Zweifel

"Einfach" - Die neue Partei

21.01.2012 | 17:06

Mission und Abenteuer "Geordneter Rückzug" - Teil 1

 

Mission und Abenteuer „Geordneter Rückzug“

 

 

Kontrollierte Demontage, Décroissance

und Neoprimitivismus

 

 

 

1. Einleitung

Wo sind die Masterpläne? „Spätestens ab 2015 werden sämtliche Bevölkerungen Europas schrump­fen“, hat Wolfgang Kil den Hintergrund einer Provokation 2004 über den Rückzug aus ostdeutschen urbanen Zonen begründet:1 „Zu planen“ sei daher „das Schrumpfen von Städten“.2 „(Es) könnte […] der Abschied von einer Epoche noch die Wendung ins Positive finden: Die von der Industrie hinterlassenen Ländereien als Paradiese für Gärtner und Träumer, für die Kundschafter einer völlig neuen Lebensweise. Wäre das eine wirklich so erschreckende Vision?“3

Nein, wäre es nicht. Diese Vision, über diese Zukunft, die früher oder später für alle Flecken unaus­weichlich wird, behandelt dieses Buch. Anders als bei Kil aber ist der Rückzug nicht mehr nur ein Nischenproblem ostdeutscher und teils auch westdeutscher4 Landschaften und Städte, sondern

  • ein universales, weltweit und überall auftauchendes Phänomen: der Rückzug weltweit;

  • ein Prozess, der wegen seiner Rückwirkungen wechselseitig zwischen den verschiedenen Rückzugsräumen, aber auch zwischen Rückzugs- und Verdichtungsräumen nach übergeordneter Planung ruft: Geordneter Rückzug;

  • überwiegend vom aktiven Abbruch, Abriss und Abtransport gekennzeichnet, also nicht in erster Linie ein passives Erdulden einer Schrumpfung, sondern eine durchdachte und gegen Wider­stände durchgeführte Umwandlung, die man Rückbau nennt;

  • die einzige wirklich überzeugende Antwort auf das dreifache Dilemma der Jetztzeit: unge­rechte Verteilung, ökologisch nicht nachhaltige Ressourcenübernutzung inklusi­ve Zukunftsgefähr­dung, nahezu despotische Machtausübung gegenüber unterlegenen Bevölkerungsgruppen und Ar­ten. Teils mangels Alternative, teils aus Machtkalkül schickt sich eine globale Minderheit an, ihr privilegiertes Niveau an Lebenserwartung, Mobilität, Welteinfluss, Konsum und Arbeitszeitverkür­zung (man kann kalkulieren, das lediglich zwischen 500 und 1000 Millionen Menschen überhaupt Flugzeuge benutzen können, an die 200 Millionen Menschen in wohlhabenden Staaten müssen überhaupt nicht mehr arbeiten, werden von anderen bzw. von vermeintlich selbst geschaffenen Rücklagen ernährt) an die nächste Generation weiter zu geben, obwohl großen Teilen dieser Min­derheit bewusst ist, dass ihr Verbrauchsmodell schon mittelfristig nicht haltbar ist und sowohl Tier- und Pflanzenarten zum Aussterben bringt sowie schwächeren Bevölkerungsteilen, die nicht dieselbe Mobilität aufweisen, massiv schadet.

  • Die Schrumpfung insbesondere von Dörfern hat seit langem begonnen, quer durch Europa, in Ost­deutschland z.B. bei Brücken,5 Westdeutschland bei Gleisen,6 und „stellt Kommunen vor besondere Herausforderungen“,7 besonders in Ostdeutschland. Die Bundesregierung geht dort von einem Bevölkerungsrückgang von immerhin 4,5 Millionen Menschen in den nächsten 50 Jahren aus, damit verschwände in Ostdeutschland ganz ohne Zutun fast jeder vierte Bewohner.8 In vielen Dörfern machen Rentnerin­nen (und ein paar Rentner) sowie am Ort verbliebene, häufig arbeitslose Junggesellen das Licht aus. Für Spanien listet eine systematisierende Internetseite mit interaktiver Landkarte hunderte verlasse­ne Dörfer auf.9 Als Konsequenz aus diesem bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts vielerorts statt­findenden Rückzug der Industriegesellschaft aus der Fläche nimmt etwa die Verbreitung wild le­bender Säugetiere in Europa seit Jahrzehnten wieder zu (Biber, Luchs, Wolf, …).

