Markus

Blog von Markus

28.05.2010 | 17:07

"Public Viewing" oder "Wie komme ich durch die WM?"

 

Bald ist es wieder soweit. Die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika wird für 4 Wochen wieder den Rhythmus des deutschen Lebens bestimmen. Schon jetzt finden sich überall im Supermarkt statt Sonderangeboten nur noch „Fanpakete“. Und so rüsten sich auch bereits allerorten die Kneipen und Städte für das Phänomen Public Viewing, also öffentliches Geglotze.

Public Viewing, diese Marketing-Strategie mit unfeinem angliziertem Namen, hat in Deutschland zumindest eines geschafft. Sie bringt alle 2 Jahre Menschen zusammen, die vorher unvereinbar schienen, sprich Fußballfans und Partymenschen. Und wie in den letzten Jahren werden auch dieses Mal wieder einige Fans, die sich nicht nur in einem 2-Jahres-Rhythmus für Fußball interessieren, sondern auch sonst regelmäßig in der Kurve ihres Vereins mitzittern und –fiebern, den Kopf schütteln über das, was zu Zeiten dieser großen Events (ein weiterer „Igitt-Anglizismus“ für Fans) aus Fußball gemacht wird.

Selbstverständlich ist jeder Neuzugang in der Familie der Fußballinteressierten jederzeit herzlich willkommen, nur passiert es eben in den Sommern gerader Jahreszahlen allzu häufig, dass sich die Zahl der Neuankömmlinge in Kategorien bewegt, die ein gepflegtes Fußballschauen und –zelebrieren unmöglich werden lassen, da plötzlich die Mehrzahl der Anwesenden mit der Fußballkultur gar nicht vertraut ist.

Was also ist zu beachten?

  • Zunächst ist Fußball KEINE Ausrede, um mal eben Party machen zu gehen. Nach dem EM-Finale konnte man miterleben, wie trotz (selbst verschuldeter) Niederlage und (trotz Erreichen des Finales) unterirdischer Leistungen im Turnierverlauf einfach gefeiert wurde. Verehrte Eventies, wenn ihr schon mitmachen wollt, dann lasst den Leuten, die es wirklich interessiert wenigstens auch Zeit zum Fluchen und Sauer sein, ja vielleicht auch zum Trauern! Wie schreibt Nick Hornby (Pflichtlektüre!!! Wer ihn nicht kennt, sollte gar nicht erst wagen zum Public Viewing zu gehen) so treffend: Der Grundzustand des Fußballfans besteht in tiefer Trauer, Demut und Leiden!
  • Andersherum ist es ebenso unpassend beim Ausbleiben des gewünschten Erfolges gleich beleidigt auf das eigene Team einzuschlagen und womöglich von Dannen zu ziehen. Auch ein 0:0 kann für Fans ein faszinierendes Spiel sein, wenn die Leistung der Teams stimmt. Oder eine knappe Niederlage gegen eine Topnation. Es kommt eben immer auf die Begleitumstände an.
  • Was gar nicht und unter keinen Umständen geht, sind unqualifizierte Kommentare in Richtung gegnerischer Teams (sofern es keinen unmittelbaren Grund wie ständiges Inszenieren von Schwalben o.ä. dafür gibt). Im Gegensatz zu den Zuschauern, die sich mit dem Thema WM erst bei der Eröffnungsfeier beschäftigen, quälen sich die Teams und Spieler bereits seit zwei, teilweise drei, Jahren durch Qualifikationsrunden und verdienen höchsten Respekt. Für viele Nationen stellt dies auch im Gegensatz zu uns eine einmalige Sache dar. Jede Mannschaft, jeder Spieler verdient Fair Play!
  • So wie jedes Team Fair Play verdient, verdient auch jedes Team ein Mindestmaß an Beachtung. So kann es nicht sein, dass in Kneipen nach dem Deutschland-Spiel die Fernseher runter gedreht werden und der folgende Kracher zwischen Algerien und Slowenien unbeachtet bleibt, ja sogar Leute mit Deutschland-Farben im Gesicht vor dem Bildschirm auf und ab laufen.
  • Im Vorfeld der Public Viewings werden auch die Stadiongänger wieder auf eine harte Probe gestellt. Die sogenannte Stimmungsmusik, die man maximal in Stadien wie Hoffenheim, Wolfsburg oder Leverkusen findet, ist doch ein erheblicher Unterschied zum sonstigen Musikumfeld eines Fußballspiels und lässt im Gegensatz zur Bezeichnung doch nur wenig Stimmung bei denen aufkommen, die wegen des Fußballspiels dort sind. Denn durch ständige, nervtötende Beschallung mit Micky Krause und irgendwelchen Cowboys und Indianern wird genau das unterdrückt was Fußball so groß macht: Eine Eigendynamik von Gesängen, die von den Fans kommt. Das Spontane und Kreative eben! Wer schon einmal in einem Stadion war (und ich spreche hier von richtigen Stadien mit richtigen Fans wie dem Westfalenstadion, Betzenberg oder Millerntor) weiß, dass das eigentliche Spiel gerade einmal 20 % des Erlebnisses ausmacht.

 

Es bleibt für jeden zu bedenken, ob Public Viewing die richtige Wahl ist. Ich habe meine Konsequenz aus den letzten Jahren gezogen und werde nur mit Freunden, über deren Verhältnis zum Fußball ich bestens informiert bin, ein privates „Unpublic Viewing“ machen.

Und all jenen, die sich doch pro PV entscheiden und den Schritt bald bereuen sollten, sei gesagt: Im August ist wieder Bundesliga! Dann stehen wir wieder alle in unseren Kurven, bei unseren Vereinen, die eh viel besser sind als alles andere, und singen wieder unsere Lieder!

 

 
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Kommentare
Erdlingsdings schrieb am 29.05.2010 um 16:25
Hätte ich nicht eine tiefsitzende abneigung gegen ansammlungen von menschen die sich hoheitsabzeichen ins gesicht malen um sich mit einer macht zu identifiezieren die ihre eigene ohnmacht kompensieren soll, so würde ich liebend gern zu diesen PV-EVENTS gehen. Nicht das mich fussball interessiert aber für ne gute party mit attraktiven zugänglichen wesen hab ich nix aber rein garnix einzuwenden. Trotzdem viel FUN wünsch ich dir und möge deine "topnation" welche das auch immer sein mag ein gutes spiel liefern.
Markus
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tlacuache hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Hans Springstein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Untitled hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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goedzak hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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