wwalkie

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10.04.2011 | 09:07

welcome to the magic competence world

 

Wenn man das Wesen des Menschen zerlegt, so stößt man auf zwei Dutzend Eigenschaften, Empfindungen, Ablaufarten, Ablaufformen, aus denen sie alle bestehen. Es ist der coole Ulrich, Musils "Mann ohne Eigenschaften", der diese Erkenntnis ausspricht. Wenn diese "Ablaufformen" automatisiert sind und von ihren Trägern auch noch stolz präsentiert werden, dann haben wir das, was die Augen (nicht nur) deutscher Pädagogen zum Leuchten bringt: Kompetenzen.

Gäbe es ein "Wörterbuch pädagogischer Gemeinplätze", so würde dieses K-Wort den größten Platz einnehmen: Schlüssel-K., Kern-K., Sach-K, Soziale K., Emotionale K. Kommunikative K. ...Kompetenz ist gewissermaßen das Plastikwort überhaupt, konstatiert der Erziehungswissenschaftler Pongratz, und Barthes zitierend...weniger eine Substanz als die Idee ihrer endlosen Umwandlung (1). Das deutsche Lehrpersonal exzelliert besonders kompetent in der affirmativen Verwendung industriesoziologischer Begrifflichkeit und ist seit geraumer Zeit dabei, die alten Lehrziele in Kompetenzen umzuformulieren. Die wenigen Kritiker sind einfach nur "reformfeindlich", sind aber als Beamte leicht "auf Linie" zu bringen.

In Frankreich, wo die "Transmission" kanonischer Inhalte eine lange Tradition hat, ist dies etwas anders. Es gibt zahlreiche von Lehrern geschriebene "reform"kritische Werke, darunter auch das der jungen Philosophielehrerin Angélique del Rey, die sich scharfsinnig mit dem weltweiten Siegeszug der "Ecole des compétences" beschäftigt (2).

Del Rey ist an Foucault geschult und glaubt nicht an den Big Brother (oder Big Bertelsmann). Sie konstatiert seit den frühen neunziger Jahren  eine Kollusion kognitiver Psychologie, ökonomischer Interessen und managerialer Ressourcenverwaltung. Die Kapitallogik der (Aus)Bildung ist damit hegemonial geworden. Sie ist gebunden an eine "Erfolgsgeschichte", gemäß derer die Produktion von "Employability" Lebenschancen in der "Wissensgesellschaft" garantiere, wobei Lebenserfolg identisch mit Job und Gehalt ist.  Was die Bildungsreformer aller Richtungen eint, ist ihr Hass auf die traditionelle Idee von Bildung. So der Philosoph Liessmann. Dass Menschen ein zweckfreies, zusammenhängendes, an den Traditionen der großen Kulturen ausgerichtetes Wissen aufweisen könnten, ... ist ihnen offenbar ein Greuel (3). Del Rey bestätigt dies durch Verweis auf die "linke" Variante der "Erfolgsstory": Gerade Bourdieu hat doch gelehrt, dass das kanonische Wissen Herrschaftswissen sei. Viel wichtiger sei doch die Entwicklung zum Beispiel "emotionaler Kompetenz" ("Gefühle adressatengerecht kommunizieren können").

"Wir" wollen die Kids doch "fit for the future" machen. Die Wirtschaft braucht Team- und Projektarbeiter, also schaffen wir die dazu notwendigen Kompetenzen, produzieren wir das "unternehmerische Selbst" (Bröckling) durch teamfördernde Methoden. In den deutschen Ländern reisen seit einiger Zeit Qualitätsinspektoren durch die Schulen, loben diese in der Regel, stellen aber  Defizite im Bereich "schüleraktivierender Unterricht" fest. Das macht den Lehrern  Beine. Fortbildung folgt auf Fortbildung. Das so genannte "kooperative Lernen" wird implantiert. Die Schüler arbeiten "demokratisch" an von der Trias Wirtschaft-Wissenschaft-Politik vorgegebenen Inhalten, wobei letztere sich an den Methoden ausrichten. Think-Pair-Share, also Denken-Austauschen-Mitteilen heißt die neue Dreifaltigkeit. Inhalte sind sekundär. Kritische sowieso.

