkeit. Da  hört man sie wieder, die Stimme: Schlüsselfragen beantworten...

Nachtrag, 2.9.2009

Unter pisaversteher.de reagiert Christian Füller auf die Kritik an seinem Freitagtext. Er stellt die "Schulreformer" als Weltkinder in der Mitten dar, zwischen dem Hammer der "konservativen Kamerilla" der Landesbürokratien und dem Amboss der "verstockt-dogmatischen Linken". Füller scheint sich selbst dermaßen mit seinem neoliberalen Opium kontaminiert zu haben. dass er die Realität nur schief wahrnehmen kann. Erstens ist es schon abenteuerlich, die Schulministerien als "konservative Kamarilla" zu bezeichnen. In NRW z.B. ziehen CDU und FDP eine rigide belegbare "Reformpolitik" à la Bertelsmann durch. Wie ihre SPD-Vorgänger. Er rennt einmal mehr mit pseudorevolutionärem Gestus offene  Türen ein (Scheunentore). Zweitens kräht kein Hahn nach den "verstockt dogmatischen Linken". Schön wär's!

Ansonsten tut er das, was er ad perfectionem kann: "speechen": "150 Jahre etatistische Preußenschule müssen Spuren hinterlassen" , "staatstreue Ohnmacht" etc. etc.

Und denunzieren, was er als beleidigte Blutwurst seinen Kritikern vorwirft: "kennen das Wort individuelles Lernen nicht". Oh, si tacuisses! Dieses "Wort" und seine fatalen Folgen kenne  ich nur zu gut.

Am Ende ein Vorschlag zur Güte. Es gibt mittlerweile auf dem Buchmarkt einige - wie ich finde -  sehr gute Bücher von Reformkritikern. Wie wäre es mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung, Herr Füller? Ohne Luftwörter.

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 29.08.2009 um 15:04
Danke!
Streifzug schrieb am 29.08.2009 um 16:15
Kann alles hier im Artikel "Lasst die Schulen los!" nachgelesen werden.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 29.08.2009 um 16:18
Ich dachte, wwalkies Text wäre ne Antwort darauf?
Streifzug schrieb am 29.08.2009 um 16:24
Der Link ist nur eine Hilfe für diejenigen, die nicht wissen, wo der Artikel zu finden ist. Oder habe ich ihn im Text von wwalkie übersehen? Dort findet man auch die Kommentare auf den Artikel.
wwalkie schrieb am 29.08.2009 um 16:57
Ich habe das "Verlinken" glatt vergessen! Bin halt weltfremd, nicht "fit für die Lern- und Arbeitswelt von heute!"
Jörn Kabisch schrieb am 29.08.2009 um 17:42
Lieber wwalkie,
da ich sehe, sie unterrichten Geschichte. Ist Ihnen als Lehrer denn wohl dabei, wie Politiker aller Couleur seit 10 Jahren bevorzugt in Landtagswahlkämpfen über das Thema Bildung versuchen an Stimmen zu kommen, Geld versprechen und mit dem Thema anschließend selten verantwortungslos umgehen? Das war der Ausgangspunkt der Überlegungen, Christian Füller, den ich tatsächlich als einen der besten Kenner der Bildungslandschaft in Deutschland halte, um einen Artikel zu bitten (auch, weil er in den letzten Jahren immer wieder für den Freitag geschrieben hat), sondern auch einen der unbestechlichsten, der genau so gegen Minister, Schulreformer, High Heels, Ifo-Institute oder Gewerkschaften oder andere Zaunkönige ausholen kann. Demaskiert muss da niemand werden.

Darf ich Ihre Polemik so verstehen, dass alles schön ist und sich nichts ändern muss, dass vielleicht nur endlich Schule wieder Schule machen darf? Dann wären wir uns schon mal in einem Punkt einig.
Streifzug schrieb am 29.08.2009 um 19:06
Immer ruhig Blut bewahren :)
wwalkie schrieb am 29.08.2009 um 20:10
Lieber Jörn Kabisch,
Sie kochen gern, ich auch. Sie scheinen Frankreich zu mögen, ich auch (malgré tout). Wer gut kocht, so meine Erfahrung, ist sinnenfroh und - ja, gebildet. Er (oder sie) steht in Kommunikation mit der Vergangenheit, hebt deren Bestes (hegelianisch) auf, genießt es - und gibt es weiter.

Als Lehrer unterrichte ich (meistens) gern. Ich mag meine Fächer, ich habe sie studiert, ich versuche, soweit es geht, auf dem Stand des Wissens zu bleiben. Ich weiß, wie wichtig mein Beruf (nicht: mein Job)als Vermittler von Bildung, von Kultur ist. Das macht mich manchmal sogar stolz.

Besser: es machte mich stolz. Seit mehr als 10 Jahren wird nämlich genau diese Vermittlungsfunktion in einem Dauerfeuer aus allen Rohren beschossen. Die Politiker, egal, ob lokal oder regional, haben die Schulen verkommen lassen (darüber kann man nicht diskutieren, das ist evident),die Dreigliedrigkeit angesichts der Wirklichkeit, die allwöchentlich auch im Freitag beschrieben wird, perpetuiert, die Reformer geben uns den Rest. Wir werden von Lehrenden zu Lernbegleitern oder Coaches degradiert, aus dem Lehrerkollegium wird das Personal gemacht, der Schulleiter, bisher primus (kaum prima) inter pares, wird zum Dienstvorgesetzten. Das Gegenteil von Demokratisierung.Das Schulministerium - sorry, ich muss immer wieder darauf zurückkommn - lässt sich die Stichworte von jener Stiftung geben, die zu benennen verschwörungstheoretisch ist.

