zinkhund

Panoptikum

06.08.2011 | 13:52

Massaker von Novi Sad

Élet és Irodalom (Leben und Literatur), 29.07.2011

 

Sándor Képíró war während des Zweiten Weltkriegs als Offizier der ungarischen Gendarmerie am Massaker von Novi Sad beteiligt, bei dem über 3.300 Zivilisten (vor allem Serben und Juden) ermordet wurden. Im Mai 2011 wurde dem jetzt 97-Jährigen in Budapest der Prozess gemacht, der in erster Instanz mit einem Freispruch endete (mehr dazu hier). Den Rechtsanwalt László Bodolai hat das Mitleid mit dem "alten, kranken Mann" ebenso erschreckt wie die generellen Zweifel vieler Ungarn am Sinn eines Prozesses nach so vielen Jahren. Hätten nicht auch die Kritiker zu den Toten gehören können? "Es wäre naiv zu glauben, dass das nur anderen zustoßen kann. [...]. Und wenn die Boulevardpresse während des Prozesses nicht nur einen gebrochenen alten Mann gezeigt hätte, der aus dem Krankenhaus vor Gericht zitiert wird, sondern auch das aufgedunsene Gesicht des erschossenen und in die Donau geworfenen Ehepaares Steinenberg oder das an die Wand gespritzte Gehirn der kranken und bettlägerigen Iren Weisz nach ihrem Kopfschuss, so würden auch jene, die den Prozess jetzt als 'sich selbst legitimierendes Festival des Holocaust-Business' verhöhnen, viel weniger Zustimmung finden."

 

(Quelle: Perlentaucher)

 

 

Wikipedia: Massaker von Novi Sad

 

Das Massaker von Novi Sad war ein Kriegsverbrechen der zu den Achsenmächte gehörenden ungarischen Besatzer gegen die Bevölkerung von Novi Sad im Zweiten Weltkrieg. 1.246 einheimische Zivilisten (meist Serben und Juden) wurden zwischen dem 21. und 23. Januar 1942 von ungarischen Einheiten unter General Ferenc Feketehalmy-Czeydner ermordet. Die Leichen wurden anschließend in die Donau geworfen.

 

15 Täter der ungarischen Armee und Gendarmerie, darunter Sándor Képíró, waren laut Ermittlungen des Simon Wiesenthal Centers an dem Massaker beteiligt.

 

 

Vorgeschichte

 

Im April 1941 hatten deutsche Truppen mit Unterstützung italienischer und ungarischer Armeen Jugoslawien besetzt und das Land geteilt. Die Batschka, zu der auch Novi Sad gehört, wurde daraufhin an das ebenfalls faschistisch regierte Ungarn angegliedert.

 

Verlauf

 

Im Januar 1942 führten jugoslawische Partisanen eine Reihe von Sabotageaktionen im Raum Novi Sad durch und töteten dabei mehrere ungarische Gendarmen und Soldaten. Der ungarische Generalstabschef Ferenc Szombathelyi ordnete daraufhin eine „Vergeltungsaktion“ in der Batschka an, die unter Führung von Generalleutnant Ferenc Feketehalmy-Czeydner, Generalmajor József Grassy, Oberst László Deák und Hauptmann der Gendarmerie Márton Zöldy durchgeführt wurde. Die drei Bataillone erhielten Unterstützung von lokalen Polizei-, Gendarmerie- und Heimwehreinheiten. Im Dorf Žabalj, in dessen Umgebung die Partisanen beobachtet worden waren, wurde auf Befehl Feketehalmys die gesamte Bevölkerung massakriert. In Novi Sad fand vom 21. bis 23. Januar ein Pogrom statt, dem knapp 800 Menschen, davon 550 Juden und 292 Serben, zum Opfer fielen. Die Gesamtzahl der Todesopfer bis zum Abschluss der Aktion am 31. Januar belief sich auf bis zu 4000 Personen.

