Wissenschaftliche Anbindung
Wissenschaftlich fortgeführt wird dabei eine Tradition in der deutschen Soziologie, die ein eher randständiges Dasein fristete und die mit anthropo-ökologischer Theorie in kulturmaterialistischer40 und life-science-Orientierung und überwiegend US-amerikanischer Provenienz beschrieben werden könnte,41 wenn auch gewissermaßen als Reimport, berücksichtigt man die aus Deutschland stammenden, in die USA eingewanderten Vordenker der US-Kulturanthropologie Anfang des 20. Jahrhunderts wie Franz Boas. Zugleich ist es die Fortführung einer Sozialwissenschaft ohne Verständnis42 – in bewusster Opposition zur „verstehenden Soziologie“, um deren problematische Grundannahmen und Missverständnisse zu vermeiden. Nur durch diese vielen kalt, szientistisch erscheinende, künstliche Vogelperspektive ist es möglich, die Gesamtheit aller Teilphänomene in den Blick zu bekommen.43 Erst so wird es überhaupt denkbar, verfügbare Demontagekenntnisse auf Großphänomene wie Large Scale Social Units, also Zivilisationen, anzuwenden. So können Beiträge aus der Bauwissenschaft über Stofflager44 – die Masse- und Volumenzusammenstellungen von in Gebäuden verbauten Materialien – für die Kulturwissenschaft fruchtbar gemacht werden. Nur wenn ungeachtet von Wünschen wie durch Paul Ehrlich überlegt wird, was Industrien wie in Kriegszeiten bei entsprechend geänderten Prioritäten vermögen, treten alle Potentiale zutage: „Während des Zweiten Weltkriegs haben die USA, Großbritannien und Deutschland ihre Wirtschaft in kürzester Zeit umgestellt. In den USA wurden vor dem Kriegseintritt 1941 jährlich vier Millionen Personenwagen produziert, in den folgenden vier Jahren aber Hunderttausende Militärfahrzeuge, Flugzeuge, Schiffe; es wurden Atomwaffen entwickelt und eingesetzt, fast 250.000 Amerikaner im Krieg getötet, alles Mögliche rationiert. Und vier Jahre später haben wir wieder Fernseher produziert und Personenwagen. Wir können unsere Konsummuster sehr schnell ändern.“45 Ähnlich könnten Lastwagen schnell überwiegend zum Abtransport von abgebrochenen Gebäuden eingesetzt werden: Die 2,6 Millionen LKW in Deutschland befördern jährlich mit 3,1 Milliarden Tonnen Gütern (2009) soviel, dass sie rechnerisch für die 10,5 Milliarden Tonnen mineralischen Baustoffe, Holz und Metalle aller Wohngebäude Deutschlands nur dreieinhalb Jahre benötigen würden, um diese komplett abzutransportieren. Freilich sind nur eine Minderheit der LKW die eigentlich benötigten Muldenkipper für rückgebaute mineralische Rohstoffe. Die tatsächliche Zeit wäre also länger. Aber eine Vielzahl von anderen LKW ließe sich ohne großen Aufwand für diese Zwecke umbauen, indem etwa das Kofferdach abgeschnitten, die Wände verstärkt und eine stärkere rückwärtige Türöffnung eingeschweißt würden. Die wahrscheinlichere Variante wäre der verstärkte Import von Kippern im Gegenzug für einen Verkauf von anderen LKW ins Ausland. Eine durchschnittliche Großstadt mit 500.000 Einwohnern wird mit einem Stofflager von 46,7 Mio. Tonnen Stoffaufkommen der Wohngebäude und 15 Mio. Tonnen Infrastruktur veranschlagt.46
Deutschland bietet derzeit gute Voraussetzungen für Pilotprojekt
Waren die Deutschen immer schon als Scharnierbevölkerung an den Handelskreuzen Mitteleuropas begünstigte Empfänger von Ideen anderer, so haben sie Dank ihrer überdurchschnittlichen Verbrechen, Zerstörungen und Zahl an Revolutionen im 20. Jahrhundert (1918, 1933, 1989) noch einmal signifikant mehr Erfahrungen mit der künstlichen Rekonstruktion sowohl von Gebäuden, Städten und Landschaften als auch menschlichen Körpern47 machen können.
