5
]
Vor einigen Jahren noch debattierte die deutsche Öffentlichkeit angeregt über Werbeslogans wie „Geiz ist geil!“ oder „Wir können nur billig!“. Für die einen war dies witzig, für die anderen einfach nur der Auswuchs eines moralisch fragwürdigen Zeitgeistes. Doch schaut man sich dieser Tage in der Werbung um, so entdeckt man Spots, deren Aussage – da viel subtiler – um einiges diskussionswürdiger zu sein scheinen.
Noch vor einiger Zeit ärgerte ich mich über einen Versicherungsanbieter, der seine Zusatzversicherung mit der Frage anpries, ob man nicht schneller beim Arzt an die Reihe kommen möchte. Zwar ist die Zwei-Klassen-Gesellschaft im deutschen Gesundheitswesen schon lange kein Geheimnis mehr und auch erschließt sich einem auf den ersten Blick, dass diese Frage unweigerlich auf den wunden Punkt des potenziellen Kunden hinzielt nicht mehr zur unteren, zurückbleibenden Klasse gehören zu wollen und somit das betriebswirtschaftliche Ziel des Gewinnerzielens näher kommen lässt. Doch stellt sich die Frage in wieweit auch Werbeagenturen eine moralische Verantwortung haben, denn in diesem Werbespot liegt eine klare Provokation gegenüber der sogenannten Unterschicht, die sich das Zusatzpaket vielleicht nicht leisten kann oder will.
Und: Handelt es sich hierbei überhaupt um ein moralisches Problem oder eher ein geistiges? Sind die Macher dieses Spots vielleicht die ersten Opfer eines Bildungssystems, in dem das eigenständige Nachdenken und Sinnieren über die Folgen des eigenen Handelns gegenüber dem Auswendiglernen von wirtschafts-ideologisch geprägten Merksätzen zurücktreten muss und Sensibilität gegenüber dem eigenen Tun komplett fehlt?
Doch auch dieser Spot war noch harmlos im Vergleich zum neuesten Spot von Cortal Consors: Wir sehen einen Mann an einem See. Naturidyll pur. Dann die Stimme aus dem Off: „Jahrelang war ich hinter dem Geld her. Doch ist wahre Schönheit nicht die Welle, die sich auf einem See bricht? Liegt wahre Schönheit nicht in den Rundungen eines Steines?“ … Pause… „Nööö!“
Was wollen uns die klugen Werbeköpfe hier sagen? Letztendlich lautet die Botschaft doch: Wer sich um nicht-materielles kümmert ist der Depp! Wiederum aus betriebswirtschaftlicher Sicht sicher ein gelungener Schachzug. Doch kann ich mir nach der größten Finanzkrise unserer Lebzeit, die meine Branche selbst verschuldet hat, einen solchen Affront erlauben? Sollte man nicht eher einen Schritt in Richtung derer machen, die diesen Fehler ausbaden mussten und darum kämpfen, dass man nicht mehr als rein Rendite-geiles Unternehmen gesehen wird, sondern auch einen Funken Anstand besitzt und sich um die Interessen der Gemeinschaft, von der man lebt, sorgt? Oder hat auch hier unsere geistige Elite einfach den Knall nicht gehört?
Sind wir bereits soweit, dass das Kokettieren mit Moralverlust sich positiv auf den eigenen Geschäftsbericht auswirkt? Auf jeden Fall sollte man als Öffentlichkeit wachsam bleiben. Dies sind bisher nur zwei Extremfälle, doch zeigt die Erfahrung rund um „Geiz ist geil“, dass sich ein solches Verhalten bei Erfolg schnell rum spricht und imitiert wird. Und dies wäre der Vorbildfunktion, die alles Öffentliche – und damit auch die Werbung – hat, enorm schadhaft.
|
|
25 Jahre Verbloedung durch Privatfernsehen.
|
|
|
<<
Provokation gegenüber der sogenannten Unterschicht, die sich das Zusatzpaket vielleicht nicht leisten kann oder will >> Ja, bitter, aber sicher legitim. Wobei ich hier gar nicht auf die Unterschicht anspielen wuerde. Schau mal was Benn und Co, also Aerzte in den 20er Jahren, ueber Kassenaerzte gesagt haben. Womoeglich waren es die NAZIs, die das Kassenarztsystem breit durchgesetzt haben. Wie die Betriebsgemeinschaft aka Weihnachtsgeld etc. |
|
|
Wenn ich mir überlege, dass Konservative schon seit etwa 2000 Jahren sich über "Moralverlust" beklagen, will ich gar nicht wissen, wo wir angeblich angekommen sind bzw. wo die Vorfahren vor 2000 Jahren angeblich auf einer Stufe gewesen waren...
Immer dieselbe Leier. |
|
|
Ich würde angesichts des Befundes weniger "Moralverlust", vielmehr "Werteverlust" diagnostizieren (gibt für beides sicherlich eine ICD-Kategorisierung).
Billig - Billiger - am Billigsten - Kostenlos. Daraus resultiert dann das, was die Unterhaltungsindustrie für die "Kostenloskultur im Internet" hält, denn nicht die (ideelle bzw. materielle) Qualität bestimmt durch deren Brille den Wert, sondern der Preis, in einer Geldwährung ausgedrückt. Was nichts kostet, ist nichts wert", heißt es dann über die Angebote im Netz, denn das Dogma heißt: der Preis spiegelt den Wert wieder. Darum werden auch immaterielle Güter zu Eigentum, denn den kann man taxieren. Man sollte aber auch zwischen Propaganda und individueller Erkenntnis eines vernunftbegabten Individuums unterscheiden und eben Propaganda immer für common sense halten. |
|
|
Cortal Consors nimmt mit seiner Werbung die nach der Finanzkrise entstandene Moral der Regulierungsmahner und Finanzkritiker auf die Schippe und gelingt damit ein ausgesprochen kreativer und gelungener Werbespot.
Die Direktbank ist dabei nicht weniger selbstironisch wie provokant und setzt sich gerade dadurch von der biedereren weil "seriöseren" Konkurrenz ab. Das Unternehmen entfernt sich von geheuchlter selbstkritischer Einsicht, gibt sich ehrlicher und offener denn je und verhöhnt die moraltriefenden Ankläger der Finanzbranche. Der Protagonist des Spots setzt den geschwollenen, nichts sagend formulierten Gegenargumenten ("wahre Schönheit in den sanften Wellenbewegungen...den sanften Rundungen eines Steins") ein präzies, ehrliches "Nö" entgegen und macht sich dadurch unangreifbar. Die Werbung ist fies, provokant und ehrlich. Und nicht zuletzt lustig. Wer diese Ironie nicht versteht, gehört wahrscheinlich zu den Leuten, denen dieser originelle Spot den Spiegel vorhält. |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen