Angst ist eine Grundbefindlichkeit unseres Daseins, sagt der Philosoph. Und ihr Wovor ist völlig unbestimmt. Wirklich?
Eine schöne, junge Frau liegt schlafend im Bett. Plötzlich wird sie wach, ein Geräusch hat sie erschreckt. Das Fenster ist aufgesprungen ... So leitet Heiko Haumann, emeritierter Professor für osteuropäische Geschichte und - sehr belesener - Dracula-Experte sein neues Büchlein über den Schrecken der Karpaten ein (1). Er beschreibt spannend ein spannendes Thema - schließlich belegt Vlad Tepes ("der Phäler") Platz 2 unter "The 10 Cruelest Leaders Ever", zwischen Hitler und Idi Amin.
Zunächst rekonstruiert Haumann in guter Historikertradition quellenkritisch die Biographie des echten Vlad Draculea (1431 - 1476/77). Geboren wurde dieser als Sohn des walachischen Fürsten Vlad Dracul, dessen Beiname seiner Mitgliedschaft im anti-osmanischen Drachenorden geschuldet ist. Draculea heißt "kleiner Drache". Die Walachei war damals keineswegs ein fernes unbekanntes Land. Haumann analysiert ihre wichtige strategische Funktion: Die Walachei lieferte den "sächsischen" Kaufleuten in Siebenbürgen die für die Rüstungsproduktion notwendigen Erze. Sie durfte also keinesfalls in die Hände der "Ungläubigen" fallen. Es war dies eine schwierigePosition für die walachischen Herrscher. Der griechisch-orthodoxe Vater Vlad war gezwungen sowohl Papst und Kaiser als auch dem osmanischen Sultan zu Diensten zu sein. Widerspruchsverwaltung. Er musste - wie es damals üblich war - seine Söhne Vlad und Radu als Geiseln an den Sultanshof schicken.
Der Sultan unterstützte den jungen Vlad Draculea nach dem Tod seines Vaters, den Fürstenthron zu erkämpfen - gegen Wladislaw, den Favoriten der katholischen Ungarn. Wie sein Vater wechselte er die Verbündeten, mal bekämpfte er Kaufleute und Hochadel, mal benutzte er sie - so war es üblich in seinem Stande. Etwas aus dem Rahmen fiel der Grad seiner Härte. 1460 fühlte er sich stark genug, Mehmet II. (der 1453 Konstantinopel eingenommen hatte) den Tribut zu verweigern. Angeblich ließ er den Gesandten die Turbane an den Kopf nageln - mit kleinen Nägeln). Im prompt folgenden Krieg zeigte er, dass die riesigen Osmanenheere mit kluger Guerillataktik geschlagen werden können. Die Gefangenen - Kreuzzügler durften so sein - ließ er grausam hinrichten. In den osmanischen Quellen wird von einem "Wald der Gepfählten" gesprochen.
Trotz dieses Triumphes wurde er im folgenden Jahr in ungarische - recht bequeme - Haft genommen. Er heiratete ein zweites Mal und konvertierte dafür zum katholischen Glauben. Erst 1476 wurde er freigelassen. Man brauchte ihn als (un)heiligen Krieger gegen die Osmanen. Vlad Draculea starb in einem Gefecht gegen einen zu Mehmet II. übergegangenen Konkurrenten um seinen Thron. Natürlich wurde sein Haupt konserviert (in Honig) und auf einer Stange zur Schau gestellt. Insgesamt war Vlad Draculea ein zeittypischer Vertreter seines Standes, ein "Renaissancefürst", urteilt Haumann.
Spannend ist die Entstehungsgeschichte des Mythos. Schon zu Draculeas Lebzeiten erschien zum Beispiel die "Histori von dem posen Dracul", der ähnliche Narrationen folgten, zu deren Verbreitung die neue Druckerkunst beitrug: Frauen und Männer und Kinder, jung und alt, hat er ... alle aufspießen lassen." Holzschnitte erschienen, die das gängige Draculabild präsentierten: ein finster dreinblickender, asketischer Adliger mit stechenden Augen, langer gebogener Nase und langem Schnurrbart. Auf Kreuzigungsdarstellungen erscheint er - immer auf der bösen Seite. Haumann verortet den ungarisch Königshof als Urheber dieser Kampagne. Nicht wenig dürfte auch das Bild Ivans IV. (dem "Schrecklichen") gewirkt haben, des "russischen Dracula". Später gab es auch Assoziationen mit Stalin.
Ganz anders erschien der "Phähler" den "Erfindern" der rumänischen Nation im 19. Jahrhundert. Sie stellten Dracula als eine Mischung aus Robin Hood und einem Haiducken dar. In den 1930er Jahren gab es die antisemitsche "Liga Vlad Tepes". Ceausescu nahm das alles gerne auf. 1976 machte er zum "Dracula Jahr", worauf man ihn im Westen zum "roten Vampir" ernannte.
Wie aber wurde der "Phäler" zum Vampir? Haumann stellt den blutmythischen Ursprung des Vampirglaubens gerade in Osteuropa dar, auch dessen Verbindung mit dem "Werwolf"-Glauben. Um sich vor den Untoten zu schützen, wurden ihre sterblichen Hüllen angenagelt oder mit Steinen beschwert. Im akuten Fall "halfen" Kreuze und stark riechende Substanzen. Die Zeitungen der Aufklärung machten die "Fälle" von Vampirismus überregional bekannt - als Beispiel für die Rückständigkeit der Balkanvölker. Der sehr auf- und abgeklärte Naturforscher Buffon benannte eine blutsaugende Fledermaus nach den Vampiren. Die pussierlichen Tiere galten seit langem als Boten des Todes wie der Sexualität. Es wird deutlich, dass Osteuropa zur Projektionsfläche geworden war, auf die Ängste auch der Aufklärung geworfen werden konnten: Osteuropa bedeutete nun Barbarei des Mittelalters, einfache, abergläubische Lebensverhältnisse, Abgeschiedenheit. Ich möchte ergänzen: bis heute.
Nicht nur literarhistorisch interessant ist Haumanns Darstellung des Dracula-Mythos. Bram Stokers "Dracula" (1897) enthält natürlich Elemente der "gothic novel". Wichtig bei der Herausbildung waren die Schauergeschichten um die Gräfin Erzsebet Bathory (1560 - 1614), die unter ihren Vorfahren einen Kriegsverbündeten Darculas hatte. Die Gräfin Bathory soll aparterweise kosmetische Bäder im Blut von 610 jungen Mädchen genommen haben. Schaurig - und vor kurzem wieder verfilmt. Und alle haben sie über Vampire geschrieben, wie Haumann zeigt: Goethe, Schiller, Novalis, Byron, Mickiewicz , Gogol, Turgenev, die französischen Romantiker - Haumann hätte auch noch Baudelaire erwähnen können (Toi qui, comme un coup de couteau/Dans mon coeur plaintif es entrée) - und interessanterweise Jules Verne, der selbstverständlich naturwissenschaftlich mit dem Mythos aufräumt.
Ein Kapitel über die kulturindustrielle Rezeption und Produktion beendet das Büchlein. Die Filme kennen wir ja alle - es gibt übrigens "nur" 600 Verfilmungen.
Und wenn Angst eine unserer Grundbefindlichkeiten ist, wird es wohl so weiter gehen. Schaurig und schön. Und entlastend.
(1) Heiko Haumann, Dracula. Leben und Legende. München 2011 (C.H. Beck. Wissen)