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23.06.2011 | 14:50

Bloodlands. Das neue Buch Timothy Snyders.

 

Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine "asiatische" Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer "asiatischen" Tat sahen. War nicht der "Archipel Gulag" ursprünglicher als Auschwitz? So wie Ernst Nolte vor einem Vierteljahrhundert würde heute kaum noch jemand fragen. Aber mit Sätzen wie "Ich möchte den Holocaust natürlich nicht relativieren, aber..." oder mit dem Hinweis, dass man weder auf dem rechten noch dem linken Auge blind sei, sollte man in der nächsten Zeit rechnen. Mitte Juli 2011 wird die deutsche Ausgabe der international stark diskutierten "Bloodlands" des Harvard-Historikers Timothy Snyder erscheinen (1).

Eine Episode als Einstieg. Minsk, 7. November 1941. Tag der Oktoberrevolution. Die deutschen Besatzer zwingen die Minsker Juden ihre Feiertagskleidung anzulegen. Sie drücken ihnen erbeutete sowjetische Fahnen in die Hand und zwingen sie, Revolutionslieder zu singen. Dann werden sie nach Tuchinka verfrachtet, wo sie am 9. November, dem deutschen Nationalfeiertag, erschossen werden. Tuchinka war drei Jahre vorher der Ort stalinistischer Massenmorde gewesen. Es ist dies ein gespenstisches Ereignis, in dem sich die Geschichte der "Bloodlands" spiegelt.

"Bloodlands" - darunter versteht Timothy Snyder die Länder Polen (vor der Westverschiebung), das Baltikum, Weißrussland und die Ukraine. In diesen "Bloodlands" wurden Snyder zufolge- und der Autor beansprucht für sich, vorsichtig mit den Zahlen umzugehen - zwischen 1933 und 1945 vierzehn Millionen Menschenmit voller Intention ermordet. Nicht mitgezählt sind dabei die Gefechtstoten, die Bombenopfer und die bei der Zwangs arbeit Getöteten. Synyder päsentiert dem Leser auf der Höhe der historischen Forschung eine sich dem Vorstellungsvermögen entziehen wollende Katastrophenabfolge, beginnend mit dem epochalen Jahr 1933.

Der erste sowjetische Fünfjahresplan mit seinem "Sprung" in die Industrialisierung bedeutete gewaltsame Kollektivierung, "Kulaken"-Verfolgung und Massendeportationen - vor allem, aber nicht nur in der Ukraine, wo man die Vorgänge erinnerungspolitisch als "Holodomor" bezeichnet (2). Nach Snyder starben allein in der Ukraine 3,3 Millionen Menschen den Hungertod. Der Autor hält zahlreiche Fälle von Kannibalismus für belegt und kommentiert lakonisch: A black market arose in human flesh. Für Stalin, so der Autor, war ein hungernder Bauer ein klassenfeindlicher Aggressor. Hunger war konterrevolutionärer Widerstand. Er ließ Brigaden junger Männer in die Dörfer einfallen, die auf der Suche nach angeblich gehortetem Getreide vergewaltigten, folterten und töteten. Als 1933 die Ernste von der Roten Armee und Parteiaktivisten eingebracht wurde, lebten die Bauern, denen im Frühjahr die Aussaat aufgezwungen worden war, nicht mehr.

Nach dem Attentat auf Stalins Vertrauten Kirov entwickelte sich eine neue Verfolgungswelle, die Snyder Klassenterror, und nicht, wie etwa Furet Klassengenozid nennt. Vermeintliche äußere Bedrohung wurde auf den "inneren Feind" projiziert. An die Regionen ging die "Order 00447" (diese Benennungen von Massenmordbefehlen!): Betr.: Operationen zur Unterdrückung ehemaliger Kulaken, Krimineller und anderer krimineller Elemente. Und wieder funktionierte der stalinistische Zentralismus: Die beauftragten Troikas "schafften" 60 Personen pro Stunde. Ihr Urteil Tod oder Gulag. It was easier to kill than to transport, kommentiert der Autor die Tatsache, dass 1937/38  Allein in der Ukrainischen SR 71.000 Menschen erschossen wurden. Viele der Opfer waren gerade aus dem Gulag zurückgekehrt. 

