Thorsten Comtesse

Weitblick

09.02.2010 | 01:29

Erster Minarett-Streit im Saarland

Die türkisch-muslimische Gemeinde in Völklingen plant den Bau eines Minaretts auf dem Gebäude ihrer Moschee im Stadtteil Wehrden. Ende Januar wurden die Pläne bereits im Rahmen eines Bürgerforums den Ortsansässigen vorgestellt. Die Pläne sehen vor, auf der seit 20 Jahren bestehenden Moschee neben zwei Kuppeln auch ein ca. 8 Meter hohes Minarett zu erreichten. Die bisher schmucklose Moschee, die im Gebäude eines ehemaligen Kinos beheimatet ist, soll so von außen erkennbar werden. Es sei jedoch nicht geplant, den Muezzin vom Minarett aus zum Gebet aufrufen zu lassen, dies soll weiterhin nur im Innenraum geschehen. Der Vorsitzende der Türkisch-Islamischen Gemeinde, Adnan Atakli, verteidigte auf dem Bürgerforum das Projekt. Es müsse jeder Religionsgemeinschaft obligen, ihren Glauben auch nach außen zeigen zu dürfen. Wehrden, ein ärmerer Stadtteil der ehemaligen Stahlstadt Völklingen, hat zurzeit einen Ausländeranteil von etwa 20%.

Was sich eigentlich als ein rein baurechtliches Belangen darstellt, sorgte auf dem Bürgerforum für reichlich Zündstoff. Neonazis und NPD-Stadträte in Völklingen haben bereits früh gegen das Projekt gehetzt und waren auch an dieser Veranstaltung präsent, um die Stimmung aufzuheizen. Aus Sicht des NPD-Fraktionsvorsitzenden Frank Franz ist das Minarett ein Zeichen für die schleichende Islamisierung Deutschlands. "Die Moscheen der Ditib sind die Kaserne der Türken.", so urteilt Franz in einer Videobotschaft auf Seiten der NPD Saar. Doch auch ohne fremdes Eingreifen war die Stimmung zerstritten. Als Helmut Tamblé, der Vorsitzende des Stadtteilforums, die anwesenden Bürger aufforderte, auf Karten ihre Stimmung niederzuschreiben, wurden die tiefen Kluften und Vorurteile gegenüber des Islams überdeutlich. Eine Mehrheit der anwesenden Wehrdener Bürger äußerte sich gegenüber des geplanten Baus äußerst kritisch. Unterwanderung, fehlende Anpassung der Türken und Schutz des deutsch Kulturgutes waren nur einige Stichwörte. Zweifelsohne alles Vorurteile, die man durch eine vorurteilsfreie Beschäftigung mit dem Islam ausräumen kann. Der Initiator des letzjährigen Volksbegehrens gegen das Rauchverbot im Saarland, Mirko Welsch, hingegen hat anscheinend zurzeit keine weiteren Aufgaben, so will er in nächster Zeit sogar ein Volksbegehren gegen den Minaretten-Bau einleiten.

Zum Glück gibt es aber auch ein breites Bündnis Befürworter. Die Grüne Jugend Saar spricht sich ebenso wie die Linkspartei für das Minarett aus. Besonders im Hinblick auf den Schweizer Minarettstreit sei es umso wichtiger, in Völklingen ein Zeichen für die kulturelle Vielfalt und religiöse Toleranz zu setzen. Eine Stadt wie Völklingen, die stolz auf ihr Weltkulturerbe ist, könne durch den Bau eines Minaretts ihre Weltoffenheit zeigen. Der Europaabgeordnete Jo Leinen (SPD) schließt sich den Verbänden an. Die Jusos Saar warnen derweile vor einer Polemisierung in der Minarettfrage. Sie appellieren an die Fraktionen im Stadtrat (mit Ausnahem der NPD), endlich eine sachliche Debatte zu führen. Besonders die CDU tut sich hiermit schwer. Oberbürgermeister Klaus Lorig (CDU) sieht den Frieden im Ort gefährdet und versucht den Bau aufzuschieben. In seiner Neujahrsansprache forderte der OB die türkisch-muslimische Gemeinde sogar auf, ihre Pläne zurückzuziehen. Eine gelebte Integration sieht anders aus. 

Im Saarland besteht nun jedoch auch die Chance, nach dem unrümlichen Schweizer Votum ein Zeichen der Akzeptanz zu setzen. Die Religionsfreiheit ist eines unserer wesentlichen Grundrechte, jedoch muss dies auch wieder in den Köpfen der Bevölkerung und mancher Politiker ankommen. Eine Religionsgemeinschaft muss das Recht haben, ihr Gebäude von außen kenntlich zu machen. Für Völklingen wäre das Gebäude sicherlich ein kultureller Vorteil. Man darf nur hoffen, dass dieses Projekt am Ende nicht an religiöser Intoleranz scheitert, sondern höchstens an speziellen Bauvorschriften. Im Umkehrschluss muss die Stadt und die türkisch-islamische Gemeinde aber auch in Form eines offenen Dialogs auf die Bürger zugehen. Die Versammlung hat gezeigt, dass viele Menschen immer noch gefährliche Vorurteile mit dem Islam verbinden. Diese müssen ausgeräumt werden, sodass auch in Zukunft in Völklingen-Wehrden die Integration weiter gelebt werden kann und ein friedliches Zusammenleben möglich ist. Positiv stimmt hierbei zumindest die Einstellung der Kirchengemeinde. Christian Weyer, Pfarrer des evangelischen Kirchenkreises Saar-West, begrüßt das Projekt als Zeichen für gelungene Integration. Man darf nur hoffen, dass die demokratischen Parteien in Völklingen eine ähnliche Courage besitzen und der rassistischen Hetze der NPD im Stadtrat entschieden entgegentreten. Nur wenn Politik und Bevölkerung zusammenarbeiten hat dieses Projekt eine Zukunft.

 
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