Nach der viele internationale Beobachter und sogar sie selbst verblüffenden Entscheidung der deutschen Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel zum Ausstieg aus der Atomenergie macht die drittgrößte Exportnation der Welt dieser vor, was es heißt, aus freien Stücken, ohne echte Not, eine, wenn nicht die Prestige-Technologie nach dem Zweiten Weltkrieg systematisch und kontrolliert auf den Schutthaufen der Geschichte zu befördern ohne dabei Kraut und Rüben zu hinterlassen. Die tatsächlichen Motive können hier beiseite bleiben. Asiatische Politiker wie Rae Kwon Chung, lange Jahre Sonderbeauftragter des südkoreanischen Präsidenten für Klimapolitik, wünschten sich zur Abkehr von der aus seiner Sicht in Asien „eingefangenen westlichen Krankheit“ „ein Vorbild, wie man diese Krankheit überwindet.“48 Die nun geschrumpften ostdeutschen Länder könnten und sollten eine „Vorbildfunktion für Westdeutschland“49 und weitere Weltregionen haben.
Neoprimitivistische, staatlich geförderte Projekte
Durch die Dokumentation und teilweise Analyse von neoprimitivistischen Experimenten kann eine Entwicklungsrichtung vorbereitet werden, die demontierende Maßnahmen in den bereits rückgebauten Flächen ergänzt.
Im Club 99 des Ökodorfes Sieben Linden in Sachsen-Anhalt experimentierte eine Gruppe zwischen 1999 und 2010 damit, ohne Maschineneinsatz Strohballenhäuser mit Lehmputz zu errichten. Dabei bildete der Club 99 nur „eine von sieben Gemeinschaften, die mit jeweils eigenen Denkansätzen und Visionen für die Vielfalt im Ökodorf standen. Die Menschen vom Club 99 wollen so leben, wie es gerechterweise allen Menschen auf der Welt zustehen würde. Das bedeutet eine starke Reduzierung des Ressourcenverbrauchs. Ihr Wohnhaus haben sie deshalb komplett ohne Maschinen gebaut. 'Dadurch hat der Bau nur etwa 20.000 Euro gekostet. Und nur einen Sack Müll produziert.' erzählt Julia. Möglich wurde das durch die tatkräftige Unterstützung von Freiwilligen aus dem Dorf – viele Hände, schnelles Ende.“50 „Wir möchten nicht mehr Wohlstand für uns selbst, als bei einer gerechten Verteilung allen Menschen der Welt zustünde. Wir möchten dabei Ressourcen und Lebensräume für zukünftige Generationen aller Lebewesen erhalten und wiederherstellen. Wir wissen, dass es nötig ist, unseren Konsum auf höchstens 1/10 des derzeitigen Bundesdurchschnittverbrauchs zu senken, um dies zu erreichen. Wir sind bereit, uns zu hinterfragen, unsere Gewohnheiten, unser Denken, Reden und Handeln entsprechend zu verändern und unseren Wohlstandsbegriff zu entmaterialisieren. Das Experiment des Club 99 dient u.a. der Beantwortung der Frage, ob ein gutes Leben bei einer solchen 'Einschränkung' möglich ist. [...]