 

Nachgeschichte

 

Das Massaker von Novi Sad führte zu Protesten in Ungarn, an denen unter anderem der Vorsitzende der oppositionellen Partei der Kleinlandwirte, Endre Bajcsy-Zsilinszky, beteiligt war. Feketehalmy wurde in den Ruhestand versetzt, blieb jedoch zunächst ungestraft. Am 14. Dezember 1943 wurde in Ungarn dann doch gegen 15 Offiziere ein Prozess eröffnet. Feketehalmy-Czeydner wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, sieben Mitangeklagte erhielten Strafen von jeweils über zehn Jahren. Am 15. Januar 1944 floh Feketehalmy-Czeydner zusammen mit drei weiteren Verurteilten nach Wien, wo sie politisches Asyl erhielten. Einem Auslieferungsbegehren der ungarischen Regierung kam Adolf Hitler nicht nach.

 

Feketehalmy-Czeydner geriet im Mai 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurde 1945 zusammen mit Szombathelyi zunächst an Ungarn ausgeliefert. Ein Volksgericht verurteilte Szombathelyi zu lebenslanger Haft. Im Januar 1946 lieferten die ungarischen Behörden Feketehalmy-Czeydner, Szombathelyi, Grassy, Deák und weitere ungarische Militärs an Jugoslawien aus. Die ausgelieferten ungarischen Militärs und zwei Serben aus Novi Sad wurden dort wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt und am 5. November 1946 in Žabalj gehängt.

 

Sándor Képíró, der ebenfalls an dem Massaker beteiligt war, gelang 1945 die Flucht nach Österreich und 1948 nach Argentinien. Er lebt heute in Budapest und wurde enttarnt. Képíró erstattete gegen den Leiter des Wiesenthal-Zentrums Anzeige, woraufhin Anfang 2011 gegen diesen ein Prozess eröffnet wurde. Dabei geht es um Üble Nachrede und Rufmord. Am 5. Mai 2011 wurde in Budapest ein Verfahren gegen Képíró eröffnet, das am 18. Juli desselben Jahres mit einem Freispruch endete.

(...)

 

 

 

Danilo und die Nation

 

István Eörsi

 

In einem Interview sprach Danilo Kis über die Massenmorde, denen auch sein Vater beinahe zum Opfer fiel. Im Januar 1942 marschierte die ungarische Armee in der Vojvodina ein, damit den mit Jugoslawien geschlossenen Vertrag über ewige Freundschaft brechend und in der Hoffnung, sich die im Trianoner Frieden abgetrennten ungarischen Gebiete zurückholen zu können. Bei Novi Sad exekutierten die Invasoren Tausende von serbischen und jüdischen Bürgern, und zwar so, dass ein eigens zu diesem Zweck in den Eispanzer der Donau gehauenes Loch dazu diente, ihre Leichen aufzunehmen. Auch der Vater des orthodox getauften, siebenjährigen Danilo, der, anders als der Rest der Familie, als Jude galt und den gelben Stern trug, wurde aus dem Kreis der Familie gerissen und abgeholt. Doch als er an die Reihe gekommen wäre, war das Eisloch von den vielen Leichen bereits verstopft, und, mit den Worten des Schriftstellers gesagt, "dieses technische Problem verzögerte die Exekutionen etwas". "Mein Vater tauchte in den späten Nachmittagsstunden zu Hause auf, ein gebrochener Mann, plötzlich gealtert, das Grauen in den Pupillen. ... Dieser Tag an der Donau und das Warten vor den Kabinen, im Vorhof der Hölle, das Warten darauf, an die Reihe zu kommen (denn es ist unmöglich, dass er nicht die Schüsse, die Todesschreie, das Aufklatschen der Körper im Wasser gehört hat), all das erschütterte seinen an sich schon angegriffenen Gesundheitszustand vollends." Diesmal kam er noch davon, doch man möge nicht an ein familiäres Happy-End glauben! Das "technische Problem" war die Ausnahme, die die Erfüllung der Regel lediglich aufschob. Zweieinhalb Jahre später wurde Danilos Vater aus dem Getto von Zalaegerszeg in Südwestungarn in die Gaskammern von Auschwitz deportiert. Sein Sohn übersiedelte im selben Sommer zusammen mit seiner Schwester und mit seiner Mutter in deren Heimat, nach Cetinje in Montenegro. Dort schrieb er sich schnurstracks in die örtliche Kunstschule ein. Auch ohne besondere Vorstellungskraft vermag man sich leicht auszumalen, welche unauslöschbaren Bilder der damals Neunjährige hinter seiner Stirn barg!

 
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