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Im Streit um die richtigen Lehren aus der aktuellen Misere der globalisierten Wirtschaft stehen sich, wenn man die liberal-konservativen Trompeter des »Weiter so!« einmal außer Acht lässt, eine gemäßigte Haltung, die mit volkswirtschaftlichem Blick die Reparatur des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells für möglich hält, und eine an Marx sich orientierende systemkritische Position gegenüber, die »das Ganze« im Einklang mit den Analysen des großen Meisters für verloren hält. Für erstere kann man aktuell den ebenso pointierten wie polemisch die Mythen der gegenwärtigen Politik aufspießenden Artikel des Spiegelfechters nehmen, letztere findet in Robert Kurz’ Spekulation über eine wachstumslose Gesellschaft einen – freilich etwas klirrenden – Ausdruck. Beide verstehen es, die Widersprüche der gegenwärtigen Verhältnisse, hie überbordender Reichtum, der sich auf den virtuellen Spielwiesen der sogenannten Finanzindustrie austobt, da hochrationalisierte Überproduktion, die mangels Massenkaufkraft keine Abnehmer mehr findet, auf den Punkt zu bringen, und zumindest der Spiegelfechter wartet auch mit Lösungsvorschlägen auf, die Kurz naturgemäß als untaugliches Keynesianisches Kurieren an den Symptomen verwerfen muss. Ohne eine grundlegende Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins gibt es für ihn keinen Ausweg aus der Krisenökonomie.
In den Augen beider Autoren mangelt es den gegenwärtigen Akteuren in Politik und Ökonomie vor allem an vernünftiger Einsicht in die Lage. In diesem Sinne schreiben beide in der aufklärerischen Tradition der Nationalökonomie (wobei sich Kurz selbstverständlich auf die dialektisch-materialistische Kritik an der klassischen politischen Ökonomie bezieht). Dieser Tenor bestimmt den größten Teil der kritischen Stimmen, die seit Ausbruch der Finanzkrise in der Tagespresse und anderswo laut geworden sind. Gleichgültig, ob man nun die sprichwörtlichen »gierigen Manager« in Haftung nimmt oder das »systemimmanente Versagen« konstatiert: Immer erscheint die Krise als unverständliches Abweichen vom Endziel einer vernünftigen gesellschaftlichen Entwicklung, bei der jeder einzelne Mensch zumindest das hat, was er zum Leben braucht.
Die Selbstverständlichkeit, mit der dies konstatiert wird, ist, gelinde gesagt, erstaunlich. Erklären lässt sie sich eigentlich nur mit einer inzwischen sechzig Jahre währenden demokratischen Gesellschaftsverfassung in drei Vierteln des deutschen Staatsgebietes und einer zumindest dem ideologischen Anspruch nach ebenfalls egalitär demokratischen Ordnung im bis vor zwanzig Jahren eigenständigen Teil. Doch auch wenn mehrere Generationen von Menschen an geregelte Lebensverhältnisse gewöhnt sind, folgt daraus nicht deren Notwendigkeit. Und es gibt genug Anzeichen, diese in Frage zu stellen. Man muss sie nur zur Kenntnis nehmen.
Ein wesentlicher Faktor ist m. E. bei den bisherigen Analysen der Krise außer acht gelassen worden. Dies ist umso erstaunlicher, als er der eigentlich bestimmende Begriff der postmodernen Theorieansätze war, welche die intellektuellen Debatten der letzten Jahrzehnte dominiert haben: die Macht.
Nun geht es mir, Gott bewahre, nicht darum, die alten, oft genug präpotenten post-, de- und meta- getunten Diskurse wiederzubeleben, doch ohne eine angemessene Berücksichtigung der Macht als einer gesellschaftlich relevanten Größe (und nicht als einer zu überwindenden kulturellen Krankheit, wie die eine Seite, oder einer Quantité négligeable, wie die andere will) wird es immer weiße Flecken auf der programmatischen Karte geben, die den Weg aus der Krise weisen will.