    Bevölkerungsschrumpfung

    Die Bevölkerungsschrumpfung wird aus drei Gründen seit Jahren prognostiziert, aber weder poli­tisch noch psychologisch umgesetzt.10 1. Sie ist unanschaulich und findet räumlich disparat statt – viele Großstädte wachsen, in denen zumeist Meinungsführer leben, für diese wohlhabenden mobi­len Bürger stellen bevölkerungsärmere Landregionen entweder kein Thema oder aber eine Auswei­tung ihrer Freiheiten dort billig Ferienhäuser zu kaufen oder naturnahe Urlaube zu machen dar, ist zuletzt auch ein Welttrend: „In den kommenden Jahrzehnten wird sich fast das gesamte Bevölke­rungswachstum auf Städte konzentrieren [...].“11 2. Die Bevölkerungsschrumpfung in Industriestaa­ten findet im Schatten des globalen, anhaltenden Bevölkerungswachstums statt: 200.000 mehr Men­schen täglich sind ein massives Argument. 3. Unser Mantra und Paradigma ist Wachstum, nicht Schrumpfung. Das steckt schon in dem hierfür meist verbreiteten Begriff „Schrumpfung“. Schrumpfung ist nicht neutral, sondern negativ konnotiert. Er wird überwiegend für wenig begrüßte Entwicklungen verwandt: schrumpfende Köpfe, Einkommen, Möglichkeiten, Familien, usw. Positi­ver belegte Entwicklungen in Biologie, Geographie oder Medizin werden „Abschwellen“ genannt, mit Blick auf die Rückkehr zu einem gewünschten Normalmaß. Das hängt mit der Perspektive zu­sammen, die menschliche Siedlungen bisher ausschließlich aus Betreibersicht betrachtete, die eine positive Ausweitung von Möglichkeiten und Macht feststellte. Nur wenn wie z.B. im Falle der is­raelisch besetzten palästinensischen Gebiete im Westjordanland der Siedlungsausbau von der be­grenzten, unbeweglichen Fläche her betrachtet wird, erscheint dieser als unzulässig und anschwel­lend. Nüchtern betrachtet spricht jedoch einiges für die Bevölkerungsschrumpfung.12

    Mittlerweile, im Herbst 2011, scheint sich etwas zu ändern. „Der demografische Wandel springt nicht wie Kai aus der Kiste. Er kommt nicht überraschend, er wurde aber viel zu lange ignoriert. [...] Nach vielen Jahren des Zögerns und Wegschauens hat das Thema jetzt endlich auch die Politik erreicht.“13 Etwa die Hälfte der rund 30 Prozent der Bevölkerung, um die von 1990 bis 2030 Länder wie Thüringen schrumpfen werden, sind schon weg, das Durchschnittsalter hat sich bereits um acht Jahre erhöht.14

    Marcel Hänggi hat auf den 364 Seiten seines Décroissance-Buches „Ausgepowert. Das Ende des Ölzeitalters als Chance“ (2011) auf das Bevölkerungsthema verzichtet. „Nicht die Bevölkerungs­größe ist das Problem, sondern, dass ein Teil der Menschen zu viel verbraucht. […] Für das CO2-Problem ist nicht eine zu große Zahl von Menschen verantwortlich, sondern der hohe Ausstoß des reicheren Teils der Weltbevölkerung.“ (S. 13; 50, mit einer illustrierenden Balken-Grafik des Pro-Kopf-Energiekonsums in Watt im Jahr 2000 in 33 Ländern, die Landesdurchschnitt sowie oberes und unteres Zehntel der jeweiligen Bevölkerung darstellt). Dabei gehört „selbst das unterste Mittel­schichtleben in Deutschland .. global betrachtet zur Oberschicht.“15 „Ohne es noch richtig wahrzu­nehmen genießen viele Menschen in den Wohlstandsgebieten der Erde heute einen Lebensstil, der dem früherer Könige gleichkommt.“16 Dieser Vorbehalt Hänggis, in sich völlig richtig, ist es aber, der seit 25 Jahren in der Umweltbewegung verhindert, dass Bevölkerungsfragen höhere Priorität er­halten. Gleichwohl hat Hänggi Recht, wenn er auf die Interessen von Big Oil daran verweist, das Weltbevölkerungswachstum zum Thema zu machen, denn dies rückte den absurd steigenden Ölver­brauch der US-Bevölkerung sowie deren massives Bevölkerungswachstum in den Hintergrund – zum Nutzen von Unternehmen wie Standard Oil (John D. Rockefeller).

