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Sensation
Par les soirs bleus d'été, j'irai dans les sentiers,
Picoté par les blés, fouler l'herbe menue:
Rêveur, j'en sentirai la fraîcheur à mes pieds.
Je laisserai le vent baigner ma tête nue.
Je ne parlerai pas, je ne penserai rien:
Mais l'amour infini me montera dans l'âme,
Et j'irai loin, bien loin, comme un bohémien.
Par la Nature - heureux comme avec une femme.
Max Rieple übersetzt:
Durch blauen Sommerabend will ich schreiten,
Halm sticht mich, und das Gras zertretend fühle
ich seine Frische um den Fuß mir gleiten;
mein Haupt soll baden in des Windes Kühle.
Nicht sprechen will ich, will nicht sinnend stehen,
aus ewiger Liebe steigt mir innere Schau,
als Fahrender will durch die Welt ich gehen,
weithin, beglückt, als sei's mit einer Frau.
Der Titel "Sensation" ist mit "Empfindung" sicherlich zu schwach übersetzt, an der Übertragung Rieples ist so manches zu bekritteln, doch: wie soll es anders sein? Rimbaud, dieser "Meister des Wortes" - so der noch ziemlich junge Thomas Bernard 1954 - ist nicht übersetzbar.
Dieses "große brennende Gedicht" (Bernard) ist das Werk eines Fünfzehnjährigen. Arthur Rimbaud dichtet die acht Alexandriner im März oder April des Jahres 1870. Als vom Finger der Muse berührtes Kind, schreibt er am 24. Mai desselben Jahres, wollte ich meine Hoffnungen, meine Empfindungen (Sensations) mitteilen, alle diese Sachen der Poeten - ich nenne das einfach Frühling. All diese Sachen der Poeten" - da kündigt sich etwas an. Etwas Neues.
Natürlich ist Rimbaud poetologisch "geschult": seinem Lehrer und Mentor Izambard hat er die Bibliothek leer gelesen, feine "Kompositionen" in Latein verfasst. Seine frömmelnde Mutter hat sich bei Izambard beschwert, dass Arthur sogar den "Hugot" (mit -t) studiere. Rimbaud kennt also das Gedicht des Jahrhundertpoeten:
Demain, dès l'aube, à l'heure où blanchit la campagne,
Je partirai ...
J'irai par la forêt, j'irai par la campagne...
Morgen, gleich in der Frühe, in der Stunde, wo das Land schwach weiß sich zeigt,
Werde ich aufbrechen ...
Werde ich durch den Wald, werde ich über die Berge gehen.
Doch während es das dichterische Ich Hugos zu seiner (toten) Geliebten zieht, geht es Rimbaud um die "Sensation", die sich einstellt abseits der großen Straßen, auf den kaum begangenen Pfaden, durch die Natur, die aus Menschenhand ("blé"/Halm) und quasi "autopoetische ist ("herbes menues"/ feines Gras). Interessanterweise ist im ersteren Fall das Ich passiv, im zweiten aktiv. Aber ich will Rimbaud mit Bernard nicht "zerreden". Kein Dichtermord durch Philologen!
Der junge Wilde versauert buchstäblich in dem langweiligen, früh industrialisierten Ardennennest Charleville. Er flüchtet - wie viele seines Alters - in den Traum, besser, weil im Aktiv: er wird Träumer ("Rêveur"). Im nasskalten Frühling träumt er sich in den Sommer. Er erlebt die "Frische" des weichen Grases an den (nackten) Füßen (wie heruntergekommen das Wort "Frische" mittlerweile ist!), das (erotische) Stechen der Halme, die ihm zeigen, dass die Natur lebt, und den Wind, der ihm das Haupt badet.
Mit Bewusstsein nimmt er sich aus den Kommunikationszwängen heraus. Je ne parlerai pas, je ne penserai rien (Ich werde nicht sprechen, ich werde nichts denken", das "will nicht sinnend stehen" Max Rieples, wirkt buchstäblich etwas deplaziert) bedeutet eine bewusste Verweigerung des Denkens. Kurze Zeit später schreibt er in einem der berühmten "Voyant"-Briefe bekanntlich: Es ist falsch zu sagen, Ich bin, Ich ist ein anderer. Mittlerweile ein fast ausgelutschtes Zitat, damals revolutionär (formuliert). Man übersieht darüber eine ähnliche Aussage Rimbauds: On me pense. Man denkt mich.
Das Ich antizipiert die "unendliche Liebe" (amour infini, in einer Variante aus Assonanzgründen auch "amour immense"), die (aus der Erde) in die Seele steigen wird ( die "innere Schau" Rieples trifft es nicht ganz). Und mit ihr wird er weit gehen, sehr weit (das très loin ist im Vers exponiert), weg von dieser Welt der Bourgeois. Etwa zur gleichen Zeit schreibt Flaubert an an Maxime du Camp: Alles war falsch, falsch die Armee, falsch die Politik, falsch die Literatur, falsch der Kredit und falsch sogar die Kurtisanen. Rimbaud, dieser junge Mann, hat davon eine Ahnung.
