Wer Sonntag Abend in der ARD G. Jauchs Streichelzoo aufmerksam verfolgt hat, dem ist vielleicht aufgefallen, dass G. Gysi und Max Otte mehrmals darauf aufmerksam gemacht haben, wie wichtig eine gesunde Binnenwirtschaft ist und wie unsinnig es ist immer nur auf die Exportquote zu schielen. Weshalb ?
“Wen ernähre(n) ich(oder wir Deutschen)mit unserem Kauf- und Konsumverhalten wie gut ?“, das ist die Frage, der wir uns alle einmal stellen müssen......... Der Markt, oder die Märkte, die ganz realwirtschaftlich nicht hergeben, was andere Mensschen zum Leben brauchen, sind wir.
Für unsere Grundbedürfnisse wie Essen, Wohnen und Kleidung geben wir zu wenig Geld aus, für überflüssigen Luxus aus industrieller Massenproduktion wie zu teure Autos, Unterhaltungselektronik und sonstwelche Modeerscheinungen und überflüssigen Klimbim einfach zu viel.
In Deutschland geben wir ca. 11 % unserer durchschnittlichen Nettoeinkommen für Lebensmittel aus, davon wandern dann noch 20-30 % auf den Müll. Im europäischen Vergleich liegen wir damit ganz weit hinten. Nur in GB und Irland wird mit 9% bzw. 7% noch weniger Geld für Lebensmittel ausgegeben. Die Folgen davon: Arbeitsangebote über 48 Wochenstunden je 4,50 € die Stunde bei einer Bäckerei, monatlich also ca. 900 € brutto, netto weniger als Hartz 4. Die niedrigsten Löhne werden in der Hotel- und Gastronomie bezahlt, dafür arbeitet ein Koch dsann durchschnittlich mehr als 60 Wochenstunden für 1.200 € und weniger brutto. Das liegt nicht an den bösen Arbeitgebern, das ist ein gesellschaftliches Phänomen, noch gegründet auf das Kriegs- und Nachkriegshungertrauma des 2. WK und das Wirtschaftswunder der 50er-70er Jahre. Lebensmitteldiscout ist, Aldi sei "Dank", ein deutsches Phänomen. Dabei würde sich jeder normaldenkende „profitgierige“ Unternehmer heute eine andere Branche als Lebensmittel aussuchen, die Gewinnspannne liegt dort unter 5%. Staaten wie Griechenland und Portugal, die so gut wie überhaupt keine Industrieproduktion besitzen, bleiben dabei auf der Strecke. Würden diese Länder Ihre Preise für Unterkunft und Nahrungsmittel anheben, hätten sie Einbußen beim Tourismus zu befürchten. Ein Teufelskreis. Dasselbe gilt für Berlin. Berlin ist schuldentechnisch betrachtet das Griechenland Deutschlands und überlebt nur Dank des Länderfinanzausgleichs und dem Tourismusboom. 4,50 € für den Mittagstisch und die billigsten Hotels aller europäischen Metrolpolen. Es ist paradox: Die Menschen, die uns ernähren und für ein „Dach über dem Kopf“ sorgen, werden am schlechtesten bezahlt.
Die Folgen: Industrielle Massenproduktion von billigen(kaufmännisches Paradigma: „Im Einkauf liegt der Gewinn“) Lebensmitteln, Einsatz von gentechnischen Veränderungen und Pestiziden, Wasserknappheit in Südspanien und arbeitslose afrikanische Bauern, weil wir unsere billigen europäischen Lebensmittel inzwischen auch nach Afrika exportieren. In der 3. Welt freuen sich die Menschen natürlich über billige Lebensmittel, weil dort durchschnittlich mehr als 50 % der Einkommen für Nahrungsmittel aufgewendet werden müssen, aber die dortigen Produzenten bleiben auf der Strecke.
Das gleiche Dilemma bei Kleidung. Die Länder und Menschen, die Baumwolle produzieren und weiterverarbeiten gehören zu den ärmsten der Armen und wir kaufen die billigen Klamotten , die dann höchstens noch gebraucht als Kleiderspende bei den Produzenten landen bei H&M oder anderen Discountern. Das ist pervers. Ikea ist ein weiteres wunderschönes Beispiel dafür, wie billig wir hier in Deutschland auf Kosten der Produzenten leben können und es auch tun.
Bei Mietwohnungen sieht es zwar etwas anders aus, weil die nicht ständig produziert werden, aber die Tendenz ist dieselbe. Große Bestände stadteigener Wohnungen werden aus Finanznot an Finanzinvestoren verkauft, die dann um ihren Profit zu sichern, Häuser und Wohnungen verfallen lassen. Mit weniger Profitorientierung oder höheren Instandhaltungsrücklagen könnten wir die Mietshäuser besser erhalten, aber das gibt der Markt nicht her. Und dieser Markt sind wir.
Jeder von uns, beim Einkaufen bzw. Bezahlen, gesparte Cent, ist ein kleiner persönlicher Kapitalbildungsbeitrag. Alles Kapital der Welt ist nichts anderes als „unterlassene Wertschätzung“ durch Profite oder Einsparungen bei ökonomischen Transaktionen, egal ob auf Produzenten- oder Konsumentenseite. Im Endeffekt sparen wir dabei an Wertschätzung für den jeweiligen Dienstleister oder Produzenten. Was wir brauchen ist eine Art "ökonomischer Friedensvertrag", Frieden durch Profitverzicht, denn Profit ist die Waffe mit der wir uns ökonomisch bekämpfen. Profite als Unternehmensziel sollten geächtet werden. Solange wir das aber nicht global machen, ist mit Auweichbewegungen der profitoreintierten Unternehmen zu rechnen, das ist das Dilemma unserer Wirtschaft und unserer Politiker.
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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