Um die oben angeführten Beispiele heranzuziehen: Das Bild des seine Zinsen verzehrenden Hängemattenbewohners, wie der Spiegelfechter es beschwört, ist, richtig verstanden, eine polemische Spitze gegen die vor allem von den Westerwelles dieses Landes erhobene Forderung einer steuerlichen Entlastung der sogenannten Leistungsträger. Als solches funktioniert es auch. Gleichzeitig verdeckt es aber die Tatsache, dass das Kapital der Machtfaktor in einer kapitalistischen Gesellschaft ist – wie die jüngste Entwicklung in der Affäre VW/Porsche zur Genüge veranschaulicht.
Setzt die gemäßigte Kritik auf ironische Entlarvung der volkswirtschaftlichen Fehlleistungen, so vertraut die materialistische Analyse auf eine einfache Dynamik der Kapitalakkumulation als eine Art Perpetuum mobile des Kapitalismus. Das Befriedigende dieser Sichtweise besteht vor allem in der systemischen Geschlossenheit. Diese jedoch führt letztendlich zu dem merkwürdigen Postulat eines kollektiven Bewusstseins. Was das für praktische Konsequenzen hat, davon geben die sowjetischen Gulags ein ebenso beredtes Zeugnis ab wie die Landkommunen der chinesischen Kulturrevolution oder die »Killing fields« in Kambodscha. Dies braucht hier nicht weiter vertieft zu werden.
Wie immer man es auch angeht: Der »Wille zur Macht« ist weder eine zu vernachlässigende Größe noch eine auszumerzende Krankheit, sondern ein wesentliches Antriebsmoment auch und gerade der kapitalistischen Gesellschaft. Dabei geht es nicht einmal in erster Linie um die offensichtlichsten Äußerungen dieses Machtwillens, etwa im gegenwärtigen Elitenkult (und erst recht geht es nicht um eine Rückkehr zur grob verzerrenden und vereinnahmenden Sicht des Machtbegriffs im Vorfeld der faschistischen und nationalsozialistischen Machtergreifung). Es geht vielleicht überhaupt nicht um politische Macht, sondern um den menschlich allzu menschlichen Wunsch nach Steigerung des eigenen Lebens, mit dem Nietzsche sich von den bürgerlichen Apologeten christlicher Askese absetzen wollte. Wir Heutigen in unserer voll entfalteten Konsumwelt sollten das eigentlich nur zu gut verstehen.
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Und dennoch sollte einen Politiker der Idealismus prägen. Auch wenn dies selbst nur allzu idealistisch ist.
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Worauf genau bezieht sich das "dennoch", wenn ich fragen darf?
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So menschlich der Wunsch nach Steigerung des eigenen Lebens erscheint: gibt es nicht auch hier eindeutige Grenzen des Wachstums?
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Nein. Die Antwort darauf hat Nietzsche bereits gegeben:
Oh Mensch! Gibt acht! Was spricht die tiefe Mitternacht? "Ich schlief, ich schlief -, Aus tiefem Traum bin ich erwacht: - Die Welt ist tief, Und tiefer als der Tag gedacht. Tief ist ihr Weh -, Lust - tiefer noch als Herzeleid: Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit -, - will tiefe, tiefe Ewigkeit!" Aus "Also sprach Zarathustra". Herrlich vertont im vierten Satz von Gustav Mahlers dritter Symphonie. Der Punkt ist nicht, ob es Grenzen gibt, sondern wie man sie steuert oder, freudianisch gesprochen: sublimiert. |
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Gerade lese ich, dass mir eine kleine sprachliche Ungenauigkeit unterlaufen ist. Das "sie" im letzten Satz bezieht sich natürlich auf die Lust und nicht auf die Grenzen, die es bei der Lust in der Tat nicht gibt.
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Auch für Robert Kurz soll also gelten, dass ihm „die Krise als unverständliches Abweichen vom Endziel einer vernünftigen gesellschaftlichen Entwicklung“ erscheine. Wie man vom Endziel abweichen kann, ist mir eh nicht klar (vom Weg, das mag gehen, wenn man sein Ziel aus den Augen verloren hat), aber was das mit der Theorie von Kurz zu tun haben soll, ist nicht nachvollziehbar.
