Zenodot

zeitgemaess unzeitgemaess

20.02.2009 | 10:17

Mißfelder missfällt zu Unrecht

Philipp Mißfelder, Vorsitzender der Jungen Union sowie Mitglied des Deutschen Bundestages, spricht aus, was viele Bürger denken: "Die Erhöhung von Hartz IV war ein Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie." So äußerte sich Mißfelder auf einer Veranstaltung im CDU-Ortsverband Haltern am See.

Was Mißfelder nicht sagt: An der Tabaksteuer verdient der Staat gutes Geld. Ein für den Staat besseres return-of-investment kann man sich kaum vorstellen. Drei von vier Euro, die für eine Schachtel Zigarretten ausgegeben werden, kommen direkt dem Bundeshaushalt zu gute. Über 14 Milliarden Euro spülten die Raucher 2007 in die öffentlichen Kassen. Die Kosten für Hartz IV belaufen sich im Bundeshaushalt 2008 auf gerade 20,5 Milliarden. Bildung und Forschung dürfen knapp neun Milliarden Euro kosten.

Aus ökonomischen Gründen bin ich für eine Abschmauchprämie. Für jede Kippe gibt es einen Cent. Wäre doch ein Anfang. Wahre Leistungsträger sollte doch gerade die Union zu schätzen wissen. Vielleicht erklärt das die aktuelle Stärke der FDP: Niemand sollte den Menschen vorschreiben, wie sie zu leben haben. Fragen Sie mal Helmut Schmidt.
 
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Kommentare
satyasingh schrieb am 20.02.2009 um 10:28
40% aller Hartz IV Empfänger sind Alleinerziehende. Dazu kommen noch die dazugehörigen Kinder. Nun könnten bei den Alleinerziehenden natürlich auch Raucher(innen) und Sprit-Käufer dabei sein. Klar. Mißfelders Spruch ist trotzdem sehr polemisch und arrogant. Ich hoffe für ihn, dass er "nur"ein entsprechendes Publikum zielgruppengerecht ansprechen wollte...
Zenodot schrieb am 20.02.2009 um 10:36
Vermutlich hilft es viel, aufrichtige Motive, Haltungen und Denkweisen der Kandidaten im Superwahljahr in deren geschützem Umfeld zu beobachten. Bei Will, Illner und Plasberg werden ganz andere Töne angeschlagen. Komisch.
Frankobs schrieb am 20.02.2009 um 13:13
"Philipp Mißfelder, Vorsitzender der Jungen Union sowie Mitglied des Deutschen Bundestages, spricht aus, was viele Bürger denken"

Ich denke nicht wie Herr Mißfelder und finde seinen konstruierten Zusammenhang nicht mal polemisch, er ist sakrosant und zynisch obendrein. Auch von denjenigen, die ihn zitieren. Die aktuelle Stärke der FDP erklärt sich womöglich nicht durch "Vorschriften", wie Menschen zu leben haben (umgekehrt gibt es gewiss auch jene, die diese "Vorschriften" zum [über-)leben benötigen). Sondern vielleicht eher durch die Rolle als Oppositionspartei und der nach außen nicht erkennbaren Stringenz ihrer Entscheidungen seitens der Großen Koalition mit Mäanderkapitän Merkel an der Spitze.
bembel schrieb am 20.02.2009 um 13:27
der arme kleine JU-"chef"...
wahrscheinlich hat ihm keiner mehr zugehört und er wollte beim Frühschoppen mal so richtig auf die *** hauen, damit ihn endlich mal wieder jemand wahrnimmt. Besser schlechte als gar keine PR...
wann fliegt dieser Hüftgelenks-Schwätzer mit seiner "sozialen Inkompetenz" (AWO) endlich aus der CDU?
Zenodot schrieb am 20.02.2009 um 15:56
Parteiausschluss. Hmm, die CDU ist ja nicht die SPD. Leider sieht es aber dort beim Nachwuchs aber auch bescheiden aus, hier aber eher, weil die jungen Genossinnen und Genossen ein wenig farblos wirken. Vielleicht fehlt denen nur ein anerkanntes Feindbild? Jetzt, wo es längst Mainstream ist, den Neoliberalismus zu denunzieren.
odradek schrieb am 20.02.2009 um 13:47
Naja, mit dem Neoliberalismus kommt auch der Neoviktorianismus, zumindest in Bezug auf die Armen, die im Zweifelsfalle immer wegen ihrer moralischen Verkommenheit selbst schuld sind. Ich habe hier (weil ich aufgrund meine persönlichen Verkommenheit zu faul zum abschreiben bin) einen Abschnitt aus "The Persistence Of Victorian Liberalism" gescreenshoted, auch einzusehen über Google Books Suche (Bitte Bildchen anklicken)
Zenodot schrieb am 20.02.2009 um 16:11
Interessanter Textausschnitt, aber ich sehe die Parallele zu unserer Zeit nicht. Der Autor schreibt über die "working class", während wir doch dabei sind, ([anständig] bezahlte) Arbeit abzuschaffen und damit eine ganze gesellschaftliche Schicht überflüssig zu machen. Rauchen und trinken dürfen die dann aber trotzdem nicht, auch Nervengift soll man sich gefälligst erarbeiten.
odradek schrieb am 20.02.2009 um 17:17
Die Parallele ist, daß das Rechtfertigungsmuster des Liberalismus sich immer noch nicht überlebt hat: Die Position die du im Wirtschaftsleben einnimmst ist ausschliesslich die Folge deiner eigenen Entscheidungen, die Verantwortung was du bist trägst du. Nach dem Discounter-Tatort gab es bei Anne Will einen Einspieler, bei dem eine Pelztussi gefragt wurde, warum sie beim Aldi einkauft und ob sie das nicht schlimm finden würden, mit den schlechtbezahlten Verkäuferinnen. Die Antwort war "Ja, schon schlimm...aber wenn man das nicht will, dann soll man halt studieren". Die Frage, der dann im Discounter die Kisten einräumt, wenn *alle* studieren würden wurde leider nicht geklärt.
Wenn heutzutage den Beschäftigten zumindest nicht mehr dauernd ihre kleinen Sünden und Wünsche vorgehalten werden, dann weil man diese Schicht von 'Überflüssigen' darunter noch etabliert hat, denen jede unproduktive Lebensäusserung als Diebstahl vorgehalten werden kann.
Zenodot schrieb am 20.02.2009 um 17:41
Die Wahl der Überschrift war offenbar zu naheliegend:

http://www.stern.de/politik/deutschland/:Hartz-IV-Empf%E4nger-Mi%DFfelder/655482.html
Thorsten schrieb am 20.02.2009 um 19:54
Laut SZ war die Veranstaltung ein Frühschoppen. Nach dem Mißfeld dies gesagt hatte haben alle applaudiert und sich ersteimal eine neuen HGalben bestellt.
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