Dabei darf man vor lauter Schauprozessen und Klassenterror eine Entwicklung nicht übersehen, den Snyder in marxistischer Diktion "Konterrevolution" nennt: den "Nationalterror". Der ukrainische NKVD-Chef Balytzkyi "entdeckte" einen Zusammenhang zwischen Hungersnot und Spionagetätigkeit für die (imaginierte) Polnische Militär-Organisation. Folgerichtig trat die "Order 00485" in Kraft. zweiköpfige Kommissionen ("Dvoika") schafften bis zu 2000 Todesurteile pro Tag. 1937/38 wurden 111.000 Sowjetbürger polnischer Herkunft wegen Spionage  exekutiert, die meisten in Weißrussland und der Ukraine.

Zwischenbemerkung des Rezensenten. Spätestens hier wünscht man sich den Engel der Geschichte, der anders als der benjaminsche die Fähigkeit hat, sein "Halt" auch umzusetzen.

Mit dem Hitler-Stalin-Pakt kann Nazideutschland seine Essenz zeigen. Gleich nach dem 1. September 1939 wurden - auch verwundete - polnische Gefangene erschossen. Allein im Monat September wurden mindestens 50.000 polnische Zivilisten erschossen. Die Aufteilung Polens ist bekannt. Bevölkerungsgruppen wurden - wieder einmal - verschoben. "Umschlagplatz" wird buchstäblich zum Topos. Die Ghettos wurden errichtet. Spätestens hier beginnt man die Verwaltungssprachen zu hassen.

Die Rote Armee machte nach ihrem Einmarsch ca. 100.000 Gefangene, behielt aber nur die Offiziere in Gefangenschaft. Usually the Red Army behaved well, schreibt Snyder. Anders als das NKVD, das aus den nun Weißrussland und der Ukraine angeschlossenen Gebieten 140.000 Polen in Güterzügen nach Kasachstan oder Sibirien deportierte. Im Frühjahr 1940 wurden die gefangenen polnischen Offiziere zu den bekannten Orten des Massenmordes gebracht (darunter Katyn), ein Zeichen für the great civilizational transformation of Stalinism. Fast Simultan wurden im Generalgouvernement in einer "Außerordentlichen Befriedungsaktion" 6000 Polen exekutiert. Insgesamt wurden zwischen 1939 und 1941 200.000 polnische Staatsbürger getötet und 1 Million deportiert.

Die paradoxe (andere sagen: repräsentative) Zusammenarbeit endete bekanntlich mit dem 22. Juni 1941. Ihr heiliges Weihnachten feierten die Deutschen in einem ausgehungerten Kiew. Intentionales Aushungern war wieder eine offizielle Waffe: Leningrad, Kiew, Minsk. 2,6 Millionen sowjetische Kriegsgefangene wurden systematisch ausgehungert, eine halbe Million erschossen.

Die Einsatzgruppen funktionierten mit Wehrmacht, Polizei und - wie Snyder hervorhebt - zahlreichen freiwilligen Helfern aus den baltischen Ländern und der Ukraine. Hass auf die Sowjetunion und eliminatorischer Antisemitsmus bedeuteten 115.000 Opfer in Litauen, 70.000 in Lettland, 6000 in Estland. Im ehemaligen Ostpolen (jetzt Westukraine) wurden fast 20.000 Juden - diesmal ohne deutsche Mitwirkung - ermordet. Die Massaker waren unvorstellbar. Allein in Kiew wurden bekanntlich 33.8oo Juden ermordet. Zur Identifizierung dienten die Ausweise  der Stalinzeit.

Nach dem Scheitern des Blitzkrieges begann die "Endlösung": The killing was less a sign than a substitue for triumph, schreibt Snyder, in logistical terms mass murder is simpler than mass deportation. Das hatten auch schon Stalins Verfolger praktiziert. Die Darstellung des nicht enden wollenden Grauens ist schwer erträglich. Der Gefahr, dass die enormen Zahlen die Opfer erneut verdinglichen, versucht Snyder mit Beispielen aus der Opferperspektive zu entgehen. Es kann nicht gelingen.

Snyder geht mit dem Wirtschaftshistoriker Tooze auf die kriegswirtschaftlich-ideologischen Motive des Holocaust ein (das Töten "unnützer Esser"), das Errichten der Todesfabriken durch oft ukrainische Helfer (Pradniki), die Transporte ab "Umschlagplatz" (im engl. Original auf Deutsch) und beschreibt in einer Nüchternheit, die des Autors Betroffenheit nur schwer verbirgt, die Scheiterhaufen der Leichenberge, an denen sich die Täter noch wärmten.