Da Robert Kurz sich „selbstverständlich auf die dialektisch-materialistische Kritik an der klassischen Ökonomie bezieht“, wie wir lesen, ist seine Einordnung ins vorgegebene Schema des Autors relativ schlicht gestrickt: „so vertraut die materialistische Analyse auf eine einfache Dynamik der Kapitalakkumulation als eine Art Perpetuum mobile des Kapitalismus.“ Also eine Maschine, die ohne Energiezufuhr von außen, dauernd Arbeit verrichtet? Sehr interessant, wie man schon bei solchen einfachen Bildern daneben greifen kann. Dann: „Das Befriedigende dieser Sichtweise besteht vor allem in der systemischen Geschlossenheit.“ Dass sich diese „Sichtweise“ vom alten Arbeitermarxismus radikal verabschiedet und auch danach noch inhaltlich verändert hat, muss jemanden, der diese Schriften nicht kennt (das unterstelle ich jetzt mal), natürlich nicht weiter irritieren. Aber aus der so generalisierten „marxistischen“ Sichtweise folgt: „Diese führt letztendlich zu dem merkwürdigen Postulat eines kollektiven Bewusstseins.“ Gemeint ist wahrscheinlich, was Marx als Klassenbewusstsein bezeichnete, sich bei Robert Kurz aber schwerlich finden lässt. Und dann folgt der „vernichtende“ Schluss: „Was das für praktische Konsequenzen hat, davon geben die sowjetischen Gulags ein ebenso beredtes Zeugnis ab wie die Landkommunen der chinesischen Kulturrevolution oder die »Killing fields« in Kambodscha.“ Zhou er ge hat zugeschlagen. Bravo! Und jetzt zaubert er die Lösung des Problems aus dem Hut: der „Wille zur Macht“! Natürlich gehe „es nicht um eine Rückkehr zur grob verzerrenden und vereinnahmenden Sicht des Machtbegriffs im Vorfeld der faschistischen und nationalsozialistischen Machtergreifung“. Auf einmal ist Differenzierung angesagt. Zur Erinnerung: Das Werk „Der Wille zur Macht“ wurde aus dem Nachlass Nietzsches erstellt und zum Teil auch inhaltlich entstellt. Der Philosoph Ernst Tugendhat hat allerdings unabhängig davon grundsätzlich eingewandt: „Nietzsches Terminus ist "Wille zur Macht", und Hitler erklärt: "Stets hat der Stärkere das Recht, seinen Willen durchzusetzen", das sei das Gesetz der Natur. Die Macht allein - als Gewalt verstanden - entscheidet und rechtfertigt zugleich. Gleichheit wird also im Namen der Macht verworfen. Und sowohl bei Nietzsche wie auch bei Hitler lautet die Begründung: Es sei eine Tatsache, dass alles menschliche Handeln, ebenso alles Leben überhaupt ausschließlich durch Machtstreben bestimmt wird.“ (Der komplette Artikel findet sich unter ZEIT-ONLINE/Nietzsche/Der Wille zur Macht) |
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"...(das unterstelle ich jetzt mal), natürlich nicht weiter irritieren."
Sie sind gut im Unterstellen. Zu mehr reicht es leider nicht. Lassen wir es also dabei bewenden. Froh bin ich nur, dass Ihre Worte keine Kugeln sind. Sie könnten es sein. |
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jemand, der ein zeitgenosse nietzsches war, schrieb zur machtfrage:
"und nun ist die Macht an sich böse, gleichviel wer sie ausübe. Sie ist kein Beharren, sondern eine Gier und eo ipso unerfüllbar, daher in sich unglücklich und muß also andere unglücklich machen." (jacob burckhardt) macht ist biologisch mitgeliefert, bei tier und mensch. seit der domestizierung des menschen durch den menschen spielt die rangordnung eine stets größere rolle; mensch fällt so fortschreitend auf bestialische verhältnisse und verhaltensweisen zurück. sprachlich finde ich deinen blog weitgehend ok, aber inhaltlich kann ich ihm nichts abgewinnen. |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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