Yola

Blog von Yola

15.02.2012 | 18:51

Ärzte und ihre Sprachmanierismen

Karl Kraus sagte sinngemäß, dass Kritik an der Sprache, auch Kritik an der Sache selbst sei.

Der gedankliche Inhalt wird auch von der Form des Ausdrucks geprägt. Ein klarer Gedanke läßt sich  auch problemlos  in eine klare Form bringen, wenn die Dürftigkeit der Aussage nicht in wohlklingenden und hochtrabenden Worten verbrämt werden soll.

Wenn Ihr Arzt folgende Begriffe benützt, dann hat er vielleicht  das Bedürfnis, wichtig und gebildet, sachkundig und würdig,  überlegen und bewunderungswürdig zu erscheinen.

Die arterieller Hypertonie  ist einfach eine Hypertonie, weil es keine venöse Hypertonie gibt. das wäre dann ein venöser Stau.

Die Beschwerdensymptomatik ist, unaufgeblasen, eine Symptomatik, weil Beschwerden  Symptome sind.

Ein akuter Schlaganfall ist ebenfalls ein Pleonasmus, da es keinen chronischen Schlaganfall gibt und  im 'Anfall' schon das 'akute' drinsteckt.

Nicht anders verhält es sich auch beim akuten Hörsturz.

Bei der Pareser beider Beine zeigt der Plural schon an, dass es sich um beide handeln muss, denn mehr davon haben wir nicht.

Ein diskreter Ausschlag soll einen kaum sichtbaren Ausschlag meinen. Ungünstig nur, dass 'diskret' im Deutschen verschwiegen, taktvoll  bedeutet.

Mit neurologischen Defiziten meint der Doktor Ausfälle, Störungen. Da klingt doch so ein Defizit, sprich: Fehlbetrag doch gleich viel eloquenter.

Die depressive Erkrankung gibt's gar nicht. Eine Erkrankung kann rheumatisch sein (wenn sie sich auf die Erkrankung der Gelenke bezieht) oder kardial, wenn sie sich auf das Herz bezieht. Die Depression bezieht sich aber auf den gesamten Menschen.

Wenn der Arzt sagt, dass Krankheiten  abgeklärt werden, meint er keine abgeklärte Person. Abklären bedeutet in der deutschen Sprache,  eine trübe Flüssigkeit klar werden, sich setzen lassen. Er könnte eine Krankheit klären, aber das wäre vielleicht doch etwas zu einfach für ihn.

Wenn Patienten ein Medikament fürderhin oral verabreicht werden soll, dann heißt das: Patienten werden oralisiert . Bei Zäpfchen heißt es dann wohl 'analisiert' ?

Mein persönlicher Favorit (und das der Ärzte ;-)) ist die evidenzbasierte Medizin. Haben Ärzte, da sie des Amerikanischen selbstverständlich mächtig sind, gedankenlos nachgeplappert. Blöd nur, dass 'Evidenz' in der deutschen Sprache  das bedeutet, was NICHT bewiesen werden muss, weil es augenscheinlich ist. Also das Gegenteil dessen, was es im Amerikanischen bedeutet.

Wenn Präparate  histologisch aufgearbeitet werden, ist damit nicht gemeint, dass nachgearbeitet, nachgeholt oder Liegengebliebenes erledigt wird - was das Wort 'aufarbeiten' im Deutschen meint.

Die chronische Lumbago  meint eigentlich die chronische Lumbalgie. Lumbago ist der akut auftretende Kreuzschmerz, der Hexenschuss. Lumbalgie ist der Kreuzschmerz. Die lumbago kann zu einer chronischen Lumbalgie werden, niemals jedoch selbst chronisch sein.

Delir bei Alkoholabusus, Arrythmie bei Vorhofflimmern meint immer 'durch'.  Weil 'bei'  keinen kausalen Zusammenhang herstellt.

 
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Kommentare
merdeister schrieb am 15.02.2012 um 19:55
Hypertonie
(...) syn. art. Hypertonie, Hyptertonus, art. Hypertension; sog. Bluthochdruck, Hochdruckkrankheit;

s. auch

Hypertonie, renale
Hypertonie, pulmonale
Hypertonie, portale
Hypertonie, maligne
Dreizehn schrieb am 15.02.2012 um 20:26
Wenn sich Aufmerksamkeit auf unseren eigenen Sprachgebrauch richtig, ist das immer sehr aufschlußreich.

Artikel über Medizin resp. Krankheiten sind allgemein Berichte von Kriegsschauplätzen. Fällt das eigentlich noch irgendjemandem auf?

Ich hab immer mal einen Artikel beiseite gelegt, um bei nem Anlaß wie diesem mich drauf zu beziehen. "Mikroben" "kapern" den Körper. Störtebeker läßt grüßen.

Im "Dunkeln liegt" noch, wie Krankheits"erreger" genau "in den Körper gelangen", wie sie "Angriffe des Immunsystems umgehen oder abwehren". Noch Iran? Libyen? Bereits Syrien?

Und in Hamburg - alles aus dem Abendblatt vom 20. Januar - wurde gestern diskutiert, wie sich "das geheime Treiben von Bakterien, Parasiten und Viren mit Hilfe von Nanotechnologie und Hightech-Mikroskopen ausspionieren" läßt. Das wäre das prä-invasive Erkunden des Feindes.

Ich könnt' weiter. Es reicht. Steinzeitliche Denkmuster, TINA, oder was?
Yola schrieb am 15.02.2012 um 22:13
Die Liste könnte unendlich fortgesetzt werden. Und ja, es gibt eine ziemlich kriegerische Metaphorik in der Medizin. Therapeutische Maßnahmen werden zu "therapeutischen Strategien", im Gehirn gibt es die ischämische "Attacke"...
Dreizehn schrieb am 15.02.2012 um 22:49
Ja wenn sie da nicht hellhörig werden, wann sonst? Man hat den Eindruck, da ist gehörig was aus den Fugen, oder? Und niemand will überhaupt noch darüber reden.
goedzak schrieb am 16.02.2012 um 11:21
Hat die 'ausgewiesene' Sprachfachfrau (oder trifft es 'Möchtegern-Sprachfachfrau' besser?) schon mal was von Polysemie und Homonymie bzw. Polysemen und Homonymen gehört?

Falls ein anschauliches Beispiel gewünscht ist (wegen der Förderlichkeit für intuitives 'Verstehen'): 'ausgewiesen' kann jemand sein, der sich's mit den Behörden eines Staates verscherzt hatte, oder jemand, der mit Leistungen eine Kompetenz gezeigt hat, wegen der er dann auch gern im Lande bleiben darf. Ein Homonym, wovon in Deinem tollen Text neben Polysemen einige vorkommen.
Yola schrieb am 16.02.2012 um 17:35
@goedzak, Sie vergaßen den 'ausgewiesenen' Depp.
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