     

    Wachstum ungebrochen

    Dort wie hier besteht die Antwort von Politik, Wirtschaft und Medien bisher darin, das Kinderbe­kommen und -aufziehen attraktiver machen zu wollen, Begrüßungsgelder und Prämien zu zahlen und Familienministerien einzurichten.

    Eine Ursache dafür könnte sein, dass z.B. in den USA nicht nur „das obere eine Prozent der Ge­samtbevölkerung vierzig Prozent des Gesamtvermögens besitzt“, sondern: „Fast alle Entschei­dungsträger für Handel- und Wirtschaftspolitik stammen aus dem oberen einen Prozent.“17 Dass die­se den bisherigen Trend fortsetzen wollen ist verständlich, wuchsen doch ihre Einkommen in den vergangenen 30 Jahren um 275 Prozent gegenüber nur 40 Prozent Einkommensanstieg der mittleren 60 Prozent in derselben Zeitspanne.18 Wächst die chinesische Wirtschaft wie in den letzten zehn Jahren um jährlich ca. zehn Prozent, ist die chinesische Gesamtgesellschaft doppelt bis viermal so wohlhabend geworden. „Von 1769 bis 2006 ist die weltweite Kohleproduktion um das 800-fache gewachsen. Und sie wächst auch heute noch. Natürlich werden auch noch weitere fossile Brennstof­fe gefördert, […] aber in Bezug auf den CO2-Ausstoß steht Kohle immer noch an erster Stelle.“19

    Aus einer orbitalen Entfernung betrachtet stellen Städte, in denen heute knapp vier Milliarden Men­schen auf nur drei bis vier Prozent der Landfläche der Erde leben20 und die in den nächsten 20 Jah­ren nach Prognosen überwiegend für einen um die Hälfte gestiegenen Energieverbrauch verantwort­lich sein werden,21 nur eine Unzahl von künstlich errichteten Höhlen („Wohnungen“ genannt) dar, in denen sich sehr große Gruppen von Menschen zusammenscharen, weil sie gemeinsame, gut in räumlicher Nähe zu einander realisierbare Interessen haben.

     

    Décroissance

    Seit einigen Jahren macht besonders in Ländern wie Frankreich, Spanien oder Italien die Idee einer Wachstumsrücknahme von sich reden. Décroissance, Decrecimiento oder – seit 2008 englisch – De­growth versammelt als Oberthema in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Ma­kroökonomie, der Makrosoziologie, der Anthropologie, in Städtebau, Landschaftsplanung und Ar­chitektur jene, die folgende Auffassung teilen, die der Definition von Décroissance:

    This is defined as an equitable downscaling of production and consumption that increases human well-being and enhances ecological conditions at the local and global level, in the short and long term. The paradigmatic propositions of degrowth are that economic growth is not sustainable and that human progress without economic growth is possible.“22

    Stattdessen werden vorgeschlagen lokale und regionale Selbstversorgung, die Verlangsamung öko­nomischer Aktivitäten, mehr demokratische Teilhabe und genügsamerer Lebensstil, was alles gegen die herrschenden Trends von Globalisierung, Konsumorientierung, Neuheitenbegeisterung und In­dividualismus gerichtet ist.23

    Im Lichte der Herbstdemonstrationen 2011 an verschiedenen Finanzplätzen dieser Welt sah sich auch die Financial Times gezwungen, Décroissance zu erklären: „Probably the most profound cur­rent running against the capitalist stream is that of the décroissance ('decrease') movement. Eco­nomic growth has done enough damage to our planet, says a coalition of activists. Not only it must stop, it must be reversed. The currents that make up décroissance have been around for a while. It shares a pantheon of heroes with the 1960s counterculture, the Christian thinker Jacques Ellul, the anti-industrial German philosopher Günther Anders and, above all, the Romanian-American utopian theorist Nicholas Georgescu-Roegen. Entropia, the quaterly review of décroissant thinking, traces the movement's roots back to the early 19-century British loom-smashers known as the Luddites. […] Décroissance is a kind of environmentalism, but it is more than that. An important intellectual underpinning of the movement is the idea that gross domestic product is a deficient yardstick for economic performance and growth. It doesn't measure the degradation of the environment as lost wealth, nor distinguish between productive economic activity and pointless (or destructive) make-work. And we now know that the huge role of debt in a growth-obsessed economy makes any mea­surement of its size untrustworthy.“24

