Zhou er ge

Verfremdung gegen Entfremdung

25.07.2009 | 11:12

Der Platzhirsch

Entgegen Gerüchten, die sich seit der Aufklärungszeit hartnäckig halten, gibt es auch in Gesprächskreisen, Stammtischrunden, Seminaren und neuerdings sogar in Web-2.0-Foren eine Spezies, die ernsthaften Forschern wie interessierten Laien mindestens ebensoviel Kopfzerbrechen bereitet wie der Besserwisser: Gemeint ist der Platzhirsch. Obwohl sein der Jägersprache entliehener Name eine Verwandtschaft mit dem edelsten aller Paarhufer suggeriert, gibt es doch nur wenige, zudem rein äußerliche Gemeinsamkeiten, dafür aber viele signifikante Unterschiede.

Das hervorstechendste Merkmal des Platzhirsches, das ihm auch seinem Namen eingetragen hat, ist sein durchdringendes Röhren. Und bereits hier hat die vergleichende Tierforschung die ersten Differenzen festgestellt. Dient nämlich das Röhren dem Namengeber dazu, nach erfolgreichem Kampf gegen seine Rivalen »den Platz« zu behaupten, um sich den Weibchen des Rudels zur Paarung anzubieten, so stört unser Platzhirsch mit seinem Geräusch noch den friedfertigsten herrschaftsfreien Diskurs (Habermas), und zwar selbst dann, wenn er ihn mit Inbrunst zu verteidigen vorgibt.

Überhaupt die Inbrunst: Wie ein ehrgeiziges, über mehrere Jahre angelegtes Forschungsprojekt der Universität Honningsvåg mittels akustischer Messungen in Kombination mit ausgeklügelten psychologischen Tests unter Zuhilfenahme Dutzender freiwilliger Probanden herausgefunden haben will, beruht dieser Eindruck der feurigen Leidenschaft auf einer ganz bestimmten Frequenz im unteren hörbaren Bereich. Diese regt im Platzhirsch die Ausschüttung eines Hormons an, dass die Lautstärke des Röhrens noch anschwellen lässt, womit noch mehr dieses Hormons ausgeschüttet wird, das wiederum auf die Geräuschabgabe einwirkt usw. – bis er vollkommen erschöpft verstummt. Es handelt sich m. a. W. um eine akustisch-biochemische Rückkoppelung, die im unbedarften Zuhörer fälschlicherweise den Eindruck der Begeisterung auslöst. Laienhaft (aber zutreffend) könnte man es auch so ausdrücken: Der Platzhirsch hört sich gerne schreien.

Dieser einigermaßen verstörende Befund wirft sogleich ernste Fragen bezüglich des sonstigen Sozialverhaltens auf. Wie steht es etwa mit der Paarung (die, zur Erinnerung sei’s wiederholt, der eigentliche Zweck des Röhrens beim Paarhufer ist)? Amerikanische Wissenschaftler haben berechnet, dass die Energiebilanz des exzessiven Röhrens der hier betrachteten Art so ungünstig ausfällt, dass nur ein Schluss bleibt: Der Platzhirsch ist impotent.

Wenn das zutrifft (die empirische Bestätigung steht noch aus), dann schließt sich sogleich die Frage nach der Funktion des mächtigen Geweihs an, das dem Platzhirsch seine eindrucksvolle äußere Statur verleiht. Da er ernsthaften Auseinandersetzungen stets ausweichen kann, indem er jeden Herausforderer durch sein überbordendes Röhren zum Schweigen bringt, vermutet eine kleine, doch stetig anwachsende Zahl von Evolutionsbiologen, dass das Geweih im Laufe der Entwicklung seine Funktion eingebüßt hat.

Diese Hypothese wird von einer anderen, ebenfalls sehr kleinen (doch darum nicht außer Acht zu lassenden) Forschergemeinde mitgetragen, die mit ihrem zur Zeit noch eher spekulativen Ansatz besonders die aus der Impotenz folgende Frage nach der Fortpflanzung zu lösen versucht. Ihre bislang noch durch keine Untersuchung bestätigte, jedoch überaus elegante Lösung dieses Problems lautet: Der Platzhirsch ist gar keine eigene Spezies. Vielmehr entsteht er im Verlauf einer Diskussion durch Metamorphose aus dem Besserwisser. Das Geweih wäre dann nichts anderes als die auf das Schädeldach gewanderte große Klappe des Schnappmauls, wie letzterer ja auch noch genannt wird (Näheres siehe dort).