1943 war Polen vier Jahre unter deutscher Besatzung. Im Laufe des Jahres zeichnete sich die Niederlage der Besatzer und eine neue Besetzung durch die Rote Armee ab. Die überlebenden polnischen Juden had every reason to prefer the Germans udn to see the Red Army as liberators, urteilt Snyder. So wurde die Wahl des Zeitpunktes des Aufstandes im Warschauer Ghetto von der Distanz der Roten Armee bestimmt. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, jews died in their own city, so Snyder bitter, as the Poles beyond the walls livend und laughed ... The merry-go-round ran every day.

Eineinviertel Jahr später begann die Heimatpartei den zweiten Warschauer Aufstand. Auch hier ein Dilemma: ohne Hilfe der Roten Armee war der Aufstand chancenlos, griffe die Rote Armee ein, würde Stalin ein ihm genehmes Regime installieren. Auch die kommunistische Volksarmee beteiligte sich. Die Deutschen setzten die russische antikommunistische Kaminski-Einheit sowie Azerbeidschaner ein. Der Ausgang ist bekannt. Warschau wurde auf Befehl Himmlers zerstört. In den beiden Monaten August und September 1944 allein starben 150.000 nichtkämpfende Polen.

Zu den Paradoxien des 20. Jahrhunderts gehört, dass gerade der "Marxist-Leninist" Stalin in ethnischen Kategorien dachte. Nach dem Krieg - so die Vorstellung - sollte Deutschland (nur) von Deutschen, Polen von Polen und die Westukraine von Ukrainern bewohnt werden. Die Rote Armee schuf hier Fakten - unter enormen Verlusten. Die Lücken wurden von Gulag-Gefangenen und Konskribierten aus Weißrussland und der Ukraine gefüllt: They had personal reasons to endorse the propaganda, einer der Gründe für die Massenvergewaltigungen, die folgen sollten. Enorme "Bevölkerungstransfers" wurden exekutiert. Stalins Order an Gomulka: he should create such conditions for the Germans that they will escape themselves. 1947 hatten 7,6 Millionen Deutsche Polen verlassen. Insgesamt waren 400.000 Deutsche gestorben (in Lagern oder bei den Kämpfen). In das frei gewordene Gebiet wurden ihrerseits Polen aus der Westukraine transferiert, ohne großen Widerstand, wie Snyder schreibt, der schließt: Under Stalin, the Soviet Union had evovlved from a revolutionary Marxist state into a large multinational empire with a Marxist covering ideology. Die hier beschriebenen Prozesse werden übrigens luzide in dem  Roman Wassili Grossmans, Leben und Schicksal (3) literarisiert, für mich eine großartige Ergänzung   zur Darstellung des Historikers.

Man mag über den reißerischen Titel streiten (ich war sehr gespannt, wie  der Titel ins Deutsche übersetzt wurde, man entschied sich für "Bloodlands"). Man kann - wie geschehen - über Bodycounts und Opferkategorien diskutieren (wenn man denn mag) - eine neue Perspektive wird durch das Buch sicherlich eröffnet. Wir erkennen eine unsere Vorstellungskraft fast übersteigende Abfolge von Terror und Krieg in Osteuropa, wobei mir 1933 als Beginn etwas willkürlich erscheint. Die "Bloodlands" wurden schon vorher heimgesucht (Erster Weltkrieg, Revolutionskriege) - als Raum für den "europäischen Bürgerkrieg" im Sinne Enzo Traversos (nicht Noltes). Traverso  urteilt über das Thema: Die Zeit für eine leidenschaftlslose und distanzierte Historisierung scheint noch nicht reif zu sein (4). Die deutsche Rezeption des Snyderschen Werkes wird also eine Art Probe aufs Exempel sein. Wird die Schwarzbuch-Kommunismus-Debatte wieder belebt oder ist eine nüchterne Bewertung möglich?

Andererseits:   Kann man denn angesichts des Beschriebenen "leidenschaftslos" sein? Denn: The Nazi and the Stalinist systems must be compared, not so much to understand the one by the other but to understand our times and ourselves, so Snyder im Schlusskapitel "Humanity".

 

(1) Timothy Snyder, Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin. London 2011. Deutsche Übersetzung: Bloodlands.Europa zwischen Hitler und Stalin. 1933-1945. München 2011 (Beck-Verlag).

