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Für die Ausgabe am 22.Oktober befragte Libération europäische Wissenschaftler und Politiker nach ihrer Positon zu den franzöischen "Mouvements sociaux" , wie sie in den Medien genannt werden. Den deutschen Part durfte ein prominentes Mitglied der einstigen und gegenwärtigen Protestpartei Die Grünen übernehmen. Und Volker Beck antwortete nach dem Muster des "dialektischen" Besinnungsaufsatzes.
Einerseits, sagte er, einserseits sei er erstaunt, dass die simple Verlängerung des Renteneintrittsalters auf gerade einmal 62 Jahre solche Reaktionen zeitige. Erstaunt sei er ebenfalls über die massive Teilnahme der jungen Leute, die - ihm zufolge - "bei uns" doch eher für diese ihm gerecht erscheinende Reform seien.
Andererseits, gibt er zu Protokoll, verstehe er durchaus die Reaktion der Arbeiter, die nicht für andere die Zeche zahlen wollen. Schließlich gehören die Proteste zur französischen Sozialkultur. "Wir" seien in dieser Frage ja eher apathisch. Ja, so Beck, Demonstrieren ist so etwas wie die Pressefreiheit der kleinen Leute. Allerdings denkt er nicht weiter. Er stellt sich nicht die Frage: Pressefreiheit ist also die der großen Leute? Und: Wer berichtet über die praktizierte "Pressefreiheit der kleinen Leute"? Doch wohl die der "großen Leute". Nun gut, sei's drum - wenn's um eine schöne Metapher geht.
Beck denkt, wenn er an französische Manifestationen denkt, natürlich an den "Schrecken", schillert automatisch: Eine Demonstration werde "illegitim", sei also weder zu verstehen noch zu rechtfertigen, wenn Gewalt ins Spiel kommt. Selbst im Feuer der Aktion ist Gewalt inakzeptabel. Wie schrieb der Dichter? Doch furchtbar wird die Himmelskraft, wenn sie der Fessel sich entrafft. Und noch schlimmer, wenn sie durch die volkbelebten Gassen wälzt den ungeheuren Brand. Inakzeptabel.
Also: lieber mir unbekannter siebzigjähriger Blockierer eines Öldepots, der du von Polizeirüpeln (den "forces de l'ordre") meterlang über den Boden geschleift wurdest, beschwer dich nicht! Beck sagt dir nämlich in seiner Konklusio, dass es auf die "politischen Wege" ankommt. Und die sind bekanntlich stets "legitim". Und das Andererseits? Natürllich sei Sarkozy zu kritisieren. Der suche nämlich nicht den "Dialog". Die Pflicht eines Politikers sei es zu erklären, aufzuklären und Teilnahme zu ermöglichen. So wie in Stuttgart.
Merci, Monsieur Beck.
Der "Vertreter" Englands, Taric Ali, beendete übrigens seinen Beitrag folgendermaßen: Ohne Widerstand, kommen Sie nicht voran, und die Demokratie leidet.
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Luca Ricolfi, der "Vertreter Italiens" in dieser Artikelserie schießt allerdings den Vogel ab: Die französische und italienische Linke verstehe einfach nicht die Notwendigkeit von Reformen. Die Radikalisierung komme nur daher, dass die Regierenden lügen würden, indem sie das Volk beschwichtigten und die Situation nicht als so gravierend darstellen, wie diese wirklich sei.
Wir erfahren also vom italienischen Soziologen und vom deutschen Grünen, dass es objektiv notwendig ist, dass die Bevölkerung bluten muss. |
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Nachtrag
Die französische Rechte hört die Beckschen Signale und nimmt sie freudig zur Kenntnis. Auf der als eine sich allerdings stumpf erweisende n Waffe gegen die Streiks konzipierten Seite "Ce que les grèves coûtent vraiment aux Francais" (Was die Streiks die Franzosen wirklich kosten) verweist ein Thierry de Cabarrus triumphierend auf Becks oben zitiertes Erstaunen über das Unverständnis der Franzosen für die wohl notwendigen Maßnahmen. Honny soit ... |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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