Im materiellen Alltag bedeutet dies u.a.: ein wohltuend einfacher Lebensstil mit weniger-brauchen statt mehr-produzieren; Nutzung lokaler, kompostierbarer und wiederverwendbarer Stoffe; gemeinsame Ökonomie; achtsamer Umgang und Kooperation mit Tieren. Wir ersetzen den Gebrauch von Drogen (Rauch, Alkohol) mit Intimität und Lebensintensität und erforschen die dahinterliegenden Bedürfnisse. Wir ernähren uns vegan (Ausnahme: Honig und vegetarische Geschenke) und immer mehr von Rohkost.“51
Die deutschen Gebührenzahler finanzierten 2006 mit zwei Millionen Euro ein noch drastischeres neoprimitivistisches Experiment und konnten sich das Ergebnis in vier Folgen zu Pfingsten 2007 ansehen: „Steinzeit – Das Experiment“ (Regie: Martin Buchholz). Dabei „quartierte die ARD eine Gruppe Freiwilliger in eine Pfahlbausiedlung ein – und ließ sie unter prähistorischen Bedingungen das Überleben üben. Die Retro-Soap soll nicht nur unterhalten, sondern auch die Wissenschaft voranbringen.“52
„Zwei Paare mit je drei Kindern, zwei alleinstehende Männer und eine ältere Frau sind die fellbeschürzten Helden dieser Wissenschafts-Soap aus der Jungsteinzeit. Das Team des SWR hat ihnen ein paar pittoreske Pfahlbauhütten an einer geschützten Ecke des Bodensees hergerichtet, den Raum allerdings bewusst knapp bemessen: Während sich die Paare samt Nachwuchs ins Haupthaus quetschen, müssen die beiden Junggesellen in eine im Bau befindliche Behausung ziehen, die während des Zeitreise-Urlaubs erst noch fertig zu stellen ist. Doch die Singles haben nach dem jungsteinzeitlichen Warm-Up sowieso noch was anderes vor: Auf den Spuren von Gletschermann Ötzi sollen sie in Bärenfelltretern 300 Kilometer durch die Alpen wandern.
Und wofür dieser Aktionismus? Für die Forschung. Und ein bisschen vielleicht auch für die Einschaltquote. Tatsächlich soll der zwei Millionen Euro teure Vierteiler nicht nur auf unterhaltsame Weise historisches Wissen vermitteln, sondern auch archäotechnische Mutmaßungen über das Leben im Neolithikum bestätigen oder widerlegen. Der Fußmarsch in Felllatschen, den die beiden Junggesellen in Teil zwei und drei stemmen, während sich der Rest des Fernsehdorfs an Fischfang und prähistorischer Hausmusik erfreut, folgt jedenfalls einer Route vom heutigen Deutschland über Österreich bis Italien, die Ötzi seinerzeit mit Metallen zum Handeln beschritten haben könnte.“53
Bereits zuvor hatte sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen in sogenannten „Living-History“-Formaten um die Vermittlung historisch verbürgter Lebenssituationen bemüht, so im „Schwarzwaldhaus 1902“, in „Windstärke 8“ und der „Bräuteschule“.
Doch auch die privaten Fernsehsender arbeiten den Trend aus. Der Privatsender DMAX strahlt seit Jahren Survival-Touren aus, die in seinem Auftrag von zwei Überlebensspezialisten in Wildnisgebieten unternommen und mit einer Kamera aufgezeichnet werden.
Festgehalten werden kann also, dass sich auch im 21. Jahrhundert Menschen aus technisch fortgeschrittenen Kulturen gemeinschaftlich zu sehr geringen Konsumniveaus weiter entwickeln können. Die Erkenntnis der relativistischen Kulturanthropologie hat demzufolge weiter Bestand: „the many ways in which man resolves the problems of subsistence, of social living, of political regulation of group life […] has been widely documented by the researches of anthropologists […]. All peoples do achieve these ends. No two of them, however, do so in exactly the same way […].“54 Wenn in einer neuen politischen Ökonomie der Grad der Schädigung anderer zur Bewertung herangezogen würde, könnten diese neoprimitivistischen Entwicklungen entweder besonders unterstützte Vorzugslösungen oder aber die ausschließlich zugelassenen werden.55
Geordneten Rückzug detailliert darstellen um zur Detaildiskussion zu gelangen
Es kann also kohärent ein Langfristziel entwickelt werden, dessen Entstehungsphasen gleichzeitiges Nebeneinander von Rückbau (Nationalparks, Naturschutzgebiete, Truppenübungsplätze, Moore, Unland, Wandergebiete zu Startflächen der Rückzugsbewegungen machen), Anlage von Neu- bzw. Übergangsbauten (Gräberspirallinien anlegen, Altlasten identifizieren und in Karten zusammenfassen), Definition von Abräumteilschritten für Erstregionen und Schrumpfungsökonomien erlauben. In internationaler Perspektive erlauben die Institutionen der UN-Charta mit dem Dekolonialisierungs-Paragrafen 77c sowie das Man-and-the-Biosphere-Programm der UNESCO die Verwaltung und Ausweitung von Rückbaugebieten unter Fortführung bisheriger politischer und rechtlicher Rahmenbedingungen. Wenn nun Senken gefüllte werden, also ausgebeutete Rohstofflagerstätten mit sortierten, nicht wieder benutzten Einzelabfallstoffen, kann die Organisation des geordneten Rückzuges räumlich dargestellt und in Einzelheiten zur Diskussion gestellt werden.
