Zenodot

zeitgemaess unzeitgemaess

16.02.2009 | 20:47

Bildungspolitik - Berliner Seiltänzertraum

Das Land Berlin unternimmt schulpolitisch das Richtige: Die Einführung eines zweigliedrigen Schulsystems wird Realität. Neben das bewährte Gymnasium soll an Stelle der bisherigen Haupt- Real- und Gesamtschulen ab 2010/2011 die sogenannte Sekundarschule treten. Guten Schülerinnen und Schülern in dieser Schullaufbahn soll der Erwerb des Abiturs nach zwölf oder 13 Jahren ebenso ermöglicht werden, wie er für Gymnasiasten vorgesehen ist. Soweit der Senatsbeschluss der rot-roten Koalition.

Bedeutsamste Konsequenz:
Es wird erreicht, dass im Falle Berlins nicht nach der sechsten Jahrgangsstufe bereits mit großer Wahrscheinlichkeit festgelegt wird, ob ein Schüler die Chance auf späteren Hochschulbesuch erhält.

Diese Nachricht initiiert einen bescheidenen Wunschtraum ein. Hoffentlich schreibt sich die Erfolgsstory wie folgt fort:

Die Schulformen entwickeln ein angemessenes Selbstverständnis. Gymnasien betrachten als ihre Aufgabe, junge Menschen zur Hochschulreife zu führen. Die Konkurrenz der Abiturienten mit den Abgängern anderer Schulformen auf dem Lehrstellenmarkt früherer Tage war nicht mehr als ein Ergebnis von Fehlallokation.
Auf der anderen Seite nehmen sich die Sekundarschulen der Aufgabe an, ihre Schüler bei Abgang mit mittlerer Reife für die schulischen und praktischen Erfordernisse einer betrieblichen Ausbildung, möglichst im Dualen System, zu qualifizieren. Dabei bleibt die Option auf zwei bis drei weitere Jahre Schulbesuch bis zur Hochschulreife erhalten. Die Stigmatisierung der Hauptschüler als Restschulbesucher entfällt.

Landesregierung und Hochschulen nehmen weiterhin ihre gesellschaftliche Verantwortung wahr. Konkret: Es werden mehr Studienplätze angeboten, bessere Betreuungsverhälnisse etabliert und auf der anderen Seite günstige Bedingungen für betriebliche Ausbildungen geschaffen.

Aber auch nach Abschluss der allgemeinbildenden Schule werden Laufbahnen nicht zementiert. Bewährte Arbeitnehmer sind Leistungsträger, die für einen Sprung auf die Führungsebene die Gelegenheit zu einem Studium erhalten. Als formaler Eintrittsnachweis genügt eine erfolgreich absolvierte Berufsausbildung.

Nicht Gleichmacherei, sondern angemessene Differenzierung ohne endgültigen Ausschluss am Leistungsgradienten zum willkürlichen Zeitpunkt nach undurchsichtigen Kriterien ermöglicht Durchlässigkeit und fairen Bildungswettbewerb.
 
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Kommentare
laob schrieb am 17.02.2009 um 10:07
Zwei Anmerkungen zu Ihrem Beitrag:

1. "das bewährte Gymnasium"
Die Einschätzung, dass sich das Gymnasium bewährt hat kann ich nicht teilen. Immer wieder wird in Bildungsdiskussionen so getan, als ob das Gymnasium die beste aller denkbaren Schulen sei. Wenn dem wirklich so wäre, dann müssten die deutschen Gymnasiaten bei den internantionalen Bildungsstudien deutlich besser abschneiden, als sie es seit Jahren tun. Dort landet das deutsche Gymnasium regelmäßig im Mittelfeld, weit hinter skandinavischen und japanischen Gemeinschaftsschulen. Eine Reform des Bildungssystems muss also auch immer eine Reform des Gymnasiums sein. Reform heißt ausdrücklich nicht Abschaffung des Gymnasiums, sondern Verbesserung. Einige Schritte in diese Richtung sind in dem Vorhaben des Berliner Senats enthalten.

