Die Freiheitsstatue, oder was das sein sollte, gab nicht viel her. Eine Frau in hochgeschlossenen Kleidern, jugendfrei und brav, als hätte der Bildhauer Delacroix` weltberühmtes Gemälde nicht gekannt. Spätestens nachdem man die halbnackte französische Liberté gesehen hat, weiß man, was die Freiheit für ein wildes, mutwilliges Weibsbild ist. Die Bronzestatue, die ich im Visier hatte, wirke wie aus dem betulich braven Märchenfernsehen der sechziger Jahre entsprungen. Weder der Charme der Marianne, noch die edle Schönheit der Dame auf dem Gellértberg. Ob sie eine überdimensionale Pfauenfeder oder einen überstilisierten Palmwedel in der Hand hielt, konnte ich nicht entscheiden.
Trotz des Gegenlichtes drückte ich den Auslöser. Als ich mich umdrehte, bemerkte ich den kleinen Mann, der mich kopfschüttelnd, mit leidig anschaute. Er hatte schon bessere Tage gesehen, zu mindest hoffe ich das. Ein Allerweltsdeklassierter, wohin lief er mit seiner Reklameplastiktüte am späten Nachmittag. Richtig! Richtung Bahnhof.
„Seien Sie mir nicht böse. Ich habe auch mal fotografiert“, sagte er.
Die Kamera sicher längst versetzt oder versoffen. Aber das behielt ich für mich.
„Die Russen fotografieren Sie nicht?“ Er deutete auf die gegenüberliegende Straßenseite.
„Doch da war ich gerade.“
Der Soldatenfriedhof, unweit des Zentrums von Stuhlweißenburg, befand sich in einem überraschend guten Zustand. Ein paar rote Sterne hatten Grabschänder geklaut, andere waren verbogen. Die große Anlage jedoch war gepflegt. Weder Müll, noch Grafitti. Was in der heutigen Zeit schon viel heißen will. Ewiger Ruhm den Helden. Ruhm den Befreiern.
„Hassen Sie die Russen?“
Warum sollte ich mit der Wahrheit hinterm Berg halten, zumal ich ihm körperlich überlegen zu sein schien.
„Nein. Im Gegenteil.“
Was kam nun? Ein einstündiger Vortrag über die Schandtaten der Roten Armee? Den niedergeschlagenen Aufstand von 1956. Oder Revolution, wenn man so will.
Er schaute mich an und wartete.
„Und Sie?“ fragte ich.
„Bin selber einer. Mein Vater war Matrose. Am 9. Mai kommen wir hierher. Und trinken. Bei uns isst man nicht. Wir betrinken uns auf dem Friedhof. Mein Vater war Matrose.“
Er wandte sich zum Gehen.
„Nichts für ungut“, murmelte er.
„Alles Gute!“ rief ich ihm auf Russisch hinterher.
Er drehte sich um, lächelte und sagte: „Do svidanja!“
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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