1 Vgl. Wolfgang Kil, Luxus der Leere. Vom schwierigen Rückzug aus der Wachstumswelt. Eine Streitschrift, Wuppertal: Müller + Busmann 2004, S. 16.
2 Ebd., S. 4.
3 Vgl. Wolfgang Kil, „Keine Baukultur ohne Rückbaukultur. 'Stadtumbau Ost' im Lichte aktueller Krisenerfahrung“, fünf Seiten, S. 5, Geschrieben für „Hoch 2“, Jahrbuch der Universität Hannover 2002, vgl. www.shrinkingcities.com.
4 In der niedersächsischen CDU-Landtagsfraktion etwa würden hinsichtlich der Landeszuschüsse für Kommunen Modelle diskutiert, meldet die Hannoversche Allgemeine Zeitung, in denen es für „sinnlos“ erachtet wird, „sterbende Regionen künstlich am Leben zu erhalten. Ein 'geordneter Rückbau' müsse vielmehr geplant werden. Das heißt: Klärwerke werden geschlossen und Abwasserkanäle auf kleinere Einheiten zugeschnitten. Siedlungen werden verkleinert oder abgerissen – wo jetzt noch Flächen bewirtschaftet werden, nimmt künftig die Natur ihren freien Lauf. Manche Dörfer könnten sogar komplett aufgegeben werden – wenn die wenigen dort verbliebenen Menschen in zentraleren Orten angesiedelt werden.“ Keine Investitionen mehr in Orte, die keine Zukunft hätten; das Land müsse sich jenen Orten in den Weg stellen, die um ihre Zukunft kämpfen wollten. Vgl. Klaus Wallbaum, „Das alte Land.“ (Zum 65. Geburtstag Niedersachsens), Hannoversche Allgemeine Zeitung, 1.11.2011, S. 3.
5 Vgl. zum kontrollierten Rückbau von Brücken um zehn Prozent im thüringischen Saalfeld Thomas Spanier, „Rückbau der Brücken 'minderer Qualität' in Saalfeld beschlossen“, 29.11.2011, Thüringer Landeszeitung.
6 „Altes Industriegleis in Peiting soll abgebaut werden", Merkur-online,www.merkur-online.de/lokales/peiting/ altes-industriegleis-peiting-soll-abgebaut-werden-1472945.html, 2.11.2011.
7 „Der Rückbau der Infrastruktur in schrumpfenden Regionen stellt die Kommunen vor ökologische Herausforderungen beispielsweise bei der Entsorgung von Bauschutt.“ – Christian Unger: „Eine für sieben Milliarden - Deutschland schrumpft hingegen“, 01.11.2011, 07:42 Uhr,www.abendblatt.de/politik/deutschland/article2077585/Eine-fuer-sieben-Milliarden-Deutschland-schrumpft-hingegen.html
8 Vgl. Lutz, Martin, „Deutschland bleiben nur wenige Wachstumsinseln“, Die Welt,27.10.2011, S. 8. Vgl. hierzu auch das von der Bundeskulturstiftung geförderte Ausstellungsprojekt mit Wettbewerb „Shrinking Cities“, 2004-2009,www.shrinkingci­;;;ties.com.
9 Vgl. www.pueblosabandonados.es
10 Eine wenngleich folgenlose Ausnahme stellt die Bemühung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dar, die 2006 seitenweise mittels Grafiken und Text vor der Schrumpfung zu warnen sich bemühte.
11 Vgl. Girardet, Herbert/ Mendoça, Miguel, Neue Energien freisetzen. Für eine ökologische und gerechte Welt, Zürich: Rotpunktverlag 2010, S. 38.
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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