Das sollte "einer besten Kenner der Bildungslandschaft" wissen. Er sollte sich mit der Bildungsgeschichte beschäftigt haben, er sollte wissen, wessen Sprache er benutzt (was durch ihn spricht), er sollte kritisch mit der Reformschulbewegung umgehen können (da steckt viel Jargon der Eigentlichkeit drin. Enja Riegels Buch z.B. ist erschreckend,eine Mixtur von gespielter Naivität und eiskaltem Kalkül), er sollte die Bücher und Aufsätze der Reformkritiker studiert haben (es werden immer mehr), er sollte wissen, dass vieles von dem, was er fordert, Istzustand an den Schulen ist (nicht immer zum Vorteil), dass er also libertär-liberal offene Türen einrennt. Mag sein, dass er ehrlich meint, was er schreibt. Aber das wirft noch mehr Fragen auf.

Lieber Jörg Kabisch,
wer sagt denn, dass "alles schön" ist? Im Gegenteil. Das Bildungssystem war vor dem Siegeszug der Reformliberalen ein Klassensystem (mit ständischen Zügen) und ist/wird nach dem Sieg derselben ein dem modernen Kapitalismus angepasstes Klassensystem. Die Schlechten und Armen in die Gemeinschaftsschule, die Besseren (die man gebrauchen kann)aufs Gymnasium und die Reichen auf die Privatschule (ich vereinfache unwesentlich). Auf der Strecke bleibt die Bildung (Liessmann spricht von der "Theorie der Unbildung"), auf der Strecke bleibt die Utopie eines "besseren Lebens", getötet wird - mit Assmann: das "kulturelle Gedächtnis". Aber das ist ja nicht schlimm, wenn die jungen Menschen nur "fit" sind - für den Konkurrenzkampf nach innen und außen. Irgendwie hatten wir das schon einmal.
Jörn Kabisch schrieb am 30.08.2009 um 00:03
lieber wwalkie, herzlichen dank für diese offenen Worte. Grüße, JK
Streifzug schrieb am 30.08.2009 um 00:29
@Jörn Kabisch,

reich diese Antwort doch an JA weiter, der fragt doch nach.
merdeister schrieb am 29.08.2009 um 20:25
Vielen Dank für den Kommentar zum Kommentar. Sonst hätte ich ihn vielleicht nur mit einem komischen Gefühl gelesen, jedoch nicht gewusst, was mich stört.

Zum Thema Bertelsmann fällt mir noch ein Bericht ein über "den demographischen Wandel" ein, der ja auch thematisiert wurde. Der SWR hat mal zusammengetragen, was uns da so vorgeMACHT wird. Ist aber nur was für Verschwörungstheoretiker.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 30.08.2009 um 00:45
HÖRE ICH SEIT EININIGEN JAHREN KOCHEN; DENKE ICH IMMER; WAS DIE IM Köcher HABEN :::
wwalkie schrieb am 31.08.2009 um 14:27
@Rainer Kühn:

"Hier hab ich Spitzen, die feiner sind
Als die von Brüssel und Mecheln,
Und pack ich einst meine Spitzen aus,
Sie werden euch sticheln und hecheln."

(Heinrich Heine, auch so ein "Unfitter")
Chryselers schrieb am 02.09.2009 um 20:12
Es gibt eine sehr nüchterne und lesenswerte Literatur dazu, wie guter Unterricht aussieht. Füller scheint sie nicht zu kennen, von etwas Jargon abgesehen, vor 10 Jahren hätte er uns wohl vollgeklippert. Er möchte einen stotternden Motor reparieren, indem er das Lenkrad neu justiert. Und wundert sich, dass er Gegenwind bekommt.

Das ist das wirklich Erstaunliche.

HL
h.yuren schrieb am 02.09.2009 um 23:14
danke sehr, wwalkie, dass du uns/zumindest aber mir die verdiente/ersehnte erholung von dem sophisten der bildungsjournaille gegönnt hast. so wie du schreibst, kannst du nur ein guter lehrer sein; wie sich das mit dem thesenmann verhält, wissen wir jetzt auch.
Pjotr 'Petka' Pustota schrieb am 08.09.2009 um 20:43
Ich finde diesen Kommentar zu Füller großartig. Schade, dass Herr Füller mit Kritik nicht umgehen kann und gerade auch damit nicht, seine "Thesen" als Wiederholung längst schon x-mal durchgekauter "Argumente" für einen neoliberalen Umbau des Bildungssektors.

An Jörn Kabisch habe ich allerdings noch eine Frage: Haben Sie sich den Artikel vor Drucklegung nicht noch einmal angesehen? Wenn das passiert wäre, hätte mensch feststellen müssen, dass dieser nicht ins politische Profil des Freitag passt. Auch wenn der Freitag im Untertitel "Das Meinungsmedium" heißt, bedeutet das noch lange nicht, alle Meinungen quer durch das politische Bankett (oder wie das heißt) repräsentieren zu müssen.

vielen dank für die Aufmerksamkeit.
Pjotr 'Petka' Pustota schrieb am 08.09.2009 um 20:45
äh ... beim letzten Satz im ersten Absatz fehlt das grammatisch logische Ende. Es fehlen folgende Wörter: "entlarvt zu sehen".
merdeister schrieb am 08.09.2009 um 21:39
Eine Antwort zu dieser Frage gibt es vielleicht hier:

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