     

    Stand der Wissenschaft

    Am Beginn dieser Entwicklung stehen in etwa der rumänische Wirtschaftswissenschaftler Nikolaus Georgescu-Roegen und die Club-of-Rome-Studie „Grenzen des Wachstums“ (1969). Leider ist die Unübersichtlichkeit bisher eines der hervorstechensten Merkmale dieser Idee und ihrer Weitergabe. Überwiegend in Frankreich durch politisch engagierte Wissenschaftler wie Serge Latouche25 propagiert, hat sich das Phänomen in den letzten Jahren über die französische Sprachgrenze hinaus ver­breitet. Zwar ist im deutschen Sprachraum der Bestand an gedruckten Büchern zum Thema „Dé­croissance“ zum Zeitpunkt der Manuskripterstellung noch überschaubar: Matthias Schmelzer und Alexis Passadakis von attac halten Zweidrittel des Bruttosozialprodukt für ausreichend („Post­wachstum“, Attacbasistexte 36, Hamburg: VSA-Verlag 2011), Marcel Hänggi („Ausgepowert – das Ende des Erdölzeitalters als Chance“; Zürich: Rotpunkt 2010) empfiehlt unter anderem die Amish-Wirtschaftsweise aus den USA als Orientierungspunkt, Norbert Nicoll („Hat die Zukunft eine Wirt­schaft? Das Ende des Wachstums und die kommenden Krisen“, Münster: Unrast 2011) spricht noch eher diffus von einer Postwachstumsökonomie und im Themenheft 1/2011 versammelt die Zeitschrift Kulturaustausch (Stuttgart, vierteljährlich) unter dem Titel „Weniger ist mehr.
Über das Wachstum und seine Grenzen“ über zwanzig Autoren zum Thema.26 Niko Paech hat verschiedene Aufsätze zu Décroissance veröffentlicht.27 Theologisch begründet Hans-Peter Gensichen seine For­derung, dass sich Christen und ihre Kirchen dafür vorbildhaft einsetzen sollten, in Westeuropa zugunsten der nichtprivilegierten Länder den Wohlstand zu ver­ringern („Armut wird uns retten. Geteilter Wohlstand in einer Gesellschaft des Weniger“, Oberursel: Publik Forum Verlag 2009). Michael Müller und Johano Strasser berühren das Thema in ihrem Buch „Transformation 3.0 Raus aus der Wachstumsfalle“ (Vorwärtsbuch 2011) ebenso eher am Rande wie Reinhard Loske in „Abschied vom Wachstumszwang. Konturen einer Politik der Mäßi­gung“ (Rangsdorf 2010, 2011) . In einschlägigen Periodika der „European Society for Ecological Economics“ (ESEE) allerdings , so dem „Journal for Cleaner Production“,28 wie auch Konferenzen sowie innerhalb der „Décroissance“-Bewegung gibt es eine Fülle von einzelnen Personen und Stu­dien, die alle möglichen Aspekte von „Degrowth Proposals“ (Programmpunkt Nr. 99 (!) des mittler­weile neunten Jahreskongresses der ESEE mit ca. 320 Teilnehmern und Vorträgen in Istanbul vom 14. bis 17. Juni 2011) beleuchten. Was fehlt, ist eine klare gemeinsame Linie oder Grundlage: „Alt­hough degrowth is an important 'post-materialist' and 'post-developmentalist' standpoint, it still does not contain a strategy to overcome the strong forces pushing for growth.“29

     

    Alternative: Raumweise geordneter Rückzug als Abenteur und Mission

    Es fehlt ein angreifbarer Vorschlag, der einlädt sich dazu zu positionieren, dafür, dagegen oder für eine andere Lösung.30 Eine machbare Alternative, eine Zusammenschau der über Disziplinen und Sprachgrenzen verstreuten Ansätze. Dies ist mit diesem Buch beabsichtigt. Der „Geordnete Rück­zug“ kann eine in sich berauschende, lohnende alternative Entwicklung werden. Er kann durch sei­nen revolutionären Impetus neue Energien freisetzen und Lähmungen beenden.31