(2) Lina Klymenko u. Anne-Katrin Lang, Hungersnot oder Genozid, Blätter f. deutsche und internationale Politik. 11/09

(3) Wassili Grossmann, Leben und Schicksal, Berlin 2007

(4) Enzo Traverso, Im Bann der Gewalt. Der europäische Bürgerkrieg 1914-1945, München 2008

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 23.06.2011 um 16:14
Danke, eine Rezension, die hilfreich sein kann bei der Kauf- und/oder Leseentscheidung. Dankenswert auch, weil es nicht einfach ist, sich des Themas anzunehmen. Eine "leidenschaftlslose und distanzierte Historisierung" wäre wünschenswert, nicht um sich seiner Gefühle zu entledigen, sondern um überhaupt über die Geschichte reden zu können, ohne sich in den ideologischen Schützengraben nötigen zu lassen. (Damit meine ich nicht irgendeine abstrakte 'Ausgewogenheit' oder 'Unparteilichkeit'.)
wwalkie schrieb am 23.06.2011 um 16:36
"Schützengraben" gibt die Situation, die lange dominierte, gut wieder. Diese endlosen absurden Geschichtskämpfe, bei denen den einen Hitler, den anderen Stalin um die Ohren gehauen wurde, liegen hoffentlich hinter uns. Andererseits nehmen wir auch in der Geschichtsschreibung Partei (und das ist gut so, ich erinnere mich noch gut dieser pseudowissenschaftlichen Allheilmethode der quantitativen Geschichte, hinter der die Menschen verschwanden). Entsetzlich wird es, wenn, wie in den "Bloodlands" vorgekommen (der Titel ist schrecklich und treffend zugleich), die Opfer auch Täter werden, mit einer gewissen Zwangsläufigkeit.

Snyder beschreibt dies alles mit großer Nüchternheit, emotional gepanzert als "objektiver" Historiker.
Magda schrieb am 23.06.2011 um 17:39
Sie hatten das Buch, glaube ich, schon mal angekündigt und die hier geschriebenen "Befürchtungen" auch schon geäußert.

Ich sehe eine neue Schwarzbuch-Debatte. Es wird immer gern instrumentalisiert, in der gegenwärtigen Situation sowieso. Und es wird dann hin- und her-gerechnet.

Das ist auch der Grund, warum ich trotzdem zusammenzucke wenn Hitler und Stalin zusammen genannt werden. Bestimmt nicht, weil ich die ungeheuren Stalinschen Verbrechen nicht sähe, sondern weil - bei Snyder wird es auch wieder so sein - die Kontrahenten aufeinander zeigen und eben das Wünschenswerte nicht tun: "(...) to understand our times and ourselves,"

Ich erinnere mich noch an eine Sendung, noch 1989 von der ARD "Hitler, Stalin, Mörderbrüder"?. Da wurde mich schon Himmel Angst und Bange. Das kam so aus dem Nichts. An den Wänden tauchten Losungen auf,die Kommunismus = Faschismus postulierten.

Und - völlig ausgeblendet werden auch die Aufarbeitungsbemühungen - sowohl in der Sowjetunion selbst noch als auch danach.

Ich habe nach der Wende sehr viel zum Thema gelesen. Kürzlich auch mal wieder Schalamows "Erzählungen aus Kolyma" und will demnächst mal auf die beiden Bände von

Jewgenija Ginzburg verweisen: "Gratwanderung" und
"Marschroute des Lebens"

Auch eine sehr realistische Gulag-Erinnerung.
wwalkie schrieb am 23.06.2011 um 19:27
Ich finde Vassili Grossmann, der sich ein wenig als Tolstoi des 20. Jahrhunderts sah, herausragend. Früher habe ich ihn als primären Antikommunisten, als "nützlichen Idioten",die es auf beiden Seiten gab, gesehen. Vollkommen nebensächlich, sage ich heute.
Eigentlich wollte ich ihn in den Beitrag einbauen, der aber dadurch zu lang geworden wäre.