Del Rey zeigt, dass dies alles das Gegenteil von Emanzipation ist. Der junge Mensch wird zum "puren passiven Objekt". Der in jedem vorhandene Wunsch zu lernen wird zum Wunsch, der Norm zu entsprechen, transformiert. An die glatte Oberfläche werden Kompetenzen geklebt, der Mensch wird immer abstrakter, leerer, serieller, ein Mann ohne Eigenschaften. Die Herrschaft des Normalismus.

Die Schule der Kompetenzen ist eine Instanz der Deterritorialisierung (Deleuze) der Menschen, die widersprüchlich, aber durchaus fortschrittlich begann (wie schon Marx und Engels im Manifest darlegten), für Del Rey aber nur noch "reaktionär" endet. Die "lange Dauer", das Vertrautsein in einer Kultur, das differente Denken und Handeln wird getauscht gegen den ständigen Wechsel. Etre flexible, c'est être capable de changer der territoire en permance: Arbeitsplatz, Arbeitsbereich, Einkommen, Kollegen, Freunde, Familie. Kompetenzschule bedeutet "Verzweckung" des Menschen durch die Ausbildung eines international employablen, möglichst billigen (variablen) Kapitals namens Mensch. Del Rey spricht treffend von einer Art "Alzheimer-Flexibilität", ohne Gedächtnis, in einer permanente Gegenwart, im Unmittelbaren lebend.

Keine schönen Aussichten. Und noch nicht einmal die Schuldigen sind zu benennen. Jeder zeigt auf jeden. Und zur Not gibt es ja noch die Privatschulen.

Was tun? Schon wieder diese Frage, die die Frage nach dem "linken Projekt" ist (schon wieder Projekt!). Lehrer und Schüler allein schaffen es nämlich nicht. Deutsche Lehrer sowieso nicht, weil sie es auch nicht anders wollen. Was die Lehrer betrifft, ist Del Rey ziemlich skeptisch. Die "vor-kompetenten" Lehrer verbeiben zumeist im Modus des "Als Ob". Sie tun so, als ob sie zukunftsweisende Antworten hätten. Schüler und Eltern erkennen dies sehr schnell - und ziehen die "sicheren" Komptenzen im individuellen Portfolio vor.

Finden wir das "Ailleurs" (Anderswo) als konkrete Utopie im Hier, fordert die Autorin. Sie nennt dies die Reterritorialisierung der Erziehung. Gehen wir auf die "Einschreibung" der Individuen in IHREM Territorium ein. Eine Schulklasse ist auch eine Stadt, eine Region, eine Geschichte, eine "lange Dauer" (aber auch ein Schulabschluss, denkt der Beamte in und neben  mir). Provokant vergleicht die Autorin das Leben in einer autonomen argentinischen Vorortschule mit dem gefühlskalten Gebäude, in dem sie - verdinglicht - arbeiten muss. Entdecken wir alle - Schüler, Eltern, Lehrer -, dass la vie c'est Ma vie. Da kann man nur zustimmen.

Andererseits weiß ich nicht, inwieweit in unseren (deutschen) Landen bei aller sympathischen demokratischen Reterritorialisierung nicht wieder die alten Vorstellungen von "Heimat" geweckt werden. Nun, es geht ja um (utopische) Gegenentwürfe zur angeblichen TINA-Welt. Fest sollte stehen: angesichts der "modularen" Offensive wird es mittelfristig nicht einmal mehr die "Inkompetenzkompensationskompetenz" (Marquard) geben. Der Humanismus - so fragil und so feige er sein mag - muss sich wehren, will er nicht ganz verschwinden.