    Bisherige Geschichtsinterpretation gegenüber Restnatur inakzeptabel, infantil

    Seit über fünf Millionen Jahren leben Gruppen von Menschen auf der Erde. Nach den bisherigen Erkenntnissen vermieden sie es erfolgreich, Bevölkerungswachstum und menschliche Umweltaus­wirkungen exponentiell steigen zu lassen. Vor jedoch einer Million Jahren begannen einzelne Grup­pen - nicht: der Mensch - sich weltweit auszubreiten und Holz zu verfeuern. Seither geben sie kultu­rell - nicht evolutionär - vor, was als aggressivste und kurzfristig erfolgreichste Expansionsstrategie zu gelten hat: den sogenannten Fortschritt. Alle militärisch-kulturell schwächeren Gruppen werden seither von ihnen vernichtet. Tiere und Pflanzen werden versklavt, häufig misshandelt und gene­tisch manipuliert. Die schiere Tatsache jedoch, binnen 150.000 Jahren aus einer Gruppe von 5000 weiblichen und annähernd ähnlich vielen männlichen Individuen im östlichen Afrika32 eine Popula­tion von 7.000.000.00033 mit weltweiter Verbreitung und Anpassung an die unterschiedlichsten kli­matischen und geographischen Gegebenheiten gemacht zu haben, ist an und für sich noch keine Heldentat, zumal die zweite Hälfte der Menschheit allein in der Lebensspanne des Autors erzeugt wurde.34 Sicher ist es aus der Perspektive der 7.000.000.000 die lebensermöglichende und daher un­hinterfragbare sowie unübertreffliche Leistung. Insbesondere aus der Perspektive derer, die inner­halb der 7.000.000.000 in bevorzugter Weise davon profitieren, etwa weltweit Bankautomaten, Ho­tels und Flug- sowie Ozeanhäfen vorzufinden, die Herrschaft des sie selbst privilegierenden Eigen­tumsrechtssystems dort gesichert zu wissen, sämtliche Umweltmedien (Wasser, Luft, Erde, Be­wuchs usw.) zur Durchleitung elektromagnetischer Wellen unsanktioniert nutzen zu können.

    "In den letzten Jahren kamen wir dahinter, was Fortschritt letzten Endes bedeutet: den völli­gen Ersatz der Natur durch eine künstliche Technologie. Fortschritt beinhaltet die völlige Zerstörung der vorgefundenen Welt zugunsten einer Technologie, die für ein paar besser ge­stellte Leute eine angenehme Lebensweise schafft." 35

    Macht man sich aber die Abhängigkeit der Befürwortung von der Perspektive deutlich, kann die Entwicklung differenziert betrachtet werden. Schon die vermeintliche Einzigartigkeit des Menschen könnte teilweise einer Missinterpretation des Umstandes geschuldet sein, dass seit ca. 30.000 Jahren das erste Mal in den fünf Millionen Jahren, die Menschenaffen auf der Erde leben, nur eine Homini­denart existiert und man nicht – wie zuvor – unweigerlich von Zeit zu Zeit mit Vorsicht aufeinander traf: „This fact has tended to exaggerate our apparent uniqueness and has perhaps been responsible for giving us a false sense of own importance. Like all single children born late in their parents' lives, we humans have proved more than just a handful to ageing relatives. We invariably assume that we deserve special attention.36

     

    (Zwischenteil für Blogausgabe gekürzt)

     

    Wissenschaftliche Anbindung

     