Einer der Höhepunkte des Romans ist (für mich) das Verhör des inhaftierten alten Leninkämpen Mostowskoi durch den an Jünger/Carl Schmitt erinnernden SS-Mann Liss, der ihm an den Kopf wirft: "Die deutschen Kommunisten, die wir ins Lager gesperrt haben, haben Sie im Jahr 1937 eingesperrt. Jeschow hat sie eingesperrt, und Himmler hat sie eingesperrt ... Denken Sie doch mal hegelianisch, Lehrmeister."
Magda schrieb am 23.06.2011 um 21:03
Er steht hier bei mir, der Grossmann. Nu muss ich ihn lesen.
Es gibt in Wolfgang Hilbigs Roman, "Das Provisorium" diese zwei Bücherkisten mit der "Bibliothek des zwanzigsten Jahrhunderts". Zwei eben. Und er wird damit nicht fertig.
Da haben sich viele im Osten wiedergefunden und - ich selbst auch. Damit sollte man gar nicht fertig werden wollen.
koslowski schrieb am 24.06.2011 um 07:58
Ihre Lesetipps, die ja in Wahrheit informative und gedankenreiche Rezensionen sind, haben es mir angetan. Ich lese sie stets mit Gewinn, und der Snyders steht auf meinem Wunschzettel für die Sommerferien. Herzlichen Dank!
koslowski schrieb am 24.06.2011 um 18:50
Nachtrag: Schade, dass Blogs wie dieser so schnell im Nirwana verschwinden.
wwalkie schrieb am 24.06.2011 um 19:47
Ich freue mich über das Lob, Koslowski. Aber ich glaube, wir beide können uns nicht beklagen. Unsere Texte kommen ganz gut an (sie sind ja auch nicht schlecht).

Ich mache mir jedoch manchmal Gedanken über die - wir mir scheint - abnehmende Beteiligung der Freitagsblogger, selbst wenn es um Religion, Gender, Islamismus, Antisemitismus oder die WM im Frauenfußball geht. Das ist weder für den Freitag noch für die "Community" gut.

Ich glaube, ein wenig mehr Partizipation der Freitagredakteure und -publizisten (das gab's doch schon mal) würde uns alle wieder "auf Kurs" bringen. Diskussion wirkt belebend.
wwalkie schrieb am 03.07.2011 um 17:59
Die Mehrdeutigkeiten scheinen zu beginnen. Die Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald kündigt einen Vortrag Timothy Snyders für den 1. Juli folgendermaßen an:

"Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin

Prof. Dr. Timothy Snyder von der Yale University stellt seine neue Sicht auf die Geschichte Ostmitteleuropas vor. Der zurzeit international Furore machende amerikanische Historiker Prof. Dr. Timothy Snyder von der Yale University wird am Freitag, den 1. Juli 2011 in der Aula der Greifswalder Universität seine neue Sicht auf die Geschichte Ostmitteleuropas vorstellen. Sein neues Buch „Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin“ hat durch seine neue Perspektive weltweit Aufsehen erregt. Er zeigt darin, dass bereits vor dem Holocaust der Nationalsozialisten Hitler und sein zeitweiliger Partner Stalin in Ostmitteleuropa Millionen von Menschen umgebracht hatten. Stalin ließ Millionen von Menschen verhungern und NKWD und deutsche Einsatzgruppen nahmen Massenerschießungen der Bevölkerung vor. Während mit dem Ende des 2. Weltkriegs die Erinnerung an die stalinistischen Verbrechen von den Gräueltaten der Nationalsozialisten überlagert wurde, erinnert Snyder nachdrücklich an 14 Millionen Tote und die größte Tragödie der Geschichte Ostmitteleuropas."

Die Ankündigung ist sicherlich schnell dahin geschrieben (abgeschrieben?) worden. Doch gerade deswegen enthält sie merkwürdige Formulierungen:

Sie spricht ungelenk (und darum beschämend) vom "Holocaust der Nationalsozialisten", als gäbe es noch weitere, nicht nationalsozialistische,vielleicht ist an den "Holodomor" gedacht. Waren übrigens nur Parteimitglieder an der Vernichtung der europäischen Juden beteiligt?

Warum werden die "Bloodlands" mit "Ostmitteleuropa" gleichgesetzt? Ist Weißrussland also ostmitteleuropäisch? Oder die Ostkraine? Die Krim? Oder ist der Subtext Abendland gegen Asien (Nolte)?

Wie ist der letzte Satz zu verstehen? Doch wohl nicht im Sinne des Nolteschen Prius? Oder?

Warum diese Reduktion auf Hitler und Stalin, die sich so bei Snyder nicht findet - im Gegenteil?

Warum "DIE größte Tragödie" Ostmitteleuropas, wo es sich um eine Abfolge von Tragödien in spezifischen und allgemeinen Kontexten handelt (wenn man denn den Begriff Tragödie benutzen möchte), und eben nicht um eine Einheit?

Der kritischen historischen Wissenschaft scheinen wieder schwierige Zeiten bevorzustehen.
wwalkie schrieb am 03.07.2011 um 18:01
Es muss natürlich "Ostukraine" heißen (nicht "Ostkraine"). Pardon.
wwalkie schrieb am 05.08.2011 um 10:45
Und schon ist der Zug auf dem Gleis: Focus-online: "Gleichgewicht des Mordens."
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