Er will neue Horizonte - nicht nur räumlich-zeitliche. In dem Gedicht spricht eine immense Entschlossenheit zur Freiheit, zur Freiheit des "bohémien". Rieple übersetzt dies eichendorffisch mit "Fahrender". Das Wort konnotiert: (falsche) Zigeunerromantik, freies Literatentum, épatez les bourgeois (schreckt die Bürger). Der letzte Vers fasst - wie so oft bei Rimbaud - das Ganze zusammen mit der Triade Natur (groß geschrieben) - Glück - Frau. "Heureux -comme avec une femme". Was haben die deutschen Übersetzer mit diesem Syntagma gekämpft: "so selig wie in einer Liebesnacht" (Stefan Zweig), "als sei's mit einer Frau" (Max Rieple), "als wie in Liebeslust" (Eberhard Goldemann).
"Sensation" ist die synästhetische Flucht eines Fünfzehnjährigen, eines "Kommunisten des Geistes", wie Thomas Bernard - treffend, finde ich - schreibt. Im realen Sommer des Jahres 1870 unternimmt er die erste Fugue nach Paris. Er wird im Zug aufgefangen. Man stelle sich die Situation vor: das poetische Wunderkind im Dialog mit dem Zugkontrolleur: "Die Fahrausweise bitte!" Er sitzt im Gefängnis, als Napoléon III nach der Schlacht bei Sedan, das nicht weit von seiner Heimatstadt entfernt liegt, abdankt, der Krieg mit den Deutschen geht noch weiter. Sein Lehrer Izambard holt ihn zurück. Rimbaud hat das Thema Schule abgeschlossen. Voller Hohn analysiert er das Verhalten der kriegsbereiten Bourgeois seiner Heimatstadt, deren "patriotisme" eher "patrouillitisme" sei. Die Nachbarstadt Mézières wird von den Deutschen beschossen.
Im Oktober 1870 - mittlerweile schon fast sechzehnjährig - verfasst Rimbaud ein zweites Meisterwerk: Le dormeur du val (der Schläfer im Tal), ein klassisch geformtes Sonett. In einer als Paradies beschriebenen Natur liegt ein junger Soldat. Er scheint zu schlafen. Erst im letzten Vers erfahren wir: Il a deux trous rouges au côté droit (Er hat zwei rote Löcher an der rechten Seite). Verstört lesen wir das Gedicht ein zweites Mal - und entdecken überall Signale des Todes: Nature, berce-le chaudement. Il a froid! (Natur wiege ihn warm. Ihm ist kalt). Doch die Natur (wieder groß geschrieben) vermag nichts mehr, es sei denn, ihn zu erlösen.
Eros und Tod, Rettung und Flucht sollen weiter die Begleiter Rimbauds sein. Im Winter 1871 unternimmt er eine neue Fugue - ins Paris der Commune. Rimbaud politisiert sich weiter, sieht sich an der Seite der "Travailleurs qui meurent" (der Arbeiter, die sterben). Doch, wie er selbst schreibt: On n'est pas sérieux quand on a dix-sept ans (Man ist nicht seriös/ernst, wenn man siebzehn Jahre alt ist).Und er ist damals gerade einmal sechzehn.
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Ich wusste nichts von alldem. Danke für's Blog.
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... ja, auch ich bedanke mich herzlich für diesen Text!
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Sehr gern gelesen.
Und, verrückt, vor wenigen Tagen erinnerte ich mich an Arthur Rimbaud und Paul Verlaine, die ich las, als ich um die 20 war, also lange her. "Arthur Rimbaud beeinflusste auch Van Morrison, Bob Dylan, Fabrizio De André, Klaus Hoffmann, Henry Miller, Patti Smith, Richard Hell (Television), Jim Morrison, Penny Rimbaud (Crass), Wladimir Wyssozki, Georg Heym, Paul Zech, Klaus Mann, Georg Trakl, die Surrealisten, die Beat-Poeten und viele andere Künstler." (wikipedia) Bitter weiterlesen, es lohnt: de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Rimbaud |
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Ein wunderbarer Text ist ein der - ich glaube, vor einem knappen Jahr erstmalig veröffentlicher - Vortrag des 23-jährigen Thomas Bernard zur hundertsten Wiederkehr des Geburtstags Rimbauds. In der Einleitung sagt er: "Es gibt Feier und Pomp, man entdeckt das Pensum des Toten, zerrt es ans Licht - man "veranstaltet" den Dichter...So mancher Hölderlin oder Georg Trakl würde sich im Grabe umdrehen über soviel gemachte, aufgepfropfte Kultur, über soviel Kunstmarktgerede, von dem nichts herauskommt als Schamlosigkeit. Es geht darum, an Jean-Arthur Rimbaud zu erinnern. Gott sei Dank, dass er ein Franzose war!..."
Und heute wird Bernard selber "veranstaltet"! B. est un autre! |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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