2. Selbstverständins der Sekundarschulen
Es ist nicht die ausschließliche Aufgabe der Sekundarschule die mittlerere Reife als Bildungsabschluss anbieten. Viel mehr soll es auch möglich sein, auf der Sekundarschule eine allgemeine Hochschulreife (Abitur) zu erreichen. Damit wird das Monopol der Gymnasien gebrochen und es wird künftig zwei Schulformen geben, die auf unterschiedlichen Wegen und mit unterschiedlicher Geschwindigkeit zum Abitur führen. Diese ist ein großer Schritt auf dem Weg zur Entkopplung des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft und dem formalen Bildungsniveau der Eltern, da sich die Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten aller Nicht-Gymnasiasten drastisch verbessern, ohne Abstriche an der Qualität des Bildungsabschlusses zu machen.
Zenodot schrieb am 17.02.2009 um 10:48
Schön, dass Sie widersprechen!
(1) Selbstredend ist das Gymnasium nicht die beste denkbare Schulform. Das zeigt ja schon die hohe Anzahl von Studienabbrechern, die an der unglücklichen Kombination von Anforderungen und schlechten Bedingungen an den Universitäten scheitern, wenn die Leistung nicht stimmt.
Bewährt hat sich das Gymnasium m.E. als am stärksten durch die Eltern nachgefragte Schulform. Mit allgemeiner Hochschulreife eröffnen sich viele Möglichkeiten, mit qualifiziertem Hauptschulabschluss braucht man Glück, Kontakte und persönliche Qualitäten (und das mit 15-16!), um eine ordentliche Ausbildungsstelle zu finden.
Mit Berücksichtigung internationaler Studien eröffnen sich neue Horizonte, aber zur Argumentation auf der Ebene der Landespolitik sind sie schwer verwertbar, weil die Ausgangslagen weltweit sich sehr stark unterscheiden.

(2) Volle Zustimmung. Den Satz "Dabei bleibt die Option auf zwei bis drei weitere Jahre Schulbesuch bis zur Hochschulreife erhalten." habe ich ergänzt, um Missverständnisse auszuschließen und die wichtigste Änderung noch einmal zu betonen.
nuntius schrieb am 17.02.2009 um 18:49
Nun die Traumvorstellungen Berliner Bildungspolitiker sind schon oft gescheitert. Einen neuen Versuch sollte man ihnen also zubilligen. Das Grundübel wurde aber nicht gelöst. Im Alter von 11 oder 12 Jahren müssen sich Schüler und Eltern, oder Eltern und Schüler entscheiden welcher Weg für ihre Zukunft besser geeignet ist. Nun gut, jetzt stehen nur noch zwei Alternativen zur Verfügung, aber einfacher wird die Sache damit auch nicht. Entscheide ich mich gleich für ein Gymnasium, auch in der Hoffnung Gleichgesinnter lernen zu können, oder wähle ich die Schulform die mir auf dem Papier vom Hauptschulabschluß bis Abitur alles bietet.
Diese Schulform gibt es schon seit Jahrzehnten, die Gesamtschule, und sie ist grandios gescheitert. Also geht doch wieder wer kann auf das Gymnasium. Der Rest wird im anderen Schultyp zusammengekehrt und muß sehen wie er klarkommt.

Wie komme ich darauf? Die geplante und jetzt in der Stadt gekannte Zusammenlegung von Hauptschulen, Realschulen, Gesamtschulen und einiger Gymnasien erfolgt ausschließlich unter Bautechnischer und Standortspezifischer Hinsicht. Keine pädagogischen Konzepte, Bildungs-und Ausbildungsspezifika oder ähnliches. Dadurch entstehen in erster Linie kostengünstige Lernburgen.

Die Entkopplung von sozialer Herkunft und dem Bildungsniveau der Eltern wird damit nicht erreicht und ist glaube ich auch nicht das Ziel. Das Sondermodell Gemeinschaftsschule wie seit einem Jahr praktiziert, kommt diesem Ziel erheblich näher. Als linkslastig oder gar Ostnostalgisch belastet ist es aber leider nicht durchsetzbar, und wird nach nur zwei Jahren still als sonderpädagogisches Modell beerdigt.
Connie Uschtrin schrieb am 20.02.2009 um 14:22
Schade, dass Zöllner sich nicht noch mehr traut. Die Gymnasien tastet er nicht an, wohlweislich, dass ihm sonst viele Eltern an den Hals gingen. Ich glaube zwar nicht, dass die Zusammenlegung der Haupt- und Realschulen aus ökonomischen Gründen erfolgt. Die Einsparungen, weil man dann weniger Standorte hat, sind, denke ich, nicht so groß. Aber es ist richtig, dass es an pädagogischen Konzepten mangelt und vor allem an Weiterbildung des Lehrerpersonals. Die Schulen werden ins kalte Wasser geschmissen. Es ist vorhersehbar, dass sie scheitern, wenn sie nicht das richtige Handwerkszeug besitzen, auch binnendifferenziert heterogene Klassen zu unterrichten. Übrigens habe ich den Eindruck, dass auch den Pilotprojekten „Gemeinschaftsschulen“ nicht gerade der rote Teppich ausgerollt wird. Sie sind beispielsweise keine Einzugsschulen für das betreffende Viertel, bekommen also nicht automatisch Schulanfänger zugewiesen. Eltern müssen schon sehr bewusst und gezielt diese Schulen für ihre Kinder wählen.
Zenodot
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Der König von Prussia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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