Noch gibt es zahlreiche Kritiker, die dieser Theorie vehement widersprechen, aber ihre Zahl nimmt ab, denn mit einer besseren Lösung für das Rätsel der Fortpflanzung können sie nicht aufwarten.

Am Rande sei noch erwähnt, das eine weitere, nun aber wirklich sehr kleine Forschergruppe, die Theorie von der Metamorphose inzwischen aufgegriffen und weiterentwickelt hat, um die ebenfalls noch ungelöste Frage der Herkunft des Schnappmauls gleich mit zu klären. Ihrer Auffassung nach ist der Besserwisser ebenfalls keine eigenständige Spezies, sondern, wie der Platzhirsch aus diesem, durch Gestaltwandel aus einer weiteren, bislang freilich noch nie in freier Wildbahn beobachteten Familie von Diskurstypen hervorgegangen: dem Korinthenkacker.

Die Annahme seiner Existenz stützt sich bislang nur auf wenige, in diversen Archiven entdeckte Hinterlassenschaften. Damit eröffnet sich für zukünftige Forscher ein weites Feld der Betätigung, sofern sie sich überwinden können, sich mit diesen, nun ja, Dingen zu befassen.

 

 
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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 25.07.2009 um 17:47
Lieber Zhou er ge,
endlich werden einmal mehr unerschrocken die wesentlichen Daseins Fragen im Freitag in Angriff genommen, die da sind der Platzhirsch, in seiner schäumed bockigen Ausprägung des Besserwissers, nicht zu verwechseln mit dem Besserwessi, getarnt als Gutossi mit der ernstem Sicht für den Wossi Tunnelblick.
Schon sind wir, wie kann es anders sein, bei dem Korinthenkacker, mit dem Sie hier wahrlich eher schlecht denn recht zu Gerichte gehen.

Setzt doch der Korinthenfresser, auch von Ihnen, lieber Freitags Freund, diffarmiert als Korinthenkacker Sonnenenergie unmittelbar in Nahrung um, in seinen körpereigenen Treibstoff sozusagen, sei es drum.
Nach meinen Forschungen von Kindesbeinen an über die Natur, Herkunft des Platzhirsches in Familiensystemen, insbesondere dem Sinn seines Geweihes, kann ich nun bei dieser Gelegenheit ungeschützt "diebisch erfreut" verkünden, im Geweih des Platzhirsches stecken seine Sünden, die er, bevor ihm "Hab Acht!" der Kragen platzt, von seinem Haupte abwirft, nachdem er wie von Sinnen ungestüm Ablass ohne Unterlass seiner Sünden im Geweihkampf mit anderen Röhren Hirschen suchte zu erringen.
Der Platzhirsch ist vom Wesen her gar nicht böse, er tut nur so, damit ihm sein Geweih abfällt, bevor ihm sein ein und alles der Kragen krachend platzt.

So gesehen wird nun wahr, wird klar, die Gattung der Paltzhirsche gehört vatikanisch zum klerikal Römisch Katholischen Gottesreich auf Erden.

Was soll nun aus dem Platzhirsch in Zeiten der Säkularisierung werden?

Vielleicht verzichtet der Platzhirsch bequehm auf den Wuchs & Wichs seines Geweihs und hat immer nach seinem jähzornig platzenden Kragen als Leitwolf einen Ersatzkragen dabei,
Fragen über Fragen, wir schauen betroffen, der Vorhang geht zu, viele Fragen bleiben
offen.
Daran wird geforscht!
tschüss
JP
Magda schrieb am 25.07.2009 um 19:43
"Daran wird geforscht!"

Genau, da gibts doch ein Programm "Berufsjugend forscht". Die gehen solchen Sachen nach.
Magda schrieb am 25.07.2009 um 19:47
Das ist ja alles schön und gut, aber hier wird die weibliche Variante völlig vernachlässigt. Gibt es die auch oder gibt es so eklatante und schlimme Exemplare immer nur in der männlichen Form?