    Wissenschaftlich fortgeführt wird dabei eine Tradition in der deutschen Soziologie, die ein eher randständiges Dasein fristete und die mit anthropo-ökologischer Theorie in kulturmaterialistischer40 und life-science-Orientierung und überwiegend US-amerikanischer Provenienz beschrieben werden könnte,41 wenn auch gewissermaßen als Reimport, berücksichtigt man die aus Deutschland stam­menden, in die USA eingewanderten Vordenker der US-Kulturanthropologie Anfang des 20. Jahr­hunderts wie Franz Boas. Zugleich ist es die Fortführung einer Sozialwissenschaft ohne Verständ­nis42 – in bewusster Opposition zur „verstehenden Soziologie“, um deren problematische Grundan­nahmen und Missverständnisse zu vermeiden. Nur durch diese vielen kalt, szientistisch erscheinen­de, künstliche Vogelperspektive ist es möglich, die Gesamtheit aller Teilphänomene in den Blick zu bekommen.43 Erst so wird es überhaupt denkbar, verfügbare Demontagekenntnisse auf Großphäno­mene wie Large Scale Social Units, also Zivilisationen, anzuwenden. So können Beiträ­ge aus der Bauwissenschaft über Stofflager44 – die Masse- und Volumenzusammenstellungen von in Gebäuden verbauten Materialien – für die Kulturwissenschaft fruchtbar gemacht werden. Nur wenn ungeach­tet von Wünschen wie durch Paul Ehrlich überlegt wird, was Industrien wie in Kriegszeiten bei ent­sprechend geänderten Prioritäten vermögen, treten alle Potentiale zutage: „Während des Zweiten Weltkriegs haben die USA, Großbritannien und Deutschland ihre Wirtschaft in kürzester Zeit umge­stellt. In den USA wurden vor dem Kriegseintritt 1941 jährlich vier Millionen Personen­wagen pro­duziert, in den folgenden vier Jahren aber Hunderttausende Militärfahrzeuge, Flugzeuge, Schiffe; es wurden Atomwaffen entwickelt und eingesetzt, fast 250.000 Amerikaner im Krieg getö­tet, alles Mögliche rationiert. Und vier Jahre später haben wir wieder Fernseher produziert und Personenwag­en. Wir können unsere Konsummuster sehr schnell ändern.“45 

     

    Fortsetzung:

     

     http://www.freitag.de/community/blogs/zweifel/mission-und-abenteuer-geordneter-rueckzug---teil-2-

     

     

     
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    Kommentare
    h.yuren schrieb am 21.01.2012 um 22:00
    interessant, sogar sehr interessant, hier im forum mal einen größeren ansatz (in richtung buch/entwurf) zu finden.
    habe mich lange mit ähnlichen ideen befasst. hatte aber bisher nichts von dem begriff décroissance mitbekommen.
    die beispiele aus europa, wo in manchen regionen dörfer veröden, halte ich nicht für überzeugend, aber auch für überflüssig für das konzept. die brd meldet eben ein wachstum der bevölkerung. wichtiger aber ist das rasche wachstum der weltbevölkerung und die migrationsströme, die sich als ausgleichsbewegungen ergeben.
    entwürfe für einen nachhaltigen lebensstil sind dagegen nicht neu.

    das entscheidende ist aber, dem wachstum auf den grund zu gehen. was ist es denn, das die weltbevölkerung seit jahrhunderten beschleunigt wachsen lässt?
    antwort: die völlig falsche und ganz unmenschliche organisation der menschen rund um den globus. staaten und ähnliche machtkonzentrationen tendieren zur feindschaft, zur konkurrenz und zur expansion. die funktionäre der macht sind machtkrank. wie suchtkranke brauchen sie stets neuen kick durch siege und triumphzüge.
    solange die machtstrukturen die traditionellen bleiben, ist die rasante fahrt in den abgrund nicht aufzuhalten.
    die devise sei (in abwandlung des alten divide et impera): divide imperium.
    die supermächte sind fatal destruktiv. aber selbst kleine staaten und konzerne zerstören mehr, als sie nützen bzw. nützen sie einseitig und schaden ebenso.
    die welt braucht ein neues regime, das es aber schwer haben wird, sich noch rechtzeitig (vor dem global crash) gegen die alte unordnung oder das ancien régime durchzusetzen.
    vielleicht ist es praktisch, mit der reduktion der macht der banken zu beginnen.
    Zweifel
    für offene (Spezies-)Grenzen und Politik ohne Repräsentationsfaktor für die nächsten Jahrhunderte
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    Logbuch
    14:36
    gerhard monsees hat gerade einen Kommentar geschrieben.
    14:33
    tlacuache hat gerade einen Kommentar geschrieben.
    14:27
    Hans Springstein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
    14:26
    Untitled hat gerade einen Kommentar geschrieben.
    14:26
    goedzak hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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