 

(1) Ludwig A. Pongratz, Bildung im Bermuda-Dreieck. Paderborn 2009

(2) Angélique del Rey, A L'Ecole Des Compétences. Paris 2010

(3)  Konrad P. Liessmann, Theorie der Unbildung. Wien 2006 

 

 

 

 

  

 
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Kommentare
nil schrieb am 10.04.2011 um 11:28
Die sind einfach zu dämlich, dabei sollte es doch einfach nur heissen Vermittlung, +mehr ganzheitliche Übersicht bitte bei Problemerfassung+Problemlösungvorschläge im Schulwesen, und zu Hause, damit die Menschen später die auch die Übersicht behalten mindestens über ihr eigenes Leben. Das würde schon reichen. Also Förderung von multiplen Intelligenzen mit Schwerpunkt auf das inhaltliche natürlich (ach heutzutage muß man das ja immer dazusagen, wenn man nicht sogleich im Flachland landen möchte)
nil schrieb am 10.04.2011 um 11:32
Die sind einfach zu dämlich, dabei sollte es doch einfach nur heissen Vermittlung, +mehr ganzheitliche Übersicht bitte bei Problemerfassung+Problemlösungsvorschlag, im Schulwesen, zu Hause, damit Menschen später auch die Übersicht behalten, mindestens über ihr eigenes Leben. Ein integraler Ansatz. Förderung von multiplen Intelligenzen mit Schwerpunkt auf das inhaltliche natürlich (ach heutzutage muß man das immer dazusagen, wenn man nicht sogleich im Flachland landen möchte) und hin zu einen kritischen Bewusstsein.
goedzak schrieb am 10.04.2011 um 13:03
Was mich ein wenig optimistisch stimmt, ist, gar nicht mal so wenige junge Leute zu kennen, die sich mit der 'Deterritorialisierung' nicht abfinden. Sie suchen schon ein eigenes Territorium, dass sie ihres nennen können, wenn es auch manchmal weit ab vom elterlichen liegt. Und sie haben eine große Skepsis gegenüber den Techniken der 'Deterritorialisierung'.
Rahab schrieb am 10.04.2011 um 13:40
und manch etliche fallen auch nicht einfach in 'reterritorialisierung' zurück
wie ich gestern abend hier
www.gladt.de/
hören konnte
wwalkie schrieb am 10.04.2011 um 13:42
Zumal diese Techniken ja wirklich erkenn- und formulierbar sind. Optimistisch bin ich auch, wenn ich sehe, wie alert die jungen Leute in bestimmten Situationen reagieren können (ohne dass man ihnen "Kompetenzen" injiziert hat) und welche Ansprüche sie an ihr Leben stellen. Pessimistisch bin ich angesichts der der Verdichtungsprozesse in Schule und Uni, der Zwangsprägung der jungen Lehrer, der Ent-Inhaltlichung und damit Eliminierung des kritischen Bewusstseins, worauf nil hinweist. Und das wird immer nötiger, denn die Herrschenden geben sich wirklich alle Mühe.
wwalkie schrieb am 11.04.2011 um 15:53
Wer sich ein wenig mit der Geschichte der (Schul-)Erziehung beschäftigt hat, dem fallen vielleicht wie mir die berühmt-berüchtigten Stiehlschen Regulative von 1854 ein:

Die Inhaltsfrage: "...nicht einem abstrakten System oder einen Gedanken der Wissenschaft, sondern dem praktischen Leben in Kirche, Familie, Beruf, Gemeinde und Staat zu dienen (!) und für dieses Leben vorbereiten."

Die Finanzfrage: "Die gezogenen Kreise werden überall, auch von dem minder begabten Lehrer (!) und unter behinderten Verhältnissen der Schüler (!) ausgefüllt werden können."

Ist die "Schule der Kompetenzen" wirklich anders, oder ist sie nur upgedated?
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