Beim Platzhirsch ist das ja ohnehin schon klar.
Dann stimmt am Ende doch, was die verblendeten Feministinnen sagen: Die Männer vereinen auf sich viele Eigenschaften, die das soziale Zusammenleben sehr erschweren. Willst Du ihn wirklich noch erhärten, diesen betrüblichen Befund? Mit solchen langwierigen Erwägungen?

Man gerät ja in Trübsinn.
Joachim Petrick schrieb am 25.07.2009 um 20:29
Hallo Magda,
des Rätsels Lösung "...aber hier wird die weibliche Variante völlig vernachlässigt..."
hast du mit deinem Satz wie folgt selber gelöst:

"Dann stimmt am Ende doch, was die verblendeten Feministinnen sagen: Die Männer vereinen auf sich viele Eigenschaften, die das soziale Zusammenleben sehr erschweren...".
Warum?.
weil die Frauen Power in der Männer Power Marke "Platzhirsch" ihre missraten "ausser Kontrolle" geratene Power per zwischenlagernder "Bad Bank" Zweckgesellschaft unauffindbar, ewig strahlend "Asse halt die Fresse"grinsend als Beziehungskistenmüll entsorgen.
Wie findest du die Lösung deines Rätsels?

Auch du, wie ich, Zhou er ge und all die anderen haben ein Recht auf unsinnigen Trübsinn!, oder?

Steckt nicht gerade in der Unsinns- Philosophie das Alltags- Genie des Know Hows vom Sinn als spurengesicherndes Archiv geborgen?

Deine Antwort wird ihn mir besorgen, den Sinn im Unsinn!, oder auch nicht?
tschüss
JP
Zhou er ge schrieb am 26.07.2009 um 09:15
Hier tummeln sich ulkige Leutchen! Ein wahrer Zoo des Allzumenschlichen und eine schier unerschöpfliche Quelle für lustvolle Momente beim Schreiben künftiger Bestiariumsbeiträge! - Wenn nur der Faktor Zeit nicht wäre! Die Diagnose des Unsinns ist übrigens ein wenig zu grob. Das "Bestiarium" steht nicht und ich sehe mich nicht in der Tradition eines Günter Eich.
Einstweilen, zum Nachdenken, ein Zitat:
"Es beschreibt den Typus von Handlungen der Überreaktion, dass sie von solchen begangen werden, die Metaphern nicht verstehen können. Das gilt nicht nur für deren Erzeugung, sondern auch für deren Handhabung: Übertragungen müssen geleistet, aber nicht beim Wort genommen werden. Die Unfähigkeit, Substitutionen vorzunehmen oder gelten zu lassen, ist nahezu identisch mit der anderen, Delegationen von Zuständigkeiten an andere vorzunehmen und Repräsentation für Entscheidungen der Vielen durch Wenige gelten zu lassen. Es ist ein rigider Realismus der Unmittelbarkeit, der alles selbst entscheiden oder an allem mitentscheiden will, um sich der Gunst der Institutionen, nicht an allem selbst beteiligt sein zu müssen, zu verweigern." (Rechtschreibung angepasst.)
Hans Blumenberg: "Arbeit am Mythos". Frankfurt/M. 1984 (1996) S. 12 f.
Magda schrieb am 26.07.2009 um 10:42
"Einen weltbefohrnen dschungen Mann"

(Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm)
Zhou er ge schrieb am 26.07.2009 um 11:49
Liebe Magda!

Geliehener Witz würzt nicht den Geist, sondern schmeichelt bloß der eigenen Eitelkeit. (Kein Zitat.)

Oder wie ist der:

Geliehener Witz ist kein meisterhaft abgeschossener Pfeil, sondern bloß ein dilettantisch geworfener Bumerang (Auch kein Zitat.)

Aber was soll's: Vertane Zeit!
Zhou er ge
Ich bin kein Chinese, sondern ein Kind er sozialliberalen Ära, das, von der Gegenwart zunehmend entfremdet, dennoch gerne der Zukunft zugewandt bleiben und sich nicht als "von gestern" abstempeln lassen möchte.
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